Bernd Perplies - Der Drachenjäger

Bernd Perplies: Der Drachenjäger

FISCHER TOR

Leseprobe: Der Drachenjäger (Bernd Perplies)


Juchuu, unser erster Drachen-Roman steht in den Startlöchern!!! Mit ›Der Drachenjäger‹ liefert Autor Bernd Perplies einen Abenteuerroman, der in einer atemberaubenden Landschaft aus Wolkenmeeren und einer mittelalterlichen Fantasywelt spielt. Hier könnt ihr jetzt schon die ersten Seiten lesen.

***

In der Stadt Skargakar, an den Gestaden des geheimnisvollen Wolkenmeeres, leben die Bewohner von der Jagd auf Drachen, die es in den dunstig weißen Weiten jenseits der großen Klippe in schier endloser Zahl gibt. Auch Lian trägt seinen Teil bei. Als Kristallschleifer verarbeitet er magische Kyrilliane, die die Flugschiffe der Jäger in die Lüfte heben ...

Kapitel 1 - JÄGER IM WOLKENMEER

7. Tag des 4. Mondes im Jahr 822

 

Der hölzerne Rumpf des Flugschiffs verwirbelte die Ne­belschwaden, durch die er glitt. Lautlos trieben die Dunstfetzen in die Höhe, wo die feineren von ihnen im Schein der hell vom blauen Himmel strahlenden Sonne vergingen, während die dichteren zurück in das endlose Weiß sanken, das sich rund um das kleine Gefährt erstreckte.

Adaron legte beide Hände auf das geschwungene Schanzkleid am Bug des Schiffs und blickte versonnen hinaus über das Wolkenmeer. Es sah aus, als läge frisch gefallener Schnee auf einer Hügellandschaft, doch der Eindruck täuschte, und dies in zweierlei Hinsicht. Bis zum Grund ging es mehr als tausend Schritte abwärts. Und es war kein Wasser, das diesen Grund bedeckte, nichts, was einen getragen hätte, wenn man hineinfiel, sondern bloß dieser lichte Dunst, der mit zunehmender Tiefe dicht und grau wurde, bis man selbst die größten Geschöpfe, die sich dort unten verbargen, nicht mehr ausmachen konnte.

Wegen dieser Geschöpfe, wegen der Drachen, waren sie nun seit zwei Wochen hier draußen zwischen den Inselreichen unterwegs. In Skargakar, der großen Stadt an der Küste, hatten Adaron und seine Gefährten – Enora, Ialrist, Jonn und Finnar – alles entbehrliche Hab und Gut versetzt, das sie im Laufe früherer Abenteuer angesammelt hatten, und die Nebelkönigin erworben. Der Name machte mehr her als das Flugschiff selbst. Das Gefährt war ziemlich klein, und es gab kaum Platz unter Deck. Doch die Steuermechanik war in gutem Zustand, und alle Kyrillian-Kristalle, die dem Flugschiff seinen Auftrieb verliehen, saßen fest in ihren Metallhalterungen. Zudem hatte der Verkäufer, ein greiser Nondurier, ihnen versichert, dass es kein wendigeres Schiff zwischen Skargakar und Luvhartis draußen im Wolkenmeer gab.

Noch stand der Beweis dieser Behauptung aus.

Mit den restlichen paar Münzen hatten Adaron und die anderen eine kleine Besatzung aus drei jungen Nonduriern angeheuert. Wie so viele in diesen Tagen hatten die Hundeköpfigen nach Arbeit gesucht, und die Aussicht, bei einer Drachenjagd das große Glück zu machen, hatte sie fast mehr überzeugt, an Bord der Nebelkönigin zu gehen, als die Handvoll geringwertiger Kristalle, die Jonn ihnen in die Hand gedrückt hatte.

»Woran denkst du, Adaron?«, erklang eine Frauenstimme hinter ihm.

Adaron drehte den Kopf und gewahrte Enora. Unwillkürlich trat ein Lächeln auf seine Züge, als sich die rothaarige Frau an seiner Seite ans Schanzkleid lehnte. Enora trug ihr abgewetztes Lederbeinkleid über den bequemen Reisestiefeln, dazu ein helles Leinenhemd, und vor der frischen Morgenluft schützte sie ein dunkelgrünes Wams. Die beiden kurzen, gebogenen Sidhari-Schwerter, die sie vor Jahren von einem Prinzen der Wüstenelfen erhalten hatte und die seitdem die Waffen ihrer Wahl waren, hingen in verzierten Scheiden links und rechts an ihrer Hüfte.

