Wonder Woman: Feminismus mit Schönheitsfehlern

© Warner Bros.

FILM

Wonder Woman: Feminismus mit Schönheitsfehlern


Lars Schmeink
19.06.2017

Frauenpower im Doppelpack: Mit Wonder Woman lässt ein großes Studio erstmals ein Superhelden-Blockbuster-Movie mit weiblicher Heldin von einer Frau (Patty Jenkins) verfilmen. Heraus kommt – o Wunder – ein grandioser Actionkracher mit feministischer Grundhaltung.

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Die schönste Aussage zur Frage, warum wir vier weibliche Ghostbusters bräuchten, fiel auf der NordCon in Hamburg relativ zu Beginn der Diskussionsrunde „Politik in der Fantastik“. Eine junge Frau sagte, sie hätte das Original aus den 80er Jahren geliebt, habe sich aber dort nicht wiedergefunden. Die Version von 2016 jedoch bot ihr, und unzähligen anderen jungen Frauen,  vier starke Rollenmodelle, die sie sich aneignen konnte – so wie es auch die Journalistin Rae Grimm beschrieben hat und wie es sich jetzt gerade wieder am Beispiel von Wonder Woman wiederholt.

Trailer: Wonder Woman

Der neue Film des DC Extended Universe ist der erste Mega-Franchise-Blockbuster, der sich traut, komplett eine Superheldin, nicht ein männliches Exemplar, ins Zentrum zu rücken. Dafür wird der Film weltweit mit Lob überschüttet und als feministisches Leuchtfeuer gefeiert. Und schaut man sich die Memes, Tweet-Storms und Foren-Explosionen an, die um den Film entstanden sind, dann war es höchste Zeit, dass Hollywood dem Erfolg von weiblichen Hauptfiguren in Action-Filmen endlich voll und ganz Rechnung trägt. 

Mädchen und Amazonen

Denn Repräsentation ist wichtig für die Entwicklung von Kindern. Wer sich selbst in den übergroßen Figuren sieht und danach strebt, so wie sein Idol zu werden, der nimmt auch dessen Werte in sich auf. Aber gerade kleine Mädchen haben im Kontext großer Action-Franchises, die an den Kinokassen und im Merchandise dominieren, immer noch das Nachsehen. Wenn Rey aus Star Wars oder Black Widow aus The Avengers nur schwer als Action-Figuren zu finden sind, dann machen dumme Marketing-Entscheidungen es schwieriger, sie in das imaginative Spiel der Kleinen einzubauen. Warum aber sollten nicht auch Mädchen mit starken Heldinnen aufwachsen? Es gibt unzählige Listen und Memes im Netz, wie sich Wonder Woman auf die Sehnsüchte von Kindern auswirkt – weiblich wie männlich. Für mich persönlich drückt das Bild von Twitter-User Mike Elston (#5 auf dieser Liste) das am besten aus – ein Mädchen im Wonder Woman-Kostüm blickt sehnsüchtig auf zu einer riesigen Gal Gadot auf einem Justice League-Teaserposter. 

Kinofilm: Wonder Woman

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Die wirkungsvollsten Szenen im Film finden sich dann auch am Anfang: Die 8-jährige Diana (Lilly Aspel) flieht vor ihrer Amme und beobachtet das Training der Amazonen. Sie imitiert mit leuchtenden Augen die Kampfkünste ihrer Tante Antiope (Robin Wright) und will unbedingt selbst kämpfen lernen. Ihre Mutter Hippolyta (Connie Nielson) jedoch will sie behütet sehen, will ihre Prinzessin nicht zur Kämpferin werden lassen. Doch Dianas Wille ist stark. In ihrer Tante hat sie zudem ein Vorbild, dem sie nacheifert, und so wird sie zur stärksten Kämpferin der Amazonen, so wird sie zur Heldin. Es wäre uns allen zu wünschen, dass wir es schaffen diesen Prozess im realen Leben zu imitieren und eine Generation von jungen Mädchen dazu inspirieren wie Rey oder Diana zu werden. Dass Wonder Woman der erfolgreichste Film des DC Extended Universe ist und selbst bei Marvel bisher nur von Iron Man überflügelt wird, ist ein Zeichen, dass eine Geschichte dieser Art mehr als überfällig war.

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Schön ist an dem Film auch, wie Wonder Woman den Gestus und die Attitüde von Superhelden aufgreift und Diana selbstverständlich die Führung übernimmt – ganz egal, was eine britische Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts davon halten mag, oder wie ihre männlichen Begleiter sich dabei fühlen. Wenn Männer gerettet werden müssen (vor dem Ertrinken, vor Kugeln) und ihr Ego dadurch angeschlagen ist, wenn sich ihre Gedanken um die Schönheit der Amazone drehen (und diese das alles komplett kalt lässt), oder wenn sie buchstäblich vor ihr in die Knie gehen, um Diana ein Sprungbrett zu liefern, immer dann ist der Film sich der Gesten und Klischees bewusst, die im Genre üblicherweise für Frauen reserviert sind. Das ist eine Wohltat und hat im Kinosaal so mancher Frau ein Johlen entlockt. Denn wo Ripley in Alien 1979 noch entsexualisiert wurde, da zelebriert Wonder Woman den Reiz auf Männer, den eine Schönheitskönigin in die Rolle einbringt, ohne dabei die Frau im männlichen Blick zum reinen Objekt zu machen. 

