Interview mit Autor Bernd Perplies

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INTERVIEW

„Der Roman ist meine Version von Moby Dick - mit Drachen“: Interview mit Bernd Perplies


Drachen in Wolkenmeeren, die wertvolle Perlen in sich tragen. Ein junger Held, der bei einem eigenwilligen Kapitän anheuert und die größten Abenteuer seines Lebens erlebt – das ist „Der Drachenjäger“ von Bernd Perplies. Wir freuen uns mit ihm eine kurze Reise durch das Meer der neugierigen Fragen zu machen.


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TOR ONLINE: Drachen scheinen es dir ganz schön angetan zu haben – "Drachengasse 13",  "Imperium der Drachen", nun "Der Drachenjäger". Wie kam es dazu? Was fasziniert dich so sehr an diesen Geschöpfen?

Bernd Perplies: Spontan würde ich sagen, es ist eigentlich reiner Zufall, dass sich Drachen so hartnäckig durch mein Werk ziehen. „Drachengasse 13“ war einfach ein schöner Straßenname und Reihentitel, wie mein Mitautor Christian Humberg und ich damals dachten. Wir schufen dann passend dazu eine Schule für die Flugdrachen der Stadtgarde, die am Ende dieser Straße liegt. „Imperium der Drachen“ entstand dagegen aus der verrückten Idee eines Romans namens „Drachen vs. Dämonen“ (angelehnt an den T.-S.-Orgel-Roman mit dem unglaublichen Titel „Orks vs. Zwerge“). Es sollte um den brutalen Kampf zwischen den mächtigsten Geschöpfen der Fantasy gehen, wobei das Konzept im Laufe der Zeit immer epischer wurde und schließlich in „Imperium der Drachen“ gipfelte. „Der Drachenjäger“ ist meine Fantasy-Version des Klassikers „Moby Dick“. Die Drachen haben also eine jeweils völlig andere Funktion im Roman.

Wenn ich länger darüber nachdenke, kann ich allerdings eine gewisse Faszination für diese Wesen nicht leugnen. Drachen sind die Krone der fantastischen Schöpfung. Als Verbündete sind sie älter und weiser als jeder Elfenkönig, als Feinde grauenvoller und mächtiger als jeder Schwarzmagier. Welche Rolle derart gewaltige Kreaturen in einer Welt einnehmen können, scheint – wenn ich bis zu meinem Debütroman „Tarean“ zurückblicke – eine Frage zu sein, die mich irgendwie beschäftigt.

Hast du andere Bücher oder Filme als Vorbilder genommen? Welche sind deine persönlichen Favoriten?

Für „Der Drachenjäger“, nein – also abgesehen von der grundlegenden Idee des „Moby Dick“-Romans: Ein Mann jagt eine Bestie, die ihm furchtbares Leid zugefügt hat, und vergisst darüber jedes Maß. Darüber hinaus hat sich das Setting aus dieser Idee entwickelt. Wenn Moby Dick ein Drache wäre, müsste die Pequod ein Flugschiff sein, der Ozean ein Wolkenmeer, alle Inseln schwebende Felsen und alle Meeresfauna wäre Himmelsgetier.

Bücher, in denen Drachen eine so prominente Rolle spielen, wie in meinem Roman, habe ich noch nie gelesen. Und der einzige Film, den ich kenne, der den Kampf gegen Drachen halbwegs ernsthaft verfolgt, „Herrschaft des Feuers“, hatte weder die Zeit noch das Budget, um seine Idee ordentlich zu erzählen. 

Beschreibe uns doch bitte den Drachen, dem du gerne mal im echten Leben begegnen würdest.

Wenn möglich, würde ich vermeiden, überhaupt einem Drachen zu begegnen. Ich finde die Vorstellung eines Geschöpfs, das einen mit einer beiläufigen Geste oder einem feurigen Husten umbringen kann, eher beängstigend, selbst wenn wir davon ausgehen, dass es im Grunde friedlich ist. Am ehesten könnte ich wohl die Begegnung mit einem so gutmütigen Wesen wie dem Glücksdrachen Fuchur aus „Die unendliche Geschichte“ oder der Drachendame „Saphira“ aus „Eragon“ genießen. Aber so richtig etwas anzufangen wüsste ich selbst mit diesen nicht. Ich bin nicht schwindelfrei, könnte also kaum auf ihnen reiten, und die Lebenshaltungskosten für ein solches Haustier sind der schiere Wahnwitz.

