INTERVIEW

In der Mitte der Welt gelandet: Interview mit Cornelia Funke (2/2)


Im ersten Teil unseres Interviews mit Cornelia Funke ging es hauptsächlich um ihr aktuelles Jugendbuch DIE FEDER EINES GREIFS sowie die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Heute gewährt uns die Autorin einen Einblick in ihren Schreiballtag und ihren Schaffensprozess …

 

Wenn man so viel geschrieben hat wie Sie und so erfolgreich ist: Wird das Schreiben dann leichter oder schwieriger?

Cornelia Funke: Leichter. Weil man einige Tricks kennt. Die Gefahr ist dann, dass diese Tricks nicht zu einer Masche werden dürfen. Natürlich hat jeder Schriftsteller seine Marotten. Aber dafür gibt es ja Lektoren, die einem die wieder austreiben. Was mir inzwischen leichterfällt, ist, Geschichten zu entwickeln. Ich weiß, wie ich Ideen auf die Spur komme und ich habe inzwischen ein ausgefeiltes System zu recherchieren. Ich arbeite sehr, sehr viel mit Bildmaterial, z. B. mit Fotos, die mich inspirieren. Und ich schreibe die erste Fassung immer mit der Hand. Dadurch habe ich noch mehr Freude am Schreiben als vorher schon. Dass ich jetzt Illustrationen und das Schreiben zusammen bringen kann, ist für mich aufregend. Ich glaube, jeder Künstler hat mal das Gefühl, gerade auf einem Berg zu stehen. Ich bin gerade auf dem Berg. Irgendwann geht es bestimmt auch wieder bergab, aber im Moment kommen die Ideen so schnell und mit solcher Freude, dass ich gerne acht Arme hätte. Ich arbeite momentan an fünf Projekten.

Eines dieser Projekte ist der vierte SPIEGELWELT-Roman. Der soll – unter anderem – in Asien spielen. Können Sie schon sagen, inwiefern sich das auf den Ton der Geschichte auswirkt?

Die Geschichte wird hauptsächlich in Japan spielen, also werden dessen Märchen, Mythen, Landschaften und Menschen den Ton der Geschichte mitbestimmen. Natürlich kann ich diese faszinierenden Inseln nur mit westlichen Augen sehen. Aber da meine Hauptfiguren auch als Fremde nach Nihon reisen, wie Japan hinter dem Spiegel (und nicht nur dort) heißt, wird mir der Blick von außen hoffentlich auch verziehen. 

Für die englische Neuauflage haben Sie den ersten SPIEGELWELT-Band noch einmal überarbeitet. Wird es davon auch eine deutsche Fassung geben?

Ja, aber wohl erst, wenn der vierte Band in Deutschland erscheint.

Es ist ja nicht gerade gewöhnlich, dass eine deutsche Autorin auf der ganzen Welt beliebt ist. Was ist Ihr Geheimnis?

Wie sollte ich darauf eine Antwort finden? Ich mache einfach nur das, was ich tun möchte. Vielleicht liegt es daran, dass ich von Kindern verzaubert bin – auf der ganzen Welt. Nationale Unterschiede spielen für mich keinerlei Rolle. Vielleicht liegt es auch an meiner Kindheit. Gerade habe ich eine Promotour durch England hinter mir, und ich glaube, worin sich eine deutsche Kindheit und eine englische Kindheit unterscheidet, ist, dass man hier mit internationaler Literatur aufwächst. Für mich war es genauso normal, Astrid Lindgren und Mark Twain zu lesen wie Michael Ende. Das ist für ein englisches Kind sehr anders. Es ist wesentlich mehr der eigenen Kultur verhaftet. Ich fühlte mich in Schweden genauso zu Hause wie am Mississippi. Das habe ich sicher auch den Büchern zu verdanken. Und je öfter ich meinen Lesern auf der ganzen Welt begegne, desto mehr bin ich von ihrer Vielfalt berührt.

Das setzt sich auch in Ihren Büchern fort, das Überschreiten von Grenzen …

Ja, das wird ein immer stärkeres Thema: auch für mich.

Man fragt mich oft, wie es mich verändert hat, nach Amerika zu ziehen. Es war wirklich eine dramatische Veränderung. Dadurch, dass ich in Kalifornien lebe, kann ich sagen, die Leser in Neuseeland sind mir genau so nah wie die aus Deutschland. Ich habe wirklich das Gefühl, in der Mitte der Welt gelandet zu sein. Dadurch musste ich mich mit meiner nationalen Identität ganz anders auseinandersetzen. Sie wird einem viel mehr bewusst. Wenn wir in Deutschland leben, merken wir nicht, was deutsch an uns ist, weil wir es ja alle sind. Aber wenn man plötzlich in Amerika sitzt und man Freunde hat, die vollkommen anders aufgewachsen sind, dann wird einem immer mehr bewusst, wo man herkommt. Und wo die anderen herkommen. Man macht sich sehr viele Gedanken über nationale Identitäten und ich glaube, das hat mir den Kopf sehr geöffnet für diese wunderbare Vielfalt unserer Welt.

Schreiben und Zeichnen sind eher einsame Arbeiten. Was bedeuten Ihnen Lesungen?

So einsam fühle ich mich gar nicht. Es wird ja immer viel Schlimmes über die Sozialen Medien gesagt. Ich hingegen finde es bereichert, in ständigem Kontakt mit meinen Lesern zu sein. Gerade, weil ich jemand bin, der auch für seine Leser schreibt.

