Die Arroganz der grauhaarigen alten Männer: Warum Mangas Literatur sind und die "ernsthafte" Buchbranche endlich aufhören muss, so ignorant zu sein

Leipziger Messe - Buchmesse 2017 am 25.03.2017 - Foto Tom Schulze

BUCH

Die Arroganz der grauhaarigen alten Männer: Warum Mangas Literatur sind und die "ernsthafte" Buchbranche endlich aufhören muss, so ignorant zu sein


Lena Falkenhagen
28.03.2017

Sie hat wieder zugeschlagen, die konservative Sichtweise der Hochliteraten. Kulturredakteur Carsten Otte vom SWR wettert in seiner Nachlese der Leipziger Buchmesse 2017  gegen die Manga-Cosplayer. Falls Sie mit diesem Wort nichts anfangen können: Mangas sind – vereinfacht gesagt – japanische Comics und Trickfilme; Cosplayer sind Fans, die sich kleiden wie diese gezeichneten Figuren. Die Reichweite von Cosplays (das es übrigens auch für westliche Bücher, Filme und Spiele gibt) reicht von Perücken in leuchtenden Farben, überdimensionierten Engelsflügeln, pantomimenhaft weiß geschminkten Gesichtern bis hin zu Rokkokogewändern oder katzenohrhaften Wesen mit Plüschschwänzen. Ja, es ist skurril; ja, es ist bunt; und ja, es ist phantastisch kreativ.

Wer wie Herr Otte (offenbar) nicht weiß, was Mangas sind, wird sich schwertun, eine Verbindung zwischen Literatur vom Format eines Mathias Énard (dem diesjährigen Preisträger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung) und diesen Mangas zu finden. Auf der einen Seite ist da ein Mann, der beeindruckend viele Sprachen spricht, ganz Syrien und den Mittleren Osten bereist hat, an mehreren Kulturzeitungen als Redakteur beteiligt war und nun ein großes Werk geschaffen hat, das zur Verständigung, zur Akzeptanz und zum Überwinden der Schranken aufruft. Ich hörte die Rede im Leipziger Gewandhaus, mit der er den Preis entgegennahm, und weinte, weil das, was er sagte, mir so sehr aus dem Herzen sprach.

Herr Otte (dessen Fotos ich entnehme, dass er weder alt noch grauhaarig ist) lobt „die neue Ernsthaftigkeit im Literaturbetrieb“, die „emphatische Appelle für die Meinungsfreiheit“, ja „berührende Wortmeldungen von Schriftstellern, die unter Zensur und den Zumutungen diktatorischer Regimes zu leiden haben“ erhebt. Solche Impulse aus der Literatur sind wichtig und richtig, denn Literatur gehört wie Presse zur demokratischen Vierten Gewalt.

Dagegen wirken die grellen Kostüme und putzigen Plüschohren natürlich „klamaukig“ und bunt. Doch Manga ist mehr als großäugige Schulmädchen mit pinken Perücken und in knappen Röckchen. Selbst im japanischen ist eine der Bedeutungen des Wortes „wunderlich/skurril“. Eine andere Bedeutung des vielschichtigen Wortes hingegen ist „ungezügelt/frei“. Manga diente seit jeher der Satire und der Karikatur (die ältesten Vorgänger stammen übrigens aus dem 8. Jahrhundert nach Christus); im Manga setzen sich Comicschreiber und -zeichner kritisch mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Im späten 19. Jahrhundert wurde die Strömung der Satire im Manga so stark, dass die Künstler von Zensur und Verhaftung bedroht waren.

Die Arroganz der grauhaarigen alten Männer: Warum Mangas Literatur sind und die "ernsthafte" Buchbranche endlich aufhören muss, so ignorant zu sein

Leipziger Buchmesse/Manga Comic Con 2017: Let´s Dance - LBM Flashmob, Leipzig, 25.03.2017

In Mangas entstanden erste Abenteuergeschichten für Mädchen; die Emanzipation der Frau wurde thematisiert. Es waren Mangas, die seit Sailor Moon Scharen von Mädchen an die Zeichentische trieben. In Mangas wagte sich die Homosexualität an die konservative japanische Öffentlichkeit, eines der stärksten Subgenres hier ist die so genannte "Boys Love", romantische Geschichten zwischen Jungs, gezeichnet von Mädchen für Mädchen, die damit aus gesellschaftlich zementierten Geschlechterrollen ausbrechen.

Manga, das ist auch die phantastische tiefgründige Fragestellung über das Wesen des Menschseins wie in dem Science-Fiction-Film Ghost in the Shell (das der SWR übrigens an anderer Stelle wegen seiner philosophischen Tiefe lobt). Merken Sie was? Ja, Manga ist der japanische „emphatische Appell für die Meinungsfreiheit“, ist eine Ausdrucksform, die „unter Zensur und den Zumutungen“ der Repressalien einer konservativen Gesellschaft ihre Stimme erhebt. Diese literarische Kunstform hat längst bewiesen, dass sie nichts mehr zu beweisen hat.

