Eine kurze Geschichte der Fantasy, Teil 7

ESSAY

Eine kurze Geschichte der Fantasy, Teil 7


Farah Mendlesohn & Edward James
12.09.2017

Im siebten Kapitel unserer "Geschichte der Fantasy" widmen sich die Autoren den 70er Jahren, in denen der vielleicht wichtigste Fantasy-Zyklus seit dem Herrn der Ringe erschaffen wurde: Erdsee von Ursula K. Le Guin. Außerdem erfährt Horror als eigenes Subgenre der Fantasy durch Großmeister Stephen King ein echtes Revival. 

Siebtes Kapitel | Die 1970er Jahre

In einem der wichtigsten Trends in den 1970ern überschritten einige Science-Fiction-Autoren die Grenze und bekannten sich (zumindest aus Sicht ihrer Leser) klar zur Fantasy. Teilweise war das eher eine Sache der Wahrnehmung als ein klarer Schritt von Seiten der Autoren. In den 1960ern veröffentlichte Ursula K. Le Guin eine Reihe von Planetary Romances, die ihren Ursprung in ihrem anthropologischen Hintergrund hatten (ihr Vater war in der Zeit zwischen den Weltkriegen Amerikas führender Anthropologe gewesen). Le Guin schrieb weiterhin Science Fiction, aber die Fantasy-Serie, die sie in diesem Zeitabschnitt begann, bleibt ihre bekannteste und beliebteste Veröffentlichung. Das erste der Erdsee-Bücher war Der Magier von Erdsee (1968), für das sie eine voll ausgestaltete Sekundärwelt entwarf: Inseln in einem großen Archipel, von vielen unterschiedlichen Kulturen bevölkert. Wie es sich für eine Fantasy-Welt gehört, gibt es Magie und Drachen, doch selbst hier bleibt das Erbe der Science-Fiction-Autorin erkennbar, denn es sind die Naturwissenschaften, von denen die Protagonisten des ersten und dritten Bandes (Das ferne Ufer [1972]) und die beiden letzten (Das Vermächtnis von Erdsee [2001] und Rückkehr nach Erdsee [2001]) beherrscht werden. Der Hauptfigur Ged begegnen wir zuerst an einer Zaubererschule, die brutaler und einsamer ist als alles, was Harry Potter je erfahren hat. In Der Magier von Erdsee setzt der arrogante junge Ged seinen eigenen Schatten frei und bringt das Gleichgewicht der Welt durcheinander. Im zweiten, Die Gräber von Atuan (1971), rettet der gereifte Ged Tenar, eine junge Priesterin, aus den Fesseln ihrer religiösen Gefangenschaft und beginnt das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Leben und Tod, wiederherzustellen; in Das ferne Ufer reist Ged (inzwischen Erzmagier) in die Unterwelt, um einen neuen Riss im Universum zu flicken, wodurch er jedoch seine Zauberkräfte einbüßt.

Die Erdsee-Bücher enthielten drei sehr mächtige Aspekte. Der erste war das Konzept, dass Wörter Macht besitzen und wahre Namen sogar unglaubliche Macht, eine Vorstellung von Magie, die während dieses Jahrhunderts in der Fantasy-Literatur immer wieder aufleben wird. Die anderen beiden Punkte sind implizit politisch. Auch wenn die Fernseh- und Anime-Adaptionen der Erdsee-Serie diesen Punkt außer Acht ließen, ist Ged braunhäutig, und nicht nur er, sondern sein ganzes Volk. Erst als er in andere Länder aufbricht, trifft er auf Leute mit blasser Haut. Für Leser der 1960er, die an den starken Orientalismus von Fantasy-Welten gewohnt waren, war diese Normalisierung einer Welt nicht-weißer Völker und die Orientalisierung der Weißen ein Schock. Beunruhigenderweise schockiert es viele Leser immer noch, und die Erfahrung im Unterricht zeigt, dass es vielen Lesern nicht einmal auffällt, da sie den Text immer noch durch die eigene kulturelle Brille lesen. Der letzte und weitaus weniger offen ersichtliche Aspekt ist Le Guins Beziehung zur fiktionalen Konstruktion von Geschlechtern und der feministischen Bewegung innerhalb der Science Fiction, deren Debatte zum großen Teil in die Bücher Eingang fanden. In den ersten drei Bänden werden Geschlechterkonstrukte verwendet (wie zum Beispiel, dass nur Männer Zauberer werden können), die den 1950ern stark verhaftet sind. Die Folgebände thematisieren diesen Aspekt sehr bewusst. Später wurden die ersten drei Bücher für Erwachsene neu publiziert, während die Folgebände eindeutig für Erwachsene bestimmt waren, aber selbst in ihrer ersten Erscheinungsform hatte die Erdsee-Serie einen bedeutenden Einfluss auf erwachsene Leser, der so stark war, dass eine Autorin, die ansonsten ganz und gar mit der Science Fiction verbunden wurde, als eine der größten Fantasy-Autorinnen unserer Zeit gilt.

Le Guins »Science Fiction«-Ansatz, mit dem sie eine Fantasywelt erschaffen hat, wird sogar noch deutlicher im Werk von Roger Zelazny, Marion Zimmer Bradley und Anne McCaffrey erkennbar. Alle drei schufen Science-Fiction-Welten, die von Fantasy kaum zu unterscheiden waren, und diese Serien wurden etwa ab der Hälfte ihres Erscheinens so gesehen und vermarktet, woran sich ablesen lässt, in welchem Maß die Fantasy der SF allmählich den Rang ablief.

Das Vermächtnis von Erdsee von Ursula K. Le Guin bei Amazon bestellen
Rückkehr nach Erdsee von Ursula K. Le Guin bei Amazon bestellen
Der Magier der Erdsee von Ursula K. Le Guin bei Amazon bestellen

Die Chroniken of Amber von Roger Zelazny begannen 1970 mit Corwin von Amber. Der Erzähler der ersten fünf Bände ist Corwin, dem wir in einem Krankenhaus in New York begegnen, nachdem er einen Gedächtnisverlust erlitten hat. Als seine Erinnerung zurückkehrt, setzt er seinen Kampf um die Vorherrschaft innerhalb seiner übermenschlichen Familie fort, deren Mitglieder zwischen unendlich vielen Parallelwelten hin und her reisen können. Der Hintergrund ist vage der Science Fiction verpflichtet, aber die Ausführung ist der Fantasy verbunden und von den Merkmalen des Schauerromans geprägt (Schlösser, Verliese, magische Artefakte, Familiengeheimnisse). Der Wechsel zwischen den Welten gestattet es Zelazny, einen phantastischen Meta-Text mit sehr viel Humor aufzubauen – einmal trinkt Corwins Sohn Merlin im Wunderland Tee und flieht mit der Hilfe eines Jabberwocky, doch er entdeckt, dass das Wunderland eine von LSD hervorgerufene Halluzination ist, wodurch wieder die Verbindung zur Science Fiction gestärkt wird. Insgesamt gibt es zehn Bände, wobei sich die zweiten fünf auf Merlin konzentrieren (der letzte, Prinz des Chaos, wurde 1991 veröffentlicht).

Marion Zimmer Bradleys Darkover-Serie begann mit »Retter des Planeten«, das 1958 in Amazing (einem SF-Magazin) erschien und 1962 in Buchform herauskam. Darkover ist ein Planet, der in ferner Vergangenheit von schiffbrüchigen Menschen besiedelt wurde und zu der Zeit, in der die Geschichte beginnt, bei einem Erkundungsflug des Terranischen Imperiums wiederentdeckt wird. Während der Isolation hat sich bei den ursprünglichen Siedlern eine pseudomittelalterliche Gesellschaft entwickelt, mit Gilden, Anstandsregeln und recht eingeschränkten Möglichkeiten für Frauen. Innerhalb der Gesellschaft gibt es auch eine Gruppe, die die Terraner als Priesterkaste betrachtet (was sie nicht ist), und deren Mitglieder durch ihr rotes Haar und den Besitz telepathischer und telekinetischer Kräfte gekennzeichnet sind. Während der 1960er Jahre handelten die Darkover-Romane vom Zusammenstoß zwischen den Kulturen der menschlichen Einwohner und der hinzukommenden Terraner, und überdurchschnittlich interessant sind die Romane unter anderem aufgrund der Missverständnisse rund um die Frage, was Technologie ist: Die Terraner nehmen allzu schnell an, dass die Darkovaner »rückständig« sind.

Von den frühen 1970ern an schrieb Bradley eine ganze Reihe von Romanen, die sich verstärkt mit der Auseinandersetzung der Terraner mit den Fähigkeiten der Comyn befassen, der rothaarigen »Magier« und »Matrix«-Wirker von Darkover, und dann später mit Darkover während seiner Periode der Isolation. Die Folge dieser Verlagerung des Schwerpunktes war eine Reihe von Romanen, die nicht von Fantasy zu unterscheiden waren. Die Landung (1972) kehrte zum ursprünglichen Schiffbruch zurück und erklärte die Kräfte der Comyn als Ergebnis ihrer Vermischung mit der eingeborenen intelligenten Lebensform, die zufälligerweise Fantasy-Elfen sehr ähnlich sah und von den abergläubischen und (natürlich) schottisch-stämmigen Siedlern auch als genau das betrachtet wurde. In Das Zauberschwert (1974) wird ein gestrandeter Mann von der Erde in eine Comyn-Familie aufgenommen; in Hasturs Erbe (1975) wird eine mächtige Matrix zurück nach Darkover gebracht; in Die zerbrochene Kette (1976) sehen wir den Süden von Darkover und eine resolute Kritik an John Normans pornographischen Gor-Büchern (siehe Die Piratenstadt von Gor [1971]), die in dieser Zeit ebenfalls populär wurden (und auf einer Fantasy-Welt spielen, in der Frauen gerne Sexsklavinnen sind und die Männer von der Erde wahre Befreiung erleben); in Der verbotene Turm (1976) schließen sich vier Comyn zusammen, um die »alten Sitten« der Macht wiederherzustellen und die Kräfte der Comyn zu erneuern, die nach allgemeiner Auffassung nachgelassen haben. Zwei Romane spielen vollständig während der Zeit der Isolation: Herrin der Stürme (1978), die Geschichte eines jungen Mädchens, das mit der Gabe geboren wird, den Wind zu beherrschen, was jedoch ihrem Überleben abträglich ist, und Zeit der hundert Königreiche (1980), die Geschichte einer übernatürlichen Gabe, bei der abermals die Verpflanzung eines Erdlings eine Rolle spielt, der diesmal durch Telekinese von der Erde entführt wurde. Diese letzten beiden Romane sind jeweils Erzählungen über die Bürgerkriege auf Darkover und deshalb interessant, weil sie einen bestimmten Teil der Hintergrundgeschichte ergänzen. Als die Terraner auf Darkover eintreffen, sind sie von einer gesetzlichen Vereinbarung befremdet, die schlicht »der Vertrag« genannt wird: Alle Waffen müssen den Anwender in unmittelbare Reichweite seines Zieles bringen. Die selbstbezogenen Terraner gehen davon aus, dass sich das Gesetz gegen ballistische Waffen (Schusswaffen und Bomben) richtet und interpretieren es als technologiefeindliche Neigung. In Königin der Stürme und Zeit der Hundert Königreiche erfährt der Leser schließlich, dass die Matrix-Technologie auf atomarer Ebene agieren kann und dass es die Terraner sind, die durch den Vertrag geschützt werden, nicht die »primitiven« Darkovaner vor den terranischen Waffen.

