Cersei Lennister - die narzisstische Persönlichkeit aus Game of Thrones

© HBO

ESSAY

Irre, Psychos und Narzissten: Eine psychoanalytische Abrechnung mit Game of Thrones


Nina Huber & Stefan Servos
17.07.2017

Seelenklempner hätten in den Sieben Königslanden jede Menge zu tun. Grenzenloser Egoismus, abgrundtiefer Hass, Misstrauen und tiefste Kränkungen: Nina Huber und Stefan Servos ergründen die Psyche von Cersei Lennister, Sandor Clegane und Co. 

Psychotherapeuten sind in Westeros Mangelware, dabei hätten die Seelenklempner in den Sieben Königslanden jede Menge zu tun. Kaum ein Fantasy-Epos hat uns so viele menschliche Abgründe aufgezeigt wie Game of Thrones. Die Saga bietet Lesern wie Serienfans eine Fundgrube an menschlichen Entgleisungen, die in ihrer ungeschönten Grausamkeit Entsetzen, Abscheu, aber auch Faszination hervorrufen. So finster die Welt und deren zerstörerische Verwicklungen, so schwer wiegen die Auswirkungen auf die mit bestechender Prägnanz gezeichneten Figuren. Einem Therapeuten täte sich hier eine unerschöpfliche Quelle an exzentrischen Patienten auf, die Paradebeispiele für verschiedene Persönlichkeitsstörungen darstellen.

Cersei Lennister – das falsche Miststück
(Narzisstische Persönlichkeit)

Rücksichtslos, schön und machthungrig – so stellt sich die erste und einzige Tochter von Casterlystein und spätere Königin der sieben Königslande dar. Wie für Narzissten kennzeichnend, gibt Cersei Lennister ihrer eigenen Wichtigkeit eine übermäßige Bedeutung, fühlt sich anderen überlegen und ist stark auf ihre vermeintliche Einzigartigkeit fixiert. Das kalkulierte Einschmeicheln bei Personen, die ihr taktisch gesehen von Nutzen sind, wie das Umgarnen ihrer zukünftigen Schwiegertochter Sansa, oder das Vorschieben von religiösen Überzeugungen, um sich die Macht der Spatzen und des Hohen Septons zu sichern, sind typische Beispiele für die narzisstische Neigung, andere auszunutzen und zu manipulieren. Unbequeme Menschen werden schlicht aus dem Weg geräumt: So lässt Cersei den Mord an ihrem eigenen Ehemann in Auftrag geben und entzündet unter der Großen Septe von Baelor Seefeuer, um Margaery Tyrell und die Spatzen samt Verbündeten zu vernichten.

Laut psychoanalytischer Theorie, haben Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung in ihrer Kindheit zu wenig Zuneigung und Anerkennung erfahren. Dies erscheint plausibel, wenn man bedenkt, dass Cersei nach dem frühen Tod der Mutter aufgrund ihres Geschlechts vom Vater Tywin benachteiligt und gemäß dessen Zukunftsvisionen als politische Spielfigur eingesetzt wurde. So verheiratete er sie mit 19 Jahren an Robert Baratheon, der wiederum durch Tywins Intrigen zum König wurde. 

Am 17.7. startet die 7. Staffel von Game of Thrones. Hier der etwas längere Trailer.

Das egozentrische Verhalten von Narzissten führt dazu, dass sie keine befriedigenden zwischenmenschlichen Kontakte entwickeln können. Selbst in der Beziehung mit Cerseis Zwillingsbruder und einziger Bezugsperson Jaime wird bei genauerer Betrachtung deutlich, dass sie auch ihn hauptsächlich als Mittel zum Zweck betrachtet.

Cerseis auffallend hochmütiges Verhalten lässt vermuten, dass sie die Überzeugung hegt, ein „besseres Exemplar Mensch“ zu sein. Diese Aufwertung der eigenen Person dient letztlich dazu, die tiefe Angst vor Abwertung zu überdecken, welche sie nur selten äußert, wie in einem schwachen Moment gegenüber Robert in Staffel 1, als sie ihm ihre tiefe Kränkung und Demütigung durch dessen offensichtliches Desinteresse und ständiges Fremdgehen offenbart.

Sandor Clegane - die eiskalte Tötungsmaschine
(Schizoide Persönlichkeit)

Der stille und furchteinflößende Krieger Sandor Clegane – auch der „Bluthund“ genannt, wirkt emotional kalt und distanziert. Seinen ersten Widersacher tötete er bereits mit zwölf Jahren, Gefühle sind bei ihm äußerlich kaum erkennbar. Wann immer es zu einem Blutbad kommt und Menschen um ihn herum sterben, lässt ihn das offensichtlich unberührt. Sein Verhalten lässt sich der schizoiden Persönlichkeitsstörung zuordnen. Die Betroffenen haben weder das Bedürfnis nach engen Beziehungen noch ziehen sie Befriedigung daraus. Auch Sandor vermeidet zwischenmenschliche Kontakte und ist ein Einzelgänger. Wie die typisch schizoide Persönlichkeit hat auch er keine engen Freunde oder Vertraute und erscheint gleichgültig gegenüber Anerkennung und Lob.

