Science-Fiction-Roman "Armada" von Autor Ernest Cline

© Sven Sauer / Philipp Scherer / Christoph Pieper

FISCHER TOR

Leseprobe: Armada - Nur du kannst die Erde retten (Ernest Cline)


Fast rund um die Uhr zockt Gamer und Highschool-Schüler Zack sein Lieblingsgame "Armada". Eines Tages taucht ein echtes Alien-Raumschiff über seiner Heimatstadt auf. Und es gleicht haargenau den Raumschiffen, die er jeden Tag in "Armada" bekämpft. Doch diese Aliens wollen ganz bestimmt nicht nur spielen. Plötzlich sind es die Gamer, in deren Händen das Schicksal der Erde liegt.

***

PHASE EINS

Ich starrte gerade aus dem Fenster des Klassenraums und träumte von Abenteuern, als ich die fliegende Untertasse entdeckte.

Ich blinzelte und sah noch einmal hin – sie war immer noch da, eine glänzende Chromscheibe, die im Zickzack über den Himmel flog. Meine Augen hatten Mühe, dem Objekt zu folgen, während es eine Reihe schneller und unglaublich scharfer Wendungen vollzog, die einen Menschen, wäre denn einer an Bord gewesen, zu Brei zermatscht hätten. Die Scheibe raste auf den fernen Horizont zu und hielt direkt darüber an. Einen Moment lang hing sie reglos über den Baumwipfeln, als würde sie das Gelände unter sich mit einem unsichtbaren Strahl abtasten, nur um dann in den Himmel hochzuschießen und weitere, allen physikalischen Gesetzen spottende Manöver durchzuführen.

Ich versuchte, cool zu bleiben. Cool und skeptisch. Ich sagte mir, dass ich ein Mann der Wissenschaft sei, auch wenn ich in den naturwissenschaftlichen Fächern meistens nur ein C kriege.

Dann schaute ich ein weiteres Mal hin. Worum es sich bei dem Ding handelte, konnte ich immer noch nicht genau sagen, aber ein paar Sachen schieden definitiv aus. Es war kein Meteor. Und auch kein Wetterballon, kein Sumpfgas und kein Kugelblitz. Nein, das unidentifizierte Flugobjekt, das ich da mit eigenen Augen sah, stammte nicht von dieser Erde.

Abgefahren!, war mein erster Gedanke.

Gefolgt von: Ich fass es nicht, dass das jetzt endlich passiert.

Dazu muss man wissen, dass ich seit dem ersten Tag im Kindergarten auf irgendein völlig unglaubliches, weltveränderndes Ereignis gehofft und gewartet hatte, das die endlose Monotonie meiner Bildungslaufbahn unterbrach. Hunderte von Stunden hatte ich in die ruhige, gezähmte Vorstadtlandschaft im Umkreis meiner Schule hinausgeblickt und mir insgeheim den Ausbruch der Zombie-Apokalypse herbeigewünscht oder einen krassen Unfall, der mir Superkräfte bescherte, oder auch das plötzliche Auftauchen einer Gruppe zeitreisender kleptomanischer Zwerge.

Schätzungsweise ein Drittel dieser düsteren Tagträume drehte sich um die unerwartete Ankunft außerirdischer Wesen.

Natürlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass es wirklich geschehen könnte. Selbst wenn Außerirdische beschließen sollten, diesem völlig unbedeutenden kleinen grünblauen Planeten einen Besuch abzustatten, würde wohl kein auch nur halbwegs respektables Alien meine Heimatstadt Beaverton in Oregon – aka »Das öde Loch« – als geeigneten Ort für den Erstkontakt wählen. Es sei denn, sie wollten bei der Auslöschung unserer Zivilisation mit den langweiligsten Gegenden anfangen. Wenn das Universum ein helles Zentrum hat, war ich auf diesem Planeten am weitesten davon weg. Reich mir mal die blaue Milch, Tante Beru.

Aber nun geschah tatsächlich etwas Unglaubliches – und zwar genau in diesem Moment! Da draußen flog ein gottverdammtes UFO herum. Ich sah es klar und deutlich.

Und ich war mir ziemlich sicher, dass es näher kam.

