Charlie Human: Apocalypse Now Now

Apocalypse Now Now - Charlie Human

FISCHER TOR

Leseprobe: Charlie Human - Apocalypse Now Now


Stell dir vor, bei dir läuft alles glatt, bis du dich verliebst und sie von einem Serienmörder entführt wird. Als wäre das noch nicht genug, entdeckt der 16-jährige Baxter auf der Suche nach ihr zusammen mit einem Kopfgeldjäger in Kapstadt eine Schattenwelt der Ungeheuer und Magie. Hier gibt es die Leseprobe aus Charlie Human "Apocalypse Now Now".


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1 - Regenmäntel und Hirnfickerei


»Charlie, Delta, Niner, ein fetter Zehn-vier«, grollt Rafe in sein CB-Funkgerät. Ich hab zehn Minuten Zeit, bevor ich losmuss zur Schule. Meine Eltern zwingen mich, zu Fuß zu gehen, auch wenn es regnet. Und gerade regnet es. Das Funkgerät zischt, knistert und gluckst wie der Soundtrack eines Horrorfilms über einen dämonischen Computer, für den Menschen eine niedere Lebensform sind, die eliminiert gehört.

Ich liege in unserem Wohnzimmer auf dem rostorangen Langflorteppich, der so alt ist, dass er schon zweimal wieder retrochic war. Rafe, mein zwei Jahre älterer Bruder, hat sein CB-Funkgerät strategisch auf dem runden Glastischchen neben dem Fernseher postiert. Ich sage strategisch, weil er der Sunzi der Quälgeisterei ist und das auf dem Glas rappelnde CD-Funkgerät die perfekte Hirntod-Frequenz erzeugt. Ich schiebe die langen Ponyfransen von meiner Brille und starre wütend auf seinen Hinterkopf.

»Mach das leiser«, sage ich. Er dreht seinen Bollerkopf mit der roten Zottelfrisur und fixiert mich mit dem Wissenden Auge. Die Wut baut sich in mir auf wie eine dunkle Welle.

Das Wissende Auge ist eine Waffe, die in meiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird. Mein Großvater väterlicherseits hat es, und ich vermute stark, das war es auch, was meine Großmutter in Alkoholismus und Sexsucht getrieben hat, ehe sie ihn verließ, um in einer Rassistenkommune im Nordkap neu anzufangen. Das, und die Tatsache, dass mein Großvater sich von riesigen gestaltwandelnden Krähen verfolgt fühlt.

Das Auge hat eine Generation übersprungen, und jetzt hat es Rafe, der älteste Sohn. Er kann dich mit einem einzigen Blick durchleuchten wie ein Röntgenapparat und deine neuralgischsten Punkte, deine sensibelsten Geheimnisse bloßlegen.

Rafe ignoriert mich und schlägt eins seiner dämlichen Bücher über südafrikanische Geschichte auf. Offensichtlich sind Obsessionen ganz typisch für alle, die es sich am unteren Ende des Autismusspektrums gemütlich gemacht haben. Rafes war südafrikanische Geschichte. Er hat eine ganze Bibliothek von Büchern, in die er dauernd die Nase steckt, als versuche er im wildwuchernden Dickicht unseres kolonialen Erbes irgendwelche sinnvollen Muster zu erkennen. Er ist wirklich schräg drauf. Nicht genug, dass sein verdrehter Denkapparat mich belästigt, wenn ich wach bin. In letzter Zeit infiltriert er mit seinen bizarren Vorstellungen von Ochsenwagen und Buren auch noch meine Träume.

Er dreht sich zu mir, schlägt das Buch auf einer Doppelseite über irgendeine längst vergessene Schlacht zwischen Buren und Engländern auf und pikt insistierend mit dem Finger darauf, als wollte er einem Affen das Lesen beibringen. Das ist, als würde man ein Baby vor der Nase eines Pitbulls schwenken. Ich kann nicht anders. Die dunkle Welle überrollt mich. Fauchend vor Wut stoße ich mich vom Boden ab und springe auf Rafes Rücken, nehme ihn in den Schwitzkasten und reiße ihn zu Boden.

Ich weiß aus Erfahrung, dass mir nur wenige Sekunden bleiben, ihm so viele Schmerzen wie möglich zuzufügen, ehe meine Mutter kommt und dazwischengeht. Also traktiere ich seine Nieren mit Faustschlägen, während er wild strampelt. Es ist nicht genug, aber besser als nichts. Die Schritte meiner Mutter poltern die Treppe hinunter. Wir gehen auseinander, und ich gebe Rafe einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter.