Die Landung von Marion Zimmer Bradley bei Amazon bestellen
Das Zauberschwert von Marion Zimmer Bradley bei Amazon bestellen
Die zerbrochene Kette von Marion Zimmer Bradley bei Amazon bestellen

Durch alle Darkover-Romane zieht sich ein von der Science Fiction geprägtes Verständnis der Welt, wodurch sich die Bücher sowohl als SF als auch als Fantasy lesen lassen. Wir werden dieser Haltung später wieder bei Autorinnen wie Mary Gentle, Steph Swainston und K. J. Parker begegnen, und sie führt zu einem sehr speziellen Tonfall, der nicht bei allen Fantasy-Lesern beliebt ist, von denen manche der Meinung sind, dass diese rationale Atmosphäre das Leseerlebnis dem Alltag zu nahe bringt. Zu dieser Zeit schrieb Bradley jedoch auch tolkieneske Fantasy, die tatsächlich auf Mittelerde angesiedelt war – The Jewel of Arwen (1974) und The Parting of Arwen (1974) –, und auch wenn diese Bücher nicht allgemein erhätlich waren, zeigte sich hier ein langfristiger Trend in ihrer Karriere, in der sie sich nach den Darkover-Büchern dem Artus-Roman zuwenden sollte.

Der Wechsel von Anne McCaffrey in die Fantasy war ein Ergebnis der Aneignung ihres Werkes durch die Leserschaft. Ihr Frühwerk war reine Science Fiction, und tatsächlich beginnt ihre Pern-Serie mit einer Science-Fiction-Kurzgeschichte, die in analog erschienen ist, wo die härteste Hard SF zu Hause war, und die mit dem Hugo-Award ausgezeichnet wurde. Im Zentrum der Serie steht ein Planet, der vor langer Zeit von Menschen besiedelt wurde, die sich inzwischen an die Bedingungen des Planeten angepasst haben – insbesondere an die Bedrohung durch einen ätzenden und lebenden Regen namens ›Fäden‹, der von einem Nachbarplaneten kommt – wodurch sie ihre technologische Grundlage verloren und eine »mittelalterliche« Welt mit Gilden, Burgen und Feudalherren entwickelt haben. Das erste Buch Die Welt der Drachen (1968) wurde mit einem Prolog veröffentlicht, den der Herausgeber von Analog, John W. Campell, angeregt hatte und in dem betont wurde, dass es sich um Science Fiction handele. Das war auch nötig, denn die großartigen Hauptfiguren der Pern-Geschichten sind die ultimativen Fantasy-Ikonen: Drachen.

Die Drachen von Pern wurden aus kleinen Echsen gezüchtet, die auf dem Planeten lebten und deren Fähigkeit, Flammen hervorzubringen, den frühen Siedlern aufgefallen war. Diese Eigenschaft der Drachen war auf einer niedrigen Stufe des technologischen Fortschritts ein probates Mittel gegen den Fädenfall, der nur durch Feuer vernichtet werden konnte. Noch populärer wurden die Drachen bei den Pern-Fans aufgrund der Tatsache, dass sie mittels Telepathie kommunizieren, jedoch nur mit einem einzigen Menschen, der einen Drachen »bindet« und ein Leben lang mit ihm zusammenbleibt; darüber hinaus können die Drachen durch das »Dazwischen« reisen, einen mittels Fantasy-Begriffen beschriebenen Hyperraum, und, wie der Leser herausfindet, durch die Zeit. Nicht wenige Kritiker bemerkten, bei den Büchern gehe es im Grunde nur um die Mädchenphantasie, ein eigenes Pony zu besitzen, mit dem man auch noch sprechen kann.

McCaffrey gab die Erklärungsmuster der Science Fiction zwar niemals auf, aber in manchen ihrer Bücher kommt sie stärker zum Tragen als in anderen. Die ersten beiden Romane, Die Welt der Drachen und Die Suche der Drachen, waren von naturwissenschaftlichen Vorstellungen und der erneuten Zuwendung zu wissenschaftlichen Prognosen geprägt, aber alles Wissen wird hier von einer sehr traditionellen Fantasyfigur gehütet, den Harfnern, die Kinder durch Lieder unterrichteten. Ein späterer Roman, Die Weyr von Pern, führte die Bücher zu ihren SF-Wurzeln zurück: Die Harfner/Barden und die Drachenreiter entdecken das Raumschiff, in dem die Siedler angekommen sind, und sie erkennen und begrüßen, dass das »Fantasy«-Pern, dem sie angehören, nun dem Tode geweiht ist. Aber dazwischen liegen eine Reihe von Romanen, die komplett auf der Welt von Pern spielen, wie auch – nicht zufällig – in der Halle der Harfner. Die Harfner-Bücher sind Drachenlied (1976), Drachenruf (1977) und Drachenmeister (1979). In den ersten beiden entdeckt Menolly, die Tochter einer Fischerhalle, ihre musikalischen Fähigkeiten, verbirgt sie jedoch, weil Frauen nicht Harfner werden. Ein durchreisender Harfner entdeckt sie und bringt sie zur Halle der Harfner, wo sie etliche Prüfungen besteht, aus denen sie schließlich als Harfnergesellin hervorgeht. In Drachenmeister ist der junge Piemur am Boden zerstört, weil seine Stimme bricht, kurz bevor er sein großes Solo singen soll; er wird zu den Trommelhöhen gebracht, wo er die anderen Lehrlinge verärgert, indem er die Trommelwirbel, die eingesetzt werden, um Botschaften zu transportieren, doppelt so schnell wie sonst üblich lernt. Ein Lehrlingsstreich kostet ihn beinahe das Leben, und seine eigene Neugier führt ihn auf den Südkontinent, wo er eine Verschwörung der Alten verhindert, Drachenreitern aus der Vergangenheit des ersten Bandes. Diese drei Romane und ihre Folgebände, die in den 1980ern und 1990ern geschrieben wurden, wirken ganz wie Fantasy: Im Grunde erforschen sie kulturelle Strukturen einer Welt fern der unseren. Schauplätze und Sprache der Bücher entsprechen dem Genre ebenfalls, sind sie doch alle um Legenden und Balladen herum aufgebaut, ganz besonders Moreta, die Drachenherrin von Pern (1983), in dem ein Lehrgesang zum Leben erweckt wird, dem die Leser schon mehrfach begegnet sind.

Drachenlied von Anne McCaffrey bei Amazon bestellen
Drachenruf von Anne McCaffrey bei Amazon bestellen
Drachenmeister von Anne McCaffrey bei Amazon bestellen

Ehe wir McCaffrey hinter uns lassen, soll zum Schluss festgehalten werden, dass sie in den 1970ern zu den Schriftstellerinnen gehörte, die sich das Verlangen nach prägnanten Protagonisten zu Herzen genommen haben. In ihrem Werk führte das häufig zu einer Romanze, mitunter in einer für moderne Leser irritierenden Form: Kluge Frauen verlieben sich stets in muskulöse Männer und werden von diesen mittels Sex gezwungen, ihre angeborene Heterosexualität zu erkennen. In den Pern-Büchern verbarg sich auch etwas, was vielen Lesern entging, in späteren Büchern jedoch deutlich hervortrat. Auf Pern wird ein goldener (weiblicher) Drache von einer Frau geritten, alle andersfarbigen Drachen hingegen von einem Mann. Reiter paaren sich, wenn sich ihre Drachen paaren. So weit, so gut. Aber von allen anderen Drachenfarben (blau, braun, bronze und grün) sind nur die grünen Drachen weiblich, und wenn grüne Drachen sich paaren, bleibt die Frage, ob die männlichen Reiter mit den Reitern des anderen Drachen Sex haben. Erst in Moreta wurde das Offensichtliche deutlich ausformuliert, aber für aufmerksame Leser war McCaffreys Weigerung, die logische Schlussfolgerung wegzuerklären, ein wichtiger Beitrag zum Aufstieg der schwulen und lesbischen Fantasy jener Zeit.

Norton, Zelazny, McCaffrey und Bradley verhalfen der Science Fantasy als Konzept zu neuer Popularität. Hierbei entstammte die Symbolik zwar der Fantasy, das Paradigma jedoch der SF. Eine der besten neuen Autorinnen, die dieses Konzept aufgriff, war C. J. Cherryh, deren Morgaine-Serie 1978 mit Das Tor von Ivrel begann. In diesen Büchern gibt es Tore, die Zeitreisen zwischen Welten ermöglichen, aber Morgaine kann sie mit ihrem Schwert zerstören, das in guter mittelalterlicher Fantasy-Tradition einen Namen trägt: Wechselbalg.

In den 1970ern entwickelten sich neue Formen des Einsatzes historischer Szenarien. In der Fantasy des 19. Jahrhunderts verwendete man eher mittelalterliche Schauplätze und schenkte der Bedeutung des mittelalterlichen Kontexts relativ geringe Aufmerksamkeit. Tolkiens Werk hatte unter anderem zur Folge, dass die Leser sich für die wirkliche Geschichte und echte Legenden interessierten, und mehr und mehr traten Fantasy-Autoren auf den Plan, die auf die unterschiedlichsten Arten bewusst aus diesen Stoffen schöpften. Die beiden Hauptströmungen lassen sich in die Konstruktion eines »echten« Mittelalters einerseits und die Niederschrift der »wahren« Geschichten jenseits des »Mythos« andererseits unterteilen.

