Wenn die Handlung Haken schlägt – Plot Twists gegen alle Erwartungen

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Wenn die Handlung Haken schlägt – Plot Twists gegen alle Erwartungen


Die meisten von uns lieben einen guten Plot Twist. Wir versuchen zu erraten, wo die Handlung uns hinführen wird, aber wenn dann doch eine unerwartete Wendung auftaucht, freut uns das. Es erregt uns, es überrascht uns und es bringt uns dazu, unsere Annahmen über die Charaktere und die Geschichte noch einmal zu überdenken.  Und doch gibt es einige Wendungen, die uns stärker beeindrucken als andere, weil sie noch weit mehr erreichen als uns nur in eine etwas andere Richtung zu bringen, als die erwartete: sie brechen mit den Regeln. Keine echten Regeln, klar, aber welche in unserem Kopf, unausgesprochene, die wir über die Jahre erlernt haben, in denen wir Fantasy gelesen haben.

Wendungen, die sich an die Regeln halten machen immer noch eine Menge Spaß, aber diejenigen, die mit den Regeln brechen und unsere Erwartungen an das Genre unterlaufen, die sind besonders schockierend und erinnerungswürdig. Mir begegnen sie nur sehr selten, sodass ich sicher nicht behaupten kann, sie alle zu kennen, aber hier sind drei Beispiele, die mir selbst aufgefallen sind und die ich genossen habe – ich nenne aber nicht die Namen der Bücher, damit ich euch nicht den Spaß am Lesen verderbe:

Am Ende wird nicht alles gut

In der Fantasy erwarten wir natürlich, dass der Kampf des Helden sich am Ende auszahlt. Und diese Erwartung zu unterlaufen ist nicht einfach, weil so viele Geschichten so tun als ob und es dann doch nicht schaffen (z. B. indem sie einen wichtigen Charakter sterben lassen, nur damit er dann wieder auferstehen  kann; oder sie lassen alles verloren erscheinen, bis jemand aus dem Nichts daherkommt und den unerwarteten Sieg bringt). Die Leser glauben deswegen oftmals nicht, dass die Dinge für immer so schlecht stehen bleiben. Und wenn man den Lesern dann tatsächlich das Happy End vorenthält sind die zumeist alles andere als glücklich darüber.

Dennoch gibt es Bücher (gerne am Anfang einer Serie, in der später noch genug Zeit bleibt, alles zum Guten zu kehren), die mit dieser Erwartungshaltung recht geschickt zu spielen wissen. Eines hat es mir dabei besonders angetan: die Charaktere mühten sich ab, rechtzeitig einen Ort zu erreichen, wo sie vor den Bösen sicher waren. Sie litten schreckliche Qualen, verloren ihre Lieben, wurden verletzt und dachten, sie würden es niemals schaffen. Und in der ganzen Zeit haben sie Hoffnung niemals verloren – sagten, dass sie müssten weitergehen - egal wie schlimm es auch kommen mag (klingt ein wenig nach Sams Rede für Frodo im Herrn der Ringe). Klar, da wurden alle meine Genreerwartungen erfüllt: die Dinge mögen schlimm wirken, aber wenn die Charaktere nur durchhalten, dann wird ihre Hoffnung am Ende belohnt.

Wurde sie nicht. Sie kamen an ihrem „sicheren Ort“ an, nur um herauszufinden, dass sie direkt in die Fänge des Bösen geraten waren, vor dem sie gerade im Begriff waren zu fliehen. All die Mühen waren umsonst gewesen. Lasst es mich so sagen, ich war sprachlos und geschockt ... und umso interessierter, den nächsten Band der Serie in die Finger zu bekommen, um zu sehen, ob da am Ende des Tunnels nicht vielleicht doch ein Licht zu sehen war.

Schmeiß den ausgearbeiteten Plan doch gleich zum Fenster hinaus

Wenn ein Autor sich eine Menge Zeit nimmt, einen Charakter oder eine Nebenhandlung auszuarbeiten, hat man als Leser das Gefühl, dass dieser für die zukünftigen Ereignisse noch eine wichtige Rolle spielen wird. Davon sind wir überzeugt. Die meisten Fantasy-Geschichten bauen einen Charakter nicht auf, nur um ihn dann vorzeitig sterben zu lassen, oder weben ein dichtes Netz aus Handlungssträngen, nur um einige davon durchzuschneiden. Wenn so etwas also geschieht, kann das ziemlich überraschend sein.

