Sylvia Englert - Fantasyromane schreiben (Teil 9): Her mit der Spannung!

© darksouls1 / pixabay

KOLUMNE

Fantasyromane schreiben (Teil 9): Her mit der Spannung!


Im wirklichen Leben wünschen wir uns, dass bei dem, was wir geplant haben und durchziehen, alles glatt geht, und wir in glücklicher Harmonie mit allen anderen Menschen leben. Seltsamerweise wollen wir das aber nicht in Romanen lesen – in der Welt der Fiktion wird es immer dann interessant, wenn auf dem Weg zum Ziel etwas schief geht, wenn es schier unüberwindliche Schwierigkeiten zu bewältigen gibt, wenn verschiedene Interessen mit gefährlicher Wucht aufeinanderprallen. In vielen guten Romanen, wie beispielsweise in Shadowmarch von Tad Williams, den Ulldart-Büchern von Markus Heitz oder den Chroniken der Unterwelt von Cassandra Clare sind diese Hürden enthalten. Was du für eine gute Handlung brauchst, sind also Konflikte. Es gibt innere und äußere Konflikte. Äußere Konflikte, die oft Gefahren, Kämpfe und Intrigen mit sich bringen, sind zum Beispiel,

  • wenn zwei Völker mit ganz verschiedenen Zielen und Idealen in Streit geraten,
  • wenn jemand versucht, deine Hauptfiguren aufzuhalten, und ihre Pläne zu verhindern,
  • wenn es Auseinandersetzungen um den Thron bzw. die Führung eines Reiches gibt,
  • wenn deine Hauptfiguren zwischen die Fronten geraten,
  • wenn jemand deine Hauptfiguren fälschlicherweise beschuldigt, eine Straftat begangen zu haben,
  • wenn jemand oder etwas eine unheilvolle Entwicklung in Gang gesetzt hat, die deine Hauptfiguren verhindern wollen,
  • wenn zwei Gegner ein gemeinsames Ziel erreichen wollen oder müssen, und sich dabei gegenseitig das Leben schwer machen,
  • wenn Verbündete deine Figur verraten oder Verrat droht,
  • wenn deine Figur mit anderen rivalisiert,
  • wenn deine Hauptfiguren ein entscheidendes Duell bestehen müssen,

und so weiter.

 

Innere Konflikte finden innerhalb einer Figur statt, würzen die Handlung aber auf die gleiche Weise und sind wichtig für die Entwicklung der Figuren. Ein paar Beispiele für innere Konflikte, aus denen eine psychologische Spannung entsteht:

  • Deine Figur ist nicht sicher, ob sie eine ihr zugedachte Rolle oder Funktion wirklich übernehmen soll,
  • deine Figur fühlt sich zerrissen zwischen Pflicht und Emotionen, zwischen einem übernommenen Auftrag und etwas, das sie dringend tun muss,
  • deine Figur reibt sich auf zwischen verschiedenen Loyalitäten (z.B. zu ihrer Familie und ihrem Land),
  • deine Figur ist hin- und hergerissen zwischen zwei verschiedenen Männern bzw. Frauen, die ihr beide viel bedeuten,
  • deine Figur kommt mit dem nicht klar, was sie getan hat,
  • deine Figur will sich und ihr Leben ändern, weiß aber nicht genau, wie,
  • deine Figur will ihr Schicksal finden und erfüllen, weiß aber nicht, was ihr Schicksal ist,
  • deine Figur zweifelt daran, wem sie vertrauen kann, und muss eine Entscheidung treffen,
  • deine Figur steckt in einem Gewissenskonflikt,
  • deine Figur weiß nicht, ob sie das zweifelhafte Verhalten eines Freundes/Verwandten unterstützen soll oder nicht,
  • deine Figur versucht sich zu entscheiden, ob sie weiterleben oder sterben möchte (oder alternativ, ob sie jemanden umbringen sollte oder nicht),

und so weiter.

In einem Gewissenskonflikt befinden sich zum Beispiel die Figuren von Marion Zimmer Bradleys Darkover-Roman Herrin der Stürme. Was macht man mit einem Kind wie Dorilys, das so mächtig ist, dass ihr Zorn töten kann? Schon bei der Geburt bringt sie durch ihre magischen Kräfte unabsichtlich ihre Mutter um, und auch später kommt es zu tragischen Zwischenfällen. Kann es irgendwie gelingen, ein solches Kind zu erziehen und zu kontrollieren? Sollte man es töten, bevor es noch mehr Unheil anrichtet?

Kleine und große Spannungsbögen

Generell solltest du bei deiner Handlung einen großen Spannungsbogen mit möglichst vielen kleineren kombinieren. Der große Spannungsbogen ist die Frage, das Rätsel, der Konflikt, der den ganzen Roman trägt und nach einem Showdown im letzten Drittel aufgelöst wird. Kleine Spannungsbögen sind zum Beispiel Situationen, in denen deine Figur einen Angriff meistern oder eine Bewährungsprobe bestehen muss, eine mit Neugier erwartete Begegnung hat oder vor einer schwierigen Entscheidung steht.

Koste auch diese kleinen Bögen richtig aus. In Manuskripten, in denen sie arg schnell abgehakt werden, womöglich auf nur einer oder zwei Manuskriptseiten, schreibe ich „Spannung verschenkt!“ an den Rand. Andererseits sollte man so etwas nicht zu sehr auswalzen, weil der Roman sonst dicker als ein Backstein wird. Aus Erfahrung weiß ich, dass Verlage bei einem Manuskriptumfang von 600 und noch mehr Seiten sehr zurückhaltend mit Zusagen sind, wenn der Autor auf dem Buchmarkt noch unbekannt ist. Die Kunst ist also, das richtige Maß zu finden. Mit jeder selbst verfassten Geschichte wird dein Gespür für das Erzähltempo wachsen.