Ich warf einen unauffälligen Blick über die Schulter zu meinen besten Freunden, Cruz und Diehl, die hinter mir saßen. Die beiden flüsterten jedoch gerade miteinander und schauten nicht aus dem Fenster. Ich spielte mit dem Gedanken, sie auf das UFO aufmerksam zu machen, fürchtete aber, das Objekt könnte jeden Moment verschwinden. Ich wollte nichts verpassen.

Schnell schaute ich wieder hinaus und sah das Fluggerät wie einen silbernen Blitz über die Landschaft fegen. Dann hielt es an und schwebte kurz auf der Stelle, bevor es sich erneut in Bewegung setzte. Schweben, losrasen. Schweben, losrasen.

Es kam definitiv näher. Ich konnte seine Form nun genauer erkennen. Und als die Untertasse kurz zur Seite kippte, sah ich, dass es gar keine Untertasse war. Der symmetrisch geformte Rumpf erinnerte eher an die Klinge einer Doppelaxt. In der Mitte zwischen den langen, gezackten Flügeln befand sich ein schwarzes, achtkantiges Prisma, das wie ein dunkles Juwel in der Morgensonne funkelte.

In diesem Moment erlitt mein Hirn einen Kurzschluss, denn ich kannte das markante Design des Fluggeräts nur allzu gut. Schließlich hatte ich es in den letzten paar Jahren beinahe jeden Abend im Fadenkreuz gehabt. Es handelte sich um eine Gleve der Sobrukai, eines der Kampfschiffe der bösen Aliens in Armada, meinem Lieblingscomputerspiel.

Was natürlich nicht sein konnte. Das wäre so, als würde man einen TIE-Jäger oder einen Warbird der Klingonen am Himmel sehen. Die Sobrukai und ihre Gleven waren Fiktion. In der realen Welt existierten sie nicht, basta. Computerspiele erwachten nicht zum Leben, und erfundene Raumschiffe düsten nicht am Himmel über deiner Heimatstadt umher. So ein haarsträubender Schwachsinn passierte höchstens in kitschigen Filmen aus den 80ern wie Tron oder War Games oder Starfight. Filme, die mein verstorbener Vater geliebt hatte.

Das funkelnde Fluggerät kippte erneut zur Seite, und diesmal erhaschte ich einen noch besseren Blick darauf – es gab keinen Zweifel. Das Ding war eine Gleve. Es besaß sogar die typischen klauenähnlichen Vorsprünge am Rumpf und die beiden Plasmakanonen, die wie zwei Fangzähne aus dem Vorderende ragten.

Für das, was ich sah, konnte es nur eine logische Erklärung geben: Es musste eine Halluzination sein. Und ich wusste, was für Menschen am helllichten Tag und ohne den Einfluss von Drogen oder Alkohol unter Halluzinationen litten. Bekloppte. Leute, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hatten. Oder Untertassen.

Ich hatte mich schon oft gefragt, ob mein Vater einer von ihnen gewesen war. In seinen alten Tagebüchern hatte ich Stellen gefunden, die in mir den Verdacht weckten, er habe zum Ende seines Lebens hin Wahnvorstellungen gehabt und nicht mehr zwischen Spiel und Realität unterscheiden können. Und nun schien ich dasselbe Problem zu bekommen, was mich nicht wirklich überraschte: Der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm.

Dass mich jemand unter Drogen gesetzt hatte, konnte ich jedenfalls ausschließen. Ein kaltes Erdbeer-Pop-Tart war alles, was ich an diesem Tag auf dem Weg zur Schule im Auto gefuttert hatte – und einen Frühstückskeks dafür verantwortlich zu machen, dass ich ein nichtexistentes Computerspiel-Raumschiff sah, war noch verrückter als die Halluzination selbst. Besonders da ich wusste, dass meine DNS eine viel wahrscheinlichere Erklärung abgab.

Allerdings war es meine eigene Schuld. Ich hätte vorsorgen können. Stattdessen hatte ich das Gegenteil getan. Wie mein alter Herr war ich mein ganzes Leben lang vor der Wirklichkeit geflohen und hatte mich bereitwillig in Phantasiewelten verloren. Und jetzt zahlte ich den Preis dafür, genau wie er. Der Zug war abgefahren … und entgleist.

Hör auf, sagte ich mir. Bis zu deinem Abschluss sind es bloß noch zwei Monate! So lange musst du noch durchhalten. Du bist auf der Zielgeraden, Lightman! Reiß dich zusammen!