Ich habe kürzlich eine Serie gelesen, in der ein Schurke aufgebaut wurde, der künftig eindeutig eine wichtige Rolle spielen musste. In der Geschichte sollte er angeblich Jahre zuvor getötet worden sein, aber man hatte ihn am Leben gelassen, vermutlich eben damit er später noch mal wichtig werden konnte – was sogar noch dadurch unterstützt wurde, dass ein Weissager sein Überleben in einer Vorsehung begründet hatte. Und gerade als es so aussah, als ob der Charakter seinen großen Auftritt auf der Bühne der Ereignisse bekommen sollte ... wurde er umgebracht. Schuss, aus, tot!

Er war böse, und ich war ohne Frage zufrieden, aber ich war auch überrascht. Das Buch hatte sich solche Mühe gemacht, mich glauben zu lassen, dass der Charakter eine wichtige Rolle spielen würde – was natürlich durch meine Genreerwartungen noch unterstützt wurde – sodass der Autor, durch den Tod des Charakters, mich dazu gezwungen hat, meine Erwartungen über den Weg der Handlungen neu zu überdenken. Vielleicht wird der Charakter in den nächsten Büchern wieder zum Leben erweckt ... aber ich hoffe natürlich, dass dies nicht geschieht. Ich mochte es, dass sein Tod alles in Frage stellte, was ich erwartet hatte.

Genderrollen unterlaufen

Als Leser von Fantasy-Romanen können wir uns nur allzu schnell an die traditionelle Eröffnung von epischer Fantasy gewöhnen: ein armer Junge ungewisser Herkunft wird von den großen Ereignissen überrannt, oder ein freches Mädchen, das nicht so recht in ihre Welt passen will, erfährt von ihrer Rolle als Auserwählte des Schicksals. Wir sind so sehr daran gewöhnt, dass wir diese Handlung akzeptieren, ohne je nachzufragen. Wir sind daran gewöhnt, uns in eine Geschichte entweder über eine männliche oder eine weibliche Hauptfigur hineinzuversetzen – oder in mehrere zugleich – und dann unsere Erwartungen entsprechend anzupassen.

Deswegen hat mich ein Buch (ohne Namensnennung, keine Spoiler!) besonders überrascht, als der männliche Hauptcharakter sich nach einem Drittel der Handlung von einem Jungen in ein Mädchen gewandelt hatte. Sie hat nicht etwa eine Geschlechtsumwandlung gehabt – sie war schon immer ein Mädchen – aber sie hat das selber nie realisiert, aus verschiedenen Gründen, die ich wiederum nicht erwähnen möchte, um die Handlung nicht zu spoilern.

Urplötzlich musste also nicht nur die Hauptfigur sich mit dieser neuen Realität anfreunden, sondern ich selber auch. Ich musste nicht nur meine Erwartungen an Gender zurückweisen, ich musste die Erwartungen zu Gender in einem Genre neu bewerten, alles, was meine Art zu lesen bestimmt hatte. Es war ein massiver Twist, aber ich habe ihn geliebt.

Wie oft kommt ein solcher Twist vor?

Es scheint offensichtlich, dass es nicht gerade leicht ist, Genreerwartungen zu unterlaufen, vor allem nicht, wenn man vermeiden möchte den Leser völlig zu irritieren und den ungeschriebenen Pakt mit ihm erhalten will. Außerdem kann ein bestimmter Trick nur ein paar Mal funktionieren – sobald ein Autor etwas einmal ausprobiert hat, wird es beim nächsten Mal nicht mehr so überraschend sein (z. B. erwarten wir mittlerweile schon fast, dass George R. R. Martin seine wichtigen Charaktere sterben lässt). Und wenn viele Autoren denselben Trick anwenden, dann gewöhnen wir uns als Leser daran. Deswegen sind diese wirklichen Twists nicht besonders häufig zu finden.

Wenn sie aber auftreten, und gut ausgeführt sind, dann können sie uns mitreißen. Sie können uns den Autor wertschätzen lassen, weil er es geschafft hat, uns etwas völlig Unerwartetes zu geben. Weil er es geschafft hat, eine Wendung einzubauen, die wir nicht haben kommen sehen ... eine Wendung, von der wir nicht mal gewusst haben, dass man sie nehmen darf.


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© Nicola Alter 

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