Neben einer genetischen Vorbelastung können schwierige Verhältnisse in der Kindheit, wie emotionale Vernachlässigung und Misshandlungen, das Entstehen der Störung begünstigen. Sandor Clegane wurde als Kind oft malträtiert, einmal wurde er sogar von seinem Bruder mit dem Gesicht in die brennenden Kohlen eines Kamins gedrückt, was Sandors Gesicht dauerhaft entstellt hat. Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung empfinden zwar durchaus Gefühle wie Angst oder Wut, können sie aber nicht adäquat ausdrücken und scheuen deshalb engere Beziehungen.

Die Kontakte, die Sandor Clegane Im Verlauf der Erzählung mit Sansa und schließlich mit Arya Stark knüpft, zeigen, dass er zwar Gefühle empfindet, die Zugewandtheit und Fürsorge erahnen lassen, jedoch unfähig ist, diese angemessen zu zeigen und eine tatsächliche zwischenmenschliche Beziehung daraus hervorgehen zu lassen.

Theon Graufreud - Schürzenjäger mit Dachschaden
(Paranoide Persönlichkeit)

Theon Graufreud wurde als Kind in die Obhut von Eddard Stark übergeben, offiziell als Geisel, im Alltag jedoch wie ein Familienmitglied behandelt. Theon hat eine sehr zwiespältige Persönlichkeit, die einerseits um ständige Anerkennung buhlt und sich als Casanova fortwährend an den unterschiedlichsten Frauen versucht, auf der anderen Seite aber in Wut und Misstrauen gegenüber seinen Mitmenschen lebt. Er wird stark von unberechtigten Zweifeln geplagt, dass seine Bezugspersonen ihm gegenüber nicht loyal seien und versteht viele Handlungen als Angriff auf seine Person, ein eindeutiger Hinweis auf eine paranoiden Persönlichkeitsstörung.

Die Tatsache, dass der eigene Vater ihn als „Verhandlungsgegenstand“ für seine Herrschaftszwecke einsetzte, scheint Theon zutiefst verunsichert und in seinem Urvertrauen beeinträchtigt zu haben. Er ist hin und her gerissen zwischen seiner ursprünglichen Pflicht gegenüber seinem Vater auf den Eiseninseln und der Loyalität gegenüber der Familie Stark, bei der er seine Kindheit verbrachte, wo er sich jedoch nie ganz zugehörig gefühlt hat. Durch diesen Zwiespalt nimmt er, wie bei paranoiden Persönlichkeiten typisch, seine Mitmenschen als ablehnend und problematisch wahr, traut ihnen nicht und fühlt sich fortwährend angegriffen.

Theon ist nachtragend und vergibt vermeintliche Diffamierungen oder Bloßstellungen nur schwer. Zu Beginn von Staffel 1 wird sein Ziehbruder Bran von einem Wildling bedroht, woraufhin Theon diesen mit einem Pfeil erschießt. Statt Anerkennung dafür zu erhalten, wird er vom älteren Bruder Robb gerügt, da er Bran mit dem Pfeil gefährdet habe. Insgesamt führen Theons vermeintliche Entwürdigungen so weit, dass er seine ursprüngliche Loyalität gegenüber den Starks über Bord wirft und schließlich mit Männern seines Vaters in Winterfell einfällt.

Durch die späteren Vorkommnisse, in denen er wiederum Schuldgefühle und übermäßiges Leid erfährt, durchläuft Theon allerdings eine interessante Entwicklung, die seine Persönlichkeit dahingehend verändert, dass er empfänglicher für menschliche Beziehungen wird und seine destruktiven Gefühle in psychologisch nachvollziehbarere Bahnen lenkt.

