Freie Geister – Große Science-Fiction von Frauen - Judith Vogt

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Freie Geister – Große Science-Fiction von Frauen


Am Ende des letzten Artikels zum Thema legendäre Science-Fiction habe ich darüber nachgedacht, dass es gefühlt wenig Science-Fiction Autorinnen gibt. Ja, gefühlt – denn es gibt sie durchaus, aber wenn man über ältere Science-Fiction nachdenkt, fallen einem vornehmlich Männernamen ein – und das trotz Mary Shelley und ihrem Frankenstein und der moderne Prometheus. Mit diesem Briefroman schuf Shelley den Archetypen des künstlichen Menschen. Und der ist niemals out, wenn man einen Blick Richtung Westworld oder die Fortführung von Blade Runner wirft (als Hommage heißen übrigens auch die Automatenmenschen in meinen beiden Steampunkromane „Shellys“).

Science-Fiction gilt trotz der Urahnin Shelley als Männerdomäne, nach wie vor darf man sich anhören, dass Frauen nicht gern „Technisches“ lesen, dass die Science vor der Fiction weibliche Leser abschreckt. Da kann man nun natürlich die Gegenfrage stellen: Ist Science-Fiction tatsächlich immer techniklastig in einem Maße, dass es auf alle ohne Maschinenbaudiplom abschreckend wirkt?

Wieviel Science-Fiction ist denn überhaupt technische Spekulation, und wieviel ist in die Zukunft gerichtetes Gedankenspiel?

Visionen der Zukunft

Wegweisende Science-Fiction aus weiblicher Feder beschäftigt sich häufig mit der Frage, ob wir jemals in einer wahrhaft gleichberechtigten Gesellschaft leben werden. Von da aus zweigen viele Fragen ab: Wie wird eine zukünftige Gesellschaft mit Kindern umgehen? Ist eine Zivilisation ohne Männer denkbar oder erstrebenswert?

Frauen zeichnen dabei die Zukunft nicht zimperlicher als ihre männlichen Kollegen. Durch die weibliche Perspektive birgt die Dystopie Der Report der Magd (The Handmaid’s Tale) von Margaret Atwood Abgründe, die auf sehr unbehagliche Weise an die Wunschträume so mancher republikanischer Politiker erinnern, wie dieses Video beweist.

Auch P.D. James ist Im Land der leeren Häuser (The Children of Men) von Gedanken um Fremdbestimmung, Überwachung und Fortpflanzung umgetrieben. Was wäre, wenn wir nicht mehr in der Lage wären, uns fortzupflanzen? Wie schnell würde die Gesellschaft niedergehen, wenn ihr jede Perspektive fehlt?

Das bereits in einem Vorgänger-Artikel erwähnte Lagune von Nnedi Okorafor beleuchtet unsere westlich geprägten Science-Fiction-Narrative aus einer anderen Perspektive und fügen einer nahen Zukunft faszinierende Elemente anderer Kulturen hinzu. Auch die anderen Romane von Okorafor sind empfehlenswert, jedoch zurzeit nur auf Englisch erhältlich.

Weit entfernte Planeten aus Frauenfeder

Doch auch Autorinnen verlassen die Erde und machen sich auf den Weg in andere Galaxien: Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten habe ich bereits in meinem ersten Science-Fiction-Artikel erwähnt – eine leichte, optimistische und gut durchdachte Space Opera, die dank Crowdfunding zum verdienten Erfolg und auch zur Verlagsveröffentlichung gelangt ist. Im Herbst erscheint mit Zwischen zwei Sternen der zweite Roman im gleichen Universum bei Fischer TOR.

 

Fantasy-Altmeisterin Ursula K. LeGuin hat mit Die linke Hand der Dunkelheit eine Welt erschaffen, die nur ein Geschlecht kennt, und denkt sich demzufolge all die Konflikte, Vorurteile und Machtkämpfe, die mehrere Geschlechter mit sich bringen, weg. Doch auch diese Gesellschaft ist nicht eitel Sonnenschein, denn es gibt andere Formen von Macht. LeGuin setzt sich gekonnt mit der „Was wäre wenn“-Frage auseinander.

Alice Sheldon, die unter dem Pseudonym James Tiptree, Jr. schrieb, erschuf gleich mehrere hochphilosophische Werke um Existenz und Bewusstsein, beispielsweise Die Mauern der Welt hoch. Der James-Tiptree-Jr.-Award wird alljährlich für Werke der Science-Fiction und Fantasy verliehen, die Geschlechterrollen aufbrechen, untersuchen und erweitern. 

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Ohne Schublade

Bei manchen Büchern stellt sich die Frage nach dem Genre. Die Luna-Chroniken von Marissa Meyer sind ein Beispiel dafür. Sie greifen Märchen auf und bringen diese in einer nahen, cyberpunkartigen Zukunft in eine neue Form.

Isobelle Carmodys Obernewtyn wirft Leserinnen und Leser in eine Zukunft, die zugleich Vergangenheit ist: Nach einem nuklearen Holocaust ist die Menschheit in eine Art mittelalterlichen Zustand zurückgefallen, doch es gibt Kinder mit „Abweichungen“, übernatürlichen Begabungen oder Visionen, die aussortiert und umerzogen werden. Obernewtyn ist ein solcher Umerziehungsort – doch er birgt Geheimnisse aus der Vergangenheit, die unsere Gegenwart ist.

