Wesley Chu: Die Wiedergeburten des Tao

Wesley Chu: Die Wiedergeburten des Tao

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Wiedergeburten des Tao (Wesley Chu)


Seit den Ereignissen in ›Die Leben des Tao‹ und ›Die Tode des Tao‹ sind viele Jahre vergangen. Die beiden Alien-Fraktionen der Genjix und der Prophus befinden sich noch immer im Krieg miteinander, und doch ist alles anders geworden: Da die Existenz der Außerirdischen kein Geheimnis mehr ist, machen die Regierungen Jagd auf beide Seiten. In Amerika befinden sich die Quasing und ihre Sympathisanten im Untergrund. 
Roen und Jill leben mittlerweile mit ihrem 15-jährigen Sohn Cameron auf einer abgelegenen Farm ein idyllisches Familienleben – bis eine Gruppe flüchtiger Genjix bei ihnen auftaucht ...


***

Kapitel 1 - Durch die Redwoods

Was soll das? Wisst ihr nicht, wer ich bin? Ich werde euch die Köpfe abschlagen lassen!

Huchel, Rat der Genjix (Östliche Hemisphäre),
bei seiner Festnahme durch das Interpol Spezial­kommando Aliens (ISKA), das nach dem Großen
Verrat seine Flucht aus Deutschland vereitelte.

 

Alles war viel zu groß – das war Wladimirs Problem mit diesem verdammten Land. Die Autos waren zu groß, die Musik zu laut, die lächerlichen Bäume dieses Waldes zu hoch. Die zerlumpte Gruppe, die er anführte, umging einen Mammutbaum. Groß wie ein Haus war so ein Redwood und dabei nicht mal rot. In dieser Finsternis konnte er das allerdings nicht erkennen. Selbst Alex, die sich an seine Hand klammerte, war nur als dunkle Silhouette auszumachen. Er sah in die Baumkronen, durch deren Laub keine Sterne leuchteten. Das machte es fast unmöglich, die Richtung zu halten. Wo war nur Süden?

Immerhin waren in Amerika auch die Portionen üppig. Nie hatte er so gut gefrühstückt, erst recht nicht im Stockfinsteren. Wer aß schon mitten in der Nacht Burritos mit fünf Eiern? Zu blöd, dass die Mahlzeit schon zwei Tage her war.

»Ich brauche eine Pause.« Sachin sank gegen einen der viel zu hohen Bäume, lehnte sein Gewehr an den Stamm und glitt auf den Moosboden.

Wladimir hielt sich vor Augen, dass der siebzigjährige Inder den Großteil seines Lebens im Institut für Technologie unterrichtet hatte, um vielversprechende Studenten für die gemeinsame Sache zu gewinnen. Der Professor war es nicht gewöhnt, in tiefer Nacht im Wald herumzuirren, auf der Flucht vor bewaffneten Angreifern. Wladimir stupste seine Tochter an, die daraufhin eine Feldflasche hervorzog und zu Sachin ging. Er trank in tiefen Zügen daraus und ließ das Wasser über Kinn und Hals laufen und aufs Hemd tropfen. Alex zog einen Lappen heraus und wischte dem alten Mann die Stirn. Wladimir schüttelte den Kopf. Sie war ein tolles Mädchen mit großem Potential und hatte Besseres verdient als das.

In der Ferne bellten Spürhunde durch die ansonsten ruhige Nacht. Wladimir schloss die Augen und lauschte. Zwanzig, vielleicht dreißig Minuten waren sie noch entfernt. Sein Blick wanderte von seiner Tochter und Sachin zu den anderen Flüchtlingen: zu Petr, einem russischen Oberst, mit dem er schon viel zu tun gehabt hatte; zu Rin, der Kernphysikerin aus Japan; zu Marsuka, ihrem Assistent; zu Ohr, dem früheren Senator von Südkorea; zu den verbliebenen Überlebenden des Sibirischen Epsilon-Schockteams.