Das Prinzip der offenen Fragen

Nimm deine Handlung unter die Lupe – an welchen Stellen wird der Leser gespannt weiterlesen, und warum? Jetzt fragst du dich vielleicht, wie in aller Welt du feststellen sollst, wann und wo dein Manuskript spannend ist. Denn man selbst spürt diese Spannung ja nicht mehr, weil man den Plot sowieso schon in- und auswendig kennt. Im Gegenteil, meist ist man irgendwann komplett abgenervt von dem eigenen Geschreibsel. Mein Tipp: Halte Ausschau nach offenen Fragen! Offene Fragen motivieren deine späteren Leser nämlich zum Weiterschmökern. Schon während ich das Exposé schreibe, achte ich darauf, dass der Plot genügend solcher Frage-Anlässe enthält.

In Neil Gaimans American Gods gibt es jede Menge dieser offenen Fragen – manche werden innerhalb von wenigen Seiten beantwortet, andere (nach vielen Hinweisen zwischendurch) erst im Showdown. Warum schaut der Gefängniswärter Shadow seltsam an, und warum soll Shadow auf einmal vorzeitig entlassen werden? Er erfährt, dass er deswegen früher entlassen wird, weil seine Frau tot ist. Doch wie und warum ist sie so plötzlich gestorben? Was will dieser eigenartige Fremde, der Shadow im Flugzeug anspricht, von ihm? Wer genau ist er, und was hat er vor? Wird Shadow zustimmen, für ihn zu arbeiten, und worauf lässt er sich dabei ein? War es richtig von Shadow, sich mit diesem Bekannten seines neuen Arbeitgebers in der Kneipe zu prügeln, hat er dadurch Prestige gewonnen oder verloren? Wer wird siegen bei dem eigenartigen Mühlespiel mit dem undurchsichtigen Typen, der vermutlich ein Gott ist, und der Shadow mit seinem Hammer den Schädel einschlagen darf, wenn er gewinnt? Wird Shadow die Nerven behalten, als er die erste Partie verliert? Wie wird er sich aus der Situation rauswinden? Und so weiter. Die Fragen ziehen einen von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel, und man kommt gar nicht auf die Idee, irgendwelche Action zu vermissen.

Am wichtigsten ist: Setz deine Figur unter Druck! Je größer die Fallhöhe, desto größer auch die Spannung. Wenn deine Hauptfigur alles verlieren kann oder schon alles verloren hat, und versucht, es zurückzuerobern, fiebert man richtig mit.

Griff in die Trickkiste

Natürlich gibt es auch handwerkliche Kniffe, um Spannung zu erzeugen. Deine Figur sitzt in der Klemme. Wie kommt sie wieder raus? Oder sie bekommt nur sehr wenig Zeit, eine Aufgabe zu lösen, es steht enorm viel auf dem Spiel – das klassische Rennen gegen die Zeit. Wie wichtig Hindernisse aller Art sind, habe ich ja schon betont.

Es kann auch Spannung erzeugen, wenn der Leser mehr weiß als die Hauptfigur. Wenn irgendwo eine Bombe explodiert, ist das eine Überraschung. Wenn der Zuschauer weiß, dass die Hauptfigur eine Bombe mit sich herumträgt, ohne es zu wissen, dann ist das Spannung. (Ich wünschte, dieser Spruch wäre von mir. Leider hat es Alfred Hitchcock schon vorher gesagt.) Aber auch, wenn die Hauptfigur so agiert, dass man als Leser Unheil vorhersieht, erzeugt das Spannung. Zwischen deinen Hauptpersonen gibt es vermeidbaren Streit oder Missverständnisse, sie verpassen sich knapp, sie stehen sich selbst im Weg, sie treffen falsche Entscheidungen. Der Leser ist vielleicht der einzige, der die Situation ganz durchschauen kann, und möchte die Hauptperson am liebsten in den Hintern treten: „Mach das doch endlich, du Trottel!“

Wenn du Spannung erzeugen willst, solltest du besonders auf Tempo und Rhythmus des Romans achten. „Schnelle Schnitte, keine gemächlichen Passagen“, empfiehlt Susanne Gerdom. „Das habe ich über einige Jahre hinweg lernen müssen. Weglassen. Viel, viel weglassen. Ich bin eine ausufernde Schreiberin, ich kann mich seitenlang in Beschreibungen ergehen, in Nebengeschichten verlaufen, vor mich hin mäandern. Das war im 19. Jahrhundert üblich, aber heute ist Spannung eine der wichtigsten Zutaten. Das heißt: Beschreibungen so präzise und kurz wie möglich halten, Bilder und Atmosphären verdichten, Handlung, Handlung, Handlung, und keine Angst vor Konflikten. Ganz im Gegenteil. Der schwierigste Punkt für so einen harmoniesüchtigen Menschen wie mich ...“

Wenn auch du harmoniesüchtig bist, dann ist das gar kein Problem. Freu dich schon mal auf das Happy End deines Romans und wirf deinen Figuren bis dorthin Steine in den Weg – du wirst sehen, sie klettern drüber. Wenn du eher der Typ bist, der gerne draufhaut, dann lass es krachen, aber gönn deinen Lesern hin und wieder einen kleinen Lichtblick in der Düsternis.



---

Du möchtest einen Fantasyroman schreiben oder bist schon mitten dabei und hättest gerne ein wenig Unterstützung von einer erfahrenen Autorin? Kein Problem. In meinen Artikeln, die auf meinem „Handbuch für Fantasy-Autoren“ basieren, geht es um handwerkliche Techniken und Tricks, die ich selbst gerne gekannt hätte, als ich meinen ersten Fantasyroman schrieb.

Share:   Facebook