Phantastische Vorläufer: der Mythos

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ESSAY

Phantastische Vorläufer: der Mythos


Ohne jahrtausendealte Märchen und Sagen wäre die heutige Science Fiction und Fantasy undenkbar, stammt doch ein Großteil aktueller phantastischer Motive aus ihrem Erzählschatz. Diese kleine Serie auf TOR ONLINE stellt die Vorläufer der modernen Phantastik vor – in diesem Fall den Mythos.


Mythen, Sagen und Märchen sind Genres der Phantastik, die es seit Jahrhunderten oder gar seit Jahrtausenden gibt und die damit viel älter sind als die Vertreter der modernen Phantastik, deren Anfänge im Neunzehnten Jahrhundert liegen. Ohne ihre drei Vorgänger sind die heutige Science Fiction, die Fantasy und der Horror jedoch undenkbar, denn ein Großteil ihrer Motive, ihrer Symbolik und ihrer Begrifflichkeit entstammen deren Erzählschatz, und auch typische Plots werden den Klassikern immer wieder entlehnt. Mythen, Sagen und Märchen werden in unzähligen Gestalten aufgenommen und damit im Prinzip beständig weitergetragen. Dabei haben alle drei von Anfang an mit ihren phantastischen Mitteln und Themen vor allem die Realität gespiegelt, um den Menschen die Welt zu erklären, sie moralisch zu belehren, ihnen Mut zu machen, Identität zu stiften, sie zu warnen oder zu erziehen.

Der Mythos: Stammvater aller phantastischen Literatur

Der Stammvater aller phantastischen Literatur ist der Mythos. Dabei ist der Mythos zunächst nicht mehr als eine Geschichte, denn nichts anderes bedeutet dieses altgriechische Wort: Geschichte. Allerdings ist der Mythos nicht irgendeine Art von Geschichte, sondern erzählte von Ereignissen, die die Welt erklärten. Wobei man dazu bis auf den Ursprung der mythischen Erzählung zurückgehen muss, denn heute wird der Begriff des Mythos erstens inflationär und zweitens oft falsch verwandt. Das reicht von einer Diskreditierung des Begriffs in Wissenschaft und Publizistik, wenn das Wort Mythos synonym zur Unwahrheit benutzt wird, bis zum Versuch, Alltagsphänomene oder ganz normale Menschen durch die Ernennung zu einem Mythos zu überhöhen. Und Google hilft auch nur begrenzt weiter, da unter den ersten zehn Treffern sechs griechische Restaurants und ein Italiener sind.

Eine einheitliche Definition des Mythos gibt es nicht. Aber er lässt sich zumindest einigermaßen zuverlässig charakterisieren. Literaturwissenschaftlich gesprochen war der Mythos eine Erzählung, die mittels symbolischer Begrifflichkeit die Welt in ihrer materiellen vor allem aber auch ihrer spirituellen Verfasstheit erklärte, wie der Religionswissenschaftler Marco Frenschkowski sagt. Bei den symbolischen Begrifflichkeiten handelt es sich um die irrealen, die unmöglichen und übernatürlichen Bestandteile einer mythischen Erzählung; etwa den Titanen Atlas, der das Himmelsgewölbe stützt und verhindert, dass dieses auf die Welt stürzt und sie zerstört. Atlas ist das Symbol einer stabilen, aber nicht unerschütterlichen Weltordnung zu einer Zeit, da der Mensch noch nicht über eine wissenschaftliche Erklärung von Welt und Universum verfügte, sich aber trotzdem natürlich schon die gleichen Fragen stellte, die auch jeder von uns heute hat: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und warum das alles? 

Obwohl Mythen aus unserer heutigen Sicht eindeutig phantastisch und übernatürlich sind, wurden sie zu ihrer Entstehungszeit als wahr betrachtet. Der Mythos sprach von Realitäten. Er erzählte von dem, was sich wirklich ereignet hatte, beobachtet ein weiterer Theologe, der Rumäne Mircea Eliade.

Nur tut er das eben in metaphorischer Sprache und unter Nutzung von Symbolen. Was erzählt wird, bezieht sich bei aller unglaublichen Phantastik – ein Riese, der das gesamte Himmelsgewölbe über Jahrhunderte, gar Jahrtausende auf seinen Schultern trägt? – doch auf die reale Welt. Und nicht nur das, dieser Bezug stiftet einen Sinn. Für das mythische Denken ist es eben nicht so – wie man ja angesichts der allzeit erlebten Vergänglichkeit von Glück und Leben denken könnte –, dass die Welt dem freien Spiel des Chaos anheimgestellt ist.