Bei einem Blick auf die Titel, die wir unter Mittelalter-Fantasy eingeordnet haben, die noch keine Questen enthalten, fällt als Erstes das Fehlen von Gemeinsamkeiten auf. Die Bandbreite erstreckt sich von rein mythologischer Schöpfung, wie etwa in Tolkiens Silmarillion (1977), bis hin zu ironischen und witzigen Parodien der mittelalterlichen Überlieferung, wie etwa in der Serie, die Gordon R. Dickson 1976 mit Die Nacht des Drachen begann. Das Silmarillion wurde von Tolkiens Sohn Christopher herausgegeben, zusammen mit dem (späteren) Fantasy-Autor Guy Gavriel Kay, als Versuch, die Hunderte von Fragmenten aus über fünfzig Jahren, die Tolkien hinterlassen hatte, in einen Zusammenhang zu bringen. Es beginnt mit einer beinahe biblischen Beschreibung der Schöpfung von Mittelerde und liefert dann eine Reihe von größtenteils zusammenhangslosen Erzählungen von den Taten der Elben und Menschen in der Zeit, bevor die Handlung von Der Hobbit einsetzt. Selbst so mancher überzeugte Tolkien-Fan fand es unlesbar; das Prinzip hinter der Zusammenstellung ist an sich jedoch relevant, denn dieser Gedanke eines »gefundenen Textes«, der aus Fragmenten zusammengestellt wird, um damit zur »Wahrheit« zu werden, wird im nächsten Jahrzehnt zu einem der klassischen Tropen der Questen-Fantasy. Dicksons Die Nacht des Drachen ist auf seine Weise genauso ernsthaft wie das Silmarillion. Der Protagonist ist ein junger Mann von der Erde, der sich in einer pseudo-mittelalterlichen Welt im Körper eines Drachen wiederfindet. In gewisser Hinsicht ist das Buch eine marxistische Herangehensweise an die Fantasy und stellt recht schonungslose Fragen danach, wie die Welt funktioniert, und zwar aus der Perspektive eines ihrer Opfer.

Was die geschilderten Epochen angeht, reichen die Texte dieser Art von der Nachschöpfung frühmittelalterlicher, heidnischer Rituale wie in Tanith Lees Östlich von Mitternacht (1977) bis hin zum voll entwickelten Rittertum des späten Mittelalters wie in Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz (1973). Diese Werke sind aus ganz unterschiedlichen Quellen inspiriert, von der Welt der Wikinger bis hin zu keltisch angehauchter Fantasy wie etwa Patricia McKillips Trilogie, die mit Die Schule der Rätselmeister (1981) beginnt.

Tanith Lees Östlich von Mitternacht erzählt von einem jungen Sklaven, der mittels Magie in eine Welt gelangt, in der königliche Gefährten dazu bestimmt sind, geopfert zu werden. Die Schauplätze muten frühmittelalterlich an, aber die Sprache ist vielfach höfisch, und es kommen etliche orientalistische Elemente vor. Tanith Lee schrieb in den 1970ern neun Fantasy-Romane und noch weitere in den 1980ern und 1990ern. Gegenwärtig ist sie eine der talentiertesten Autorinnen des Genres. Charakteristisch für ihr Werk ist das Schöpfen aus historischen Epochen und deren Abwandlung. So wird zum Beispiel in ihren späteren Venus-Romanen (Faces Under Water, 1998, und weitere) ein Venedig des 18. Jahrhunderts zur Stadt der Göttin Venus, ihrer Romantik und ihren Launen unterworfen.

Astrid Lindgren ist die außerhalb ihres Landes bekannteste schwedische Kinderbuchautorin, allerdings hauptsächlich wegen ihrer Pippi Langstrumpf-Bücher. 1973 veröffentlichte sie Die Brüder Löwenherz, eine ausgesprochen kontroverse Fantasy-Geschichte über zwei Brüder, Karl und Jonatan: Karl ist todkrank; als jedoch in ihrer Wohnung ein Feuer ausbricht, nimmt Jonatan Karl auf den Rücken und springt. Jonatan stirbt, verspricht aber, Karl in Nangijala wiederzusehen. Als dieser stirbt und sich selbst in Nangijala wiederfindet, trifft Karl auf Jonatan, der sich in einem Häuschen und einem Dorf niedergelassen hat. Aber nicht alles ist hier gut: Die Gemeinde wird von Soldaten und einem Drachen bedroht. Die beiden Jungen brechen auf, um den Drachen zu töten, begeben sich also auf eine Queste, die Beowulf mehr verdankt als König Artus. Jonatan wird von dem Drachen furchtbar verbrannt, und am Ende des Buches nimmt Karl Jonatan auf den Rücken und springt von einer Klippe, damit sie beide zusammen im nächsten Land, Nagilima, eintreffen können. Es war dieses Ende – bei dem ein Junge in einem Kinderbuch Selbstmord begeht –, das die Kontroverse auslöste. Nichtsdestotrotz ist es sehr bewegend. Lindgrens Welt wirkt eher phantastisch und versponnen denn wie echte Fantasy, da sie aus nordischen Konzepten von den Stufen der Unterwelt schöpft, wie man sie bis zu einem gewissen Grad auch in David Lindsays Die Reise zum Arcturus (1920) findet und wie es von Gene Wolfe in seinem Zyklus Der Ritter (2004) und Der Zauberer (2006) wieder aufgegriffen wurde, was aber ansonsten eher selten ist.

Die vermutlich beliebtesten und einflussreichsten dieser Mittelalter-Fantasywerke gehören zu einer Serie, die Katherine Kurtz 1970 begann. Diese Bücher sind als Deryni-Serie bekannt, nach einer Menschenrasse mit telepathischen und anderen Psi-Kräften, und die Serie besteht bisher aus fünf einzelnen Trilogien (ein Phänomen, auf das wir am Ende des Kapitels zurückkommen werden, wenn wir uns die Fantasy-Serien ansehen). In der ersten Trilogie (1970-73) geht es um Kelson Haldane, der im Laufe zweier Wochen seinen Thron gegen gegnerische Deryni verteidigt, während er gleichzeitig derselben Rasse entstammende Freunde vor den Vorurteilen anderer schützt. Spätere Trilogien ergänzen die Geschichte sowohl vor als auch nach der Zeit Kelsons. Die Schauplätze entsprechen genau der Geschichte der britischen Inseln um das Jahr 1100, mit einer absolutistischen Feudalkirche, und zeichnet die äußeren Merkmale des Hochmittelalters recht genau nach. Bei den linguistischen Details wäre Tolkien allerdings in Tränen ausgebrochen. Im wirklichen Großbritannien geht unsere wilde Mischung aus Ortsnamen auf die Geschichte der Besiedelung zurück. Für Mittelerde hatte Tolkien völlig neue Namenskonventionen erdacht, in denen sich die Besiedlung dieser Vergangenheit wiederspiegeln sollten. Kurtz, die zwar Tolkiens Konzept der voll entwickelten Schöpfung nutzte, nahm Namen aus unterschiedlichen britischen Siedlungstraditionen und mischte dabei das Walisische willkürlich mit dem Englischen und Irischen. Infolgedessen werden geschichtlich bewanderte Leser – und Fantasy zieht deren viele an –, beständig irritiert, anstatt in einer anderen Welt zu versinken (und ja, einer der Autoren dieses Buches ist ausgebildeter Mediävist). Abgesehen davon ist die Mischung aus mittelalterlichem Ritual und sakraler Zeremonie mit Magie faszinierend, und die Bücher haben ihre Beliebtheit seit über dreißig Jahren nicht verloren.

Die Schule der Rätselmeister von Patricia A. McKillip bei Amazon bestellen
Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren bei Amazon bestellen
Der Zauberer von Gene Wolfe bei Amazon bestellen

Eine alternative Herangehensweise an das Verfassen mittelalterlicher Fantasy findet sich in Randall Garretts Lord Darcy-Büchern. Hier ist die mittelalterliche Welt magisch, aber die Geschichten – der Roman Komplott der Zauberer (1967) und die beiden Sammelbände Mord und Magie (1979) und Des Königs Detektiv (1981) – spielen in einem 20. Jahrhundert, in dem das Reich der Plantagenets niemals fiel, König John niemals regierte und wo auf Richard I. sein Neffe Arthur folgte. In diesen Geschichten geht es um gewitzte Ermittlungen, und die Anwendung der mittelalterlichen Denkweise auf die Gegenwart liest sich sehr vergnüglich.

M. John Harrison, John Brunner, Patricia McKillip und Phyllis Eisenstein machten alle Gebrauch von einem vergleichsweise konventionellen ritterlichen Setting, aber ihre Figuren waren in diesen Settings weitgehend fehl am Platz und irrten eher durch ihre Welt, als ein Teil von ihr zu sein. Bei M. John Harrison (Die Pastellstadt [1973]) finden wir Schauplätze mit Rittern und Schlachtrössern, allerdings am Ende der Welt und von Langeweile heimgesucht. Der Protagonist ist ein fahrender Ritter, den seine Magie im Stich lässt und der sich letztlich von der Welt abwendet. In John Brunners Reisender in Schwarz (1971) bewegt sich die Titelfigur durch eine magische Landschaft und versucht, die Welt aus der Herrschaft des Chaos (Magie) zur Ordnung (unvermeidliche Konsequenzen) zu führen. Sowohl bei Harrison als auch bei Brunner sprengen die Figuren den mittelalterlichen Hintergrund und unterwandern damit den sorgsam konstruierten Begriff von Zeit und Ort.

