Science-Fiction-Buchtipps im März der Berliner Buchhandlung Otherland

© 95C / pixabay

BUCH

Neue Science-Fiction-Bücher im März: Die Terranauten, Company Town & Survive


Jeden Monat geben euch hier die Jungs der Berliner Fantasy und Science Fiction Buchhandlung Otherland Tipps über die besten Neuerscheinungen aller Verlage. Los geht's also mit den Buchtipps aus dem Bereich Science Fiction.

 

Und das sind die Science-Fiction-Buchtipps für März

T.C. Boyle: Die Terranauten
Kolonie von Norbert Stöbe
Earthborn: Der ewige Krieg von Paul Tassi

T.C. Boyle, Die Terranauten

Boyles Roman basiert auf dem Bio-/Ökosphären-Versuch aus den neunziger Jahren in Arizona. Basierend auf den realen Ereignissen darf zwei Jahre lang keiner der acht Bewohner die Glaskuppel verlassen. Noch Fragen? Die Glaskuppel ist Boyles Lupe, mit der er ein perfekt ausgewogenes Ökosystem mit dem unausgewogensten Faktor betrachtet, den es gibt: dem Menschen. Sartres Geschlossene Gesellschaft trifft auf den Marsianer. Deutschlandradio sagt dazu: Soap-Opera unter Glas 

Madeleine Ashby, Company Town - Niemand ist mehr sicher

Noch so’ne Art Ökosphäre, wenn auch nicht überkuppelt, sondern “nur” isoliert in Form einer Stadt auf einer Ölplattform, genannt New Arcadia, geleitet von einer Dynastie. Klingt nach dem Flugzeugträger aus Stephensons Snow Crash, und tatsächlich ist Company Town wohl am ehesten ein Cyberpunk-Roman. Neudeutsch: Thriller. Fast jeder auf New Arcadia ist biologisch aufgerüstet - außer Hwa. Und das verschafft ihr einen Vorteil (Einäugige unter Blinden und so …). Als sie von der Dynastie angagiert wird, um einen Mord in ihren Reihen aufzuklären, gräbt sie tiefer, als sie sollte. Guter, dreckiger Off-Shore-SF - davon konnte man in letzter Zeit viel zu wenig lesen!Madeleine Ashby ist mit dem Horror-Autoren David Nickle (Monstrous Affections, Rasputin's Bastards, Eutopia: A Novel of Terrible Optimism) verheiratet.

Norbert Stöbe, Kolonie

Nachdem die erste Kolonisten-Truppe aus 40 Personen knapp 30 Jahre lang versucht hat, sich auf dem neuen Planeten Corazon ein zu Hause zu schaffen, trifft die nächste Welle Kolonisten ein ...  Stöbe schafft es, SF ohne Raumschlacht und Supersoldaten zu schreiben - echte Konflikte und menschliche Fragen sowie Lösungen. Langweilig? Oh nein, oh nein, oh nein - gute, deutsche SF. Mehr davon bitte!

Alexandra Oliva, Survive

Hm, ja, also, tolle Idee: Zwölf gecastete Frauen und Männer sollen in einer Survival Fernseh-Show Aufgaben bewältigen. Doch, oh, dann läuft was schief und es geht wirklich ums Überleben. 

Paul Tassi, Earthborn 2: Der Ewige Krieg

Nach Earthborn: Die brennende Welt nun der zweite Teil Der Ewige Krieg (und im Mai kommt der dritte Teil Die Söhne Soras). Wie in Falling Skies wird die Erde von Außerirdischen überrannt, nur zwei Überlebende können mit einem Alien-Raumschiff fliehen und landen auf einem Planeten einer Spezies, die seit Ewigkeiten Krieg gegen die erdzerstörenden Invasoren führt. Zack, sind die beiden letzten Menschen Helden und schwören ewige Rache. Öhm … ok, kann man machen. Totaler Mashover, Independence Day, Falling Skies, Walking Dead und Guardians of the Galaxy, alles drin. Wer davon was mag, wird Spaß beim Lesen haben.


Geschrieben von Otherlander Wolfgang Tress.

Science Fiction - die Auslese

China Mieville: Dieser Volkszähler

Ein Junge rennt panisch vom Haus seiner Eltern auf dem Berg hinab: Seine Mutter hat seinen Vater ermordet - oder sein Vater seine Mutter? Um ihn herum die ernsten, übergroßen Gesichter der Fragensteller … Mievilles Novelle beginnt in einer Mischung aus Atemlosigkeit und Verwirrung.

Die Erzählperspektive schwankt zwischen erster und dritter Person, verrät einen zurückschauenden, entfremdeten Protagonisten, der die bruchstückhaften, intensiven Eindrücke seiner Kindheit zusammensetzt.

Etwas aus dem Zusammenhang gerissenes: Ich war kürzlich bei der Beerdigung meiner Großmutter und habe dabei selbst Erinnerungsbruchstücke sortiert - dicke Weinbergschnecken auf Kohlköpfen im Garten, ein scharf bremsender VW Käfer, das Atomkraftwerk auf der anderen Seite vom Fluss … wollte ich davon eine Geschichte erzählen, müsste ich wohl erst einmal lernen, die leise, geisterhafte Phantastik der Kindheit ähnlich einzufangen wie Mieville. Die Welt von dieser Volkszähler konnte unsere Welt in den vierziger oder fünfziger Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts sein - abgelegene Häuser auf Bergen verfügen über Stromgeneratoren, es gibt Taschenlampen zum Kurbeln.

Gleichzeitig liegt über allem ein Hauch des Postapokalyptischen: In der Stadt am Fuße des Berges schließen die Waisenkinder sich zu Banden zusammen, und nur alle paar Wochen kommen Polizisten aus einer größeren Ortschaft, um nach dem Rechten zu sehen. Doch trotz dieser “Yesterday’s Future”-Atmosphäre ist das nicht unsere Welt. Alte Frauen kauen dort die berauschenden Säfte aus getrockneten Käferbeinen, und der Vater des jungen, dieser sorgenvolle Mann, dessen Blick gelegentlich abwesend wird, bevor er etwas - einen Vogel, einen Hund - tötet, fertigt im Auftrag der Menschen der aus der Stadt magische Schlüssel an. Gewöhnliches und Außerordentliches mischen sich vor den Augen eines traumatisierten Jungen unterschiedslos ineinander und erzeugen eine Geschichte über Fremdheit - der Vater des Jungen kommt aus einem fernen Land, und der Junge selbst ist fremd in der Stadt und fremd in seinem Zuhause; schließlich taucht ein Fremder auf, der Volkszähler, der den Jungen einmal mehr zu einem Fremden in einer neuen Welt machen wird … dazwischen Momente, in denen Grauen und Erleichterung Hand in Hand gehen.

Wie immer steht Mieville bei uns im SF-Regal. Dass das hier genauso gut Phantastik oder ein Krimi sein könnte und natürlich nichts von dem ganz ist, ist typisch für den Autor. Aber so verdichtet habe ich den unheimlich-magischen Mieville noch nie gelesen. Neben Mievilles ganz anderem, nüchternen SF-Roman Stadt der Fremden/Embassytown dürfte diese knappe Novelle mein Lieblingsbuch des Autors sein.


Geschrieben von Otherlander Jakob Schmidt.

Share:   Facebook