"Die Mission" von Ann Leckie

NERD TALK

Can we talk? - Ein Plädoyer für mehr Diversität in der Fantastik


Fantastische Literatur ist, ob sie will oder nicht, politisch. In ihr geht es immer auch um Fragen der Repräsentation, der Identität und des sozialen Miteinanders. Mehr noch: Sie ist der perfekte Ort, um mit überholten Norm- und Wertvorstellungen zu brechen und alternative Denk- und Lebensweisen auszuprobieren. Was wir brauchen, ist eine progressive fantastische Literatur, meint Lars Schmeink.

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Das Statement vorweg: Ich glaube, die Fantastik ist der ideale Bereich, um sich mit politisch- und sozial-relevanten Themen auseinanderzusetzen und somit bietet die Fantastik die Möglichkeit, eine deutliche Position zu Fragen der Repräsentation, der Diversität und der Gleichberechtigung zu beziehen. Political Correctness und Social Justice Warrior sollten keine bedeutungsschweren Phrasen sein, mit denen wir um uns werfen (oder die wir gar aufeinander richten), sondern Ansätze für einen anderen Umgang miteinander, die es offen und ehrlich zu verhandeln gilt. Wo, wenn nicht in der Fantastik, können wir die Gedanken frei bewegen und alternative Denkweisen ausprobieren?

Zum Hintergrund dieser Behauptung: „Wie viel Political Correctness benötigt die Fantastik?“, fragt mein Kollege Stefan Servos in seiner aktuellen Kolumne, die zugleich als Werbung und Aufhänger für den anstehenden Live-Videotalk #geeksmeet4 fungieren soll. Dass der Artikel einen reißerischen Click-Bait-Titel bekommen hat, hilft der Diskussion vielleicht nicht unbedingt dabei, sachlich und ruhig geführt zu werden, wie auch die Kommentare auf Facebook schon anzeigen mögen. Das grundlegende Problem wird aber deutlich, nämlich dass es auch in der deutschen Fantastik-Landschaft als eine Einschränkung der kreativen Freiheiten oder als politische Bevormundung gilt, Fragen nach Diversität und Repräsentation zu stellen. Ich verstehe Stefan Servos in seiner Kolumne ausdrücklich nicht als Vertreter einer konservativen Haltung, die ruckartig auf alle Formen sexueller oder ethnischer Vielfalt mit Ablehnung und Widerstand reagiert; und doch finde ich die Stoßrichtung seines Textes problematisch. 

Mir hat es doch auch nicht geschadet

Da wird in der Diskussion (sowohl im Text als auch in den Kommentaren dazu) eine historische oder literarische Authentizität vorgebracht, die es zu bewahren gilt, weil sonst die Integrität des Kunstwerkes leidet. Die Argumentation wird dabei mal konservativ (im Wortsinn „erhaltend“), mal persönlich emotional vorgebracht. Die Conan-Welt von Robert E. Howard war schon immer sexistisch, das ist Teil des Settings einer Urwelt, in der Frauen nun mal Objekte sind – so schlimm ist das nicht, ist ja historisch eben so gewesen. Und ich habe als Kind über Pippi Langstrumpfs Vater gelesen, der rassistisch als N***rkönig bezeichnet wurde – aus mir ist aber kein Rassist erwachsen. Da muss man durch, das Wort steht da nun mal. Und wehe, wenn ein aktives Franchise versucht neue Varianten einer Welt oder Geschichte zu finden, wenn die Fantastic Four auf einmal einen Afro-Amerikaner im Team haben, oder die Armeen von Gondor gleichberechtigt Männer und Frauen führen, wo doch vor 50, 60 oder 70 Jahren ein Autor (ja, männlich) das nie so geschrieben hat.   