Er verzog das Gesicht. Im Handumdrehen war sein Leben in sich zusammengestürzt. Noch vor wenigen Wochen war er ein respektierter und einflussreicher Geschäftsmann gewesen, doch nun waren sein Vermögen beschlagnahmt und seine Frau ermordet worden, und er und seine halbwüchsige Tochter waren mittellose Flüchtlinge in einem Land, dessen Bewohner ihn verachteten. Er sah sich zu Alex um, die sich weiter um den alten Professor kümmerte. Ein Teil seiner Frau steckte in ihr. Tabs würde in seiner Tochter fortleben.

Weiter. Jede Sekunde ist kostbar.

»Ja, Ladm.«

»Die Pause ist um«, bellte er. »Auf geht’s. Sofort.«

Er schob Sachin einen Arm unter die Achsel und zog ihn auf die Beine. »Komm, alter Mann. Ausruhen kannst du, wenn du in Sicherheit bist. Oder tot.« Er sah seine Tochter an, die auf der anderen Seite des Professors stand. »Alex, hilf ihm weiter, ja?«

Die kleine Gruppe zog weiter nach Süden, folgte den gewundenen Wegen, wo es ging, und schuf neue Pfade, wenn es sein musste. Wladimir war überzeugt, dass sie den Treffpunkt verpasst hatten. Die kodierte Botschaft in dem Lokal in Portland hatte sie zu dem Punkt geführt, wo der 43. Grad nördlicher Breite den 123. Grad westlicher Länge schnitt. Von dort aus, hieß es, sollten sie dem Fluss folgen. Doch dann hatte ein Penetra-Netz sie geortet, so dass sie von ihrem Kurs abweichen mussten. Die von den Quasing erfundenen Scanner dienten den Menschen nun dazu, Jagd auf sie zu machen. Welche Ironie der Geschichte.

Jetzt, neun Stunden später, kam das Spezialkommando der Bundespolizei näher, und die Verfolgten hatten jede Orientierung verloren. Wieder passierten sie einen Mammutbaum, diesmal so groß, dass Wladimir seine Umrisse im Dunkel der frühen Morgendämmerung kaum erkennen konnte. Das Bellen wurde immer lauter.

Diese Gruppe gefangen zu nehmen würde ein bedeutender Schlag gegen das noch verbliebene Genjix-Netzwerk sein. Doch keiner von ihnen würde seinen Quasing den Feinden in die Hände fallen lassen. Wladimir betrachtete seine schöne Tochter. Keiner bis auf Alexandra. Sich für Ladm zu opfern bereitete Wladimir keine Sorgen, aber niemand – ob Quasing oder nicht – würde seinem kleinen Mädchen etwas tun. Für sie musste es einen Ausweg geben.

Vergiss deine Stellung nicht, Wladimir.

Sie setzten sich wieder in Bewegung, und eine Zeitlang schienen sie ihre Verfolger auf Abstand halten zu können, doch bald wurde die erschöpfte Gruppe wieder langsamer, vor allem Sachin. Als das erste Licht durch die Baumkronen drang, brach er zusammen. Schon davor war er getaumelt. Nun fiel er auf die Knie, rollte sich auf den Rücken und verscheuchte Alex, die ihm aufhelfen wollte. Stattdessen lehnte er sich an einen Stamm, sah ins dichte Laub hinauf, dann ins übrige Grün des Waldes, schloss die Augen und schüttelte den Kopf.

»Los, Sachin«, drängte Rin.

Er winkte ab und hielt die Lider geschlossen. Gleich darauf änderte sich seine gequälte Miene. Er nickte und fasste die anderen ins Auge. »Dieser Ort ist so schön und friedlich wie ein Gemälde. Die Luft ist herrlich, und alles ist voller Leben. Mawl fände hier Ruhe und Gelassenheit.«

»Halt den Mund, du alter Narr«, knurrte Wladimir. »Wir lassen dich nicht in der Wildnis zurück.«

Sachin rappelte sich auf und schlang das Gewehr über die Schulter. »Es ist schon entschieden. Mawl hat sich damit abgefunden, und – bei Brahma! – ich ersehne das Ende. Für mich gibt es schlimmere Orte, meinem Schöpfer entgegenzutreten, für Mawl schlimmere Orte, in Freiheit zu leben. Zieht weiter. Na los! Ich verschaff euch etwas Zeit.«

