Die Feder eines Greifs: Ein Interview mit Cornelia Funke
INTERVIEW

Kreative Abenteuer und inspirierende Natur: Im Gespräch mit Cornelia Funke (1/2)


07.04.2017

Sie hat sich mit Romanen wie der Tinten-Trilogie in die Herzen von Lesern auf der ganzen Welt geschrieben: Cornelia Funke. In einem persönlichen Gespräch mit ihr haben wir versucht, hinter das Geheimnis der Ausnahmeschriftstellerin zu kommen. Lest hier Teil 1 des Interviews.

 

Mit DIE FEDER EINES GREIFS setzen Sie nach 19 Jahren ihren Bestseller DRACHENREITER fort. Wie war es, nach fast zwei Jahrzehnten wieder alte Bekannte zu treffen?

Cornelia Funke: In den Jahren zuvor habe ich bereits ein paar Mal darüber nachgedacht, zu diesen Figuren zurückzukehren, und mich immer dagegen entschieden. Ich dachte, das könne nur ein Abklatsch des ersten Buches werden. Das wollte ich nicht. Und dann arbeitete ich an einem Digitalprojekt zu DRACHENREITER und musste anderen die Figuren erklären. Dabei habe ich mich wieder so in sie verliebt, dass ich das Bedürfnis bekam, ein neues Buch zu schreiben. Und das ging mir dann überraschend leicht von der Hand. Die Leser und Buchhändler spiegeln mir in ihren Reaktionen widern, dass auch ihnen die Rückkehr nicht schwerfiel. Ich habe aber das Gefühl, dass der zweite Band ein bisschen besser geschrieben ist. Weil ich in all der Zeit ein bisschen mehr über das Schreiben gelernt hab.

Das klingt selbstkritisch.

Ja, das sollte doch so sein! Schließlich bin ich Handwerker, das heißt, mein Handwerk habe ich über die Jahre gelernt. DRACHENREITER war mein erstes großes Buch. Ich liebe es zwar immer noch und ich lese sehr viel daraus vor, aber man merkt an der Sprache, dass ich dazugelernt habe. Als ich in Hamburg bei einer Veranstaltung aus beiden Büchern las, hatte ich das Gefühl, bei DRACHENREITER falle ich ein bisschen durch die Worte hindurch. DIE FEDER EINES GREIFS trägt besser. Der fliegende Teppich ist etwas kunstvoller gewebt, könnte man sagen.

Warum ist der Greif das gefährlichste aller Fabeltiere?

Die Mischung von Schlange, Adler und Löwe ist sehr beeindruckend, oder?

Aber ich bin sicher, es gibt einige Fabelwesen, die dem Greif den Titel streitig machen könnten. Ich erfahre fast jeden Tag bei meiner Recherche von Fabelwesen, die ich bislang nicht kannte – und den Wiesengrunds geht es da sicher nicht anders.

Fliegenbein, Schwefelfell, aber auch Fuchs und Staubfinger – wie schwierig ist es, ihren Figuren die richtigen Namen zu geben? Und wie finden sie diese?

Gerade wenn ich sie nicht in Illustrationen abbilde, ist die Namensgebung unendlich wichtig, weil sie ja durch den Klang das richtige Bild in die Köpfe der Leser malen muss. Also lasse ich mir damit sehr viel Zeit, suche in Namenslexika (von Menschen, Pflanzen und Tieren), aber auch in alten Texten aus dem jeweiligen Land oder – als es das noch gab – im Telefonbuch

Die Leserinnen und Leser von damals haben nicht mit dem Erwachsenwerden gewartet. Jetzt haben Sie teilweise ein ganz neues Lesepublikum. Hat das ihr Schreiben beeinflusst? Vielleicht sind die Digital Natives ja gar nicht mehr so leicht zu verzaubern?

Oh, darüber habe ich wirklich nicht nachgedacht. Außerdem bin ich ja selber Teil dieser digitalen Welt. Das Wunderbare daran, für Kinder zu schreiben ist, dass man ständig mit der Zeit geht. Mir ist das Digitale sehr vertraut, ich benutze es ja selbst sehr viel. Und liebe es. Für mich ist es eher so, dass ich über mein jetziges Leben schreiben konnte. Da kommt natürlich auch ein Skype Call im Roman vor, weil ich das dauernd mit meiner Tochter mache. Ich arbeite mit Lesungen in Indonesien, indem ich die Klasse auf dem Bildschirm habe. Ich umarme diese Seite unserer Zeit!

Worum geht es in dem Digitalprojekt zu DRACHENREITER und was reizt sie daran?