DC Kinofilm - Wonder Woman

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Und da mag dann auch das größte Problem des Films liegen – denn als Ikone des Feminismus kann der Film nur gelten, wenn man den Begriff eng eingrenzt und eben nicht im maximalen Sinne als Gleichstellung aller versteht. Wonder Woman schreckt vor dem Potential der Comic-Vorlage zurück und lässt die feministische Repräsentation von gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder auch „Persons of Color“ (POC) nicht zu. Das ist extrem schade, macht sich der Film doch damit angreifbar für den Vorwurf, von einem weißen, normativen Feminismus geprägt zu sein, der sich der Verschränkung mit anderen Ungleichberechtigungen nicht bewusst ist.

Diana und Nubia

So fehlen im Film repräsentative Rollen für dunkelhäutige Menschen, auch wenn die Gesellschaft auf der Insel Themyscira egalitär ist und Amazonen jeglicher Hautfarbe zeigt. Dennoch sind die aktiven Sprechrollen, ebenso wie die herrschenden Positionen der Gesellschaft weißen Charakteren vorbehalten. Dianas Kindermädchen – welch Klischee – ist schwarz und darf einzig hilflos deren Namen artikulieren, während die Prinzessin ihren eigenen Willen durchsetzt. Eine relevante Rolle etwa, wie sie im Comic in Dianas Schwester Nubia zu finden ist, vermisst man völlig – vielleicht darf man in einem zweiten Film darauf hoffen. Auch im Hintergrund der Stadt London oder im Kriegspersonal sieht man dunkelhäutige Menschen nur selten. Und unter den handelnden Personen muss der Trickbetrüger Sameer (Saïd Taghmaoui) als einzige Repräsentation eines nicht-weißen Menschen dienen. 

Kinofilm: Wonder Woman

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Ebenso problematisch und in Hinsicht auf den Plot auch noch arg dominant in Szene gesetzt ist die Heteronormativität des Films – also das Bedürfnis Hollywoods, eine starke Frau unbedingt in eine Liebesbeziehung mit einem Mann zu zwängen, egal ob das nun zum Charakter passt oder nicht. Dabei werden andere Beziehungsmodelle gar nicht erst gezeigt oder besprochen. Das Leben in einer rein weiblichen Gesellschaft, die vermutlich meist lesbische Beziehungen hervorbringt, wird im Film so dezent angedeutet, dass die minimalen Gesten schnell übersehen werden. Und auch wenn Diana laut Comic-Vorlage bisexuell ist und im Film eine Faszination für Steve Trevor (Chris Pine) entwickelt, wäre hier eine Bezugnahme zur Sexualität auf der Insel und die völlige Normalität und Akzeptanz lesbischer Beziehungen sowohl notwendig als auch völlig unproblematisch gewesen. Nur leider fehlt diese und somit ist eine Chance vergeben worden, die nur schwer wieder aufzuholen ist. Wenn Diana zum ersten Mal einem Mann begegnet und sich in ihn verliebt, ihn zum ersten Mal küsst und eine Nacht mit ihm verbringt – in all diesen Moment bestünde die Chance, aber auch die Notwendigkeit, sexuelle Orientierung zu thematisieren. Das wird im zweiten Film nur deutlich konstruierter möglich sein und daher wahrscheinlich nicht passieren.

„I’ve seen my princesses become generals“

Insgesamt ist der Film ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung, bietet er doch einen ganz wundervollen Gegenpol zu all den Testosteron-Orgien, die sonst im Actionkino stattfinden. Wonder Woman zeigt mit Diana eine starke Heldin, die ein Vorbild für Mädchen und Jungen gleichermaßen sein kann. Und der Film bietet auch älteren Generationen einen grandiosen Moment der Befreiung von Stereotypen, wenn Prinzessin Buttercup (Robin Wright in Die Braut des Prinzen von 1987) durch brillantes Casting in Wonder Woman zu General Antiope wird. Nach Leia Organa (Carrie Fisher) ist sie damit die zweite Ikone des fantastischen Films, die zu Macht gelangt ist und somit völlig berechtigt das Meme „I’ve seen my princesses become generals“ („Ich habe meine Prinzessinnen Generale werden sehen“) ausgelöst hat.

Bei all dieser positiven Resonanz ist es eigentlich schade, dass die UN Wonder Woman nach nur 2 Monaten als Sonderbotschafterin wieder abgesetzt hat – Fiktionalität hin oder her. Denn eines zeigt der Film mehr als deutlich: dass wir eine umso reichere Gesellschaft werden, wenn wir in unseren Köpfen frei werden. Wenn wir Gender, sexuelle Orientierung, Ethnie, Herkunft, Schicht und all die anderen Grenzen einreißen und einfach Werte und Überzeugungen transportieren.

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