McKillips Rätselmeister-Trilogie begann 1976 mit Die Schule der Rätselmeister und konzentriert sich auf Morgon, den Herrscher einer kleinen Insel. Er ist ein »Landherrscher«, der sich allem in seinem Reich bewusst ist (jedes Tier und jeder Stein) – ein animistisches Konzept, das uns bei den Fantasy-Autoren der 1980er und 1990er immer öfter begegnen wird. Als er sich aufmacht, um seine Braut heimzuführen, wird sein Schiff von Gestaltwandlern angegriffen, und er verliert sowohl sein Gedächtnis als auch die Fähigkeit zu sprechen. Im Verlauf der Trilogie findet er seinen Platz in der Welt und wird schließlich der »Erhabene«, der über den anderen Landherrschern und ihren Reichen steht und sie vereint. Phyllis Eisensteins Protagonist in Alaric (1978) ist ein fahrender Sänger mit der Fähigkeit der Teleportation. Während seiner lose miteinander verknüpften Abenteuer kommt er im ganzen Land herum. In Sorcerer's Son (1979) macht sich das Kind zweier Magieanwender, empfangen in Rivalität und Hass, auf, seinen Vater zu finden und zerstört dabei die Gesellschaftsordnung, die auf versklavten Dämonen basiert.

Einige »mittelalterliche« Fantasy-Geschichten dieser Zeit sind in der Gegenwart angesiedelt, häufig am Rande des Horror-Genres. Diese Geschichten handelten und handeln von einem historischen Erbe, das unsere Vorstellung der Normalität durchbricht, von der Idee, dass unser ursprüngliches Selbst und unsere Verbindung zur Natur stets im Hintergrund präsent sind. Alan Garners Eulenzauber (das wir im vorherigen Kapitel besprochen haben), sein Rotverschiebung von 1973, Penelope Livelys The Wild Hunt of Hagworthy (1971) und der Film The Wicker Man von 1973 (Regie: Robin Hardy) behandeln alle das Eindringen vorchristlicher Mächte in die moderne Welt. Livelys Erzählung handelt von einer Stadt, die von einem Ritual bestimmt wird, das sie an einem Maitag durchgeführt hat. The Wicker Man ist die noch grausigere Geschichte einer kleinen schottischen Insel, die sich gegen das Christentum und für das Heidentum entscheidet. Garners Rotverschiebung basiert auf der Ballade von »Tam Lin«. Alle drei Bücher kreisen um die Neuschöpfung von Legenden, die Neubewertung von Stoffen und den Einfluss der Fiktion auf das menschliche Verhalten.

Mord und Magie von Randall Garrett bei Amazon bestellen
Komplott der Zauberer von Randall Garrett bei Amazon bestellen
Eulenzauber von Alan Garner bei Amazon bestellen

In den 1970ern entstammten einige außerordentliche Beiträge der Tradition, die Phantastik der Vergangenheit nachzuerzählen, insbesondere Mythen, Legenden und Märchen. The Rocky Horror Picture Show (1975, Regie: Jim Sharman), eine Neuerzählung von Frankenstein, war vielleicht am subversivsten – und wirkte am längsten nach –, aber es gab auch viele konventionellere Ansätze. Evangeline Walton fügte der Nacherzählung des Mabinogion, die sie vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen hatte, drei weitere Bände hinzu. Thomas Burnett Swann schuf eine Reihe von Texten mit einem Setting im antiken Griechenland, darunter Der letzte Minotaur (1971) und Der letzte Minotaurus (1977). Drei herausragende Schriftsteller, darunter zwei, die relativ wenig Fantasy schrieben, waren William Goldman, Elizabeth Marie Pope und Robin McKinley. William Goldman war zwar in anderen Genres sehr produktiv, aber Die Brautprinzessin (1973) ist sein einziger Fantasy-Roman. Dieses Buch ist die fiktive Nacherzählung einer wahren Geschichte, nur dass das ursprüngliche Buch wie auch das Land darin nicht existieren. Goldman mischt die Traditionen des Mantel-und-Degen-Films und klassischer Märchen mit einem hintergründigen Humor, und das ganze Buch ist eine Meditation über das Geschichtenerzählen an sich; am engsten verwandt ist es wohl William Thackerays The Rose and the Ring. Elizabeth Marie Popes The Perilous Gard (1975) spielt im England des 16. Jahrhunderts und ist eine Neubearbeitung der Tam-Lin-Geschichte. Kate entdeckt einen unterirdische Weg ins Feenland und muss einen jungen Mann namens Christopher vor dem Pakt retten, den er mit der Feenkönigin geschlossen hat. Dies ist einer der ersten Fantasy-Romane, der in der elisabethanischen Zeit spielt.

Klassischer ist Robin McKinleys Erstling Die Schöne und das Ungeheuer (1978), eine Nacherzählung des Märchens Die Schöne und das Biest, die die Geschichte in die Realität verlegt. In dieser Version ist die Schöne eigentlich ziemlich gewöhnlich und würde ihren Namen, einen peinlichen Spitznamen aus Kindertagen, eigentlich gerne ablegen. Die Geschichte behält die Magie bei, wird aber für den Leser so prosaisch wie möglich neuinterpretiert. McKinley schrieb etliche weitere Nacherzählungen, darunter eine zweite Neuerzählung von Die Schöne und das BiestRose's Daughter (1997), und am eindringlichsten Tochter des Schattens (1993), in dem die Geschichte einer Prinzessin, deren Vater sich in sie verliebt (Perraults »Donkeyskin«), auf anschauliche Weise mit der Geschichte einer Mondgöttin verwebt wird. In den 1980ern schrieb McKinley zwei Romane mit dem Titel Das blaue Schwert (1982) und Die Heldenkrone (1984). Hier handelt es sich zwar nicht um Nacherzählungen, doch diese Geschichten beschäftigen sich sehr konkret mit Geschichtsschreibung und der Entstehung und Wirkung mythischen Erzählens. Am Ende von McKinleys Das blaue Schwert muss sich die Protagonistin zwischen einem Unsterblichen und einem sterblichen Mann entscheiden. In plötzlicher Bestürzung erkennt der Leser schließlich, dass sie sich für beide entschieden hat. Wir haben es hier mit einer anderen Art von Fantasy zu tun, in der plötzlich zahlreiche Elemente der höfischen Romanze, die für einen Großteil der Fantasy-Literatur der vorangegangenen hundert Jahre selbstverständlich waren, verschwunden sind, und in sexueller Hinsicht befinden wir uns auf unsicherem Terrain. Wie kam es dazu?

Die Auswirkungen des Feminismus waren in der Science Fiction ab Mitte der 1960er Jahre spürbar, obgleich der Begriff nicht allen Autoren und Autorinnen geheuer gewesen wäre, die von heutigen Feministinnen vereinnahmt werden. Gleichermaßen hätten viele Fantasy-Autorinnen, über die wir bereits gesprochen haben, den Begriff abgelehnt, auch wenn es seit den 1930er Jahren mehrere Autorinnen gab (C.L. Moore, Leslie F. Stone), die erkennbar feministisch sind. Selbst bei einer Autorin wie Marion Zimmer Bradley, die in den 1980ern einiges an dezidiert lesbischer Fantasy verfassen sollte, gab es in den 1970ern immer noch Handlungsstränge, die um eine heteronormative Romanze konstruiert waren. Doch scheinbar aus dem Nichts durchbrachen etliche Bücher und mindestens ein Film (Die Frauen von Stepford, Regie: Bryan Forbes, Drehbuch von William Goldman [1974]) in den 1970ern den konventionellen Geschlechterrahmen in der Fantasy-Literatur und gingen weit darüber hinaus. Quasi über Nacht haben wir anstelle von Fantasy, in der Frauen kaum oder nur als Beute vorkommen, unabhängige Amazonen und homosexuelle Kriegsherren. Zwei der größten Science-Fiction-Autoren, Joanna Russ und Samuel R. Delany, brachten jeweils in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre Bücher heraus, die man sowohl als Science Fiction als auch als Fantasy lesen konnte, die jedoch bei den Stereotypen, mit denen sie spielten, durch die Fantasy-Tradition geprägt waren und sich mit dieser auseinandersetzten. Joanna Russ' Alyx (1976) ist eine Sammlung von miteinander verwobenen Geschichten über eine kleine, drahtige Abenteurerin, die ihren Mann verlassen hat, durch die Welt zieht und Arbeit annimmt, wo sich welche bietet. Manchmal besiegt sie die Männer, mit denen sie zu tun hat, manchmal wird sie kompromitiert, aber Alyx bleibt stets sie selbst. In diversen Abenteuern übt Alyx Kritk an der Struktur des Erzählens und erläutert, weshalb sie patriarchalischer Unsinn ist (auch wenn sie diesen Begriff niemals gebraucht). Der Leser wird in diesen Geschichten beständig durch Alyx' saloppen Umgang mit Fragen der Ehre und des Ruhms aus der Fassung gebracht: Alles, was in der Fantasy von Bedeutung ist, findet Alyx ein wenig töricht und kindisch. Samuel R. Delanys Geschichten aus Nimmèrÿa (1979) ist eine Sammlung von Erzählungen über Gorgik, einen braunhäutigen Mann aus respektabler Familie, der gefangen genommen und als Arbeitssklave eingesetzt wird, in einem Umfeld, wo Sklaven größtenteils hellhäutig sind. Gorgik ist der klassische muskelbepackte Hüne der Sword & Sorcery (der Typ, auf den Alyx zwar steht, den sie jedoch meist fallen lässt); aber er ist auch bisexuell. Delany nahm den wohlbekannten homosexuellen Subtext, der, wie etliche Rezensenten vermerken, in der Bildsprache der Sword & Sorcery häufig mitschwingt, und schuf eine erwachsenere Sexualität, indem er ihn zum eigentlichen Handlungsinhalt machte, eine Sexualität, die wegen der Gesellschaftsstruktur von Nimmèrÿa hochpolitisch war. Wie die Erzählungen um Alyx legen es die Nimmèrÿa-Geschichten darauf an, die nicht hinterfragten erzählerischen Kausalzusammenhänge innerhalb der Genres Sword & Sorcery und Fantasy auseinanderzunehmen. Sobald man einmal beginnt, die Grundannahmen von Geschlecht und Sexualität zu hinterfragen, ist es, als würde sich alles auflösen, was man über Geschichte, Politik und Wirtschaft zu wissen glaubt. Diese beiden Bücher hatten enormen Einfluss bei der Schaffung eines Raumes für Fantasy-Autoren, die radikale Gesellschaftsentwürfe ausprobieren wollten.