Wladimir wollte ihn packen. »Ich habe gesagt, wir gehen nicht ohne …«

Sachin fuhr herum, richtete das Gewehr auf ihn und senkte es dann langsam auf Alex. »Ich meine es ernst, du sturer Russe. Denk an dein kleines Mädchen. Und jetzt haut ab hier, bevor die Minuten verrinnen, die ich für euch erkaufen kann.«

Tu, was er sagt. Ich habe Mawl auf diesem Planeten nur kurz gekannt, als wir zusammen gegen die Bolschewiken kämpften. Man wird sich seiner erinnern. Eines Tages kehre ich zurück und suche ihn.

Wladimir biss sich auf die Lippe. »Du verrückter Hund.« Er umarmte Sachin ungestüm. »Bis zur Ewigen See, mein Freund. Mawl, mach dich für Menschen unsichtbar. Deine Mission ist vorläufig beendet. Eines Tages kehrt Ladm deinetwegen zurück – wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten.«

»Mrithyur maa amritham gamaya, mein Freund«, erwiderte Sachin, wandte sich ab und humpelte in die Richtung, aus der das Gebell der Spürhunde kam.

Alex folgte dem Professor einige Schritte und machte das traditionelle Friedenszeichen der Hindus. »Phir milenge, Mr Sachin. Ade, Mawl. Tabs sagt, sie trifft dich in der Ewigen See.«

Rufe traten zu dem immer lauteren Gebell. Wladimir vermutete, dass die Verfolger nur noch wenige Minuten hinter ihnen waren. Er legte seiner Tochter die Arme um die Schulter und drängte sie zum Aufbruch. »Für Sentimentalität ist keine Zeit. Weiter jetzt!«

Wladimir hetzte in die Dunkelheit und schubste seine Tochter dabei vor sich her. Die anderen würden ihm folgen oder auch nicht. Seit Wochen hatte er mit ihnen überlebt, das Essen und die Betten geteilt und an ihrer Seite gekämpft. Doch nun, da die Dinge die schlimmstmögliche Wendung genommen hatten und die Gruppe kurz vor ihrer Gefangennahme stand, war jeder auf sich allein gestellt.

Ihm ging es nur darum, seine Tochter in Sicherheit zu bringen, sollte es ihn oder seine Begleiter auch das Leben kosten. Könnte er sich von der Gruppe absetzen, würde ihm das vielleicht etwas Zeit verschaffen, den verfluchten Verfolgern zu entgehen. Wladimir schämte sich für diesen Gedanken, doch im Zweifelsfall zählte für ihn nur Alexandra.

Schäm dich nicht. Ich bereue nur, sie in diese Sache reingezogen zu haben. Tabs hätte sie nach dem Tod ihrer Mutter nicht zum Gefäß nehmen sollen.

»Dir oder Tabs gebe ich keine Schuld, Ladm. Sondern Martas Mördern. Und den Amerikanern, die uns im Nacken sitzen.«

Ungünstig an Wladimirs Plan war, dass alle fitter waren als er und deshalb spielend mit ihm mitkamen. Minuten später hallte der unverwechselbare Klang einer Kalaschnikow durch die Morgenluft, und zu ihrem vertrauten Peck-Peck-Peck trat ein Chor hellerer Rat-Tat-Tats. Schwärme von Vögeln flatterten auf und flogen um die Bäume herum, und auch der übrige Wald erwachte. Der Schusswechsel dauerte einige Minuten, dann erstarb er. Der Wald beruhigte sich und wurde wieder still. Alle blieben im gleichen Moment stehen und blickten zurück.

»Möge es dir wohlergehen, Sachin.« Rin verbeugte sich. »Mögest du ein …«

»Später! Wir haben keine Zeit zu trauern.« Wladimir drängte sie ungestüm vorwärts. »Wir müssen weiter.«

Ohr sah die anderen an und schüttelte den Kopf. »Weglaufen hat keinen Sinn. Den Hunden und den Soldaten können wir hier nicht entkommen.« Er wies auf eine kleine Anhöhe. »Und einen besseren Ort werden wir kaum finden. Verschanzen wir uns dort und sterben wir im Kampf. Ich will mich nicht wie ein Tier zu Tode hetzen lassen, mit dem Rücken zum Feind.«

Wladimir schüttelte den Kopf.