Draußen vor dem Fenster fegte die Gleve ein weiteres Mal über den Himmel. Als sie über eine Gruppe hoher Bäume hinwegraste, sah ich die Äste wackeln. Dann sauste sie durch eine Wolkenbank – so schnell, dass sie ein kreisrundes Loch hineinstanzte. Und als sie auf der anderen Seite wieder herauskam, zog sie lange Dunstschwaden hinter sich her.

Einen Moment lang blieb das Fluggerät in der Luft stehen, bevor es, ein silberner Streifen am Horizont, nach oben schoss. Es verschwand so schnell, wie es aufgetaucht war.

Ich saß nur da und starrte den leeren Fleck am Himmel an, wo es sich eben noch befunden hatte. Dann linste ich in Richtung der anderen Schüler. Keiner von ihnen sah aus dem Fenster. Wenn die Gleve wirklich dort gewesen war, so hatte sie außer mir niemand bemerkt.

Noch einmal blickte ich hinaus und suchte den leeren Himmel ab, in der Hoffnung, das merkwürdige silberne Fluggerät möge wiederauftauchen. Aber es blieb verschwunden, und ich musste nun mit den Konsequenzen leben.

Die Gleve, oder vielmehr die Halluzination davon, hatte in meinem Geist eine wahre Lawine der unterschiedlichsten Gefühle und Erinnerungsfetzen ausgelöst – die sich um meinen Vater und das Tagebuch drehten, das ich unter seinen alten Sachen gefunden hatte.

Eigentlich war ich mir nicht mal sicher, ob es sich wirklich um ein Tagebuch handelte. Ich hatte es nie bis zu Ende gelesen. Sein Inhalt war einfach zu verstörend gewesen – welcher Teenager kam schon damit klar, einen Verrückten zum Vater zu haben? Deshalb hatte ich das Buch an seinen Platz zurückgelegt und die Erinnerung daran verdrängt – was mir auch ganz gut gelungen war.

Bis jetzt.

Am liebsten wäre ich sofort aus der Schule gerannt und nach Hause gefahren, um danach zu suchen. Es würde nicht lange dauern. Mein Haus war nur wenige Minuten entfernt.

Ich sah zur Tür des Klassenraums, die von Mr Sayles bewacht wurde, dem älteren Herrn, der uns in Mathe unterrichtete. Er hatte kurze graue Haare, eine dicke Hornbrille und trug dieselbe eintönige Kleidung wie jeden Tag: schwarze Slipper, schwarze Hosen, ein kurzärmeliges weißes Hemd und eine schwarze Clipkrawatte. Er arbeitete seit über fünfundvierzig Jahren an unserer Highschool, und die alten Jahrbuchfotos in der Bibliothek bezeugten, dass er nicht retro war – er hatte einfach nie etwas anderes getragen. Mr S ging dieses Jahr in Rente, und das war auch gut so, weil er nämlich schon mindestens seit dem Ende des letzten Jahrhunderts schlicht keinen Bock mehr hatte. Heute war er mit uns in den ersten fünf Minuten unsere Hausaufgaben durchgegangen und hatte uns dann den Rest der Stunde Zeit gegeben, um sie zu verbessern. Er selber hatte sein Hörgerät ausgeschaltet und sich seinen Kreuzworträtseln gewidmet. Aber natürlich würde er trotzdem mitbekommen, wenn ich versuchte, mich rauszuschleichen.

Ich schaute auf die Uhr an der lindgrünen Wand über der altmodischen Tafel. Erbarmungslos wie immer informierte sie mich, dass es bis zum Pausenklingeln noch zweiunddreißig Minuten waren.

Das würde ich nicht durchstehen. Nach dem, was ich gerade gesehen hatte, war es fraglich, ob ich die nächsten zweiunddreißig Sekunden bei Verstand bleiben konnte.

Zu meiner Linken beschäftigte Douglas Knotcher sich wie üblich damit, Casey Cox zu ärgern – den schüchternen, aknegeplagten Jungen, der das Pech hatte, vor ihm zu sitzen. Normalerweise stichelte er nur ein bisschen, heute beschoss er ihn allerdings mit Spuckekügelchen. Die feuchten Geschosse stapelten sich wie Kanonenkugeln auf seinem Tisch, und er schnippte eines nach dem anderen gegen Caseys Hinterkopf, dessen Haare schon ganz nass waren. Ein paar von Knotchers Freunden verfolgten das Schauspiel von den hinteren Bänken und kicherten, wenn er Casey traf, was ihn nur noch mehr anstachelte.