»Nun?«, ermunterte sie Adaron, als er nicht gleich antwortete. »Was geht dir durch den Sinn?«

»Dass mein Leben in diesem Augenblick kaum besser sein könnte. Dass die Dreigötter mich lieben müssen, denn sie bescheren mir das größte Glück.«

»Ohne eine Münze im Geldbeutel auszuziehen, um die gefährlichsten Kreaturen in diesem Teil der Welt zu jagen, empfindest du als das größte Glück?« Enora sah ihn erstaunt an, aber das Funkeln in ihren blauen Augen verriet, dass sie die Worte nicht ganz ernst meinte.

Adaron lachte. »Es ist wohl alles eine Frage des Blickwinkels. Ich sehe es so: An Bord eines eigenen Schiffes und in Begleitung der treuesten Gefährten, die ein Mann sich wünschen kann, fliegen wir hinaus in die verheißungsvollen Weiten des Wolkenmeers. Große Abenteuer erwarten uns ebenso wie große Reichtümer. Dazu strahlt die Sonne vom blauen Firmament und verblasst nur vor dem Lächeln der Frau, der mein Herz gehört.«

»Du hast manchmal eine so poetische Ader.« Enora lächelte. »Jeder Barde würde grün vor Neid werden. Oder bleich vor Schrecken.«

Entrüstet stemmte er die Hände in die Seiten. »Soviel ist klar: In meinem nächsten Heldenlied wird dir keine Strophe gewidmet sein.«

Nun lachte Enora. »Gemach, gemach. Ich mag dich lieben, weil du tapfer bist und ein gutes Herz hast. Aber die schönen Worte, die du mir ins Ohr flüsterst, mehren diese Liebe ohne jeden Zweifel.« Ihre rechte Hand glitt wie unbewusst zu dem Medaillon, das sie an einer Kette um das linke Handgelenk trug und das Adaron ihr vor einigen Mondläufen geschenkt hatte. Vogelmenschen hatten es gefertigt, und man sagte ihm nach, dass es seinen Träger beschütze.

»Eine Liebe, die ich erwidere.« Adaron trat hinzu, schloss Enora in die Arme und sah sie an. »Nun fehlt uns nur noch eines, um all das hier perfekt zu machen.«

»Wenn du ›ein Erbe für meine Linie‹ sagst, verlasse ich dich auf der Stelle«, warnte Enora ihn.

Adaron grinste. »Ein Drache«, verriet er. Sein Blick wanderte wieder hinaus aufs Wolkenmeer. »Ein Drache, den wir verfolgen, bezwingen und ruhmreich mit in die Heimat bringen können.« Sie lösten sich voneinander und stellten sich wieder ans Schanzkleid.

»Es ist wahr, bislang hatten wir nicht viel Erfolg mit unserer Jagd«, pflichtete Enora ihm bei. »Einen einzigen Bronze­nacken haben wir erwischt – und nicht einmal einen besonders großen. Wenn wir nicht bald einen ordentlichen Drachen finden, kehren wir so arm nach Skargakar zurück, wie wir von dort abgeflogen sind.«

»Noch sind unsere Vorräte nicht aufgebraucht«, beruhigte Adaron sie. »Außerdem bewegen wir uns mehr und mehr in Gebiete, in denen nicht Dutzende andere Drachenjägerflugschiffe unterwegs sind. Warte es nur ab: Schon bald werden wir den Fang unseres Lebens machen.«

»Was macht dich da so sicher?«

»Ich weiß es einfach.«

»Freunde!«, rief Jonn, der oben am Hauptmast im Ausguck saß. »Ialrist kehrt zurück.«

Adaron hob den Blick und sah, dass sein Gefährte mit dem Arm nach Backbord wies. Der kleine, drahtige Mann mit dem krausen schwarzen Haar hatte die Augen eines Luchses, weswegen er die meiste Zeit im Mastkorb verbrachte, um nach Drachen oder anderen Flugschiffen Ausschau zu halten.