»Wir haben nur ein bisschen gerangelt, Mum«, sage ich, als sie ins Wohnzimmer kommt.

»Baxter, was ist bloß los mit dir?«, fragt sie und schält mit ihrem rasiermesserscharfen Blick die Unschuldsmiene von meinem Gesicht. Auf die alte »Nur gerangelt«-Nummer fällt sie eindeutig nicht mehr rein.

»Das Auge …«, fange ich an.

»Du bist sechzehn, in Gottes Namen«, sagt sie. »Meinst du, Rafe zu quälen macht dich zu einem guten Bruder?«

Die Frage war rhetorisch, aber ich kann es mir nicht verkneifen, ihre Fehlannahme zu korrigieren, mir läge etwas daran, ein guter Bruder zu sein. Das kommt so gut an wie Iron Maidens »Number of the Beast« in der Bibelstunde.

Der springende Punkt ist, dass mein Bruder eine Lernbehinderung hat und eine Sonderschule besucht, was ihn von der schnöden Pflicht entbindet, Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen.

»Ich hab nicht ge …«, fange ich an.

»Er kann nichts dafür«, flüstert sie scharf.

Ich weiß, wann ich verloren habe, und streiche die Segel. Meine Mutter und ich werden über Rafes kognitive Fähigkeiten wohl immer geteilter Meinung sein. Während sie ihn für einen Vollpatienten hält, der das Gagagenerve, das er auf mich abschießt wie einen Laserstrahl, gar nicht bemerkt, sehe ich das ganz anders. Er kann es sehr wohl kontrollieren. Es ist einfach sein einziger Lebenszweck, mich in die klinische Psychose zu treiben.

»Vertragt euch wieder«, sagt meine Mutter und zieht eine dünne Augenbraue hoch.

»Sorry«, murmeln wir beide unisono und schütteln uns widerwillig die Hand. Ich drehe mich um, nehme meine Tasche und trete durch die Vordertür raus in den Regen, ohne den Schirm, den meine Mutter mir hinhält.

Ich quäle mich durch den Wolkenbruch. Es ist so unfair. Rafe ist der Dorn in meinem Fleisch. Er spricht kaum, und wenn, dann ausschließlich über Buren-Generäle, Konzentrationslager der Engländer und San-Mythologie. (Wobei Letztere, wie alle anderen Religionen auch, komplett plemplem ist. Der gestaltwandelnde Mantis-Gott verliebte sich in eine Antilope und schuf daraufhin den Mond und eine ganze Reihe schriller Monster, denn he, ich bin ein vielgestaltiger Gott, warum nicht?) Ich wünschte, meine Eltern würden Rafe einfach mit Medikamenten ruhigstellen. Aber das Leben ist unfair – wie ein Kindergeburtstag, auf dem die Mutter das Päckchen-Karussell manipuliert, damit ein besonders liebes Kind das Beste bekommt.

Und genau so ist es doch: Immer gewinnen die kleinen blonden Engelchen mit den Uralt-Modem-Gehirnen (rrrr-klckklck-iiiii-rckklckcklck) beim Päckchen-Karussell. Als Kind war ich auf Hunderten von Kindergeburtstagen und habe nie das Päckchen gewonnen. Das ist statistisch äußerst unwahrscheinlich und kann nur eins bedeuten, nämlich, dass keine der Mütter mich mochte.

Ich war nämlich eins dieser Kinder, die andere Kinder zum Weinen bringen, ein angeborenes Talent, das ich ganz unwillkürlich einsetzte. Es gibt zwei Dinge, die fast alle Mütter mögen, nämlich Josh Groban und wenn ihre Kinder mal nicht heulen, und da Josh Groban nur alle paar Jahre ein neues Album rausbringt, legen sie doppelt so großen Wert auf die nichtheulenden Kinder.

Der Himmel trifft fast genau den Grauton der Lunge eines Zwei-Päckchen-am-Tag-Rauchers und macht mir damit Lust auf eine Zigarette. Ich biege von der belebten Hauptstraße ab und begebe mich in die Unterführung am Bahnhof, jenes versiffte Höhlenheiligtum, in dem meine Freundin Esmé und ich uns treffen, um vor Beginn des Unterrichts Spucke und Zigarettenrauch auszutauschen.