Warum wird die Thematik als so bedrohlich empfunden, dass es zu einer so emotionalen Verteidigungsreaktion kommt? Was geht denn der Geschichte von Pippi Langstrumpf (um das Selbstbewusstsein und die Entscheidungsprozesse einer jungen Frau) verloren, wenn ihr Vater der Südseekönig ist? Ich glaube nicht, dass die Botschaft des Kinderbuchs darunter leidet, dass Pippis Vater sich nicht kolonial-hegemonial als weißer Gott über die schwarzen Horden aufschwingt, sondern nur (immer noch kolonial-hegemonial) als Europäer über die Südsee-Bevölkerung. Wer hier den Verlust von Authentizität eines literarischen Werkes beklagt, hat vielleicht die Botschaft desselben nicht richtig bewertet. Dabei will ich keineswegs sagen, dass jede Form von Veränderung oder Anpassung immer sinnvoll erscheint – aus der Kritik zur Sklavenhaltung von Mark Twain Jim herauszuschreiben oder seinen Status als Sklaven und die damit einhergehenden Bezeichnungen wäre fatal, weil es in dem Werk um genau diese Thematik geht. Nur,dass kaum jemand Tom Sawyer oder Huck Finn lesen wird, ohne sich mit der historischen Dimension zu beschäftigen, weil Sklaverei und die Angst vor Gewalt und Bestrafung so zentral in die Bücher eingearbeitet sind. 

Das war aber schon immer so

Wenn dann sogar ein Begriff wie „Geschichtsrevisionismus“ fällt, um die kreative Entscheidung des Design-Teams für Mittelerde: Schatten des Krieges zu kritisieren, nun auch Frauen in die Repräsentation der kämpfenden Armeen aufzunehmen, nur weil Tolkien eine historisch andere Wahrnehmung im ersten Weltkrieg hatte, ist das aber schon arg polemisch. Tolkiens Welt als ein historisches Faktum auszulegen (Gondors Armee hat keine Frauen!) ist problematisch, denn zum einen ist hier eine fiktive Armee die Basis der Aussage. Zum anderen aber bezieht Tolkien sich im kreativen Ausdruck auf seine lebensweltliche Erfahrung, in der 1917 nun mal keine Frauen in den Gräben zu finden waren. 2017 jedoch hat sich diese Situation radikal geändert und Frauen sind ganz normaler Teil der meisten Armeen. Wer sagt denn, dass Tolkien heute nicht auch Frauen in Gondors Armee akzeptieren würde? Diese Anpassung an eine veränderte Realität sollte eine fiktive Welt aushalten können, denn M:SdK ist ein eigenständiges Kunstwerk, das eine Aussage über die Welt 2017 trifft. Peter Jacksons Der Hobbit hat ja auch die Zwerge (und die Geschichte insgesamt) ganz anders repräsentiert, als dies in Tolkiens Kinderbuch der Fall war – was beim Publikum unter anderem dazu geführt hat, dass der Film als zu gewalttätig für Kinder gesehen wurde und dass Zuschauer Parallelen zu Vertreibung und Flucht erkannt haben (ob durch Jackson tatsächlich motiviert oder nicht ist dabei egal). 

Jedes fiktionale Werk wird von einer Gemeinschaft „genutzt“ und interpretiert – dabei gibt es keine Deutungshoheit des Werkes selbst (oder dessen ErschafferIn). Vielmehr wird die Bedeutung durch die Praxisgemeinschaft (also durch uns, die LeserInnen etc.) bestimmt. Eine ganz wundervoll produktive Umdeutung bzw. Aneignung des fiktionalen Werks finden sich etwa im Reboot von Battlestar Galactica, das den Hauptcharakter Starbuck durch Gender Bending von Mann zu Frau umgedeutet und somit eine starke feministische Rolle entwickelt hat, die im Original schmerzlich fehlt, die aber im Reboot bis heute junge Frauen inspiriert: Starbuck liefert das Vorbild einer Kämpferin, einer Pilotin, einer Actionheldin. Die Figur ist kein Zeichen von Geschichtsrevisionismus sondern eine Anpassung an die veränderte Lebenswelt von 1978 zu 2003. Eine veränderte Lebenswelt, die Frauen als gleichberechtigt ansieht und deswegen auch sehr erfolgreiche weibliche (Haupt-)Rollen, etwa im Star Wars-Franchise oder bei Mad Max generiert hat, trotz der Bedenken durch Produzenten (ob des Erfolgs von „female leads“) oder der Proteste und Boykottaufrufe von Männerrechtsgruppen.