Diese Flugschiffe waren eine wundersame Verschmelzung aus Konstruktionsgeschick und Magie. An einem Holzrumpf, der dem Körper eines Seeschiffs ähnelte, waren mehrere – für gewöhnlich sechs – Metallkästen befestigt, die, durch einen Rahmen gehalten, jeweils halbkreisförmig den Bug und das Heck umschlossen. An der Unterseite der Kästen befanden sich Lamellen, die sich mit Hilfe von Tauen und Umlenkrollen von einem mittigen Steuerstand oben an Bord öffnen und schließen ließen. In diese Kästen aber waren an Amethyste gemahnende Kyrillian-Kristalle eingesetzt, denen die magische Eigenschaft innewohnte, mehr oder weniger stark in den Himmel hinaufzustreben, sofern man sie nicht mit schwerem Metall einschloss. Eine ausreichende Menge der Kristalle war imstande, nicht nur Schiffsrümpfe in die Luft zu erheben, sondern auch gewaltige Felsmassen in der Schwebe zu halten, an deren Unterseite Kyrillian für gewöhnlich gefunden und abgebaut wurde. Um Vortrieb und Lage zu steuern, waren die meisten Flugschiffe obendrein mit mehreren fächerartigen Segeln an den Seiten sowie trapezförmigen oben auf Deck ausgestattet.

In der Küstenregion rund um Skargakar hatte die Technik der Flugschiffe vor etwa hundert Jahren Einzug gehalten. Die Menschen und die echsenartigen Drak, die dort lebten, waren damals an einem kühlen Herbsttag von einer ganzen Flotte solcher Flugschiffe überrascht worden. Mit ihnen war das Volk der kleinwüchsigen, rothäutigen, hundeköpfigen Nondurier an die Nebelküste gekommen, Flüchtlinge aus einem fernen Land, die ein unbekanntes Übel nach Süden getrieben hatte. In den ersten Wochen noch als Eroberer gefürchtet, zeigte sich bald, dass die Nondurier keinerlei kriegerische Absichten hegten und dass ihr Geschick und ihre Flugschiffe ein Gewinn für die ganze Küste waren. Denn erstmals war es nun möglich, frei fliegend wie die Vogelmenschen in das Wolkenmeer vorzustoßen.

Rasch entwickelten sich die Nondurier dank ihrer Schiffe zu gefragten Männern und Frauen, und als die Vielfalt an Großen Echsen in den Weiten des Wolkenmeers bekanntwurde und sich die damit verbundenen Möglichkeiten enthüllten, gab es für das Küstenvolk kein Halten mehr. Mehr und mehr Flugschiffe wurden gebaut, eine Entwicklung, die durch reichhaltige Funde an Kyrillian-Kristallen erleichtert wurde. Die Küstenregion, zuvor ein Ort kleiner, verstreuter Siedlungen in der üppigen Wildnis, blühte auf, und vor allem Skargakar wuchs zu einer Stadt heran, die weit über ihre Grenzen hinaus einen Ruf als Hort von Flugschiffern und Drachenjägern erlangte. Wer nach den Großen Echsen suchte, landete früher oder später dort – so wie Adaron und seine Gefährten.

Mit einem letzten Schlagen seiner großen, aus dem Rücken wachsenden Flügel landete Ialrist neben Adaron und Enora. Der Taijirin – wie sich das Volk der Vogelmenschen selbst nannte – wirkte nicht ganz so fremdartig wie die an Bord arbeitenden Nondurier, dennoch hätte ihn niemand mit einem Menschen verwechselt. Seine Haut war mit feinem weißbraunem Flaum bedeckt, die Augen blickten groß und dunkel aus einem hageren Gesicht, und aus dem Rücken ragte nicht nur ein fast bodenlanger Kranz aus Schwanzfedern, sondern auch die mächtigen Flügel, die ausgebreitet eine Spannweite von annähernd vier Schritt hatten. Gleich den meisten Angehörigen seines Volkes war Ialrist von schlankem, sehnigem Wuchs, so wie es sein musste, wenn man sich aus eigener Kraft in die Lüfte erheben wollte.

»Ich bringe erfreuliche Kunde«, rief der Vogelmensch und wandte sich damit an ihre ganze Gruppe. »Ich habe eine Silberschwinge entdeckt, die gar nicht weit von hier rund um eine Ansammlung schwebender Felsen Vögel jagt.«

»Eine Silberschwinge?«, wiederholte Adaron. »Das wäre ein Drache, den zu jagen es sich lohnt.«

Silberschwingen, eine Drachenart von – je nach Alter – zehn bis zwanzig Schritt Körperlänge, waren bekannt für ihre schimmernden Schuppen und für die wundervoll silb­rigen Flügel, aus deren Haut sich kostbare Gewänder fertigen ließen.

