Wir brauchen Science Fiction. Heute mehr denn je.

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ESSAY

Wir brauchen Science Fiction. Heute mehr denn je.


Nach ihrer Begegnung mit einer NASA-Astronautin ist sich Autorin Becky Chambers ("Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten") sicher: Science-Fiction-Literatur inspiriert nicht nur die Forscher und Wissenschaftler selbst, sondern insbesondere auch die Unterstützer der Weltraumforschung. 

Der Seminarraum, in dem meine Mutter unterrichtet, ist herrlich vollgestopft. Wände und Arbeitsflächen sind überladen mit Museumspostern, Karten des Sonnensystems und wissenschaftlichen Fundstücken – was immer man sich für Astrobiologie nur wünschen kann. Wegen des begrenzten Budgets an öffentlichen Universitäten drängeln sich an den Laborbänken oft so viele Studenten, wie der Raum nur aufnehmen kann. An einem Tag vor ein paar Monaten war der Raum sogar noch überfüllter als sonst. Alle Plätze und jeder Quadratzentimeter Wand waren von Angestellten und Bezirksvertretern besetzt, dazwischen ich, die das Glück hatte, in der Stadt zu sein.

Wir wollten die Astronautin sehen.

Sie trug ihren Fliegeroverall, königsblau mit stolzen Abzeichen. Sie erzählte, was sie alles getan hatte, um diesen Overall tragen zu dürfen, und von den physischen Härten, die ein Leben im Weltraum mit sich bringt. Sie war uns gegenüber offen und voller Begeisterung, und unwillkürlich beugte ich mich wie die Studenten vor und hing an ihren Lippen.

In den Minuten vor dem Gong drängten sich die jungen Leute um die Astronautin und reichten ihre Smartphones hin und her, um sich mit ihr fotografieren zu lassen. Meine Mutter bahnte sich einen Weg zu mir herüber. »Willst du nicht Guten Tag sagen?«, fragte sie.

»Sie ist gerade ganz schön umlagert«, sagte ich. »Da will ich mich nicht dazwischen drängen.«

»Ach was«, sagte meine Mutter abschätzig und führte mich hinüber. »Wann lernt man schon mal eine Astronautin kennen?«

Sie wartete bis zwischen den fotografierenden Studenten eine Lücke entstand, und machte die Astronautin auf sich aufmerksam. »Das ist meine Tochter«, sagte meine Mom.« Ich schüttelte der Astronautin die Hand. »Sie schreibt Science Fiction.«

Und ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst.

Aber die Astronautin lächelte. »Oh, cool«, sagte sie.

Ich spürte, wie ich errötete, und bekam ein leichtes Kopfschütteln zustande. »Nicht so cool wie das, was Sie machen«, sagte ich. Denn es stimmt zwar, ich schreibe wirklich Science-Fiction-Romane, aber bis jetzt kann ich das mit keiner Veröffentlichung belegen. Und selbst wenn ich mit einem Buch oder auch mit zehn Büchern dort angetreten wäre, wie hätte ich mich mit ihr vergleichen können? Die Frau, die vor mir stand, hatte alle Hürden der NASA-Ausbildung hinter sich gebracht. Sie hatte promoviert. Sie flog Kampfflugzeuge. Eines Tages würde sie ins All fliegen. Ich dagegen erfinde Geschichten über Aliens und sprechende Computer. Im Vergleich zu ihr war ich ein Witz.

Aber die Astronautin schaute zwischen mir und meiner Mutter hin und her und sagte: »Es ist die Arbeit von Leuten wie Ihnen, die uns dort hinauf bringt.«

Außer einem verlegenen »Dankeschön« fiel mir damals keine Antwort ein, aber der Satz geht mir seither im Kopf herum. In den Tagen nach unserer Begegnung dachte ich darüber nach, was ich im Leben tun will und warum. Noch lange nach dem Vorfall beschäftigte mich die kulturelle Tragweite dieser Bemerkung, geäußert in einer Gruppe dreier Frauen, jede von uns Vertreterin eines Gebiets, auf dem Menschen wie wir  lange nicht willkommen waren und es teilweise noch nicht sind (vor allem im Fall der Astronautin – einer schwarzen Frau). Aber am meisten blieb mir im Gedächtnis haften, dass diese Worte von einer Astronautin kamen, die noch gar nicht im Weltraum gewesen war. Das ist bis heute so geblieben. Seit der Einstellung der Shuttleflüge wartet sie, zusammen mit ihren Kollegen, auf einen Sojus-Flug. Ein Termin steht noch aus.

Die Weltraumforschung ist im Wandel, ganz besonders in den Vereinigten Staaten. Wir, die wir nach dem Wettlauf ins All geboren wurden, müssen uns die Frage stellen, was Präsenz im Weltraum für unsere Generation bedeutet. Wir mussten uns mit der bitteren Erkenntnis abfinden, dass all die »großen Sprünge«, die Gegenstand unserer Grundschulprojekte waren, in erster Linie aus technologischer Angeberei finanziert wurden, wissenschaftliche Erkenntnisse sind dabei nur ein kleiner Bonus. Viele treibt die Frage (und die Hoffnung) um, ob unsere Raumfahrtprogramme auch einzig durch das, was einstmals nur ein Vorwand war, weiterleben können – Wissen, Forschung und das Wohlergehen unserer Spezies.

