Warum sind die Welten der Romantic Fantasy so düster?

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Warum sind die Welten der Romantic Fantasy so düster?


Das Genre der romantischen High Fantasy (manchmal auch Romantic Fantasy genannt) bietet seinen Lesern genau das, was der Titel verspricht. Hier geht es um erdachte Welten, fantastische Kreaturen, Magie, Adelshäuser und dunkle Mächte, die es zu besiegen gilt. Daneben darf man aber auch einen Fokus auf Romantik, Liebe, Sex und Anziehungskraft erwarten. Wenn man sich allerdings recht viel in diesem Genre herumtreibt, dann fällt einem noch ein weiteres Merkmal an den Geschichten auf: sie sind düster und brutal. Damit meine ich, dass die Welten der ‚romantischen’ Fantasy dunkle Orte sind, an denen man sich lieber nicht aufhalten möchte, schon gar nicht als Frau. Folter, Gewalt, Vergewaltigung, Zwangsehen und verdorbene Schurken gibt es in ihnen zur Genüge.

Und genau das mag vielleicht überraschen, assoziieren wir doch mit dem Wort „romantisch“ normalerweise das Wohlgefühl und die „bis an ihr Lebensende“-Geschichten von Hollywood-Romanzen. Wenn sich aber die Romanze mit der High Fantasy mischt, dann kommen Regenbogen und Sonnenschein nur selten darin vor. Um herauszufinden, warum das so ist, möchte ich versuchen, die häufigsten Düster-Elemente der Romantic Fantasy darzustellen und ihre Funktion zu erläutern.

Verdorbene Bösewichte

Wie die Gegenspieler in traditioneller epischer High Fantasy, sind auch die Schurken der Romantic Fantasy böse, gefühllos, gewalttätig und machtgierig. Meist aber können sie noch mit einem zusätzlichen Charakterzug aufwarten, der sie umso hassenswerter macht: sie sind verdorben und pervers. Die Schurken der Romantic Fantasy lieben es, anderen weh zu tun – sie versklaven und foltern, sie vergewaltigen Frauen wie Männer, sie sind grausam zu Kindern. Manchmal sind sie inzestuös oder haben abartige sexuelle Neigungen. Man braucht nur einen Blick auf die Schurken in Diana Gabaldons Highland-Saga (1991-2014) zu werfen, oder auf die verdorbenen Adligen in Anne Bishops Serie Die dunklen Juwelen (1998-2011), um zu erkennen, wie sadistisch die Gegenspieler hier sind. Selbst ein Antagonist, der keine offensichtliche sexuelle Perversion auslebt, kann auf andere Art verdorben sein, wie etwa der Schurke in Kristin Cashores Die Beschenkte (2008) belegt, der seine Freude darin findet, Tiere zu quälen und Menschen dazu zu bringen, sich selbst zu verletzen. 

Auch wenn das ungewöhnlich erscheinen mag, so ist es doch nicht überraschend, wenn man es zu Ende denkt. Romantic Fantasy fügt der epischen Fantasy eine deftige Dosis Romantik (der „guten“ Art) und sexuelle Spannung hinzu, so dass Helden und Heldinnen sich verlieben, Vergnügen und Geborgenheit im anderen finden können. Und um diese Gefühle zu bedrohen, braucht es im Bösewicht das Gegenteil: Sie müssen unfähig zu Liebe und einvernehmlicher Intimität sein. Ihnen muss es darum gehen, die Heroen zu missbrauchen und zu foltern. Traditionelle epische Fantasy bietet asexuelle Gegenspieler wie Sauron, weil sie eben auch nur asexuelle Helden und Heldinnen hervorbringt. Romantic Fantasy tut genau dies nicht.

Die verdorbenen Schurken fügen der Geschichte also Spannung hinzu, gerade weil wir es lieben, sie zu hassen und mitfiebern, wenn unser Lieblingscharakter ihnen voll und ganz ausgeliefert ist. Wenn sie besiegt werden, ist das nicht nur befriedigend, weil dann das Gute über das Böse obsiegt hat, sondern auch weil Liebe und Anstand über die Verderbtheit triumphiert haben.

Macht und Kontrolle

In jeder Fantasy-Geschichte geht es um Macht, normalerweise um die politische, magische oder militärische Variante. Aber die Romantic Fantasy ergründet Macht eher auf der kleineren Ebene und im Sexuellen, wenn Charaktere versuchen das Leben anderer Figuren zu kontrollieren oder zu dominieren, und dieser Konflikt kann finstere Töne annehmen. Der Roman Das Zeichen (2001) aus der Kushiel-Reihe von Jacqueline Carey ist ein ideales Beispiel – er verwebt die sexuellen und politischen Machtspiele um eine Kurtisane, die sich in den politischen Fallstricken einer Nation verfängt. Laini Taylors Daughter of Smoke and Bone-Trilogie (2011-14, bisher keine dt. Übersetzung) wiederum bietet einen Antagonisten, der von Eifersucht angetrieben ist und danach strebt, die Heldin zu besitzen, zu kontrollieren und zu erniedrigen. Und in C. L. Wilsons Im Bann des Elfenkönigs (2007) muss der irgendwie bestialische „Tairen Soul“ sein Verlangen zäumen, die Heldin zu beschützen und zu besitzen, wenn er ihr Herz wirklich zu erobern wünscht.