Besonders scheint Herrn Otte die Nacktheit aufzuregen. „Wenn sich Kinder in farbenfrohe Kostüme werfen, kann man sich freuen, wenn Teenies vor den Fotoapparaten zumeist mittelalter Herren viel Bein und viel Brust zeigen, mag man sich wundern, aber wenn minderjährige Cosplayer Gefallen an pornographischen Posen finden, sollten Erwachsene nicht nur verschämt zur Seite schauen, sondern einschreiten.“ Abgesehen davon, dass ich den Satz mindestens verschroben finde, halte ich die Angewohnheit von fremden Männern, Mädchen oder Frauen eine angemessene oder unangemessene Kleidung vorzuschreiben, für rückständig. Mit Verlaub, Herr Otte, das geht Sie nichts an.

Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was Herr Otte unter Pornographie versteht, ich habe keine obszönen oder eindeutigen Posen gesehen (da ist jede Computerspiele-Messe eindeutiger). Wenn man über den Artikel dann aber ein Bild ebensolcher leichtbekleideter junger Frauen (die man nur aus der Perspektive eines grauhaarigen alten Mannes für Mädchen halten kann) als Clickbait setzt, dann muss man sich ernsthaft die Frage nach der Doppelmoral gefallen lassen. Sex sells – ja, aber bitte nicht bei unserer gesitteten Altherren-Literatur, da könnte man ja Blicke wagen müssen? Wenn es nach Herrn Otte geht, dann sollte man wohl für das nächste Jahr einen Dresscode einführen, der nur noch wohlgesittete, zugeknöpfte Gestalten einlässt, die mit der nötigen Würde geduckt durch die Leipziger Messehallen schleichen. Sorry, Sascha Lobo. Du musst draußen bleiben.

Reduziert Herr Otte eine Literaturgattung tatsächlich auf die Kleidung, die manche (eine kleine, extrovertierte Teilgruppe) ihrer Leser tragen? Für viele Cosplayer ist ihr Hobby die rare Möglichkeit des kontrollierten Ausbruchs aus dem grauen Alltag (und den Zwängen) von Schule, Studium, Beruf –alles Bereiche, in denen Männer die Regeln machen. Cosplay ist monatelang geplante (die Kostüme müssen von Hand genäht werden) Selbstdarstellung, nicht um Männern zu gefallen, sondern als sichtbarer Ausdruck einer Zuneigung zum Lesen. An welchem Ort ist dies angebrachter als auf einem internationalen Lesefest wie der Leipziger Buchmesse?

Die Arroganz der grauhaarigen alten Männer: Warum Mangas Literatur sind und die "ernsthafte" Buchbranche endlich aufhören muss, so ignorant zu sein

Leipziger Messe - Buchmesse 2017 am 25.03.2017 - Foto Tom Schulze

Der Zeitpunkt allerdings, an dem ich entschied, diesen Beitrag zu verfassen, war, als Herr Otte die in der Türkei im Gefängnis sitzende Asli Erdogan instrumentalisierte, um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen. „Als die Schriftstellerin Asli Erdogan per Skype aus ihrem türkischen Arrest nach Leipzig zugeschaltet wurde, liefen halbnackte Hasen und düstere Ritter mit Riesenschwertern an dem Veranstaltungsort vorbei.“ Das hielt er für „grotesk“ und „völlig unnötig“.

Und natürlich macht die Situation in der Türkei und das Leiden von Asli Erdogan jeden demokratischen, fühlenden Menschen betroffen. Doch die Schriftstellerin schreibt über Gewalt, über die Übermacht des Staates, über Folter, Mord, die Freiheit der Meinungsäußerung. Der Widerspruch, der sich zwischen dieser Botschaft und der Forderung Ottes auftut, dass „die Kostümorgien endlich von der Messe verbannt werden“ sollen, scheint dem Autor des SWR-Beitrags nicht aufzufallen. Otte sagt, „berührende Wortmeldungen von Schriftstellern, die unter Zensur und Zumutungen von diktatorischen Regimen zu leiden haben, passen nicht zum Klamauk und kulturindustriellen Hokuspokus der parallel stattfindenden Manga-Convention“.

Ich frage: was, wenn nicht diese wunderbare, phantastische, großartige Vielfalt der Literatur, der Individuen, der Meinungen, der Vorlieben; was, um Himmelswillen, wenn nicht das, passt dann zur Buchmesse? Carsten Otte schreckt offenbar die Vielfalt, die die Literatur auf der Messe ausmacht, ab; ihm fehlt der gebührende Respekt vor „den eigenen Ansprüchen“ der Literatur.

Stattdessen macht Literatur – zum Entsetzen der „ernsthaften“ Branche – Spaß. Literatur lebt und ist dabei – oh Schreck! - nicht immer ernsthaft. Literatur inspiriert junge Menschen dazu, sich phantastische, ausufernde, großartige Kostüme zu bauen, deren Kunstfertigkeit oft beeindruckend ist. Für mich als Schriftstellerin wäre es ein großartiges Kompliment, wenn jemand so viel Zeit und Mühen investiert, sich in eine meiner Figuren zu verwandeln.