Ich fand es ätzend, wie Knotcher Casey schikanierte – was vermutlich mit ein Grund war, warum es ihm so viel Spaß machte. Er wusste, dass er mir auf den Sack ging und ich nichts dagegen tun konnte.

Mr Sayles war in sein Kreuzworträtsel vertieft und bekam von alldem nichts mit – was Knotcher wie stets ausnutzte. Und wie stets musste ich gegen den Drang ankämpfen, ihm die Zähne einzuschlagen.

Seit »dem Vorfall« in der Mittelstufe gingen Doug Knotcher und ich uns größtenteils aus dem Weg. Nur hatte es uns durch eine grausame Wendung des Schicksals dieses Jahr in dieselbe Matheklasse verschlagen. Und dann auch noch auf Nachbarbänke. Fast schien es, als wollte mir das Universum mein letztes Halbjahr an der Highschool unbedingt zur Hölle machen.

Das würde auch erklären, warum sich meine Exfreundin, Ellen Adams, ebenfalls in dieser Klasse befand. Sie saß drei Bänke weiter rechts, zwei Reihen hinter mir – so dass ich sie aus den Augenwinkeln gerade noch wahrnehmen konnte.

Ellen war meine erste große Liebe, und wir hatten gemeinsam unsere Unschuld verloren. Fast zwei Jahre war es her, dass sie wegen eines Ringers aus der Nachbarschule mit mir Schluss gemacht hatte. Aber jedes Mal, wenn ich die Sommersprossen auf ihrer Nase sah – oder wie sie sich die lockigen roten Haare aus dem Gesicht schüttelte –, brach es mir aufs Neue das Herz. Meist versuchte ich die ganze Unterrichtsstunde lang nur zu vergessen, dass sie im Raum war.

Jeden Nachmittag zwischen meinem Todfeind und meiner Exfreundin sitzen zu müssen machte den Matheunterricht in der siebten Stunde für mich zu einer Art Kobayashi Maru – einem brutalen No-Win-Szenario, das mein emotionales Durchhaltevermögen auf die Probe stellte.

Zum Glück saßen auch meine beiden besten Freunde in der Klasse, was das albtraumhafte Szenario zumindest ein wenig abmilderte. Wenn es Cruz und Diehl nicht gäbe, wäre ich vermutlich schon in der ersten Woche durchgedreht und nicht erst heute.

Ich sah wieder zu ihnen rüber. Diehl war groß und dünn, Cruz dagegen klein und stämmig, aber beide hießen mit Vornamen Michael. Schon seit der Grundschule nannte ich sie deshalb bei ihren Nachnamen. Die Mikes unterhielten sich immer noch im Flüsterton über dasselbe Thema wie vorhin, bevor ich abgedriftet war – nämlich über die »coolste Nahkampfwaffe in der Geschichte des Kinos«. Ich spitzte die Ohren, um zu verstehen, was sie sagten.

»Stich war nicht mal ein richtiges Schwert«, flüsterte Diehl. »Eher so eine Art Buttermesser, das im Dunkeln leuchtet. Damit kannst du höchstens Marmelade auf Scones und Lembasbrot schmieren.«

Cruz verdrehte die Augen. »Deine Vorliebe für das Kraut der Halblinge hat anscheinend deine Sinne vernebelt«, zitierte er. »Stich war ein Elbenschwert, das im Ersten Zeitalter in Gondolin geschmiedet wurde! Superscharf und mit einer Klinge, die blau leuchtete, wenn Orks oder Goblins in der Nähe waren. Und auf was reagiert Mjölnir? Auf einen falschen Akzent und zu viel Haarspray?«

Ich wollte ihnen erzählen, was ich gerade gesehen hatte. Aber obwohl sie meine besten Freunde waren, bestand nicht die geringste Chance, dass sie mir glauben würden. Sie würden ihrem psychisch labilen Kumpel Zack nur ein weiteres Symptom attestieren.

Und vielleicht hätten sie damit ja recht.