Die Unterführung schlängelt sich unter der Bahnlinie her wie eine dreckige Katakombe. Chaotische Graffiti bedecken die Wände – vielfarbige Gebeine von prähistorischen Drachen in der Bausubstanz. In der hohlen Hand zünde ich mir die Zigarette an, dann lehne ich mich an die Wand und sehe dem Rauch zu, der sich wie zwei kämpfende Riesenkreaturen in die Höhe schraubt. Ich lasse meinen Blick über die gegenüberliegende Wand schweifen und betrachte die Kritzeleien und Tags, die vom schulpflichtigen Teil der Bevölkerung, der jeden Tag durch diesen Tunnel strömt, hinterlassen wurden.

Ich erkenne den Tag von Schnüffelkid, eine stilisierte Spraydose und daneben S.K. in leuchtendem Blau. Einige seiner Sachen entlang der Schienen sind auf ihre verquere, halluzinatorische Art ganz schön. Er hängt nur deshalb mit den Sprayern zusammen, weil sie den ständigen Nachschub an Aerosol gewährleisten, aber er ist gar nicht mal schlecht darin.

»Tammy Laubscher bläst beschissen« steht in dickem schwarzem Marker neben der Zeichnung von einem durchgekreuzten Schwanz. Diese Aussage entspricht komplett den Tatsachen; ihr scharfkantiger Schiefzahn hemmt irgendwie ihre Karriere als Fellatrix. Direkt daneben steht in roter Schrift »Für wilden Spaß Ms Jones Tel 0769248724«. Unsere Geographielehrerin hat es sich offenbar mit einem der Sprayerkids verdorben. Für die Echtheit der Nummer kann ich bürgen.

Ein kleines, grelles Element sticht mir ins Auge. Es ist ein zugeschwollenes rotes Auge, aus dem gelbe Farbe zu eitern scheint. Darunter stehen fünf abschreckende Wörter. »Baxter Zevcenko ist ein Mörder.« Es überläuft mich eiskalt vom Scheitel bis zur Sohle. Fuck. Kyle muss irgendwem von meinen Träumen erzählt haben. Selbst auf die Verschwiegenheit des besten Freundes ist offenbar kein Verlass mehr.

Meine chaotische, ungereimte Traumwelt von letzter Nacht ist mir auch jetzt noch noch deutlich präsent. Der Geruch der dunklen, dumpfigen Mooskissen im Wald und die Pinien, die sich im Wind wiegen wie die Priester einer uralten, vergessenen Religion. Der Mond steht als boshafte silberhelle Sichel am Himmel, und alles ist still.

Ich sitze auf meinem BMX-Rad und horche auf das leise Knacken der Kiefernnadeln unter den vorsichtig voranrollenden Gummireifen. Dann sehe ich sie vor mir, die Riesenmantis mit dem smaragdgrünen Rücken, deren elegantes, trunkenes Wiegen mich an Tai-Chi-Übungen denken lässt. Sie senkt ihren gewaltigen Kopf – eine auf die Spitze gestellte Pyramide –, spreizt die durchscheinenden Flügel und beginnt zu tanzen, ein bisschen komisch und schreckerregend zugleich. Sie wendet ihren Kopf und richtet das Wissende Auge auf mich. Es ist schrecklich, wie Sauron mit Augentripper, und Blut und Feuer schießen mir ins Gehirn. Ich versuche wegzukrabbeln, aber der Blick bohrt sich durch meine Stirn.

Alles, was ich dann noch sehe, sind brennende Ochsenkarren in der Nacht und Menschen, die abgeschlachtet werden. Diese Träume enden immer mit dem Tod unzähliger Menschen. Als liefe in meinen Träumen ununterbrochen der History Channel – nur dass Quentin Tarantino sämtliche Spielszenen gedreht hat.

»Hey.« Die vertraute, rauchige Jazzclubstimme reißt mich aus den Gedanken. Esmé kommt durch die Unterführung geschlendert und lehnt sich neben mir an die Wand. Ihr kurzes dunkles Haar ist verwuschelt, und eine lange Strähne hängt bis auf einen der messerscharfen Wangenknochen ihres Koboldgesichts. Ihre grünen Augen sind mit dunklem Kajal umrahmt, was ihr in der Schule einen Anschiss einbringen wird. Sie riecht nach Rauch und Jasmin.

Sie zieht eine Zigarette aus der Packung in meiner Hand und beugt sich zu mir, um sich Feuer geben zu lassen. Das Haar fällt ihr ins Gesicht, und ich widerstehe der Versuchung, es zurückzustreichen. Irgendwie löst das Licht in der Unterführung in Kombination mit ihrem Geruch und ihrer Nähe etwas in mir aus. Die Zeit verdichtet sich auf diesen einen Punkt. Ich habe ein komisches Gefühl in der Brust und kann nicht denken.