Er hat recht.

»Nein«, sagte er, den Blick auf Alex gerichtet. »Wir fliehen weiter.«

Wir haben keine Chance. Vor euch liegt ein Vierundzwanzigstundenmarsch durch den Wald, und die Feinde sind euch direkt auf den Fersen. Im Moment könnt ihr wenigstens noch den Ort des Gefechts bestimmen. Diese Anhöhe sieht nach Westen, also steht ihr mit dem Rücken zur aufgehenden Sonne. Das ist die richtige Strategie.

Wladimir verzog das Gesicht. Er hatte gehofft, es würde nicht dazu kommen – vergebens. Er nahm sein Gewehr von der Schulter und schritt auf die felsige Anhöhe zu. Die anderen folgten ihm dichtauf, erkletterten den steilen Hang und legten ihre Ausrüstung ab. Er sah zu, wie die überlebenden Epsilons die Bajonette an ihre Gewehre und Pistolen schraubten, sich sammelten und gemeinsam beteten. Wladimir wünschte, er besäße solche Inbrunst. Die letzten Monate hatten seinen Glauben erschüttert.

Minuten später hatten sich alle zur Verteidigung um ein paar meterhohe Felsbrocken verteilt. Wladimir gab es ungern zu, aber Ladm und die anderen hatten recht. Nun kam das Hundegebell von allen Seiten, und er rechnete jeden Moment damit, die Soldaten auftauchen zu sehen. Sich zu verstecken war sinnlos; der Feind hatte bestimmt tragbare Penetra-Scanner dabei.

Wladimir wies auf eine kleine Felsspalte. »Alex, dort versteckst du dich, bis alles vorbei ist. Komm nicht raus, sondern warte, bis ich dich hole. Falls wir untergehen, fliehst du allein weiter, kapiert?« Seine Tochter verdrehte die Augen und zog ihre Pistole. Wladimir knurrte: »Kommt nicht in Frage. Du bist nicht …«

Flink spannte sie den Hahn. »Red keinen Unsinn, Papa. Den Scannern kann ich nicht entkommen. Außerdem brauchst du mich. Ich bin ein besserer Schütze als du, schon vergessen?«

Wladimir war schockiert, dass seine Tochter sich in den Kampf stürzen wollte, doch auch ein wenig stolz. Er sank aufs Knie und zog sie an sich. »Deine Mutter wäre stolz auf dich. Behalt den Kopf unten. Schieß nur, wenn du das Ziel deutlich vor Augen hast.«

»Da hat sich was bewegt«, zischte Marsuka.

Die anderen krochen an die Kante und nahmen ihre Posten ein. Wladimir drückte den Rücken an einen Felsblock, öffnete seine Schultertasche mit Munition, legte drei Magazine auf den Boden und reichte die Tasche an Ohr auf der anderen Seite des Felsens weiter. Dann wandte er sich an Alex, die neben ihm zwischen zwei kleineren Steinen saß. Dunkle Gestalten näherten sich durchs Unterholz.

»Die wissen, dass wir hier oben sind«, knurrte Petr. »Feuer frei, ehe sie sich verschanzen.«

Er begann zu schießen, und die anderen taten es ihm nach. Binnen Sekunden erhellte Mündungsfeuer den noch immer dunklen Wald. Knatternde Schusswechsel durchlöcherten die eben noch so stille Morgendämmerung. Hunderte Vögel flatterten auf und vergrößerten Chaos und Verwirrung noch.

Zu Beginn lief das Gefecht gut. Weil Wladimirs Leute Epsilon-trainierte Agenten waren und von erhöhter Position aus kämpften, lag die Zahl der Toten anfangs beim Gegner bedeutend höher. Doch die Soldaten waren sehr viel zahlreicher, und als es auch in Wladimirs Gruppe immer mehr Opfer gab, nahm die Überlegenheit der Angreifer erheblich zu. Die Waagschale neigte sich unaufhaltsam zu ihren Ungunsten.