»Thor braucht auch keine Warnung vor seinen Gegnern, weil er sich nicht in einem kleinen Hobbitloch vor ihnen verstecken muss!«, flüsterte Diehl. »Mjölnir kann ganze Berge zerstören. Der Hammer verschießt Energiestrahlen, erschafft Kraftfelder und kann Blitze erzeugen. Außerdem kehrt er immer wieder in Thors Hand zurück, selbst wenn er sich dafür durch einen ganzen Planeten bohren muss! Und Thor ist der Einzige, der ihn benutzen kann!« Er lehnte sich zurück und lächelte siegesgewiss.

»Alter, Mjölnir ist so ein scheiß magisches Schweizer Messer!«, sagte Cruz. »Noch schlimmer als der Ring von Green Lantern! Der Hammer kriegt jede Woche eine neue Eigenschaft, damit Thor sich aus den bescheuerten Situationen befreien kann, die sie sich für ihn ausdenken.« Er grinste. »Außerdem haben jede Menge Leute Mjölnir schon benutzt, einschließlich Wonder Woman in einer Crossover-Ausgabe! Google doch mal. Dein Argument stimmt hinten und vorne nicht, Diehl!«

Ich selber hätte mich wahrscheinlich für Excalibur entschieden, das Schwert aus dem gleichnamigen Film. Aber ich hatte keine Lust, mich an der Debatte zu beteiligen. Stattdessen wandte ich mich wieder Knotcher zu, der gerade ein weiteres riesiges Spuckekügelchen auf Casey abfeuerte. Es erwischte ihn am Hinterkopf, fiel zu Boden und landete zwischen zahllosen älteren Geschossen.

Casey erstarrte einen Moment, als er getroffen wurde, drehte sich aber nicht um. Er sank nur auf seinem Stuhl zusammen, während sein Peiniger die nächste Salve vorbereitete.

Es gab eine klare Verbindung zwischen Knotchers Verhalten und der Tatsache, dass sein Vater ein gewalttätiger Säufer war, aber in meinen Augen war das trotzdem keine Entschuldigung. Auch ich litt unter üblen Vaterkomplexen, aber deshalb mobbte ich trotzdem nicht meine Mitschüler.

Allerdings hatte ich ein leichtes Aggressionsproblem, was, wie man mir zu verschiedener Gelegenheit versichert hatte, in den Schulakten gut dokumentiert war.

Ach ja, und außerdem halluzinierte ich manchmal und sah außerirdische Raumschiffe aus einem Computerspiel vor mir.

Vielleicht sollte ich mir also lieber doch kein Urteil über anderer Leute Geisteszustand erlauben.

Ich musterte meine restlichen Klassenkameraden. Alle in der Nähe starrten inzwischen Casey an und fragten sich wahrscheinlich, ob er sich wohl heute endlich gegen Knotcher wehren würde. Aber Casey sah nur zu Mr Sayles hin, der in sein Kreuzworträtsel versunken war und von dem adoleszenten Drama, das sich vor ihm abspielte, nicht das Geringste mitbekam.

Knotcher schnippte das nächste Spuckekügelchen gegen Caseys Kopf, und dieser sank noch tiefer in seinen Stuhl. Es war, als würde er schmelzen.

Ich gab mir alle Mühe zu tun, was ich das ganze Halbjahr über getan hatte: Meine Wut im Zaum halten, mich ablenken und nicht einmischen. Aber es gelang mir nicht.

Zuzusehen, wie Knotcher Casey piesackte, während wir anderen nur tatenlos danebensaßen, erfüllte mich mit einem unbändigen Hass auf mich selbst und unsere ganze menschliche Spezies. Wenn es dort draußen noch andere Zivilisationen gab, warum sollten sie mit der Menschheit Kontakt aufnehmen wollen? Wenn wir uns gegenseitig schon so schlecht behandelten, wie würden wir erst mit glupschäugigen Wesen aus dem Weltraum umgehen?

Erneut sah ich im Geist die Gleve vor mir, und meine Nerven spannten sich noch mehr. Ich versuchte, mich zu beruhigen – dieses Mal, indem ich mir die Drake-Gleichung und das Fermi-Paradoxon vor Augen hielt. Vermutlich gab es im All auch noch anderes Leben. Doch bei der gewaltigen Ausdehnung und dem Alter des Universums war es äußerst unwahrscheinlich, dass wir jemals damit in Berührung kommen würden. Schon gar nicht während des kurzen Zeitfensters meiner Lebensspanne. Bis dahin saßen wir hier fest, auf dem dritten Felsbrocken unseres Sonnensystems, und sahen heldenhaft unserem Aussterben entgegen.

