Die geheimen Schätze der Phantastik: Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew

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KOLUMNE

Die geheimen Schätze der Phantastik: Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew


Andrea Bottlinger
02.12.2016

Wir schreiben das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, und der Kinoerfolg des „Herrn der Ringe“ hat gerade alle Rekorde gebrochen. Das sorgt nicht nur dafür, dass Hollywood plötzlich ernstzunehmende Fantasyfilme macht, sondern auch Verlage und Buchhändler entdecken mit einem Mal dieses seltsame Nischengenre namens Fantasy neu. Musste man vorher, um es etwas überspitzt auszudrücken, entweder zumindest dem Namen nach aus dem englischsprachigen Ausland stammen oder Wolfgang Hohlbein heißen, um Fantasy schreiben zu dürfen, so etablierte sich nun eine neue Generation von Autoren. Sie schrieben über Zwerge, Orks, Trolle und Elfen – und mittendrin tummelte sich irgendwo Oliver Plaschka, der mit eben solchen Völkern rein gar nichts am Hut hatte.

Oliver Plaschka ist ein Phänomen unter den deutschsprachigen Phantastik-Autoren, weil er in einer Zeit, in der viele nur zu gerne auf einen Erfolgszug aufgesprungen sind, komplett quergeschossen ist. Vielleicht war es Zufall, dass seine Karriere zur selben Zeit begann wie die der ganzen Völkerfantasy-Autoren. Tatsache ist jedoch, dass er gerade dann zur Stelle war, als ganz Deutschland feststellte, dass es mehr als zwei oder drei Leute im gesamten Land gibt, die Fantasy schreiben können. Sein Debütroman Fairwater war damit auch die erste Veröffentlichung unter dem Origin-Label von Feder&Schwert, das explizit darauf ausgelegt war, deutschsprachige Autoren zu veröffentlichen. Der Roman gewann den Deutschen Phantastik Preis.

Fairwater ist außerdem in der Lage, seine Leser gleichzeitig zu fesseln und unglaublich zu verwirren. Dabei beginnt der Roman eigentlich recht einfach: Es gibt eine Mordserie, in der die Journalistin Gloria ermittelt. Natürlich stößt sie dabei auf seltsame übernatürliche Vorkommnisse, und Leute in dunklen Regenmänteln versuchen zu verhindern, dass sie die verschiedenen Puzzleteile zusammensetzt. Dann allerdings wird es komplizierter.

Die Geschichte wird zum Teil in Form von Zeitungsartikeln, Telefonmitschriften, Tagebucheinträgen und Auszügen aus irgendwelchen Akten erzählt. Einer der Charaktere hat multiple Persönlichkeiten, über die man den Überblick behalten muss. Es gibt ein Zwischenspiel aus der Sicht einer Katze, über dessen Funktion man sehr lange mutmaßen kann, wenn man möchte.

Derweil entwickelt sich die Geschichte in mehrere Genrerichtungen gleichzeitig. Es gibt sowohl Außerirdische als auch einen Mörder, der über ein geheimnisvolles Spiegel-Netzwerk zu seinen Opfern gelangt. Gleich neben den sehr sachlich wirkenden Akten-Fragmenten, aus denen Teile der Handlung zusammengestückelt sind, findet man altertümlich anmutende Kapitel-Unter-Überschriften in der Art von: „Drittes Kapitel - In welchem wir Marvin und einigen seiner Freunde begegnen und Zeugnis von seinem Tod erhalten.“ Und am Ende besuchen die Protagonisten den Mond. Ohne Raumschiff.

Fairwater wechselt fließend von einer Krimihandlung zu Science Fiction zu etwas sehr Märchenhaftem und wieder zurück. Man kann sich nie sicher sein, was einen als Nächstes erwartet. Und das macht wohl für diejenigen, die den Roman mögen, seinen Reiz aus. Fairwater ist kein Roman, den man einfach so runterliest, sondern eine Sammlung von Überraschungseiern, die allesamt Hinweise zur Lösung eines Rätsels enthalten. Denn was der Roman auch ganz definitiv von einem erwartet, ist, dass man ein bisschen mitdenkt.

Überall finden sich wichtige Hinweise, zwischen denen man als Leser Querverbindungen herstellen muss. Deshalb ist Fairwater wahrscheinlich auch der einzige Roman, der mit einem Cheat-Sheet kommt. Ganz hinten im Buch findet man auf wenigen Seiten eine chronologische Auflistung der wichtigsten Ereignisse, die im Roman selbst nach und nach und in weniger geordneter Reihenfolge aufgedeckt werden. Nur für den Fall, dass man irgendwo nicht mitgekommen ist, kann man hier alles nachlesen.

Mitkommen muss man allerdings auch nicht unbedingt. Denn Fairwater ist einer der Romane, die man selbst dann noch mag, wenn sie einen sehr verwirrt zurücklassen. Auch wenn man nicht alle Antworten findet, kann man den Weg dorthin genießen.

 

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Es gibt Bücher, die lassen sich leicht in eine Schublade stecken. High Fantasy, Military Science Fiction, Steampunk. Jedem Werk sein Label, mit dem man es leicht erfassen und erklären kann. Und dann gibt es Bücher, die sind einfach irgendwie ... seltsam. Aber dafür mögen wir sie umso mehr. Es wird nur schwierig, wenn man versucht, sie anderen Leuten zu erklären. Andrea Bottlinger wagt den Versuch.

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