In welchem Ausmaß diese neuen, radikalen Gedanken von der Fantasy-Gemeinde akzeptiert wurden, zeigte sich durch den World Fantasy Award, der an Elizabeth A. Lynns Die Winterfestung (1979) ging, den ersten Band der Chroniken von Tornor. Das Buch beginnt wie jede konventionelle Fantasy: Eine Burg wird von einem Barbaren überfallen und eingenommen; dem Burgherrn Errel und seinem Vasall, dem schamlosen und engstirnigen Ryke, gelingt die Flucht. Hierbei werden sie jedoch von zwei offensichtlichen Hermaphroditen unterstützt, Sorren und Norres. Für diese Gesellschaft sind Hermaphroditen zwar merkwürdig, gehören aber noch (wie etwa Hijara) zur Gesellschaft. Kaum hat der Leser sich von diesem Schock erholt (Ursula K. Le Guins Die linke Hand der Dunkelheit mit seiner hermaphroditischen Bevölkerung war erst 1969 erschienen und wurde immer noch als extravagant angesehen), entdeckt man auch schon, dass sie in Wirklichkeit beide Frauen sind, genauer gesagt zwei Frauen, die eine sexuelle Beziehung miteinander haben. Die vier Hauptfiguren reisen dann nach Hause ins Dorf der Frauen, wo Ryke noch weiter erschüttert wird, als er entdeckt, dass Frauen dort als gleichwertig mit Männern angesehen und respektiert werden und es in dieser Gesellschaft keine Anführer und keine Krieger gibt. Die Grundfesten seiner patriarchalischen Welt erweisen sich hier als nutzlos und womöglich auch ein wenig töricht. Der größte Schlag trifft Ryke jedoch von innen: Prinz Errel, der in jeder anderen Fantasy der Hoffnungsträger schlechthin gewesen wäre, will sein Reich gar nicht zurück und überlässt es Sorren. Im Folgeband, Der Rat der Hexer (1979), ist Sorren längst tot, und mehrere Generationen haben inzwischen gelebt und sind gestorben. Die Hauptfigur ist ein entfernter Nachkomme Sorrens, und es wird erzählt, wie er sowohl telepathische Fähigkeiten als auch seine Homosexualität entdeckt. Er lebt diese Beziehung mit seinem Bruder aus, und sie wird im Text als normal, liebevoll und natürlich dargestellt. Neben dieser radikalen neuen Richtung der Fantasy gibt es noch das Werk von Angela Carter, die in ihrer Behandlung des Märchens, gesammelt in Blaubarts Zimmer (1979), den höfischen Geschichten Perraults in den 1970ern auch noch den letzten Rest von Taft und Spitzenbesatz abriss. Carters Märchenversionen beinhalten Betrug, Vergewaltigung und Verstümmelung: Grimms Märchen, verfasst in Seide, Samt und Blut. Spätere Autorinnen dieses Subgenres wie Nalo Hopkinson oder Margo Lanagan schlagen mit ihren Arbeiten in eine ähnliche Kerbe [sic], auch wenn ihr Werk nicht wirklich feministisch ist (mit Feministinnen wird dort oft kurzer Prozess gemacht).

Wenn bisher von einer »Serie« die Rede war, war damit eine längere Abfolge von Büchern gemeint, hervorgegangen aus einem einzelnen Buch, das zufällig populär wurde. Beispiele sind etwa Nortons Hexenwelt oder Robert E. Howards Conan-Romane; Fortsetzungen werden geschrieben, möglicherweise kommt die Hintergrundgeschichte des Protagonisten hinzu und wenn die Serie weitergeht, auch diejenige anderer Figuren. Auch wenn diese Entwicklung bei Piers Anthonys Xanth-Serie nicht unbedingt planmäßig vonstatten gegangen sein muss, scheint es sich hier um eine ganz andere Art von serieller Fantasy zu handeln, und zwar eine, die anderen Autoren (am bekanntesten darunter Terry Pratchett) als Vorlage dienen sollte. An dieser Stelle werden wir das Ganze als »Theater-Fantasy« bezeichnen: Die Fantasy-Welt ist die Bühne, auf der Geschichten aufgeführt werden. Im ersten Buch, Chamäleon-Zauber (1977), wird Bink aus Xanth verbannt, weil er nicht über magische Kräfte verfügt, und trifft während seiner Abenteuer auf eine Frau, deren Schönheit, Temperament und Intelligenz mit den Mondphasen zu- und abnehmen – die wortwörtliche Wahrnehmung des weiblichen Menstruationszyklus durch Männer. Einige Bände der Reihe verbinden flapsigen Humor mit Betrachtungen über Philosophie und Logik. Turm-Fräulein (1986) enthält zum Beispiel die weitschweifige Erörterung eines Konzepts aus der Spieltheorie, das als Gefangenendilemma[1] bekannt ist. Nachdem die Xanth-Serie einmal in Fahrt gekommen war, wurde jedoch mehr und mehr die Welt interessanter als die Figuren. Damit soll die Handlung der frühen Bücher, die durchweg bemerkenswert ist, nicht abgetan werden, aber im dritten oder vierten Band dieser Serie von bisher 38 Büchern (Nummer 38 ist 2013 erschienen) wird dem Leser klar, dass er an einem Spiel teilnimmt. Was kann der Autor mit der von ihm geschaffenen Welt anstellen? Xanth ist eine Welt der Magie, die rund um Wortspiele aufgebaut ist. Seine Bewohner leben in einer beseelten Umwelt, wo es für das Überleben von grundlegender Bedeutung ist, dass man gut mit Rätseln, Kreuzwort-Techniken und Denkspielen zurechtkommt. Es ist ein Theater, und in jedem Buch bekommen wir ein neues Stück zu sehen. Ein Element bei der Entwicklung der Reihe war die wachsende Beziehung zwischen Anthony und seiner Leserschaft. Viele seiner Bücher enden mit einer Besprechung von Leserbriefen und einer Liste derer, die nützliche Sprachspiele eingeschickt haben. Auf diese Weise helfen die Leser beim Aufbau der Welt und tragen wiederum zu dem Eindruck bei, dass diese das eigentlich Bedeutsame ist.

Ein weiterer Autor, der eine Theater-Welt konstruierte, war Robert Lynn Asprin mit seiner MythAdventures-Serie (begonnen 1978, wobei sich zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 2008 noch einige im Druck befanden). In diesen Büchern bewegt sich eine Hauptfigur durch verschiedenste Welten, die alle ihre eigenen Regeln für Magie und Technologie besitzen. Es sind Bücher zum Knobeln, in denen es darum geht, sich erfolgreich in der Welten zurechtzufinden. Im Original-Titel jedes Bandes steckt das Wort Myth (dt. Mythos), für gewöhnlich als Falschaussprache eines anderen Wortes, wodurch ein Wortspiel entsteht wie etwa in Myth Conceptions (1980, dt. Drachenfutter). Eine weitere Theater-Welt, die Robert Lynn Asprin schuf, war das »Shared Universe« der Diebeswelt. Vor dieser Serie war das Schreiben in der Welt eines anderen Autors entweder das Betätigungsfeld von Amateuren oder von professionellen Schriftstellern, die Auftragsarbeiten schrieben (wie zum Beispiel bei Romanen zu Doctor Who oder Star Trek). Asprins Diebeswelt ist anders geartet und hatte einen so großen Einfluss, dass wir dafür ein neues Konzept einführen müssen, das »urheberrechtlich geschützte Universum«. Das bedeutet schlicht, dass der Schriftsteller eine Welt benutzt, die er selbst geschaffen hat. Vor den späten 1970ern hätte man das als selbstverständlich betrachtet. Am Ende des Jahrhunderts betätigen sich jedoch viele SF- und Fantasy-Autoren in zwei Bereichen: einmal in eigenen »urheberrechtlich geschützten Universen«, aber eben auch in »lizensierten« Welten wie etwa den extrem profitablen und professionellen Franchises von Star Trek und Star Wars, und zwar nicht in Form von Romanfassungen von Drehbüchern, sondern in einem Kontext, in dem der Autor innerhalb der lizenzierten Welt jede erdenkliche Geschichte inszenieren darf, wobei er mit der Ideologie dieser Welt mitunter subversiv umgeht.

Die Diebeswelt war Asprins Schöpfung. Es ist eine Kulisse, die er anderen Autoren lieh, um damit eine gemeinschaftliche Aufführung auf die Beine zu stellen. Die meisten Geschichten der Diebeswelt spielen in der Stadt Freistatt, einem heruntergekommenen Flecken am Rand eines großen Reiches, der von Kriminellen, Zauberern, Göttern und anderen wohlbekannten Fantasy-Figuren bewohnt wird. Der Tonfall ist Leiber entliehen. Asprin schuf die Diebeswelt als Projekt, bei dem er Kollegen zur Mitarbeit einladen konnte: Die zugrundeliegende Idee war, dass er die Basisregeln der Welt festlegte, aber welche Figuren welche Stoffe in seinem »Theater« aufführten, war Sache der beteiligten Autoren. Er managte quasi die »Schauspieler« seiner Fantasy-Welt. Unter den Autoren waren so bekannte Namen wie Poul Anderson, Marion Zimmer Bradley, John Brunner und C. J. Cherryh. Insgesamt erschienen zwischen 1979 und 1989 zwölf Anthologien, bei denen die meisten Autoren ausgedehnte Handlungsstränge für ihre eigenen Charaktere schufen, aber es war völlig normal, dass der Protagonist des einen Autors in der Geschichte eines anderen über die Bühne huschte. Bei jedem Autor konnte sich der Geschichten-Zyklus über mehrere Anthologien erstrecken. Marion Zimmer Bradley verließ die Serie schließlich, nahm aber ihre Figur Lythande mit, und in den 1990ern öffnete sie auch ihre eigene Darkover-Serie für eine ähnliche Zusammenarbeit mit ihren Fans, von denen etliche dazu übergingen, ihre eigenen »urheberrechtlich geschützten Universen« zu erschaffen. Die Serie umfasste auch offizielle Romane, und 1981 wurde von Chaosium ein Diebeswelt-Rollenspiel herausgebracht, bei dem sowohl die Fans als auch die offiziellen Autoren neue Geschichten ersinnen konnten.