Es wird eine Graphic Novel, die man auch auf dem Smartphone lesen kann. Wir werden digital arbeiten, wir müssen nur sehen, wie viel wir finanzieren können, denn das ist immer noch eine teure Angelegenheit, und es ist nur ein Gerücht, dass man damit Geld verdient. Alles Geld, was ich in meine digitalen Projekte investiere, verliere ich. Das kann man wirklich so sagen. Das sind eher kreative Abenteuer für mich, wie die SPIEGELWELT-App. Als Künstler hat mich das in mancher Hinsicht in eine andere Liga bugsiert. 

Die Arbeit an dem Digitalprojekt ist wirklich sehr aufregend, auch die Zusammenarbeit mit den Illustratoren. Jetzt stecke ich wieder so tief in dieser Welt, dass ich bereits an einem dritten Roman arbeite.

Also beflügelt die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern?

Absolut! Als Illustrator bin ich besessen von Bildern. Inzwischen bin ich durch zahlreiche Filmadaptionen durch. Keine hat mich so ganz glücklich gemacht, außer Detlev Bucks HÄNDE WEG VON MISSISSIPPI. Mit der SPIEGELWELT-App konnte ich zum ersten Mal eine Welt mit Bildern schaffen, so wie ich sie mir vorstelle. Ich habe dafür mit einem berühmten Musikvideo-Regisseur zusammengearbeitet, der sonst für Adele und Katy Perry arbeitet. Zu beobachten, wie er diese Kurzfilme machte … Wir arbeiteten mit Schattenspiel, mit Skulpturen, mit Dioramen. Das hat mich sehr gepushed. Zudem musste ich zum ersten Mal Kurzgeschichten schreiben – und meine Lektorin sagte mir, dass es zum Besten gehört, was ich jemals geschrieben habe. Und ich begann, auf Englisch zu schreiben. Es hat mich in vielerlei Hinsicht gefordert. Aber das macht Zusammenarbeit generell.

Sie haben in der Vergangenheit sehr deutlich gemacht, dass Sie mit der TINTERNHERZ-Verfilmung nicht wirklich glücklich sind und deshalb Ihre anderen Phantastik-Romane lieber nicht verfilmt sehen möchten. Wäre ein TV-Format/Serie eine Alternative?

Sicher, denn in Serien lassen sich Geschichten wesentlich detaillierter und ungekürzter erzählen. Allerdings braucht es auch da sehr gute Drehbuchautoren, und ich hätte weder die Zeit noch die Drehbucherfahrung, die Serie selbst zu schreiben. Also würde ich wohl selbst bei einer möglichen TV Umsetzung zögern.

Kommen wir noch einmal auf das zweite DRACHENREITER-Buch zu sprechen. Sie haben ihm eine besondere Widmung vorangestellt: „Diese Geschichte ist für alle, die den Mut haben zu beschützen, statt zu beherrschen …“

Ich habe lange gezögert, denn sie hat etwas sehr Politisches. Aber erstens bin ich in einem gewissen Alter, und zweitens bin ich sehr bestürzt über die Entwicklungen, die wir erleben. Ich bin der Meinung, dass unsere Kinder ein vollkommen falsches Bild von der Welt vermittelt bekommen. Ich mache mir keine Sorgen darüber, dass sie nicht lesen. Das ist deren Sache. Mein Sohn hat auch immer nur auf dem Skateboard gestanden. Aber ich mache mir Sorgen darüber, dass sie nicht mehr leben. Ich habe noch draußen gespielt und mir Baumhäuser gebaut. Inzwischen wird einem das meist als „zu gefährlich“ verboten. Die Baumhäuser werden abgerissen.

Und es gibt fast keine Wildnis mehr: In Europa nur 0,1%, in Amerika immerhin noch 25%. Ich werde mich in den nächsten fünf Jahren ganz verstärkt für den Umweltschutz engagieren. Gerade bin ich dabei, ein großes Grundstück in den Santa Monica Mountains zu kaufen, das ich den Saum des Himmels nennen werde. Das wird mein Wildnis-Projekt. Mein Ziel: Kinder aus aller Welt einladen und ihnen die Angst vor den Klapperschlangen und Eidechsen nehmen, die es dort gibt. Und ich möchte Workshops mit Schriftstellern und Künstlern machen und zeigen, wie inspirierend Natur ist. Wenn sie uns verloren geht, werden wir eine ziemlich traurige Gattung werden. 

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Am Samstag, den 8. April erscheint der zweite Teil unseres Interviews mit Cornelia Funke, in dem es vor allem um Ihren Schreiballtag geht.

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