»Jody Fuller ist ermordet worden«, sagt sie nüchtern. »Auf dem Berg.«

»Fuck«, sage ich. Die Kälte kehrt zurück, gleitet mir die Kehle hinunter wie eine verdorbene Auster. Jody Fuller war ein Jahr über mir, aber ich hatte sie einmal geküsst. Ich erinnere mich, dass sie schwach nach Milch und Minze schmeckte.

»Es ist komisch«, sagt Esmé. »Ich hab die Schlampe gehasst, und jetzt vermisse ich sie irgendwie.«

»Ja«, stimme ich zu.

Wir rauchen schweigend, dann schnippt sie ihre Kippe in den Dreck, stößt sich von der Wand ab und beugt sich rüber, um mir einen feuchten Kuss zu geben.

»Meld dich später online«, sagt sie und schlendert davon, und für einen Moment erscheint ihre Gestalt im Gegenlicht der Tunnelöffnung wie ein Heiligenbild mit Glorienschein. Ich bleibe noch einen Moment in der leeren Unterführung. Dieser Kuss hat den beschissenen Tagesanfang aus dem Zwischenspeicher gelöscht. Ich dampfe den Rest meiner Zigarette weg, stoße mich von der Wand ab und gehe wieder raus in den Regen. Der Rest des Fußmarschs ist elend. Als ich die Eisentore am Eingang der Schule erreiche, sind sogar meine Strümpfe pitschnass.

Zum Glück hatte ich in weiser Voraussicht den Inhalt meines Rucksacks in eine Plastiktüte gesteckt. Neben meinem Lunch und meinen Schulbüchern habe ich ein Manifest dabei, das alles ändern könnte. Wenn nicht vorher schon die Hölle losbricht. Ich nehme die Tore der Westridge High ins Visier und wische den Regen von meinen Brillengläsern.

Westridge ist ein imposanter Granitbau, dessen eiserne Kiefer Generationen von Kapstädtern ausgespien haben. Wie alle angesehenen Highschools in den lauschigen Vororten im Süden haben wir einen ansprechenden Schulhof, sündhaft teure Computerarbeitsplätze, die direkt nach dem Einrichten veraltet waren, einen Debattierklub, ein konkurrenzfähiges Rugbyteam sowie Gangs, Drogen, Bulimie, Depressionen und Mobbing.

Es ist ein Ökosystem, ein Mikrokosmos der politischen, ökonomischen und militärischen Kräfte, die die Welt gestalten. Einige Highschool-Kids machen sich Sorgen um ihre Beliebtheit oder ihre Noten. Meine einzige Sorge ist die Aufrechterhaltung des brüchigen Stillhalteabkommens zwischen den Gangs, das Westridge zusammenhält. Jedem das Seine, wie mein Vater sagt.

Ich gehe zügig durchs Tor, drossele aber sofort das Tempo, als ich vor mir Mikey Markowitz sehe, in seiner grellgelben Regenjacke eine leuchtende Warnboje vor den Gefahren der Uncoolness.

Mikey war in der Junior School mein bester Freund. Er war aufmerksam, lieb und treu. In der Highschool musste ich unsere Freundschaft überdenken, schon weil nicht zu übersehen war, dass die älteren Kids, besonders solche, die aussehen, als hätten ihre Eltern ihnen Wachstumshormone gespritzt und dann mit dem Ledergürtel die Freude aus dem Leib geprügelt, die Schwäche riechen konnten, die Mikey aus allen Poren ausströmte. Seine pummelige, rosig-blonde Hilflosigkeit übt auf die brutalen legasthenischen Schmeißfliegen, die auf dem Schulgelände umherschwirren, denselben unwiderstehlichen Sog aus wie ein Scheißhaufen. Also traf ich eine rationale Entscheidung.

Was machst du, wenn beim Bergsteigen der Kerl unter dir abrutscht und dich mit in einen klaffenden, eisigen Abgrund zu ziehen droht? Du kappst das Seil. Tja, die Highschool ist ein klaffender, eisiger Abgrund, und ich musste das Seil kappen, das mich mit Mikey verband. Trotzdem zwickt mich jedes Mal ein leises Schuldgefühl, wenn ich ihn in der großen Pause allein dasitzen und sein Sandwich anstarren sehe. Ich gehe langsamer, um Mikey noch etwas Vorsprung zu geben. Lassen wir die Vergangenheit ruhen.