Natürlich war Sanctuary, das Diebeswelt-Spiel, nicht das erste große Fantasy-Rollenspiel (kurz RPG für »Roll Playing Game«). Diese Ehre gebührt Dungeons and Dragons, einem Regelset zum Erschaffen von Fantasy-Abenteuern, das erstmals 1974 von Gary Gygax und Dave Arneson veröffentlicht wurde. Der Einfluss von Dungeons and Dragons ist riesig: Die Schöpfung eines geregelten Spielsystems ermöglichte es, dass Fremde miteinander innerhalb der vorgegebenen Welt spielten. Dieses Buch bietet nicht genug Raum, um alle großen Spiele aufzulisten, die daraus hervorgingen, aber Dungeons and Dragons trug mit zur Entwicklung von LARPs (kurz für »Live Action Role Play«, bei dem die Spieler die von ihnen gespielten Figuren wirklich darstellen) bei und inspirierte die sich entwickelnde Computerindustrie, deren Spielebranche inzwischen von Fantasyspielen dominiert wird, in denen ganz ähnliche Rollenspielregeln gelten wie bei Dungeons and Dragons. Diese Spiele haben sich von textbasierten Multi-User-Dimensions (MUDs) hin zur lebendigen Animation und »Virtualität« von World of Warcraft (einem Sword-and-Sorcery-Spiel) und Second Life (einer Live-Action-Umgebung) entwickelt. Durch das Internet ist im schriftstellerischen Bereich die Fan Fiction, bei der Amateur-Autoren – häufig mit einem hohen professionellen Standard – Geschichten austauschen, die in den Welten anderer Autoren angesiedelt sind, zu einer eigenen literarischen Gattung geworden. Wir kommen darauf zurück, wenn wir die Rolle des Internets im neunten und elften Kapitel betrachten.

Wie riesige Eisberge tauchen im Ozean der Fantasy 1977 zwei Bücher und zwei Filme auf. Ob man sie als unfassbar schöne Objekte von selbstverständlicher Erhabenheit oder als erlittener Schiffbruch betrachtet, hängt ganz davon ab, welche Art Fantasy man mag. George Lucas' Star Wars war ein Märchenfilm, der in »einer weit entfernten Galaxie« spielte. Steven Spielbergs Unheimliche Begegnung der dritten Art erfand Elfen als kleine graue Wesen neu, die von einem anderen Planeten gekommen sind, um uns Musik vorzuspielen und entführte Menschen zurückzubringen. Terry Brooks veröffentlichte Das Schwert von Shannara, den ersten Band einer bis heute fortgesetzten Serie, die mindestens zwei Fantasy-Reihen am Leben hielt, und Stephen R. Donaldson Lord Fouls Fluch, das erste Buch der Chroniken von Thomas Covenant. Bei jedem dieser vier Texte geht es um eine Queste, um die Suche nach etwas, das so großartig ist, dass seine Bergung den Lauf der Geschichte verändern wird. Gemeinsam entschieden diese Texte zwar nicht darüber, was in den nächsten dreißig Jahren geschrieben wurde, legten aber fest, was die Buchregale bei Barnes and Noble, Waterstones und anderen Ketten dominieren sollte. Die Ära der vielbändigen Questen-Fantasy hatte begonnen.

George Lucas' Star Wars und seine beiden Folgefilme waren den äußeren Merkmalen nach Science Fiction, aber ihre Struktur stammte – wie Lucas schrieb – direkt aus Joseph Campbells Der Heros in tausend Gestalten. Genauer gesagt ist es ein Bildungsroman, in dem der Protagonist als Unbekannter entdeckt wird und einiges an Prüfungen, Mühsal und Herausforderungen besteht, bis er schließlich zum Helden wird. Der Text ist auch ein Märchen vom ungekrönten heimlichen Prinzen und seinen Gefährten. Nichts an diesen Filmen ist subtil, aber sie fesselten Millionen und führten zu einer neuen Blüte des phantastischen Kinos. Bei Spielbergs Unheimliche Begegnung der dritten Art handelt es sich um einen komplexereren Film, der wegen seiner Rhetorik und seines Drumherums im Grunde zur Science Fiction gehört. Dem Zuschauer wird darin eine Reihe von Vignetten präsentiert, in denen die einzelnen Figuren ihren jeweiligen Pfad beschreiten, der sie schließlich zu den Aliens/Elfen/Göttern führt. Diese Vignetten-Struktur, in der wir mehreren Einzelpersonen zu einem gemeinsamen Ziel folgen, sollte zu einem wiederkehrenden Tropos der Questen-Fantasy werden, denn deren Autoren wurde schnell klar, dass man so auf recht einfache Weise einen Roman zu einer Trilogie ausbauen kann. Auch wenn diese beiden Filme streng genommen außerhalb dieses Buches stehen (für gewöhnlich werden sie als SF vermarktet), steht ihre Popularität eindeutig in Zusammenhang mit der dramatischen Reaktion der Fantasy-Leserschaft auf die Werke von Brooks und Donaldson.

Das vielleicht Erstaunlichste an den ersten Bänden der Serien von Brooks und Donaldson ist, in welchem Ausmaß Tolkiens Werk hier sichtbar ist. Brooks siedelt seine Serie in einer fernen Zukunft an, einer sterbenden, nachwissenschaftlichen Welt, doch der Protagonist, Shea, lebt im Vale (Auenland) und wird von einem großen Zauberer namens Allanon (Gandalf) aufgesucht, der ihm die Geschichte des Krieges zwischen Menschen, Zwergen und Elfen erzählt. Sheas Bestimmung ist es, ein mächtiges Artefakt zu bergen (einen Ring zu zerstören), und zwar zusammen mit mehreren Gefährten (zwei Elfen, zwei Menschen – von denen einer ein Prinz ist, der ständig seine mangelnde Prinzenhaftigkeit bedauert – sowie ein Zwerg). Das Schwert von Shannara erweckt den Eindruck, als hätte sich jemand an einem verkleinerten Modell von Der Herr der Ringe versucht. Tatsächlich schrieb Terry Brooks selbst im Jahr 2003 Folgendes :

 

... 1965 habe ich J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe gelesen und dachte, ich hätte vielleicht gefunden, wonach ich suchte. Ich wollte meine Abenteuergeschichte in einer erfundenen Welt ansiedeln, einer großen, ausgedehnten mythischen Welt wie der von Tolkien, voller Magie, die die Wissenschaft ersetzt hat, und Völker, die sich aus dem Menschen entwickelt haben. Aber ich war nicht Tolkien und verfügte weder über seinen akademischen Hintergrund noch sein Interesse an kulturellen Beobachtungen. Also ließ ich die Gedichte und Lieder weg, wie auch die Anhänge über Sprachen und Hintergrundgeschichte, die Tolkiens Werk charakterisieren. Ich würde geradlinige Abenteuergeschichten schreiben, die vorwärtspreschen und dabei immer schneller werden, bei denen man immer weiterblättern muss, bis es nichts mehr umzublättern gibt.[2]

 

Zahllose Abschnitte erinnern an Tolkien: Es gibt ein großes Tentakel-Monster in einem Teich, das über Höhlen voller Schätze wacht. Allanon kämpft über einem Abgrund mit einem bösen Wesen, und beide stürzen in ihn hinein, auch wenn Allanon überlebt. Allerdings geht das Buch anders aus und war richtungsweisend für all jene, die China Miéville die »Tolkienistas« nennt. Wo Tolkiens Helden versuchten, das Artefakt der Macht loszuwerden, kämpfen die Protagonisten bei Brooks und in unzähligen anderen Questen-Fantasy-Werken darum. Tom Shippey schrieb: »Wer Der Herr der Ringe nicht gelesen hat, hält das Buch vielleicht für höchst innovativ – aber ich bezweifle, dass viele der ursprünglichen Leser zu dieser Kategorie gehörten. Das Schwert von Shannara zeigt allerdings, dass viele Leser bei der heroischen Fantasy so sehr auf den Geschmack gekommen waren (oder sogar süchtig danach geworden waren), dass sie, hätten sie das Original nicht bekommen, jeden Ersatz genommen hätten, wie verdünnt er auch sein mochte«[3]. Von den Shannara-Büchern erscheinen immer noch Fortsetzungen, und sie haben sich von dieser unmittelbaren Imitation weiterentwickelt, aber das Vermächtnis des ersten Bandes wirkt immer noch fort.

Auf den ersten Blick schuf Stephen Donaldson etwas, das sich von Tolkien stark unterschied. Die Welt von Thomas Covenant legt es bewusst darauf an, einige der Erwartungen des Fantasy-Genres auf den Kopf zu stellen: In unserer Welt ist Thomas ein Leprakranker, geächtet, isoliert und zunehmend psychisch krank. Als er sich in einer anderen Welt wiederfindet, ist er nur schlecht auf die Rolle des Retters vorbereitet, die ihm aufgedrängt wird. Als ungläubiger Thomas begeht er Vergewaltigung und Verrat, zum Teil, weil er in dieser Welt kein Leprakranker ist und eine Erektion aufrechterhalten kann, zum Teil, weil er die Welt, in der er sich befindet, nicht für real hält – und der kleine Teil von ihm, der dies doch tut, will nicht glauben, dass er gut oder rein genug für diese Welt ist. Zu den Elementen, die an Tolkien erinnern, gehören jedoch Handlung und Schauplätze. Der Plot ist ziemlich dünn: Die Welt wird von einem dunklen Herrscher bedroht, und Thomas ist die einzige Hoffnung auf Rettung, weil er und der dunkle Herrscher mental miteinander verbunden sind. Die Schauplätze lassen sich auf Mittelerde projizieren: Am Anfang steht ein Höhlenschrat, der zu einem Talisman kommt (ähnlich wie Gollum und sein Ring), Tolkiens Ringgeister erscheinen als »Wüteriche«, Lothlorien als Schwelgenholz, und Donaldsons Riese Salzherz Schaumfolger erinnert von seiner Statur her an eine wandernde Eiche und damit an Tolkiens Ents, und ebenso wie sie beklagt er das Aussterben seiner Rasse. Die Heldin, Lena (die Frau, die Thomas vergewaltigt), wird in einer Sprache beschrieben, die elbischer Schönheit würdig ist, und, wie Michael Moorcock in Wizardry and Wild Romance darlegt, ist die Landschaft unmittelbar aus Tolkiens Werk entnommen, ist aber auch merkwürdig gedämpft: »Wüsten und Berge sind riesig und Wälder sind dicht« (S. 66); alles ist psychoaktiv, wodurch die psychische Gesundheit von Covenant und die stoffliche Gesundheit des Landes voneinander abhängen. Im weiteren Verlauf der Serie (es gibt zwei Trilogien, und der letzte Band einer abschließenden Tetralogie wurde 2013 veröffentlicht) wird die Verbindung zu Tolkien dünner. In der zweiten Trilogie begann Donaldson, die kolonialistische Politik der Portal-Fantasy zu kritisieren, und während Covenant in den ersten Bänden blind ist gegenüber dem von ihm verursachten Schmerz und Donaldson das allzu häufig zu rechtfertigen scheint, ist in den späteren Bänden Covenants Fähigkeit, das Land zu heilen, immer stärker damit verknüpft, dass er es und seine Bewohner als echt anzuerkennen vermag.