Samwell Tarly - ein Trottel zum Bemitleiden
(Selbstunsichere Persönlichkeit)

Der älteste Sohn von Lord Randyll Tarly wird aufgrund der Geringschätzung seines Vaters in die Dienste der Nachtwache geschickt. Dort erlebt man ihn als stark verunsicherten Charakter, der sich kaum zutraut, auf ein Pferd zu steigen, oder ein Gespräch mit seinen Mitmenschen zu führen. Sam ist ein musterhaftes Beispiel für die selbstunsichere Persönlichkeitsstörung. Stark von der Angst getrieben, in sozialen Situationen angegriffen oder missbilligt zu werden, verhält er sich aufgrund seiner empfundenen Schwäche in zwischenmenschlichen Situationen befangen und ungeschickt. Sein Selbstempfinden überträgt sich auch auf die Wahrnehmung seiner Mitmenschen: Sam hält sich für gesellschaftlich unbeholfen, abstoßend und anderen gegenüber unterlegen und wird dementsprechend von den Brüdern der Nachtwache eingeschätzt. Aus Sicht der Psychoanalyse trägt ein geringschätziges und gefühlskaltes Verhalten der Eltern, aber auch die Tendenz, das Kind bloßzustellen, zur Entstehung der Störung bei. Durch dieses Verhalten beginnen die Betroffenen, sich selbst zu degradieren, wenig Selbstwertgefühl zu entwickeln und zu negativen Gedankenmustern zu neigen. Die Geschichte von Samwell Tarly zeigt, dass er von seinem Vater über die Maßen gedemütigt und abgewertet wurde, da er dessen Ansprüchen nicht genügte. Sam, der sich lieber in Büchern vergrub, anstatt dem kämpferischen Leitbild seines Vaters zu folgen, wurde von diesem mit Verbissenheit in eben jene Richtung gedrängt. Randyll Tarly ließ Sam im Kettenhemd schlafen, in Frauenkleider stecken und in Ochsenblut baden, um ihn zu mehr Mut zu erziehen – jedoch erfolglos. Ähnlich wie Theon, erlebt auch Samwell Tarly durch verschiedene stärkende Erlebnisse – darunter vor allem die Freundschaft mit Jon Schnee - eine Persönlichkeitsentwicklung: Er stellt sich todesmutig dem Kampf mit einem weißen Wanderer und bietet später auch seinem Vater die Stirn.

Ramsay Bolton - der geisteskranke Psychopath 
(Antisoziale Persönlichkeit)

Ramsay Bolton, der einzige lebende Sohn von Roose Bolton, ist eine der grausamsten Figuren in Game of Thrones und weist die typischen Merkmale einer antisozialen Persönlichkeitsstörung auf, von denen die schwerste Form die Psychopathie ist. Die Betroffenen sind unfähig, sich an gesellschaftliche und soziale Normen anzupassen. Sie betrügen häufig, weisen eine geringe Frustrationstoleranz auf und neigen zu impulsivem und aggressivem Verhalten. Antisoziale Persönlichkeiten zeigen keine Schuldeinsicht, wenn sie andere Menschen herabsetzen, drangsalieren oder misshandeln. Ihr Verhalten dient einzig dem eigenen Vorteil oder der Genugtuung. Ramsay Bolton schikaniert und foltert Menschen, die ihm ausgeliefert sind und an denen er sich aufgrund seiner überlegenen Stellung ohne Sanktionen vergehen kann. So nimmt er nach der Eroberung von Winterfell Theon in seine Gewalt und unterzieht ihn einer psychischen und körperlichen Folter, die darin gipfelt, dass er ihm seine Genitalien amputiert. Dabei verhöhnt er ihn und gibt ihm den Spitznamen „Stinker“. In seiner Ehe mit Sansa misshandelt er diese aufs Schwerste.

Bereits vor diesen Ereignissen war Ramsay dafür berüchtigt, seinen Widersachern an bestimmten Körperstellen die Haut abzuziehen, um sich an deren Schmerz und Entsetzen zu erheitern. Nach psychoanalytischer Auffassung haben antisoziale Persönlichkeiten in der Kindheit ein Defizit an familiärer Zuwendung erlebt und dadurch kein Urvertrauen entwickelt, weshalb sie ausschließlich destruktive Beziehungen aufbauen, in denen sie Macht ausüben können. Und Ramsays Kindheit war offenbar die Hölle. Als unehelicher Bastard bei der Vergewaltigung einer Müllersfrau gezeugt, hatte er am Hofe seines Vaters weder Rechte noch Privilegien, galt ganz im Gegenteil durch seine Zeugung sogar als Schande für das Haus und hat in seiner Kindheit und Jugend keine Zuneigung erfahren.

Während bei allen anderen Figuren der Erzählung gezielte und langjährige Therapiesitzungen auf dem Sofa vermutlich wirklich hätten helfen können, sind bei Ramsay Bolton alle Hoffnungen vergebens. Nur eine lebenslange Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik wäre seinem Verhalten angemessen gewesen. Die Lösung, die Sansa am Ende der 6. Staffel für Ramsay wählt, wurde aber auch allgemein mit Wohlwohlen begrüßt, auch wenn sich Ramsay den Einsatz von Therapiehunden vermutlich anders vorgestellt hat.

Share:   Facebook