Etwas neu zu definieren, ist stets eine schwierige Aufgabe, aber nur selten wird das so deutlich wie in den aktuellen Debatten über die Raumfahrt. Die Zukunft der NASA ist ungewiss, ihre Mittel schrumpfen stetig, und hinter den Kulissen wird vieles infrage gestellt. Angesichts der Flaute hat die Privatwirtschaft übernommen und präsentiert zündende neue Ideen. Weltalltourismus. Erzabbau auf Asteroiden. Durch Crowdfunding finanzierte Teleskope im Orbit. Das alles ist Neuland, und in den kommenden Jahren werden wir weiter fragen müssen, wo uns das alles hinführt.

Ganz gleich, ob wir uns auf bemannte oder unbemannte Raumfahrt, auf staatliche Finanzierung oder private Investitionen einigen – oder ob du wie ich davon überzeugt bist, dass am Tisch Platz für alle ist: Tatsache ist, wenn die Erforschung des Weltraums, in welcher Form auch immer, weitergehen soll, dann ist sie auf jegliche Unterstützung angewiesen. Wir brauchen den Kontakt mit der Öffentlichkeit, ähnlich wie ihn die Astronautin suchte – um ein Bewusstsein für die bereits geleistete Arbeit zu schaffen und die nächste Generation zum Weitermachen zu inspirieren. Wir brauchen erstklassige Schulbildung und einen stärkeren Schwerpunkt auf der wissenschaftlichen Ausbildung, sowohl im akademischen Bereich als auch darüber hinaus.

Und wir brauchen Science Fiction. Heute mehr denn je.

Wir müssen prüfen, welche Zukunftsszenarien es wert sind, weiterverfolgt zu werden, welche Ideen sich überlebt haben und welche Gefahren (sowohl praktischer als auch ethischer Art) sich künftig auftun könnten. Science Fiction ist das große Gedankenexperiment, das sich dieser Themen annimmt, und es gibt innerhalb der SF keinen Zweig, der nicht von Bedeutung wäre. Wir brauchen Geschichten, die auf vorhandenen Technologien basieren und uns bei bevorstehenden Entscheidungen helfen. Wir brauchen Geschichten über die nahe Zukunft, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wohin uns unsere Handlungen noch innerhalb unserer Lebensspanne führen. Wir brauchen Geschichten, die sich dem größeren Ausblick widmen und uns Mut machen, für kommende Generationen in eine bessere Zukunft zu investieren. Wir brauchen Space Operas, die uns unseren Wagemut in Erinnerung rufen. Wir brauchen Apokalypsen, die uns zur Vorsicht mahnen. Wir brauchen realistische Geschichten und irrwitzige Geschichten und sämtliche Abstufungen dazwischen, weil sie alle uns zum Träumen bringen (die irrwitzigen womöglich am meisten). Wir brauchen alles. Jeden missglückten Entwurf, jeden Bestseller, jeden seichten Samstagnachmittagsfilm. Solange diese Ideen nur weiter im öffentlichen Bewusstsein zirkulieren, zählt jeder Beitrag, und sei er noch so klein.

Es geht bei alldem nicht nur darum, Wissenschaftler und Forscher zu inspirieren. Auch wir, die wir von der Peripherie aus zusehen, musst du dir darüber klar werden, warum deren Treiben wichtig ist, warum wir sie unterstützen sollten. Die allgemeine Begeisterung für die Weltraumforschung ist zwar immer noch lebendig, doch inzwischen gefährdet, und sie kann nur gedeihen, wenn wir über den Tellerrand hinausblicken. Von einem menschlichen Standpunkt aus gesehen war der Weltraum immer die Sphäre der Eliten – der militärischen, der intellektuellen und mittlerweile auch der wirtschaftlichen –, doch in Wahrheit gehört er uns allen. Das mag schwer vorstellbar sein, wenn man nur das Hier und Jetzt im Blick hat. Wir müssen weiterhin Geschichten erzählen, Geschichten, die uns Mut machen, weiterzugehen. Gut möglich, dass die nächsten Schritte nicht uns zugutekommen, vielleicht auch nicht unseren Kindern und nicht einmal unseren Kindeskindern. Aber wenn wir nicht aufgeben, dann könnten einige der Zukunftsgeschichten einmal Realität werden. Das ist tatsächlich möglich – wirklich und wahrhaftig. Gemäß den Worten der Astronautin: Wir dürfen nur nicht aufhören, sie dort hinaufzubringen.



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Deutsch von Karin Will

 

© 2013 by Becky Chambers
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Zuerst erschienen auf tor.com 

© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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