Im Drachenjäger spielen schwebende Kristalle, sogenannte Kyrilliane, eine entscheidende Rolle. Das ist ja schon irgendwie abgefahren, wie die ganze Felsen fliegen lassen. Wie bist du auf diese Idee gekommen? Es hätte ja auch irgendein Gasgemisch oder so sein können …

Die Idee geht auf meine „Tarean“-Trilogie zurück, in der ich das Volk der Nondurier und ihre Flugschiffe entwickelte. Mir schwebten damals – pun not intended – tatsächlich fliegende Schiffe vor, mit großen Segeln oben, an den Seiten und auch unter dem Rumpf. Ein Traggas hätte völlig andere Gefährte zur Folge gehabt, eher zeppelinartig, und das wäre mir zu sehr in Richtung Steampunk oder Steamfantasy gegangen. Die magischen Kyrilliane passten besser in das Fantasy-Setting. Dass sie an der Unterseite schwebender Felsen wachsen, war dann ein Konzept, das von den schwebenden Felsbrocken des Films „Avatar“ inspiriert wurde. Die Kristalle, der Bedarf an Inseln im Wolkenmeer … das passte einfach alles gut zusammen.

Die Leser wollen einen neuen Perplies-Roman, und den werden sie natürlich auch bekommen. Aber gibt es irgendetwas, das anders ist als sonst? Was macht den Roman für dich persönlich so besonders?

„Der Drachenjäger“ ist aus zwei Gründen ein wichtiger Roman für mich. Zum einen markiert er nach langer Abstinenz meine Rückkehr zur High-Fantasy. Ich habe mich in vielen Subgenres der Phantastik herumgetrieben, habe SF geschrieben, Steampunk, eine dystopische Trilogie und Antik-Fantasy. Jetzt bin ich wieder in der Zeit und Welt, die ich am Ende von „Tarean – Ritter des Ersten Lichts“ verlassen habe – und das fühlt sich sehr gut an.

Zum zweiten ist diese Rückkehr ganz wörtlich zu nehmen. Obwohl „Der Drachenjäger“ ein in sich vollkommen geschlossener Roman ist, habe ich während der Entwicklung bereits entschieden, endlich konsequent die Idee einer größeren Welt voranzutreiben. Viele Autoren haben ihre Universen, in denen sie zahlreiche ihrer Werke ansiedeln. Bei mir herrschen bislang eher subtile Querverweise zwischen den Romanen vor, kleine Easter Eggs für Eingeweihte, etwa wenn in „Imperium der Drachen“ in einem Nebensatz eine Kreatur auftaucht, die es auch in „Tarean“ gab.

Diese Heimlichtuerei lege ich nun ganz offen ab. Es gibt Taijirin und Nondurier in „Der Drachenjäger“, zwei Völker, die ich in meiner „Tarean“-Trilogie eingeführt habe. Außerdem leben Sidhari am Ufer des Wolkenmeers, die ich den „Imperium der Drachen“-Romanen entliehen habe. All diese genannten Werke teilen sich dieselbe Welt, bloß tragen sich die erzählten Geschichten zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten zu. Insofern ist „Der Drachenjäger“ für mich ein Wendepunkt in meiner Autorenlaufbahn, dessen Folgen noch über Jahre hinweg spürbar sein werden.  

Du schreibst ja nicht nur Fantasy, sondern auch Science Fiction – Perry Rhodan, Star Trek Prometheus, … Unterscheidet sich die Arbeit an den beiden Genres hinsichtlich Schreibverhalten, Recherchen etc., und falls ja, inwiefern?

Jain. Im Grunde ist ein Roman ein Roman und ich gehe einen wie den anderen an. Natürlich unterscheidet sich die Art der Recherche. Wenn ich einen Roman schreibe, der zu so gewaltigen Media-Universen wie „Perry Rhodan“ oder „Star Trek“ gehört, hat man eine Unmenge an Material, das bereits existiert. Man kann sich darauf stützen, was hilfreich ist, aber man muss auch darauf achten, was einiges an Detailrecherche erfordert. Aber ob ich nun für einen Fantasy-Roman in Büchern über Drachen und Seefahrt schmökere oder mich für einen SF im Internet über Sonnensysteme und planetare Ökosysteme informiere – das macht wenig Unterschied.