Bis in die 1970er existierten zwar viele verschiedene Typen von Fantasyliteratur, doch wurden sie nicht als separate Sub-Genres für ein jeweils unterschiedliches Publikum begriffen. Eine Ausnahme bildete möglicherweise der Markt für Gespenstergeschichten. In den 1970ern findet jedoch eine Spezifizierung statt, bei der aus bestimmten Erscheinungsformen des Genres unterscheidbare Marketing-Kategorien werden. Am Ende der Dekade drohte zumindest eine dieser Kategorien – die Questen-Fantasy »in der Tradition von J. R. R. Tolkien« – mächtig genug zu werden, um die anderen Formen zu verdrängen.

Zwei Subgenres der Fantasy, die sich in den 1970ern komplett absonderten, waren Horror und Tier-Fantasy. Die Horrorliteratur führte spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein von der Phantastik getrenntes Dasein: Selbst wenn der Schrecken übernatürliche Ursachen hat, spielt Horrorliteratur meistens in einer uns bekannten Welt und zieht daher auch Leser an, die sich nicht für fremde Welten interessieren. Horrorliteratur verhält sich außerdem eigenartig zyklisch: Ihre Popularität nimmt tedenziell zu, wenn neue Tabus ausgemacht werden, und lässt wieder nach, wenn diese ausgereizt sind. Am Anfang der 1970er erlebte die Gespenstergeschichte, die häufig um die Enthüllung von Familiengeheimnissen konstruiert wurde, einen Niedergang (die Gespenstergeschichten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts verbreiten oft eine erstaunlich häuslich-gemütliche Atmosphäre). Das Revival begann mit dem Erscheinen von Stephen Kings Carrie (1974).

Carrie stellt in mehrfacher Hinsicht einen Einschnitt dar. Erstens fungiert Sexualität hier nicht als Tabu, das schließlich zum Spuk führt, sondern wird von allen Figuren offen thematisiert. Die Verdrängung bildet hier nicht den Kontext der Handlung, sondern wird vielmehr zu ihrem eigentlichen Gegenstand. Zweitens werden Carries Kräfte dem Leser beinahe von Anfang an offenbart. Der Leser nimmt die Perspektive des allwissenden Erzählers ein, und die Stilmittel des Kriminalromans, die die Werke der Schriftsteller der 1920er und 1930er kennzeichneten, fehlen gänzlich. Drittens verwendete King eine noch relativ neue Erzählform: die Geschichte über ein reales Verbrechen. Der Text wird durch eine Reihe von Hinweisen strukturiert, die sich immer enger um die Protagonistin schließen, wodurch die Erzählung dem Leser geradezu die Luft abschnürt. Carrie ist nicht so sehr Gefangene der Geisteskrankheit ihrer Mutter, sondern vielmehr der narrativen Kausalität, die die Erwartungen der Gemeinschaft mit sich bringen.

Brennen muss Salem von Stephen King bei Amazon bestellen
Shining von Stephen King bei Amazon bestellen
Carrie von Stephen King bei Amazon bestellen

In den 1970ern schrieb King vier weitere Romane, darunter Brennen muss Salem (1975) und Shining (1977), und allein in den 1980ern zehn weitere. Viele davon wurden verfilmt, am eindrucksvollsten Carrie (Regie: De Palma [1976]) und The Shining (Regie: Kubrick [1980]). Stephen Kings Horror ist nicht immer übernatürlich, aber charakteristisch für sein Werk sind Telepathie und übernatürliche Zwänge. Am nächsten stehen der Fantasy eine Reihe von sieben Büchern mit dem Serientitel Der dunkle Turm (1982-2004), die Questen-Fantasy nach Artus-Art mit psychologischem Horror verbinden. Schauplatz ist ein feudaler US-amerikanischer Westen.

In den 1990ern dominierte Stephen King weltweit den Horror-Markt. Die Verfilmungen von Stephen Kings Büchern gaben dem Horrorfilm neuen Schwung, und Horror wurde zu derjenigen Form der Phantastik, die am ehesten auf der Kinoleinwand auftauchte. Horrorfilme lassen sich im Rückblick zwar nur schwer beurteilen, weil die Wirksamkeit der Spezialeffekte der steigenden Erwartungshaltung des Publikums zum Opfer fällt, doch der Einsatz von Horrorelementen im Film (sowohl was Drehbücher als auch was psychologische Tiefe angeht) wurde in den letzten dreißig Jahren immer anspruchsvoller und subtiler. In den Buchhandlungen ist die Lage jedoch komplizierter. Wegen Kings enormer Popularität setzten die Verlage zunächst auf Horror, doch Ende der 1990er dominierte er derart, dass die Horror-Abteilung in Buchhandlungen häufig aus etlichen Regalen King und sonst nicht viel bestand. Als eine der Konsequenzen aus dieser Entwicklung erscheint gegenwärtig einiges der besten Horrorliteratur des frühen 21. Jahrhunderts nicht mehr bei großen Verlagshäusern, sondern in erfolgreichen Kleinverlagen.

Etliche beliebte Horrorautoren begannen ihre Laufbahn in den 1970er Jahren. In den USA war das Anne Rice, deren Roman Interview mit einem Vampir (1976) zum Kultklassiker wurde; Chelsea Quinn Yarbro, deren Hôtel Transylvania (1978) der erste von zahlreichen Romanen war, in denen der aristokratische Vampir Saint-Germain auftrat; und Charles L. Grant, dessen Serie über uralte, im kleinstädtischen Connecticut wütende Übel mit The Sound of Midnight (1978) startete. Der von den Kritikern am stärksten gefeierte neue US-amerikanische Autor der 1970er Jahre ist Peter Straub. Nicht alle seiner Horror-Geschichten gehören zur Fantasy, aber aus seinem frühen Werk sind Julia (1975), Wenn du wüsstest (1977) und Geisterstunde (1979) anspruchsvolle Gespenstergeschichten. Schattenland (1980) ist die Geschichte eines Jugendlichen, der von einem Magier unter den Einfluss einer übernatürlichen Macht gebracht wird. Mit diesem Roman führte Straub eines seiner beliebten Stilmittel zur Verstörung der Leser ein, das sich auch in zwei seiner neueren Bücher findet, Haus der blinden Fenster (2003) und Schattenstimmen (2004): Beständig fragt sich der Leser, was real ist und was nicht. Peter Straub und Stephen King arbeiteten außerdem erfolgreich zusammen. Das Ergebnis war die Talisman-Serie: Der Talisman (1984) und Das schwarze Haus, das das Pech hatte, am 15. September 2001 zu erscheinen. In Straubs Werk wird deutlich, in welchem Maß Horror eine Literatur der Sprache bleibt. Auch wenn immer noch diskutiert wird, inwieweit man Horror auf den Begriff der »Affekt«-Literatur eingrenzen sollte, versteht es Straub meisterlich, zwischen den Zeilen eine Wirkung heraufzubeschwören.

Bedeutsamer für die Geschichte der Horror-Fantasy war vielleicht das Geschehen in Großbritannien. Während der 1960er schrieb Ramsey Campell durchweg Gespenstergeschichten und von Lovecraft inspirierte Erzählungen, aber in den 1970ern nahm er das allgegenwärtige Verschwörungselement auf, von dem sowohl die US-amerikanische als auch die britische Kultur infiziert worden war, und konzentrierte sich auch auf die Natur des Bösen. Campbell interessierten, sogar noch mehr als King, die Risse, die sich nach dem Rückgang der organisierten Religionen und dem Aufstieg der New-Age-Religionen in der moralischen Ordnung auftaten. Sein bekanntestes Werk aus dieser Zeit ist Die Puppen in der Erde (1976), eine Geschichte über ein böses Kind, das infolge satanistischer Riten geboren wird. Damit ähnelt die Handlung natürlich stark dem des außerordentlich populären Films Das Omen (Regie: Donner [1976]): Beide Texte entspringen vermutlich der in den 1970ern wachsenden Besorgnis über uneheliche Geburten und Promiskuität. Bei Campbell ist es jedoch stets fraglich, ob das Böse von außen kommt oder der menschlichen Natur innewohnt, und einige seiner späteren Romane beschäftigen sich mit dem Wahnsinn an sich. Aber seine stilistische Meisterschaft beschwört auf gekonnte Weise das Grauen herauf, und zwar sehr viel subtiler als sein Zeitgenosse James Herbert, dessen überdrehte Geschichten von mutierten Ratten (Die Ratten [1974]) oder einem bösartigen Nebel, der Leute in wilde Killer verwandelt (Unheil [1975]) dennoch äußerst populär waren. Der wichtigste britische Horror-Autor der 1980er, Clive Barker (der zum Schreiben kam, als sein Liverpooler Mitbürger Ramsey Campbell in seiner Schule einen Vortrag über das Schreiben von Horrorliteratur hielt), vereinte Campbells Intelligenz mit Herberts tiefsitzender Bösartigkeit. Seinen Durchbruch schaffte er 1984 mit den ersten drei seiner sechs Die Bücher des Blutes, in denen er die verschiedensten Arten von Horror auslotet. Nachdem Barker bei dem Film Hellraiser (1987) Regie geführt hatte, der auf seiner eigenen Kurzgeschichte basierte, wurde er zu einem der einflussreichsten modernen Horrorschaffenden.