Angesichtes des Augenmerks der Romantic Fantasy auf zwischenmenschliche Beziehungen und Intimität ist es nicht verwunderlich, dass die Machtspiele ebenso intim und von Sexualität geprägt sind. Hinzu kommt, dass die Machtkämpfe als Hindernis dienen können, das die Liebenden von ihrem Happy End abhält. Ob es nun die Macht ist, die andere dazu nutzen, sie voneinander zu fernzuhalten und ihnen die Heirat zu verbieten, oder ihr eigener Kampf um die Macht über den jeweils anderen, so oder so steigt die Spannung durch den Konflikt. Das Ringen um die Macht in einer Beziehung in Form von Verführung, Manipulation oder anderen Versuchen zu dominieren kann eben auch sexuelle Spannung hinzufügen.

Letztlich muss das Verlangen der Gegenspieler, weil ja die Liebe der Helden als gut, rein und selbstlos dargestellt wird, aus einer anderen Motivation herrühren. Ihre Antrieb ist zumeist der Wunsch, etwas zu besitzen und zu kontrollieren, oder einfach das eifersüchtige Verlangen, derjenige zu sein, der als erfolgreich und dominierend aus dem Konflikt hervorgeht.

Missbrauch

Eine Begründung für die so deutlich spürbare Brutalität der Romantic Fantasy liegt in der Häufigkeit der Präsenz von Missbrauch. Die Erzählungen beinhalten oft Vergewaltigung und Folter, oder zumindest deren Androhung.

Eine direkte Bedrohung für die Heldin in C. L. Wilsons Im Bann des Elfenkönigs entsteht durch einen lüsternen Mann, der sie in die Falle einer Heirat mit ihm locken möchte und eindeutige Versuche unternimmt, sich ihr aufzudrängen. Und in Juliet Marilliers Die Tochter der Wälder (2000) muss die Protagonistin viel Leid ertragen (ich spare mir mal die Details), das es ihr unmöglich macht, je wieder einem Mann zu vertrauen. In sowohl der Throne of Glass (2012-heute) von Sarah J. Maas als auch der Elias und Laia-Reihe (2015-) von Sabaa Tahir wird regelmäßig Bezug auf die Auspeitschungen, Verstümmelungen und Brutalität genommen, die die Protagonisten als Sklaven über sich haben ergehen lassen müssen, wie auch auf die ständige Bedrohung vergewaltigt zu werden. Der Liebhaber der Protagonistin in der Highland-Saga muss jede Menge kranken Missbrauch und Folter ertragen.

Es gibt wahrscheinlich verschiedene Gründe, warum die Romantic Fantasy eine solch hohe Schlagzahl an brutalen und schockierenden Szenen bereithält. Viele High-Fantasy-Welten sind mittelalterlichen oder antiken Gesellschaften nachempfunden. Romantic Fantasy, die häufig aus der Perspektive von Frauen geschrieben ist, schreckt dabei nicht vor der Darstellung der dunkleren Seiten dieser Geschichtsabschnitte zurück – also die willkürliche Gewalt, das Versagen des Gesetzes und den Missbrauch und die Unterwerfung von Frauen. Sie zeigen uns oft auch, dass die Heldinnen der Gnade ihrer Väter und Ehemänner ausgeliefert sind, wenn selbst Adlige in unglückliche Ehen gezwungen werden können, und wo die Bedrohung durch wahllose Brutalität und Vergewaltigung riesig erscheint. In manchen Büchern, wie etwa der Dunkle Juwelen-Trilogie, werden die Verhältnisse umgekehrt, so dass Frauen die Macht haben und Männer benutzen und missbrauchen.

Das erwachsene Publikum und der Inhalt des Genres spielen auch eine Rolle. Ebenso wie es den Büchern möglich ist die Existenz von Sexualität anzuerkennen, so können sie auch die Existenz von Vergewaltigung und Folter anerkennen und explizitere Inhalte darstellen.

Und letztlich geht es um den Kontrast und die Hoffnung. Die Freude, das Glück, die Zufriedenheit und das Gefühl, das alles richtig ist in der Welt, die wir in der epischen Liebesbeziehung verkörpert sehen, stechen deutlicher heraus, wenn sie von Trostlosigkeit und Grausamkeit umgeben sind. Wie ein Licht im Dunkel, offerieren sie Hoffnung, an die wir uns klammern.

Es ist nicht alles düster...

Bei all dem hier sollte ich vielleicht darauf hinweisen, dass Romantic Fantasy nicht nur aus Brutalität und sexueller Gewalt besteht. Viele der Geschichten verweisen nur auf die düsteren Elemente und präsentieren die Szenen des Missbrauchs nicht direkt. Und selbst die, die es tun, wiegen diese mit Liebe, Romantik, noblen Taten und gutherzigen Seelen wieder auf. Sie konzentrieren sich auf den Sieg der Liebe über den Hass. Sie verstärken diesen Sieg nur dadurch, dass sie das Böse als verdorben, brutal und kalt darstellen.

Die Welten der Romantic Fantasy offenbaren die schlimmsten Seiten der Menschheit, während sie uns zugleich die besten Seiten zeigen. Sie überziehen die Liebe nicht mit Zuckerglasur, sondern stelle sie als etwas hart Erkämpftes und Wertvolles dar. Und auch wenn sie nicht jedermanns Geschmack sind, verbinden sie doch epische Fantasy mit romantischer Liebe auf eine Art, die uns Situationen, Emotionen und Konflikte erforschen lässt, denen man in anderen Fantasy-Subgenres sonst eher nicht begegnen wird.



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© Nicola Alter 

Übersetzt von Lars Schmeink

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