Hier lesen junge Menschen (Mangas, aber nicht nur), hier treffen sie sich, um sich über Literatur auszutauschen, hier investieren sie Geld, Mühen und Liebe, um Literatur zum Leben zu erwecken. Herr Otte findet, das „wird zum Hohn auf den Rest der Messe“, doch wenn die nahbare, die erlebbare, die lesbare Literatur von der Messe verbannt wird und nur noch Bücher mit Anspruch bleiben, dann kann diese Messe auch gleich in ein kleineres Gebäude ziehen, denn dann muss man auch die Phantastik-Halle entfernen, vielleicht auch die Hörbücher, die Kinderbücher …

Die Arroganz der grauhaarigen alten Männer: Warum Mangas Literatur sind und die "ernsthafte" Buchbranche endlich aufhören muss, so ignorant zu sein

Leipziger Messe - Buchmesse 2017 am 25.03.2017 - Foto Tom Schulze

Literatur besitzt viele Gesichter und trifft viele Geschmäcker. Ich habe phantastische Romane gelesen, die sich ebenso intensiv mit dem Wesen des Faschismus auseinandergesetzt haben wie die sogenannte ernsthafte Literatur (und, ja, ich spreche hier von Tolkiens Herrn der Ringe). Der Vorteil dieser weniger ernsthaften Romane: sie werden gelesen. Und zwar richtig oft. Sie machen ihre Botschaft erlebbar.

Die Hochliteratur scheint hingegen gewillt, sich immer weiter auf das elitäre Abstellgleis zu begeben, denn wer von vielen Menschen gelesen wird, wer seine Botschaft verständlich an viele Menschen transportiert, der kann ja nicht ernst genommen werden, nicht wahr?

Vor allem aber ist das, was Herr Otte tut, hochgradig undemokratisch. Literatur auf allen Ebenen der „Ernsthaftigkeit“ erreicht verschiedene Gruppen von Lesern. Sich auf den Standpunkt zurückzuziehen, nur die oberste und komplexeste Schicht davon sei respektabel und repräsentationswürdig, reduziert auch den Diskurs in Deutschland auf diese elitäre Schicht.

Literatur dient dem Austausch von Ideen, hält einer Gesellschaft den Spiegel vor, um das eigene Verhalten zu reflektieren, Literatur dient dem kreativen Entwurf von neuen Gesellschaftsformen. Das kann Manga, das kann Phantastik, das kann „ernsthafte“ Literatur. Wer vorschnell eine dieser Literaturformen aburteilt, „unwert“ zu sein, begibt sich auf sehr, sehr dünnes Eis.

Ich ende mit einem Zitat, das mir jüngst aus der Seele sprach. Mathias Énard nahm den Buchpreis zur Europäischen Verständigung mit der Erinnerung an die legendäre Frau Europa entgegen, der unser Kontinent den Namen verdankt. Énard sprach unter anderem:

„Leider vergessen wir diese Erzählungen viel zu oft, wir vergessen, dass Europa, die Königstochter, an den südöstlichen Ufern des Mittelmeers geboren wurde. Dass der Mittelmeerraum, der kulturelle und sprachliche Raum, den seine Ufer bilden, ein äußerst lebendiger und wichtiger Teil unserer Geschichte ist, und dass Europa, wenn es diesen Teil vergisst und sich eine ausschließende Identität schafft, wie man sich in einen Mantel der Einbildung hüllt, sich selbst zu einer Art Einsamkeit verdammt. Eine Festung wider Willen.“

Was für die kulturelle und hochpolitische Botschaft stimmt, kommt mir in der Hochliteratur manchmal ähnlich vor. Eine Festung wider Willen. Werke, die viel zu sagen und eine wunderbare Sprache haben, aber nicht gelesen werden; eine Festung, die sich immer mehr abschottet von den Wünschen und Bedürfnissen der Leserinnen und Leser.

Herr Otte, Sie sagen, „Diese Ignoranz hat die Buchbranche nicht nötig.“ Ich stimme Ihnen zu. Die Buchbranche ist besser als das. 

Über die Autorin

Lena Falkenhagen

Lena Falkenhagen wurde 1973 in Celle geboren. Im echten Leben studierte sie Germanistik und Anglistik an der Universität Hannover und arbeitet seitdem als freischaffende Autorin, Lektorin, Übersetzerin und Computerspiele-Designerin. Lena ist Mitgründerin und als Schatzmeisterin Mitglied im Vorstand des Phantastik-Autoren-Netzwerks (PAN) e.V. Für PAN zeichnet sie auch verantwortlich für die politische Ausrichtung und gründete u.a. mit Nina George und Eva Leipprand 2016 das Netzwerk Autorenrechte.

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