Auch Marion Zimmer Bradleys Darkover-Zyklus ist ein Genre-Mischmasch. Zu Beginn steht ein Absturz auf einem lebensfeindlichen Planeten, doch die Zerstörung des Computers, um eine technikgläubige Gesellschaft zu verhindern, und die Entwicklung telepathischer Fähigkeiten legen den Grundstein für Erzählungen, die Science-Fiction und Fantasy verschwimmen lassen.

Auch Steampunk ist ja so ein Mischgenre, und da ich letztens noch im „Fantasy für Frauen“-Artikel darüber geschrieben habe, belasse ich es jetzt bei einer – sehr lesenswerten – Randnotiz: Cherie Priests Boneshaker entwirft eine alternative Vergangenheit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, in dem die Bewohner Seattles von einem Gas ihrer Seele beraubt werden.

 

Mehr Science-Fiction jenseits der Genres:

Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden

Octavia E. Butler: Kindred - Verbunden 

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Frauen in SF-Franchises

Weil dieser Text von mir ist, und ich des Themas Star Wars niemals müde werde, schaue ich also auch diesmal wieder in die Vergangenheit einer weit, weit entfernten Galaxis. Da tut sich im Moment einiges. Jahrzehntelang haben die Gatekeeper des männlich dominierten SF-Nerdtums behauptet, es gäbe keine ernstzunehmenden weiblichen Fans. Blind gehorcht haben Merchandise-Firmen, die ihre Produkte und Werbung primär auf Männer und Jungs ausgerichtet haben. Unter der George-Lucas-Nachfolgerin Kathleen Kennedy ist es damit aus und vorbei. Unter den Trailer der neuen Miniserie Forces of Destiny, die sich den weiblichen Ikonen von Star Wars widmet, fragte kürzlich ein Kommentator: „Wait, is this for girls?“ und der offizielle Star-Wars-Account gab schlagfertig zurück: „This is Star Wars. It‘s for everyone.“

Getreu dieser Devise sind auch nicht wenige weibliche Schreiberlinge in die Reihen der Star Wars-Romanautoren eingetreten, unter anderem die nicht zu Unrecht hochgelobte Claudia Gray. Gray hat bereits den Young Adult-Roman Verlorene Welten vorgelegt und hat danach den Politthriller Blutlinie verfasst, eine Art House of Cards aus Leias Sicht.

Weitere Franchise-Autorinnen:

Christie Golden ist das Alround-Talent unter den Franchise-Autorinnen und schrieb Science Fiction vor allem für Star Trek, Star Wars und Starcraft.
Karen Traviss schrieb bislang für Gear of War, Halo und Star Wars
Diane Carey schrieb über 30 Star Trek-Romane
Lisa Smedman schrieb Romane für zahlreiche große Rollenspielsysteme, unter anderem Shadowrun.

Nur im Original erhältlich oder vergriffen …

… ist leider ein Schicksal, das viele Science-Fiction-Bücher von weiblichen Autoren trifft. Selbst die Nobelpreisträgerin Doris Lessing ist da keine Ausnahme: Ihr Shikasta ist nur noch gebraucht erhältlich. Hat das etwas damit zu tun, dass Nobelpreisträgerin und Science-Fiction ein Gegensatz zu sein scheint? Die gebürtige Iranerin Lessing entrollt mit Shikasta jedenfalls ein SF-Panorama, das alttestamentarisch erscheint und von Lehren des Sufismus inspiriert wurde.

Pat Cadigans Synder ist ein Fundamentstein des Cyberpunk-Genres – aber leider ebenfalls vergriffen.

Eine Weile entfernt (The Female Man) von Joanna Russ ist zugleich feministische Zukunftsvision und Satire – vier Frauen aus vier Parallelwelten müssen erkennen, wie sehr sie die Definition von Frau-Sein und Weiblichkeit der jeweils anderen drei befremdet.

Von Science-Fiction-Veteranin Nancy Kress, die fünfmal den Nebula-Award und zweimal den Hugo erhielt, ist kein einziger Titel mehr auf Deutsch lieferbar. Sie beschäftigt sich in ihren Romanen vornehmlich mit Near-Future-Technologie.

Auch von Kate Wilhelm sind im Deutschen nur noch alte Ausgaben übrig: Die Autorin schreibt bereits seit den 70ern über die Themen Militarismus und Krieg, ökologische Katastrophen und die Frage nach unserer Menschlichkeit.

Kameron Hurleys Romane sind gar nicht auf Deutsch erschienen, von Elizabeth Moon nur sehr wenig, und so muss sich die geneigte Leserin, der geneigte Leser an den englischen Versionen der preisgekrönten Autorin versuchen.

Immerhin sind einige Romane als „ebook-only“ erhältlich, so zum Beispiel die Company Kriege von Carolyn J. Cherryh, die Heyne in ein neues Gewand gebracht hat.

 

Das Thema „Frauen in der Science-Fiction“ habe ich mit diesem Artikel natürlich nicht ausgeschöpft. Welche Autorinnen, packenden Bücher, interessanten Zukunftsvisionen oder faszinierenden Planeten vergessen? Ich bin immer dankbar für Lesetipps – in den Kommentaren oder auf Twitter! (@judithcvogt)

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