Ein heftiger Schmerz durchzuckte meinen Unterkiefer. Ich bemerkte, dass ich die Zähne zusammengebissen hatte – so fest, dass es knirschte. Nur mit Mühe gelang es mir, die Kiefermuskeln zu lockern. Ich schielte zu Ellen hinüber, weil ich wissen wollte, ob sie was mitbekam. Sie musterte Casey mit einem hilflosen Ausdruck im Gesicht. In ihren Augen stand Mitleid.

Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

»Zack, was machst du?«, hörte ich Diehl beunruhigt flüstern. »Bleib sitzen!«

Ohne es zu merken, war ich aufgestanden. Mein Blick war auf Knotcher und Casey gerichtet.

»Ja, halt dich da raus!«, wisperte Cruz. »Komm schon, Mann.«

Aber da hatte sich bereits ein roter Wutschleier über meine Augen gelegt.

Als ich bei Knotcher angekommen war, tat ich nicht das, was ich eigentlich tun wollte, nämlich ihn an den Haaren packen und sein Gesicht immer wieder auf die Schulbank hämmern.

Stattdessen bückte ich mich und sammelte den Haufen feuchter grauer Spuckekügelchen vom Boden auf. Ich presste sie zu einem großen Batzen zusammen und klatschte sie Knotcher auf den Kopf. Das schmatzende Geräusch war äußerst befriedigend.

Knotcher sprang auf und wirbelte herum, erstarrte jedoch, als er mein Gesicht sah. Er riss die Augen auf und wurde etwas blass.

Von meinen Klassenkameraden war ein vereintes »Ooooooh!« zu hören. Alle wussten, was sich zwischen mir und Knotcher in der Mittelstufe abgespielt hatte, und die Aussicht auf eine Wiederholung versprach, großes Kino zu werden. Mathe war plötzlich wieder interessant geworden.

Knotcher hob die Hand und riss sich die feuchte Kugel aus zerkauten Serviettenfetzen vom Kopf. Wütend schmiss er sie durch den Raum und traf dabei versehentlich ein halbes Dutzend unserer Mitschüler. Wir sahen einander in die Augen. An Knotchers linker Schläfe lief ein dünnes Rinnsal seiner eigenen Spucke hinunter. Er wischte es weg, ohne den Blick von mir abzuwenden.

»Na, willst du deinem Lover endlich zu Hilfe kommen, Lightman?«, höhnte er, konnte jedoch das Zittern in seiner Stimme nicht ganz verbergen.

Ich fletschte die Zähne und trat mit erhobener Faust einen Schritt vor. Es hatte die gewünschte Wirkung. Knotcher sprang förmlich rückwärts, stolperte über seinen eigenen Stuhl und wäre fast hingestürzt. Dann richtete er sich wieder auf und stellte sich mir mit vor Verlegenheit geröteten Wangen entgegen.

Im Klassenraum herrschte tödliche Stille. Nur das stete Ticken der elektrischen Wanduhr war zu hören.

Mach schon, dachte ich. Schlag zu. Gib mir eine Entschuldigung.

Ich sah jedoch die wachsende Furcht in Knotchers Augen, die schon bald stärker wurde als seine Wut. Vielleicht erkannte er in meinem Blick, dass ich kurz vor dem Ausrasten stand.

»Psycho«, murmelte er. Dann drehte er sich um und setzte sich, wobei er mir den Mittelfinger zeigte.

Mir fiel auf, dass meine rechte Faust noch erhoben war. Als ich sie schließlich senkte, schien ein Aufatmen durch die Klasse zu gehen. Ich sah zu Casey hin, in der Erwartung, dass er mir dankbar zunicken würde. Aber er hing immer noch wie ein geprügelter Hund über seinem Tisch und schaute nicht einmal hoch.

Erneut schielte ich zu Ellen hinüber. Dieses Mal sah sie mich direkt an, drehte aber sofort den Kopf weg, als sie meinen Blick bemerkte. Von meinen restlichen Mitschülern schauten mir nur Cruz und Diehl in die Augen, und ihre Mienen wirkten besorgt.