Links von ihm bekam Polski, auch ein Epsilon, eine Kugel in den Kopf. Wladimir zog Alex von der Felskante weg und zeigte auf den Toten. Sie nickte, kroch zu ihm, durchsuchte seinen Mantel nach Magazinen, entdeckte vier und warf eins davon Wladimir zu.

Er fing es und wies ans andere Ende des Felsvorsprungs. »Schau nach, ob die anderen auch Munition brauchen.«

Als Ohr sich etwas zurückzog, um nachzuladen, warf Wladimir ihm einen Blick zu. Ohr hatte nur noch ein Magazin übrig. Den anderen ging es vermutlich genauso. Munition war schließlich schwer, und der Großteil ihres Gepäcks bestand aus Essen und Ausrüstung. Er hörte Marsuka rufen, er habe keine Kugeln mehr, und schaute nach links, wo Alex dem Assistenten noch ein Magazin zuschob.

Kaum hatte Marsuka die Munition genommen, traf ihn eine Kugel in den Hals. Alex wich aus, als er zu Boden stürzte und auf sie zurollte. Wladimir zerriss es das Herz. Sie war viel zu jung, um solche Dinge mitanzusehen. Dann aber verschlechterte sich die Lage noch, sofern das möglich war. Kaum war Vlel, Marsukas Quasing, aufgestiegen, kam von unten ein Flammenstrahl und verzehrte ihn. Entsetzt musste die kleine Gruppe mit ansehen, wie das jahrmillionenalte Wesen im Morgenhimmel verdampfte.

Die Überlebenden kämpften mit größter Verbissenheit weiter. Wladimir tötete zwei weitere Soldaten, musste nachladen und erschoss noch mal vier. Inzwischen hatte nur noch Rin Munition. Sekunden später waren auch ihre Kugeln verbraucht. Sie hatten verloren, und diese Anhöhe würde ihr Grab werden. Die Schüsse kamen jetzt nur noch von den Feinden, bis schließlich jemand unten befahl, das Feuer einzustellen.

»Kommt mit erhobenen Händen raus, Aliens«, bellte eine Megaphonstimme. »Wir wissen, dass ihr da oben zu fünft seid. Wir haben Scanner. Ihr entkommt uns nicht.«

Wladimir hielt Alex umschlungen und betete verzweifelt um eine Fluchtmöglichkeit. Das Beste, worauf er hoffen konnte, war das Alien-Auffanglager, ein streng geheimes Gefängnis, in dem die westlichen Länder Quasing gefangen hielten und Tests an ihnen durchführten. Das Schlimmste und Wahrscheinlichste aber waren Folter und Tod – und damit auch der Tod von Ladm.

Es ist Zeit, sich zur Ewigen See zu begeben.

Ladm hatte natürlich recht: In ihrer Lage wäre es nur konsequent, sich umzubringen, um Ladm und den anderen Quasing eine Chance zur Flucht zu geben. Aber Wladimir hatte nie zu den Fanatikern gehört. Er war erst recht spät im Leben zu Ladm gelangt und hatte nie den Eifer entwickelt, den viele seines Rangs besaßen. Er sah Rin und Ohr an – auch diese zwei waren keine Hardliner. Sie alle waren bloß kluge, fähige Leute, die einen Vorteil in den Quasing gesehen und ihn am Schopf ergriffen hatten.

Sein Blick wanderte zu Petr, einem echten Fanatiker. Wenn sein Quasing ihm sagen würde: »Töte alle in der Gruppe, um den anderen eine Chance zur Flucht zu geben«, dann würde er das tun. Im Moment betete Petr mit geschlossenen Augen und wappnete sich für die Selbstopferung. Denn genau das würde die Gruppe als Nächstes tun. Es war die letzte Möglichkeit, die ihnen blieb.

Es ist die richtige Entscheidung. Mach deinen Frieden mit der Welt.

Wladimir drückte Alex fest an sich. Nein, er brächte es nicht fertig, sie zu opfern. Sie war unschuldig und hatte das Leben noch vor sich. Bestimmt würden die Soldaten Erbarmen mit ihr haben. Nicht mal sie konnten so grausam sein.