»In welcher Richtung befindet sich die Echse?«, fragte Belhac, der Nondurier, der den Steuerstand bemannte.

»In dieser.« Ialrist deutete nach Steuerbord. In der Ferne zogen Wolkenbänke über den Himmel.

»Das führt uns gefährlich nahe in jenen Teil des Wolkenmeers, den manche auch die Todesbreiten nennen«, gab der Hundeköpfige zu bedenken.

»Die Todesbreiten?« Adaron machte ein belustigtes Gesicht. »Das klingt in meinen Ohren bemerkenswert dramatisch. Wer hat sich diesen Namen ausgedacht?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Belhac. »Nur so viel vermag ich zu sagen: Die erfahrenen Drachenjäger, die man in den Tavernen von Skargakar trifft, meiden diese Gegend. Es soll dort tückische Bergspitzen dicht unter der Wolkendecke geben, die einem Schiff zum Verhängnis werden können. Außerdem erzählt man sich, dass Große Rote in den Nebeln dort auf Beute lauern.«

»Große Rote?« In Enoras Augen trat ein aufgeregtes Glitzern. »Das wäre der Fang unseres Lebens!«

»Vergesst das bloß gleich«, erwiderte Belhac kopfschüttelnd. »Weder wir noch dieses Schiff sind bereit für den Kampf gegen einen Feuerdrachen.«

»Noch sind wir es, die Euren Sold zahlen«, entgegnete Adaron. »Also entscheiden wir, was getan wird. Wenn Euch das nicht gefällt, könnt Ihr gerne von Bord gehen.«

»Und wer fliegt dieses Schiff dann?« Der Nondurier blickte ihn herausfordernd an. »Ihr etwa?«

»Belhac hat recht«, meldete sich nun Finnar zu Wort, der zweifellos besonnenste unter den Freunden. Der große, bärtige Mann, der einst als Waffenschmied seinen Lebensunterhalt verdient hatte, bevor widrige Umstände ihm das unstete Dasein eines Abenteurers aufzwangen, verschränkte die Arme vor der tonnenförmigen Brust. »Dies ist unsere erste Reise ins Wolkenmeer. Lasst uns nicht gleich die größten Drachen herausfordern. Das kann nur ein böses Ende nehmen. Und ich für meinen Teil möchte auch wieder zurückkehren, um unsere Beute zu verkaufen und von dem Geld Fässer voll Met zu erwerben.«

»Weise gesprochen«, sagte Belhac. »Meine Brüder und ich sind der gleichen Meinung.«

»Gut, halten wir uns von Roten Drachen einstweilen fern«, entschied Adaron. »Aber eine Silberschwinge sollten wir nicht einfach ziehen lassen. Ihr alle wisst, wie selten silberne Echsen sind. Allein das Schuppenkleid der Bestie ist ein Vermögen wert.«

»Vielleicht finden wir in ihrem Herz sogar eine der legendären Drachenperlen«, fügte Enora hinzu.

»Warum nicht? Die Wahrscheinlichkeit ist jedenfalls um einiges höher als bei einem Bronzenacken.« Adaron ließ seinen Blick von Ialrist zu Jonn und Finnar gleiten. »Ich sage, wir folgen Ialrists Spur. Am Rand dieser sogenannten Todesbreiten droht nur geringe Gefahr, auf irgendwelche Felsen aufzulaufen. Und dass wir einem der seltenen Großen Roten begegnen, werden die Dreigötter schon zu verhindern wissen.«

»Ich sehe es wie Adaron«, sagte Ialrist voller Tatendurst. »Lasst uns die Silberschwinge jagen.«

»Ich bin dabei«, rief Jonn vom Mastkorb aus, und Enora nickte.