In diesem Moment blickte Mr Sayles endlich von seinem Kreuzworträtsel auf und sah mich wie einen Axtmörder über seinem Opfer dastehen. Er tastete nach seinem Hörgerät und schaltete es ein, wobei sein Blick verwirrt zwischen Knotcher und mir hin und her zuckte.

»Was ist hier los, Lightman?«, fragte er und deutete mit einem krummen Finger auf mich. Als ich nicht antwortete, runzelte er die Stirn. »Zurück auf deinen Platz – sofort.«

Aber ich konnte mich nicht einfach wieder hinsetzen. Wenn ich auch nur eine Sekunde länger blieb, würde mein Schädel implodieren. Also ging ich seelenruhig am Lehrertisch vorbei auf die offene Tür zu. Mr Sayles sah mir mit ungläubig hochgezogenen Augenbrauen hinterher.

»Vielleicht solltest du auf dem Weg nach draußen auch direkt beim Direktor vorbeischauen, Lightman!«, rief er mir nach.

Ich rannte bereits auf den nächsten Ausgang zu. Meine Turnschuhe quietschten auf dem gewachsten Korridorboden.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich endlich die Tür erreicht hatte. Während ich zum Schülerparkplatz lief, drehte ich unablässig den Kopf hin und her und suchte mit den Augen den Himmel ab. Jemand, der mich von drinnen beobachtete, musste mich für völlig gestört halten. Bestimmt sah es aus, als würde ich ein Tennismatch zwischen Riesen verfolgen, das nur ich allein sehen konnte.

Mein Auto stand auf dem hinteren Teil des Parkplatzes. Es war ein weißer 1989er Dodge Omni, der meinem Vater gehört hatte und von dem bereits die Farbe abblätterte. Außerdem war er mit jeder Menge Kratzern, Dellen und Rostflecken übersät. Solange ich denken konnte, hatte er unter einer Abdeckplane in der Garage gestanden, bis mir meine Mutter an meinem sechzehnten Geburtstag die Schlüssel zugeworfen hatte. Ich hatte das Geschenk mit gemischten Gefühlen angenommen, und das nicht nur, weil es eine verrostete Schrottkiste war, die kaum noch fuhr. Ich war in diesem Auto gezeugt worden – zufälligerweise sogar genau an der Stelle auf dem Parkplatz, wo ich gerade stand. Ein Detail, das meiner Mutter leider an einem Valentinstag nach ein paar Gläsern Wein und zu vielen Wiederholungen von Teen Lover herausgerutscht war.

Jedenfalls gehörte der Omni nun mir. Das Leben ist ein Kreislauf, könnte man sagen. Und einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Jedenfalls nicht, wenn man an der Highschool und pleite ist. Ich versuchte, einfach nicht daran zu denken, wie meine Eltern es als Teenager auf dem Rücksitz getrieben hatten, während aus dem Kassettendeck ein Song von Peter Gabriel tönte.

Ja, das Auto hatte noch ein funktionierendes Kassettendeck. Ich besaß ein Adapterkabel, um Musik von meinem Smartphone abzuspielen, aber viel lieber hörte ich mir die alten Mixtapes meines Vaters an: ZZ Top, AC / DC, Van Halen, Queen. Ich startete den leistungsstarken Vierzylindermotor des Omnis, und Power Stations Cover von Get It On (Bang a Gong) dröhnte aus den halb kaputten Lautsprechern.

Durch das Labyrinth der schattigen Vorstadtstraßen raste ich nach Hause, wobei ich mehr in den Himmel schaute als auf die Straße vor mir. Es war erst früh am Nachmittag, aber über mir war bereits ein blasser Vollmond sichtbar, an dem mein Blick immer wieder hängenblieb. Auf der kurzen Fahrt hätte ich deshalb zweimal beinahe ein Stoppschild übersehen und entging nur knapp dem Zusammenstoß mit einem SUV, nachdem ich bei Rot gefahren war.

Danach schaltete ich den Warnblinker ein und fuhr die letzten paar Meilen im Schritttempo. Dabei verrenkte ich mir die ganze Zeit den Hals, um den Himmel im Auge zu behalten.

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Ernest Cline – Armada. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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