Erinnere dich an deine schriftstellerischen Anfänge zurück. Wenn eine Zeitmaschine erfunden würde, die es dir ermöglicht, alles, was dein Autorsein angeht, ändern zu können – sei es die Arbeit an einem Text, die Suche nach einem Verlag oder was auch immer –, was würdest du mit deiner heutigen Erfahrung anders machen?

Oh, es sind gewiss einige Dinge in meiner Karriere als Autor nicht so gelaufen, wie ich es mir gewünscht hätte. Meine „Carya“-Trilogie hat sich beispielsweise furchtbar schlecht verkauft, obwohl ich sie von Aufmachung und Inhalt für eines meiner schönsten Werke halte. Und einmal von Dennis Scheck in den Mülleimer geworfen zu werden, steht für mich auch noch aus. Aber ich weiß nicht, ob meine Karriere anders oder besser verlaufen wäre, wenn ich hier oder da eine andere Entscheidung getroffen hätte. Hätte ich „Carya“ unter weiblichem Pseudonym schreiben sollen? Hätte ich „Tarean“ damals an Bastei Lübbe statt Egmont verkaufen sollen? Hätte ich überhaupt vielleicht lieber Krimis statt Fantasy verfassen sollen? Jeder Autor kann seine Geschichten erzählen, was Scheitern und Erfolge angeht. Ich habe für meine Romane mehrere Preise gewonnen und war noch häufiger nominiert. Ich konnte in den letzten Monaten gleich zwei Werke im angloamerikanischen Markt platzieren. Ich durfte als erster nicht-englischsprachiger Autor überhaupt zum 50-jährigen Franchise-Jubiläum einen offiziellen „Star Trek“-Roman – bzw. eine ganze Trilogie – schreiben. Unterm Strich kann ich daher wohl ganz zufrieden sein.

Und überhaupt, wie bist du eigentlich zu einem Verlag gekommen? War es sehr schwierig oder hast du es gleich beim ersten Versuch geschafft?

Das gehört wohl auch zu den Erfolgen meiner Laufbahn. Ich schrieb meinen Debütroman „Tarean – Sohn des Fluchbringers“ seinerzeit, um am Wolfgang-Hohlbein-Preis des Ueberreuter-Verlags teilzunehmen. Dort bin ich in der Vorrunde rausgeflogen. Doch war das ein Rückschlag? Nein, es war letztendlich ein Segen, denn ich fand mit dem fertigen Text sofort eine Agentur und ein halbes Jahr später hatte ich drei Verlagsangebote und letztlich war „Tarean“ auf diese Weise schneller auf dem Markt, als er es gewesen wäre, wenn ich mich gegen die Unmenge an Konkurrenten beim Hohlbein-Preis durchgesetzt hätte.

Dich trifft man ab und zu auf Cons an. Besuchst du die lieber privat oder siehst du sie als Netzwerktreffen?

Tatsächlich fahre ich kaum privat auf Cons. Ich habe Familie, ich kann nicht jedes zweite Wochenende durch Deutschland reisen, um in Bürgerhäusern und Hotels andere Phantasten zu treffen. Aber ein paar Termine im Jahr – etwa der BuCon bei Frankfurt oder die Buchmesse Leipzig – sind natürlich Pflicht, um Kollegen zu treffen, die man sonst nicht sieht. Die Phantastik-Szene ist ja klein und familiär, sodass es immer wieder eine Freude ist, Machern und Lesern zu begegnen.

Was würdest du einem Jungautor raten, welche Tipps kannst du geben?

Denk genau darüber nach, welchen Weg du als Autor gehen willst – und plane entsprechend. Als „Hobby-Autor“, der neben dem Brotjob ein Buch pro Jahr schreibt, hast du beispielsweise ganz andere Freiheiten als wenn du ein „Berufsautor“ sein willst, der vom Schreiben (und vielleicht Lektorieren oder Übersetzen) leben will. Es gibt auch unterschiedliche Herangehensweisen an die eigene Karriere. Man kann sich z.B. „hocharbeiten“, indem man mit Kurzgeschichten in Anthologien, mit Heftromanen oder Romanen bei Kleinverlagen beginnt und dann seine Texte und Kontakte sukzessive ausweitet. Oder man plant gleich sein „ganz großes Werk“ und geht den Weg über eine Literaturagentur zu den größten Publikumsverlagen. Dieser Weg ist sicher riskanter und kann mit viel Frustration einhergehen, aber wenn er funktioniert, kürzt man seinen Weg zum Berufsautor natürlich drastisch ab.

