This is the end: Vom Weltuntergang in fünf Büchern
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This is the end: Fünf Bücher über den Weltuntergang


Es sollte am 1.1.2000 passieren. Am 21.12.2012 ebenso. Der Weltuntergang jedoch blieb aus. Abseits von Vorhersagen religiöser Maximalverwirrten und Verschwörungstheoretikern findet sich die Apokalypse seit Jahrzehnten in der Science-Fiction-Literatur wieder. Fünf phantastische Bücher über den Zusammenbruch der Zivilisation und ihre Folgen. 

Gehen auf dem Planeten Erde die Lichter aus, schlägt ihre Stunde: Helden, Überlebenskämpfer, Menschen, die sich mit dem Ende einfach nicht anfreunden wollen. Sie erscheinen in den letzten Stunden gleich noch ein bisschen besser und heller. Und die Gegenspieler legen angesichts des Weltuntergangs meistens ebenfalls zu. Der finale Kampf eben, das Gute gegen das Böse. Dick aufgetragen? Das passiert bei diesem Thema schnell. Muss aber nicht sein. Also, sollte es bald wirklich fünf vor zwölf sein, der Galopp der apokalyptischen Reiter ertönt, gibt es hier die Leseliste zur ultimativen Vorbereitung auf das Ende. Fünf ungewöhnliche Bücher über den Weltuntergang, den Zusammenbruch der Zivilisation und ihre Folgen. Dystopie und Post-Apokalypse überall.

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Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel bei Amazon bestellen
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Joe Hill – Fireman

Die Symptome: Flecken auf dem ganzen Körper, schwarz und goldfarben, dann die Selbstentzündung. In Joe Hills neuem Roman Fireman breitet sich die Seuche Draco Incendia Trychophyton aus, kaum etwas ist bekannt über die Ansteckungswege. Nur die Konsequenzen sind weithin sichtbar. Ganze Straßenzüge brennen aus, wenn ein Infizierter wieder in Flammen aufgeht. Die Vereinigten Staaten liegen in Schutt und Asche. Niemand weiß, wo und wie es begann. Und auch eine Heilung gibt es nicht. Harper Grayson arbeitet als Krankenschwester in dieser zerfallenen Zivilisation, reibt sich für ihre Patienten auf – bis sie selbst infiziert ist. Und schwanger ist sie ebenfalls. Vorsichtig formuliert: Ihre Lage könnte aussichtsreicher sein. Doch während die Welt brennt, findet sie Zuflucht in einem Camp und beim Fireman, der die Symptome zu seinem eigenen Vorteil beherrschen kann. Während ein Teil der nichtinfizierten Welt zum Angriff auf die Kranken bläst, versuchen Harper und die anderen Bewohner des Camps eine feuerfeste Überlebensstrategie zu finden.

Joe Hill verneigt sich in diesem Buch nicht nur vor The Stand von seinem Vater Stephen King, sondern hat noch zahlreiche andere Anspielungen etwa auf die Werke von Joanne K. Rowling und Shirley Jackson eingebaut. Er hat dazu eine packende Geschichte geschrieben, einen fantastischen Roman. Natürlich kennt Hill die anderen großen Bücher dieses Themas. Und den Vergleich zu »Die Straße« von Cormac McCarthy musste er nicht einmal selbst aufmachen. Fireman bietet jedoch keinen lodernden Weltuntergang, sondern überzeugt durch seinen wärmenden Optimismus. Die Menschheit hat nämlich zum Glück ein paar vorzeigbare Vertreter ihrer Art, etwa eine Krankenschwester aus New England namens Harper.

Thomas Glavinic – Die Arbeit der Nacht

Jonas ist alleine. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Tatsache, wie er auf dem Weg zur Arbeit feststellt. In Thomas Glavinics Die Arbeit der Nacht gibt es keinen großen Knall, es handelt vielleicht vom leisesten Weltuntergang der letzten Jahre. Denn es geht dem österreichischen Autor in seinem Roman von 2006 nicht um die näheren Umstände. Jonas ist eben alleine. Auf 400 Seiten rückt Glavinic sehr mit seiner Hauptfigur zusammen. Es bleibt ihm ja auch wenig anderes übrig. Denn schließlich ergreift Jonas die Initiative, klammert sich an die winzigsten Hoffnungen, doch noch einen anderen Menschen zu finden. Doch Jonas bleibt alleine in seiner Straße, in Wien, in Österreich, in Europa. Es ist niemand da.

Jonas beginnt daraufhin mit Kameras zu experimentieren, filmt verschiedene Ecken Wiens, um sich die menschenleeren Flecken anzuschauen. Dann filmt er sich selbst beim Schlafen. Doch der Schläfer entwickelt ein Eigenleben, macht Dinge, an die sich Jonas nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern kann. Thomas Glavinic spielt in diesem Roman mit Motiven des Horrors und erzählt vom Menschsein, von der Einsamkeit und der Verzweiflung des Seins. Wer bin ich ohne die anderen? Wie kann ich der Welt etwas hinterlassen? Was macht den Menschen aus? Es gibt hier keine Bösewichte, kein großes grelles Ende, an dem sich Jonas abarbeiten könnte. Der Untergang der Menschheit bettet sein Dasein in keinen tieferen Sinn. Jonas ist alleine. Und das macht diesem Roman zu einem abgründigen Meisterwerk.