Gute Intention, schlecht umgesetzt

Natürlich gelingt es nicht jedem Werk, nicht jeder AutorIn gleichermaßen gut, sich mit Fragen von Diversität in der Repräsentation zu beschäftigen – unbestritten sind Werke nicht automatisch toll, nur weil ein schwuler Freund oder eine Transfrau als Charaktere die Vielfalt des menschlichen Zusammenseins propagieren. Und doch, denke ich, darf und soll die Fantastik im Grundsatz danach streben, solche Repräsentationen zu befördern. Es liegt im Potential der Fantastik, sich mit „fremden Welten“ und dem (vermeintlich) „Anderen“ auseinander zu setzen. Warum also nicht gerade hier den Versuch wagen und hinterfragen, wieso wir bestimmte Normen setzen, ohne sie zu hinterfragen? Krieger sind männlich, Helden sind weiß, Paare sind Mann und Frau. Sagt wer? Wieso?

In ihrem erleuchtenden Text „Defining Racism: Can we talk?“beschreibt Beverly Daniel Tatum die Wirkung eines systemischen Rassismus, eines alltäglichen Klimas, das nicht etwa durch aggressiv rassistisches Verhalten Einzelner entsteht, sondern durch das Ignorieren einer generellen Ausrichtung von Kultur und Diskurs. Stereotype, Klischees und Normsetzung, die Verwendung einer gefärbten Sprache oder bestimmte kulturelle Praktiken, und das Relativieren und Normalisieren von problematischen Verhaltensweisen führen dazu, dass wir alle einem systematisch unterdrückenden Grundton ausgesetzt sind – in Hinsicht auf unterschiedliche Formen von Identität, sei es Gender, sexuelle Orientierung, ethnische Herkunft, Religion, Klasse etc. Tatum nutzt ein sehr wirksames Bild, um die verschiedenen Formen von Beteiligung an diesem System zu verdeutlichen. Systemische Unterdrückung ist für sie wie ein Förderband am Flughafen, das langsam und stetig in eine Richtung fährt. Rassisten laufen schnell mit dem Band und nutzten das System zu ihrem Vorteil. Aber auch diejenigen, die sich keine Gedanken darum machen, wie das System funktioniert, auf welche Art es wirksam ist und aus welchem Grund, werden langsam mit dem Band in diese Richtung getragen. Passiv und ohne eigenes Zutun, aber dennoch unaufhaltsam. Nur diejenigen, die sich umdrehen und gegen das Band anlaufen, werden es irgendwann schaffen, sich dem System zu entziehen.

Werke wie die Imperial Radch-Trilogie von Ann Leckie, Ursula Le Guins Klassiker Freie Geister, oder Nnedi Okorafors Lagune und Wer fürchtet den Tod sind brillante Beispiele dafür, dass die Fantastik in der Lage ist, dieses systemische Förderband stillzulegen, oder zumindest den Menschen darauf eine andere Laufrichtung vorzuschlagen. Nicht alle fiktionalen Werke schaffen dies gleich gut, und doch ist ein wenig graziler Versuch sich umzudrehen immer noch besser, als einfach stehenzubleiben und auf Geschichte, Tradition oder Konservatismus zu beharren. Aktiv gegen die systemische Normsetzung anzugehen und die Diversität der menschlichen Existenz zu fördern (vielleicht sogar wertiges Leben als noch weiter als nur die Kategorie „Mensch“ zu begreifen), dieser Aufgabe darf sich die Fantastik gerne stellen.

Disclaimer: Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ich als weißer, mitteleuropäischer, heterosexueller Cis-Mann in der privilegierten Position stehe hier meine Meinung ausdrücken zu können, ohne mich oben genannter systemischer Diskriminierung ausgesetzt zu sehen. Ich möchte mit diesem Beitrag für niemanden anderes sprechen als für mich selbst, aber ich glaube daran, dass wir eine bessere Gesellschaft haben, wenn alle Stimmen, so divers sie in ihrer Subjektivität auch sein mögen, eine Repräsentation finden.

Über den Autor

Lars Schmeink



Dr. Lars Schmeink ist Journalist und Fantastikforscher. Er ist Professor für Medienwissenschaft am Institut für Kultur- und Medienmanagement Hamburg und erster Vorsitzender der Gesellschaft für Fantastikforschung.

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