Die Lesungen bedeuten für mich trotzdem etwas ganz besonderes, weil man auf einmal dieses Echo direkt zurückbekommt. Das hat etwas Magisches. Gleichzeitig muss man natürlich die Balance halten, zwischen dieser Öffentlichkeit und dem Erschaffen. 2017 habe ich mir deshalb vollkommen für das Schreiben und Zeichnen reserviert.

Aber ich habe das nie als einsame Kunst empfunden. Schon allein, weil meine Kinder immer hereinkommen können, wenn ich schreibe, auch heute noch.

Wie sieht ihr typischer Arbeitsalltag aus?

Ich habe keinen! Das liebe ich so.

Wobei, einige Sachen sind schon gleich. Ich lebe gewissermaßen in zwei Zeitzonen. Dadurch, dass es einen Unterschied von neun Stunden nach Deutschland und acht Stunden nach England gibt, muss ich viele Sachen morgens erledigen, weil sonst alle in Europa schlafen.

Meinen Tag fange ich immer mit einem Frühstück auf meinem Balkon an, und dabei wird etwas gelesen, was nichts mit der Arbeit zu tun hat. Ganz wichtig!

Danach kommt meine Assistentin und wir gehen den Büroalltag durch: Was muss erledigt, was muss signiert, welche Verträge müssen unterschrieben werden? All das gehört zu meiner Arbeit inzwischen auch dazu. Meistens beginne ich zwischen zehn und elf mit dem Schreiben oder dem Vorbereiten einer Geschichte, d. h. ich habe zwar schon 100 Seiten für das vierte SPIEGELBUCH geschrieben, aber ich mache parallel immer noch Recherche. Es gibt also Tage, da lese ich über Samurai, und es gibt Tage, da schreibe ich Kapitel darüber.

Dann mach ich meist eine Pause, gehe am Meer spazieren. Danach schreibe ich wieder und abends illustriere und male ich fast immer vier bis fünf Stunden. Wenn es sechs oder sieben Uhr wird, verschwinde ich dafür in meinem Atelier.

Sind Sie ein langsamer oder ein flinker Schreiber?

Meist schreibe ich drei oder vier Seiten am Tag, oft sogar mehr. Das ist aber nur eine grobe Fassung – ich schreibe meistens zwischen sechs und zehn Fassungen. Und in denen ändert sich auch dramatisch viel. Meine arme Lektorin kennt das. Plötzlich ist eine Figur verschwunden oder hinzugekommen, auf einmal sind 100 Seiten weggeschmissen.

Ich glaube daran, dass Geschichten sich gern vor einem verstecken. Und dass sie einen auch gern überlisten und Lügen erzählen über das, was eigentlich passieren sollte, und ich finde es sehr aufregend, beim Schreiben hinter ihr Geheimnis zu kommen.

Woran erkennen Sie, dass eine Idee eine gute Basis für einen Roman hergibt?

Wenn ich anfange, mit ihr zu spielen und merke, dass die eine Idee zu sehr vielen anderen führt. Schließlich will ich mich nicht nach ein paar Wochen langweilen.

Und ich empfinde es als extrem befreiend, dass ich zwischendurch auch mal eine Figur zeichnen kann. Gerade beim GREIF hat mir das sehr geholfen. Wenn man ein Tier einmal gezeichnet hat, sieht man es wesentlich besser, als wenn man es nur beschreibt.

Während Autorinnen vor allem im Kinder- und Jugendbuchbereich sehr erfolgreich sind, dominieren in der Erwachsenen-Phantastik seit einigen Jahren vor allem die Männer. Woran glauben Sie liegt das?

Ist das so? Vielleicht erzählen Frauen gern für alle Alter – so wie es die Geschichtenerzähler am Feuer tun müssen?

Oder vielleicht sind die Kategorien selbst fragwürdig – gerade beim Jugendbuch habe ich da meine Probleme. Warum sollte man mit 14 oder 16 nicht dasselbe lesen wie mit 30 oder 40?

Schreibt eine Frau anders als ein Mann?

Dagegen spricht der Fall von James Tiptree, dem berühmten, vielfach ausgezeichneten Science-Fiction-Autor, der jahrelang seine Identität nicht enthüllte. Das Einzige, was feststeht, sagten die Kritiker, ist, dass Tiptree ein Mann ist. Alice Bradley Sheldon, wie Tiptree wirklich hieß, amüsierte das immer sehr.

Diverse amerikanische Autorinnen berichten, dass man Ihnen auf den Kopf zugesagt hat, dass Kinder- und Jugendbücher aus der Feder von Männern problemlos Jungen und Mädchen ansprechen, während bei Titeln weiblicher Autoren offenbar oft das Vorurteil vorherrscht, diese sprächen vor allem Mädchen an …

Ja, mit diesen Vorurteilen wird man bisweilen konfrontiert, aber J. K. Rowling hat das wohl schon lange als Blödsinn enttarnt, oder?

Ich habe auch schon immer sehr viele männliche Leser gehabt. Und Philip Pullman hat das Ganze auch auf den Kopf gestellt, indem er als Mann eine weibliche Heldin hatte. Aber solange es keine vollständige Gleichberechtigung gibt – und von der sind wir noch weit entfernt – wird es auch solche Denkmuster geben. Als Frauen können wir nur dazu beitragen, sie durch unsere Geschichten nicht zu verstärken. Wobei ich nichts dagegen habe, ab und zu auch ein Buch zu schreiben, dass eher Mädchen als Jungen anspricht, weil es zutiefst weibliche Erfahrungen schildert.

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