»Also gut«, stimmte Finnar zu. »Schauen wir uns unsere Beute an.«

Auf den Befehl hin zog Belhac die Nebelkönigin in eine weite Kurve. Man sah ihm an, dass er mit der Entscheidung nicht glücklich war. Auch sein jüngerer Bruder Wuffzan blickte mürrisch drein. Nur den jüngsten der drei Brüder, Felhim, schien das Jagdfieber gepackt zu haben. Er hatte die spitzen Ohren aufgestellt und hisste voller Eifer das Zusatzsegel unter dem Bugspriet. Nebelschleier wirbelten um das Schiff auf, als es in schneller Fahrt dem Unbekannten entgegenglitt.

Die Sonne hatte den Zenit überschritten und versteckte sich immer häufiger hinter Wolkenbänken, die sich am Himmel zusammenzogen, als die Gefährten die Silberschwinge entdeckten. Der Drache kreiste elegant über einem Felsenriff, dessen Doppelspitze wie zwei mahnend erhobene Finger etwa vierzig Schritt hoch aus dem Dunst aufragte.

Zu Beginn ihrer Reise hatte Adaron nicht unterscheiden können, ob ein Stück Land, das aus dem Wolkenmeer ragte, der Gipfel eines tief unter der Oberfläche beginnenden Berges war oder ob es sich um einen Felsen handelte, der dank reicher Kyrillian-Vorkommen an der Unterseite frei in der Luft schwebte. Mittlerweile hatte sich sein Blick für die sanften Bewegungen geschärft, die treibende Massen von unverrückbaren unterschieden.

Das Felsenriff, das vor der Ankunft des Drachen einem Schwarm Vögel als ungestörte Brutkolonie gedient hatte, hob und senkte sich langsam, so als drifte es auf den flachen Wellen eines ruhigen Ozeans. Noch heute konnte Adaron es kaum fassen, wenn harter, schwerer Stein – oft bloß von der Größe eines Hauses, gelegentlich jedoch ein Landstrich mit einem Durchmesser von einer Meile und mehr – schwerelos in den Nebeln hing. Es kam ihm wie die Aufhebung aller Gesetzmäßigkeiten der Natur vor. Aber er drängte sein Staunen zurück. Sie waren nicht hier, um den Zauber der Kyrillian-Kristalle zu bewundern.

»Seht ihn euch an!«, rief Enora mit leuchtenden Augen. Ihr Blick war auf die Große Echse gerichtet.

Der Drache maß etwa zwölf Schritt vom Kopf bis zur Schwanzspitze – es handelte sich also um ein junges Tier – , und sein Körper war von hellgrauer Farbe. Das Schuppenkleid aber, das sich vom Schwanz über seinen Rücken und die Flanken bis zum Hals zog, glänzte in mattem Silber, wobei einige schwarz angelaufene Schuppen entlang der vier Beine zu sehen waren, die darauf hindeuteten, dass es sich um einen männlichen Drachen handelte. Die großen Flügel der Silberschwinge machten ihrem Namen alle Ehre, denn die zwischen knochigen Speichen gewachsene Lederhaut schimmerte in jedem Sonnenstrahl, der durch die Wolken am Himmel fiel.

»Er ist prachtvoll.« Adaron wandte sich den anderen zu. »Also los, Freunde. Ich übernehme den Platz an der Harpunenschleuder. Finnar, Enora, haltet euch bei den Kyrillian-Bojen bereit. Ialrist, hole deine Sichelschwinge. Und, Belhac …« Adaron machte eine bedeutungsvolle Pause. »Verliert ihn bloß nicht aus den Augen.«

»Keine Sorge, Herr Adaron, wir wissen mit diesem Flugschiff umzugehen. Der Drache wird uns nicht entkommen.«

Die Nebelkönigin nahm Fahrt auf und legte sich in eine weite Kurve, um einen Wolkenberg zu umrunden und sich an den Drachen anzupirschen. Adaron trat an das am Bug befestigte Harpunengeschütz, das an eine übergroße Armbrust auf einer Schwenklafette erinnerte. Er legte eine der schlanken, mit Widerhaken versehenen Metallstangen auf die Führungsschiene und fädelte feines, unzerreißbares Seil aus Sidhari-Flachs durch die Öse am hinteren Ende der Harpune. Vier Rollen Tau lagen neben ihm bereit, um ihre Beute nach und nach an das Flugschiff zu binden. Mit einer Kurbel begann er, die mehrfach verdrillte Drachensehne des Geschützes zurückzuziehen. Dabei hob er immer wieder den Kopf, um zu schauen, wann sie Schussentfernung erreichten.