Vom Self-Publishing rate ich ab. Natürlich hat man dabei die volle Kontrolle über sein Projekt. Man muss keine Kompromisse eingehen. Das hat seinen Reiz. Andererseits trägt man das ganze finanzielle Risiko und macht, zumindest wenn man vorab Geld in Lektorat, Satz und Coverillustrator gesteckt hat, womöglich Verlust bei dem Geschäft. Zumal sich kaum ein Buchladen für Self-Publisher interessiert. Hier läuft alles über das Internet oder den Standverkauf auf Conventions.

Wie lange brauchst du so im Durchschnitt, bis ein Buch fertig geschrieben ist?

Drei Monate. Bei Kinderbüchern geht es natürlich schneller. Recherche und Projektplanung können auch schon früher anfangen, aber was die reine Schreibzeit angeht, versuche ich stets, binnen eines Vierteljahres fertig zu sein. (Alles andere wäre mehr oder minder unrentabel. Auch als Autor will ich ja ein gewisses Monatsgehalt verdienen – und solange ich nicht in Bestseller-Gefilden operiere, reicht ein Buch pro Jahr einfach nicht aus.)

Warst du schon einmal in der Situation, dass du beim Schreiben einfach nicht weitergekommen bist? Und wie bist du da wieder rausgekommen?

So etwas kommt natürlich mal vor. Mal hakt es an einem Kapitel, mal hakt es bei der Stoffentwicklung. Die einfache Lösung lautet, ein oder zwei Tage an einem anderen Projekt weiterzuarbeiten. Dadurch kommt man auf andere Gedanken und das löst das Problem manchmal von ganz allein. Die Brute-Force-Methode ist, sich Wort für Wort, Satz für Satz weiterzukämpfen, bis man sich durch die Engstelle gezwängt hat und der Schreibfluss wieder hergestellt ist.

Schreibst du einfach drauf los, oder machst du dir zuvor einen detaillierten Plan?

Ich fertige vor jedem Schreiben ein Kapitelexposé an, das in wenigen Zeilen festlegt, was während jedes Kapitels passieren und wohin sich der Roman entwickeln soll. Ich glaube, anders kann man ein mehrere hundert Seiten umfassendes Werk überhaupt nicht durchziehen. Man würde irgendwo in der Mitte den Handlungsfaden verlieren. Allerdings lasse ich mir genug Freiheiten, um schöne Detailideen noch im Verlauf des Schreibprozesses einzufügen. Das Exposé ist ein Hilfsmittel, kein Korsett.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf bei dir aus, wenn du an einem neuen Buch schreibst?

Der ideale Tagesablauf sieht so aus. 8 Uhr aufstehen. 9 bis 12 Uhr schreiben. Eine Stunde Mittagspause. 13 bis 17 Uhr schreiben. Feierabend. Die Realität entspricht dem leider kaum, denn der obige Tagesablauf sieht weder Alltagsablenkungen wie Hausputz, Einkaufen, Amts- oder Arztbesuche vor noch all die Bürokratie rund ums Autorensein, etwa Druckfahnen prüfen, Emailverkehr, Pressearbeit und Steuerkram. Die besten Schreibphasen habe ich daher meist zwischen 20 und 1 Uhr am Abend, wenn der Rest der Welt den Arbeitsplatz verlassen hat und nichts mehr von mir will.

Wie gehst du damit um, wenn du mal eine nicht so positive Kritik liest?

Ich differenziere hier: Gut begründete Kritik schaue ich mir genau an und behalte sie im Hinterkopf für kommende Schreibprojekte. Kritik, die auf persönlichem Geschmack basiert, nehme ich hin, ohne mir dabei viele Gedanken zu machen. Kein Autor der Welt kann es allen Lesern recht machen. Das ist unmöglich. Über 1-Sterne-Hater, die womöglich nicht mal den Text verstanden haben, ärgere ich mich. In dem Moment bin ich immer wieder verführt, Kontra zu geben. Aber es ist nicht mein Job als Autor, mich vor solchen Menschen zu rechtfertigen. Mit etwas Glück finden sich andere Leser, die derartig unqualifizierte Meinungsäußerungen als das entlarven, was sie sind. Glücklicherweise muss ich mich nicht oft über solche Kritik ärgern. Die meisten Meinungen zu meinen Romanen fallen doch erfreulich positiv aus. 

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