Als Mikey im Regen verschwindet, verschaffe ich mir einen schnellen Überblick über die Jugendlichen in blauen Blazern, die in kleinen Grüppchen in den Ecken herumstehen. Kalte, misstrauische Augen betrachten mich von jenseits des Sprawl – unser Name für den asphaltierten Streifen Schulhof, der sich am Rand des vorderen Sportplatzes von der roten Backsteinaula bis zum Hausmeisterhäuschen erstreckt. Der Sprawl ist der Ort, an dem sich alles Wichtige im politischen Leben der Westridge abspielt. Und an diesem Montagmorgen gehen wichtige Dinge vor. Ein Wunder, dass die Eltern nicht spüren, wie die Kraftlinien, die hier kreuz und quer über den Schulhof laufen, vor Energie knistern. Es ist beinahe rührend anzusehen, wie die lächelnden Elternbots ihre Kinder in diesem wütenden Ozean von Chaos und Tobsucht aussetzen, mit seliger Blindheit geschlagen und leicht euphorisiert von teurem italienischem Espresso.

Ich gehe quer über den Platz zu den anderen Mitgliedern der Spinne, die sich in unserer angestammten Ecke gesammelt haben, und verschwinde in meiner Clique, meiner schützenden Blase in der Wüste des Highschool-Lebens.

»Was läuft, Bax?«, brummt Zikhona und gibt mir einen liebevollen Schubs mit der Schulter, der mich beinahe umschmeißt.

»Unser Produkt hoffentlich, und zwar gut«, sage ich mit einem Grinsen.

»Amen, Bruder«, keucht Schnüffelkid.

»Irgendwas Neues?«, frage ich.

»Die Gangs gehen sich immer noch an die Gurgel«, sagt Kyle.

»Die kennen meinen Plan noch nicht!«, sage ich mit einem selbstgefälligen Lächeln. Das ist nämlich das A und O. Mein Plan. Meine ausgeklügelte Roadmap für die Westridge der Zukunft.

Die Spinne ist anders als die anderen Schulhofgangs. In der Schule ist es wie im Gefängnis, wenn du keine Verbündeten findest, bist du Freiwild. Obwohl das Risiko einer Arschvergewaltigung gering ist (solange du nicht am Rugby-Camp teilnimmst), ist es nicht ratsam, ohne eine Crew rumzulaufen, die dir den Rücken freihält. Die Spinne ist aus der Ursuppe des Sprawl hervorgegangen. Wir sind eine neue Lebensform, die nicht durch Stärke, sondern durch Beweglichkeit überlebt.

Wir sind eine kleine, aber erfolgreiche Operation. Wir haben uns über den Freak-Radar gefunden, der die Kids zusammenführt, die sonst nirgendwo richtig reinpassen. Da wäre ich mit meiner angeborenen Augenschwäche und bizarren Brille. Dann Kyle, der abartig Schlaue. Ty, oder Kid, der seinen Lebenszweck in einer Farbdose gefunden hat, und Zikhona, die die Statur eines Sumoringers mitbringt. Wir passen zusammen wie die Teile eines Puzzles.

»Glaubst du, er funktioniert?«, fragt Kid nervös.

»Wehe, wenn nicht«, sagt Kyle. »Dann sind wir schwer gefickt.«

»Wir können immer noch Anwar abmurksen«, sagt Zikhona mit finsterem Gesicht. »Und es dem Mountain Killer in die Schuhe schieben.« Ich sage ihr nichts von meinen Träumen, in denen Anwar nur eine von vielen unglücklichen Seelen ist, die schreiend sterben.

»Wenn du einer Hydra den Kopf abschlägst, wächst sofort ein neuer nach«, sagt Kyle.

»Wir sind keine Gang«, sage ich. »Wir sind ein Unternehmen.«

In Wahrheit hängt unser Erfolg an der Tatsache, dass wir neutral zu den Achsen der Macht stehen – den beiden Gangs, die die Westridge High kontrollieren. Der Moloch, der die Schule regiert, ist die Gang unter Führung des selbsternannten Warlords Anwar Davids – die Nice Time Kids. Sie sind gefährlich, gut organisiert und die wichtigsten Drogenlieferanten. Ihr Managementstil erinnert ans Dritte Reich – übermächtig, grausam, und auf Kadavergehorsam gebaut.

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