Neben Adaron tauchte Ialrist auf. Der Vogelmensch hielt eine fast drei Schritt lange Stangenwaffe in den Händen, an deren einem Ende eine flache, scharfe Klinge von der Form einer zum Schaft hinweisenden Mondsichel angebracht war. Am anderen Ende befand sich als Gegengewicht eine Eisenkugel mit Dornenspitze. Neben dem Kurzbogen, der im Fernkampf Verwendung fand, war die in weiten Schwüngen geführte Sichelschwinge die gebräuchlichste Waffe unter Taijirin, die einander am Himmel begegneten. In einem Handgemenge in den verwinkelten Gassen von Skargakar mochte Ialrist damit verloren sein, doch die Vogelmenschen kämpften ohnehin nicht gerne am Boden. Sie benötigten Raum, um die Sichelschwinge und ihre Flügel zum Einsatz zu bringen, und wenn sie ihn hatten, waren sie sehr gefährliche Gegner.

Selbst ein Drache musste sich dann vor ihnen in Acht nehmen, denn ein Taijirin-Krieger vermochte, schnell und zielsicher wie ein Raubvogel auf sein Opfer herabzustoßen. Wenn alles wie geplant lief, würde Ialrist der Silberschwinge im Vorbeiflug die Muskelstränge an den Flügelansätzen durchtrennen, denn ein fluglahmer Drache stellte eine vergleichsweise leichte Beute dar.

Eine Große Echse allerdings, die im Vollbesitz ihrer Kräfte war, durfte man nicht unterschätzen. Selbst wenn sie keine außergewöhnlichen Fähigkeiten besaßen, weder Feuer noch giftigen Odem speien konnten, waren sie enorm stark. Ihr Schlag brach Knochen, ihr Biss zerteilte Ungerüstete ohne Mühe. Außerdem waren sie kluge und vorsichtige Geschöpfe – wie sich in dem Moment zeigte, als der schwebende Berg vor der Nebelkönigin wieder in Sicht kam.

»Wo ist er hin?« Suchend sah sich Adaron um. Die Silberschwinge, die sich eben noch an der Vogelkolonie gütlich getan hatte, war verschwunden. Ob sie satt gefressen war oder ob ihre guten Sinne sie vor der nahenden Gefahr gewarnt hatten, vermochte er nicht zu sagen.

Jonns scharfe Augen entdeckten den Drachen. »Dort vorne fliegt er«, rief der drahtige Mann und deutete rechts an dem Felsen vorbei.

Adaron verengte die Augen. Tatsächlich funkelte ein Körper zwischen den Wolken im Schein der Nachmittagssonne. »Belhac, nehmt die Verfolgung auf!«

»Schon dabei«, antwortete der grimmige Nondurier am Steuer.

»Er taucht nicht ab«, bemerkte Enora. »Er scheint nicht unsretwegen davonzufliegen.« Sie stand neben den Kyrillian-Bojen, metallenen Kästen mit Lamellen an der Unterseite, die – ähnlich wie die Kästen am Rumpf – geöffnet werden konnten, um die Kraft der darin verborgenen Kyrillian-Kristalle zu entfesseln. Die Bojen wurden eingesetzt, um einem Fangschiff zusätzlichen Auftrieb zu geben, sollte ein durch einen Harpunenschuss erfolgreich gebundener Drache versuchen, in die Tiefe des Wolkenmeers zu entkommen und seine Häscher dabei mit in den dunstigen, dunklen Abgrund zu ziehen.

»Eine Silberschwinge können wir mit diesem Flugschiff nicht einholen«, warf Belhac ein. »Wir müssen dem Drachen folgen, bis er erneut rastet oder frisst.« Er zögerte.

»Was gibt Euch zu denken?«, fragte Adaron.

Der hundeköpfige Mann verzog die Lefzen. »Die Richtung, in welche der Drache fliegt«, knurrte er.

»Sprecht etwas klarer.«

Belhac beugte sich vor. Ein unheilvoller Ausdruck trat auf seine Züge. »Wenn der Silberne nicht abdreht, führt er uns auf geradem Weg in die Todesbreiten.«

>> Diese Leseprobe als PDF herunterladen

 

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Bernd Perplies – Der Drachenjäger – Die erste Reise ins Wolkenmeer. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


Share:   Facebook