Es gibt Götter und übernatürliche Kräfte, die den Kosmos lenken, Leben spenden, das Chaos fern- und die Welt zusammenhalten, und in Mythen ab der christlichen Zeitenwende kommen dann auch noch verschiedene Paradiesvorstellungen hinzu. Und wenn das Chaos dann doch durchbricht und alles schiefgeht, kann der Einzelne nichts dafür, denn diese Kräfte liegen weit außerhalb des menschlichen Einflusses, und es tröstet zumindest ein wenig, dass man erstens die Schuld nicht bei sich selbst suchen muss und zweitens immer auch auf gottgesandte Besserung hoffen darf. In dieser Hinsicht war der Mythos immer auch Therapie.

Dem menschlichen Leben verleiht diese Sichtweise zudem Sinn. Alles ist ein großes Ganzes und die Welt hat ein Ziel, selbst wenn das wie im nordischen Mythos nur ein ewiger Kreislauf sein mag. Mit den Mythen der Offenbarungsreligionen kommt dann auch noch das andauernde individuelle Glück in einem unendlichen gottbehüteten Leben dazu. Die Mythen der Erschaffung, des Schutzes, aber auch der geteilten Gefahren im Angesicht zürnender Götter oder Dämonen begleiten die Gesellschaften und schaffen einen zusammenhängenden Kosmos, in dem der Einzelne den Sinn seiner persönlichen Existenz findet.

Das mythische Denken war ein nahezu zwangsläufiges Denken zu einer Zeit, da nichts davon bekannt war, dass in Wirklichkeit atomare Bindungen die Materie zusammenhalten und dass das Leben vom unromantischen Mechanismus der Genreplikation gespendet wird. Und selbst heute, in einer Zeit, da dies bekannt ist, ist mit diesem Wissen eine übernatürliche erste Wirkursache für all das ja nicht widerlegt ... und wird von Milliarden gläubiger Menschen als gegeben angesehen.

An konkrete Mythen und ihre Inhalte wird schon seit vielen Generationen nicht mehr geglaubt – wenn man denn nicht darauf besteht, dass die Geschichten der großen aktiven Religionen auch Mythen sind. Dabei sind die Aufgaben des Mythos aber so akut wie eh und je. Nur sind sie viel schwerer zu erfüllen, wenn man Götter, Naturgeister und ein gelenktes Schicksal nicht mehr überzeugend verantwortlich machen kann für die Fährnisse des Daseins. Aber spielerisch, als inszenierte Phantasie, funktioniert der Mythos doch noch – in der phantastischen Literatur, im Genrefilm, beim Gaming.

In der Fiktion sind mythisch geschlossene Weltbilder, wie etwa das von Tolkiens Mittelerde, möglich und zudem hochattraktiv, denn der Mythos macht die erfundene Welt erst rund und verleiht wenigstens dieser fiktionalen, aber von ihren Fans heiß geliebten Existenz Sinn. Außerdem gibt es neben den für unsere Zeit irrelevanten Ursprungs- und Gründungsmythen ja auch zeitlos gültige Themen, die der Mythos bedient. Etwa das der ungesunden Überschätzung des Selbst, von der die Geschichte des Narziss erzählt, oder die Behandlung der Frage, wie man mit einem unüberwindbaren Schicksal umgeht, dem beispielsweise Ödipus nicht zu entrinnen vermag. Solche Themen werden in der phantastischen Literatur in ungebrochener Konstanz aufgenommen, nacherzählt und unzähligen neuen Lösungen zugeführt. Der Mythos dient der modernen Phantastik nicht allein als Steinbruch für Motive, die Autorinnen und Regisseure zu allenfalls halbwegs neuen Monster- und Engelsgestalten inspirieren, sondern ist eine machtvolle Geschichte, die sich um das menschliche Leben dreht. Insofern wird er in der Phantastik – und wo ginge es überzeugender als dort? – immer wieder durchdekliniert und wird ihr als Grundschwingung erhalten bleiben.

Die ganzen Monster und Helden und magischen Gegenstände sind sowieso eher unterhaltsame Ausgestaltungen, die für den Mythos gar nicht so wichtig sind, dem es um grundlegende Themen geht. Diese bunten Staffagen entstammen eher der so unglaublich reichhaltigen Sagenwelt, um die es im nächsten Beitrag gehen wird.

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