Emily St. John Mandel – Das Licht der letzten Tage

Am ersten Tag explodieren die Zahlen, die Pandemie breitet sich auf der Erde aus, die Sterblichkeitsrate steigt auf über 99 Prozent. Zwanzig Jahre später liegt die Zivilisation in Trümmern, kein Strom, keine Regierungen, keine Strukturen. Menschen haben sich in Siedlungen niedergelassen, durch die Weiten dieser Welt reist eine Gruppe von Schauspielern und Musikern, spielt Konzerte und Stücke von Shakespeare. Emily St. John Mandel verschiebt in ihrem Roman Das Licht der letzten Tage die verschiedenen Zeiten, um die verschiedenen Beziehungen der Figuren auszuloten. Es geht hier weniger um einen finalen Kampf, weniger um ein Ende, als um die Dinge, die den Menschen ausmachen.

Erinnerungssplitter überall in der Gegenwart, doch vor allem versteht es die kanadische Autorin eine beklemmende und melancholische Atmosphäre aufkommen zu lassen. Was bedeutet noch die Kunst angesichts des Weltuntergangs? Das Licht der letzten Tage liefert viele Fragen, es ist ein offenes und vielschichtiges Buch. Oft genug in dessen Mittelpunkt: Schauspieler Arthur Leander. Er stirbt in der Nacht des Ausbruchs der Pandemie auf der Bühne. Doch fast jeden Charakter verbindet noch Jahre danach etwas mit ihm. Seine Rolle damals: König Lear im gleichnamigen Shakespeare-Stück. »Dulden muss der Mensch sein Scheiden aus der Welt wie seine Ankunft: Reif sein ist alles«, heißt es dort. Selten las sich die Vergänglichkeit des Seins so wunderschön wie hier.

Brian Keene – Auferstehung

Wer nun schon nervös auf seinem Sofa hin und her rutscht, weil er hier seine Zombies vermisst: Hier kommen sie. Zumindest als Untote. In Brian Keenes Auferstehung öffnen ein paar Wissenschaftler aus Versehen eine Pforte zur Unterwelt – und damit Tor und Tür für allerlei Dämonen, die es sich in den Körpern toter Menschen gemütlich machen. Ihr Trieb bestimmt nicht mehr das Handeln der Untoten, sondern nur noch ihre Böswilligkeit. Doch das ist nicht der einzige Unterschied zum klassischen Zombie: Denn die Dämonen fahren hier ebenso in tote Tiere ein. Dazu splattert es an vielen Stellen. Wenn Zombie-Apokalypse, dann eben richtig.

US-Autor Keene geht dabei in seinem Roman von 2003 mit der nötigen wie erbarmungslosen Konsequenz zu Werke. Hier gibt es keine lichten Momente. Eine Gruppe von Männern und Frauen versucht in dieser unwirtlichen Welt zu überleben. Und wie so oft entpuppt sich als der größte Bösewicht in all dem Chaos ein anderer Mensch. The Walking Dead ist dagegen ein Sonntagsspaziergang. Keene ist ein Meister des Horrors und beschwor bereits damals allerlei Ansätze, um diesem Subgenre einen neuen und intelligenten Dreh zu verpassen. Oder um es deutlicher zu machen: Den Zombies das wiederzugeben, wonach sie am meisten hungern – Hirn.

David Monteagudo – Ende

Sein Roman Ende sei die spanische Antwort auf Cormac McCarthy, so hieß es bei der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung vor vier Jahren. Bis heute ist David Monteagudo diesen Ruf nicht ganz losgeworden, lästige riesige Referenzen können zur Last verkommen. Denn Monteagudo hat einen ganz eigenen Stil. Und zieht in Ende eine ganz andere Schlinge als McCarthy zu. Neun Freunde treffen sich für ein Wochenende in den Bergen. Mitten in der Nacht fällt der Strom aus, ihre Autos funktionieren nicht mehr und die Stille breitet sich aus. Es gibt keine Erklärung dafür in diesem Roman, nicht einmal einen Lösungsansatz.

Am Morgen danach fehlt einer der Freunde. Der Rest der Gruppe bricht auf, sucht nach dem verlorenen Freund und der eigenen Rettung. Ihre Wege führen sie durch verlassene Landstriche und Geisterstädte. Doch je länger die Reise dauert, umso öfter verschwindet aus der Gruppe jemand spurlos. Nicht mit einem Knall, nicht mit einem Schrei – die Erde scheint sie zu verschlucken. Der Weltuntergang ist hier ein schwarzer Fleck, ein Vakuum, das die Menschen verschlingt. Bis zur letzten Seite schafft es Monteagudo den Spannungsbogen zu erhalten, seine lakonische und ernste Sprache bringt die Geschichte ohne große Umwege in Gang. Eine Heldenreise ohne Helden und ohne Heimkehr, ein düsterer Roman ohne Erbarmen oder Erlösung.

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