Der letzte Trend der 1970er findet denkbar fern der Schrecken von Campbell und Barker statt: Gemeint ist das Revival der Tier-Fantasy. Zwischen dem Erscheinen von Der Wind in den Weiden und den 1970er Jahren betrachtete man Tier-Fantasy als reine Kinderliteratur. Bis zu einem gewissen Grad war Tier-Fantasy auch in den 1970ern noch deren Domäne. Robert C. O'Briens Frau Frisby und die Ratten von NIMH (1971) führte die Tradition mit reizenden Geschichten über Mäuse und Ratten fort, die aus einem Regierungslabor fliehen. Der erfolgreichste Kinderbuchautor, der in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren Tier-Fantasy schrieb, war jedoch kein Romanautor, sondern der Trickfilmzeichner, Puppenspieler und Drehbuchautor Oliver Postgate mit seinem Mitarbeiter Peter Firmin (Trickfilmzeichner und Modellbauer). Mit der Ausnahme von Noggin, der kleine König (1959-65), einer Geschichte über nordische Helden, in der ein vermenschlichter Kormoran vorkam, handelt es sich bei Postgates gesamtem Werk um anthropomorphische Fantasy. Ivor the Engine lief 1959 und dann erneut in den Jahren 1975 bis 1977; The Clangers, über kleine gestrickte Wesen, die auf einem Mond leben, lief von 1969 bis 1974; und Bagpuss (»eine alte Stoffkatze, ziemlich ausgebeult und mit etwas lockeren Nähten«, die einen Trödelladen führt), im Fernsehen zwischen 1974 und 1999 zu sehen, kam bei einer Umfrage der BBC über die beliebtesten Kindersendungen auf den ersten Platz. Zwei Bücher veränderten jedoch zu Beginn der 1970er Jahre die Sichtweise der Leser: Richard Bachs Die Möwe Jonathan (1970) ist eine New-Age-Allegorie über eine Möwe, die sich über die Zankereien ihrer täglichen Existenz erheben will und an ihre Grenzen geht, um mehr über die Möglichkeiten des Fluges zu erfahren. Eines Tages begegnet Jonathan zwei Möwen, die ihn auf eine höhere Ebene führen. Bis 1972 verkaufte sich dieses Buch über eine Million mal, und 1973 folgte die Verfilmung. Die Popularität dieser Erzählung geht eindeutig eher auf ihren »Gehalt« zurück als auf den Status als Tier-Fantasy, ein Aspekt, der möglicherweise den noch überraschenderen Erfolg von Richard Adams' Unten am Fluss (1972) erklärt.

Einerseits ist Unten am Fluss schlicht die Geschichte einer Sippschaft Kaninchen auf der Suche nach einer neuen Heimat. Als anthropomorphische Fantasy brachte das Buch zweifellos ein ganzes Subgenre hervor, mit etlichen längeren Serien wie William Horwoods Der Stein von Duncton (1979), Brian Jacques' Redwall-Saga (1986-2011; Mäuse und Ratten, aber in einem mittelalterlichen Setting), Tad Williams' Traumjäger und Goldpfote (1985; Katzen) und Gabriel Kings Die goldene Katze (1999; noch einmal Katzen). Um zu vermitteln, in welchem Ausmaß sich daraus ein eigenes Genre entwickelte, zitieren wir hier aus dem Google-Text zu Die goldene Katze: »In der großen erzählerischen Tradition von Unten am Fluss und Traumjäger und Goldpfote liegt hier ein Epos voller Abenteuer und Gefahr, Heldentum im Angesicht unüberwindlicher Hindernisse und Liebe und Kameradschaft unter außergewöhnlichen Tieren vor.« Was solche Bücher von Der Wind in den Weiden und anderer Tier-Fantasy vor den 1970ern unterscheidet, ist ihr Bemühen um biologische und ökologische Korrektheit – das ist sogar dann der Fall, wenn die Tiere wie bei Jacques kleine Aliens in einer Fantasy-Welt zu sein scheinen. Hier geht es nicht darum, willkürlich eine Kröte in den englischen Landadel zu verpflanzen.

Unten am Fluss ist eine Questen-Fantasy und außerdem ein ausgesprochen mystischer Text. Die Kaninchen der Geschichte haben ihre eigene Religion und Kultur, und in das epische Abenteuer sind zutiefst philosophische Momente eingestreut. Die Struktur des Buchs entspricht dem griechischen Konzept des Heldentums: Es gibt eine Herkules-Figur, einen Apollo und einen Odysseus. Als Botschaft wird vermittelt, wie notwendig alle diese Elemente für die Psyche sind. Die Gemeinschaften, auf die die Kaninchen auf ihrer Suche nach einer Heimat stoßen, haben jeweils den Fehler gemacht, sich auf nur eines dieser Attribute zu konzentrieren. Die starke Konzentration auf die Realität des Kaninchen-Daseins rettet das Buch vor jeglicher Putzigkeit, von der Bedrohung durch Kaninchenpest (die erst in den 1970ern zurückging) bis zur Zerstörung von Kaninchenhöhlen durch Gas oder Planierung für Bauprojekte. Eine scheinbar »utopische« Kaninchen-Gemeinschaft erweist sich als eine Kaninchenschar, die zum menschlichen Verzehr gezüchtet wird. Dass Kaninchenfleich auch nach dem Rückgang der Kaninchenpest nicht auf den britischen Speiseplan zurückkehrte, hängt womöglich mit dem Erfolg von Adams' Buch und dem gleichnamigen Trickfilm aus dem Jahr 1978 (Regie: Martin Rosen) zusammen.

 Tier-Fantasy ist immer noch populär, aber nicht alle Autoren nehmen ihre Prämissen widerspruchslos hin. Michael de Larrabeitis kontroverse Borribles-Trilogie (1976-86) ist zwar keine echte Tier-Fantasy, dennoch handelt es sich dabei um einen direkten Nachfolger von The Borrowers. In Aufbau und Stimmung hat es jedoch mehr Ähnlichkeit mit Büchern wie Unten am Fluss. In den Borribles-Büchern wachsen wilde Kinder auf den Straßen von London spitze Ohren, und sie leben heimlich in Kolonien zusammen. Sie finden hier Erwähnung, weil die Borribles, wie ihr Name nahelegt, stark an die äußerst schlecht erzogenen Wombles erinnern. Tatsächlich ist diese Parallele vom Autor beabsichtigt: Die Feinde der Borribles im ersten Buch heißen Rumbles, und bei ihren Namen handelt es sich um leicht veränderte Versionen der Namen der Wombles. Sie werden allesamt abgeschlachtet. Die Borribles sind dürre, zähe Diebe – antiautoritär und unglaublich bedrohlich. Viele Kritiker fassten das Buch als reine Tiergeschichte auf, denn es als Kritik an den innerstädtischen Zuständen zu begreifen, wäre allzu unbequem gewesen. Eine neuere Tier-Fantasy, in der möglicherweise deutlich wird, wie sehr sich das Konzept fürs Erste abgenutzt hat, ist das sardonische Maurice, der Kater von Terry Pratchett (2001), in dem eine sprechende Katze und eine Schar sprechender Ratten mit einem »einfältig wirkenden Jungen« von Stadt zu Stadt ziehen und »den Rattenfänger-Trick« durchexerzieren.

Wie wir geschildert haben, besteht die wichtigste Entwicklung der 1970er Jahre in der Aufspaltung der Fantasyliteratur in diverse Stränge, während man Anfang des Jahrzehnts noch davon ausgehen konnte, dass die Fans viele unterschiedliche Arten von Fantasy lasen. Im weiteren Verlauf des Buches soll gezeigt werden, inwiefern diese Stränge so dicht beieinander verliefen, dass man die Fantasy trotzdem noch als ein literarisches Geflecht ansehen kann. 


[1] Ein Verhandlungsspiel zwischen zwei Personen, bei dem drei Ergebnisse möglich sind. Zwei Gefangene werden isoliert festgehalten: Entweder beide gestehen und werden bestraft; beide weigern sich zu gestehen und entkommen; oder einer gesteht und der andere bleibt standhaft, was dazu führt, dass nur der nicht Standhafte bestraft wird. Dieses Spiel bildet die Grundlage aller späteren Logik-und Verhandlungsspiele und kommt sehr oft bei internationalen Verhandlungen zum Tragen.

[2] Terry Brooks, Sometimes the Magic Works: Lessons from a Writing Life (New York, 2003), S. 188.

[3] Tom Shippey, J. R. R. Tolkien: Author of the Century, S. 320.

Über die Serie "Eine kurze Geschichte der Fantasy"

Fantasy ist, obwohl Literaturkritiker wie Akademiker dies gerne ausblenden, das einfluss- und erfolgreichste Genre des 21. Jahrhunderts. Einige der frühsten Bücher unserer Kultur, darunter das Gilgamesch-Epos und die Odyssee, handeln von Ungeheuern, Wundern, phantastischen Reisen und Magie. Gegenwärtig reicht das Spektrum der Fantasy von weltweit rezipierten mehrbändigen Serien bis zu anspruchsvollsten Nischenpublikationen.

Die vorliegende Einführung stellt das Genre in den Zusammenhang der euröpäischen Literatur, erzählt seine Geschichte von den Anfängen bis zu den Highlights der modernen Fantasy im 21. Jahrhundert und widmet sich in ihren Hauptkapiteln der Zeit seit Tolkiens Herr der Ringe, vom Fantasy-Boom der 70er und 80er Jahre über den Erfolg der Harry Potter-Serie bis hin zu aktuellen Entwicklungen.


---

Deutsch von Simone Heller

 

© 2012 by Libri Publishing

Erstveröffentlichung 2009 in der Middlesex University Press

Die erweiterte Ausgabe erschien 2012 bei Libri Publishing

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2017 by Golkonda Verlag GmbH

Mit freundlicher Genehmigung von AutorInnen und Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten



Farah Mendlesohn
hat − unter anderem − mit Rhetorics of Fantasy eines der klügsten Bücher über ein Genre verfasst, das von Akademikern nur selten mit dem nötigen Ernst und den nötigen Kenntnissen behandelt wird. Zu ihrer Internetseite geht es hier.

 

Edward James ist − unter anderem − der Herausgeber des maßgeblichen Cambridge Companion to Fantasy Literature, eines Handbuchs, in dem sich Schriftsteller, Kritiker und Akademiker auf allerhöchstem Niveau mit den unterschiedlichsten Aspekten des Genres befassen. Im Internet ist er hier vertreten. 

Share:   Facebook