»Ihr habt eine Minute Zeit, dann räuchern wir euch aus, Aliens«, rief die Megaphonstimme von unten herauf. »Dann kann ich für eure Sicherheit nicht mehr garantieren.«

Petr beendete sein Gebet. Weder er noch die Soldaten würden Erbarmen haben, aber Wladimir wusste nun, auf welcher Seite seine Tochter eine bessere Überlebenschance hatte.

Bevor Petr begriff, was geschah, nahm Wladimir sein Gewehr, stieß es ihm mit aller Kraft ins Gesicht und schlug ihn bewusstlos. Und ehe die anderen ihn aufhalten konnten, stand er mit erhobenen Händen auf. »Hier ist ein Kind. Wir sind unbewaffnet.«

Das ist unakzeptabel! Du weißt, was mit uns passieren wird.

»Sei ruhig, Ladm«, knurrte Wladimir.

»Werft eure Waffen weg und kommt runter. Hände oben behalten«, sagte die Megaphonstimme. »Wir können euch alle verfolgen, versucht also keine Tricks.«

Wladimir packte den Bewusstlosen bei den Füßen. »Ohr, hilf mir, Petr hochzuheben.« Der Koreaner nahm die Arme des Oberst, und zusammen schleppten sie ihn die Anhöhe hinab.

Unten wurden sie von acht Uniformierten umzingelt. Neun Tote lagen am Boden. Wladimir ächzte zufrieden. Wenigstens hatten sie tapfer gekämpft. Doch nur das Ergebnis zählte. Und dies war eine Niederlage. Wladimir ließ die Schultern hängen, als allen Handschellen angelegt wurden und sie sich hinknien mussten. Sogar Alex. Sie so zu sehen trieb ihm Tränen in die Augen. Wie hatte es so weit kommen können?

»Agentin Kallis, wir haben alle Aliens festgenommen«, sagte der Anführer in sein kleines Schulterfunkgerät. »Jetzt fesseln und markieren wir sie.«

»Gut«, krächzte eine Stimme zurück.

»Wir haben ein neues Signal«, bellte ein Soldat von weiter hinten. »Ist eben aufgetaucht. Hinter dem Baum da.« Die Soldaten eilten in Deckung und ließen Wladimir und seine Leute kniend zurück.

»Wie viele?«, fragte der Mann mit dem Megaphon.

»Nur einer. Und er rührt sich nicht.«

Sechs Soldaten strebten fächerförmig auf den gewaltigen Redwood-Baum am Westrand der Lichtung zu. Zwei blieben zurück, um die Gefangenen zu bewachen.

»Kommt mit erhobenen Händen raus«, rief der Anführer durchs Megaphon. »Ihr seid zahlenmäßig unterlegen, und wir haben die Übrigen gefangen genommen. Niemandem muss etwas geschehen.«

Es machte zweimal leise Ping, und die beiden Bewacher von Wladimirs Gruppe gingen zu Boden. Wieder drei Pings, und die Soldaten links und rechts außen stürzten. Der Rest ging in Deckung.

»Wie viele Signale?«, rief der Anführer.

»Noch immer eins!«

»Die müssen Geister dabeihaben.«

Ein weiteres Ping. Diesmal hatte es den Soldaten mit dem Scanner erwischt.

»Lasst eure Waffen fallen«, rief eine Stimme aus dem Wald, »dann wird euch nichts geschehen.«

Die vier letzten Soldaten blickten in alle Richtungen, um rauszufinden, woher die Schüsse kamen. Schließlich ließ einer seine Waffe fallen und hob die Hände. Zwei andere taten es ihm Sekunden später nach. Alle sahen den letzten bewaffneten Soldaten an, den mit dem Megaphon, der seine Möglichkeiten erwog. Wieder kam ein leises Ping aus dem Wald, und der Staub vor seinen Füßen stob auf. Daraufhin folgte auch er dem Beispiel seiner Gefährten und warf die Waffe weg.

»In jeder Gruppe gibt es einen, der etwas langsamer ist als die anderen und beinahe alles kaputtmacht«, sagte eine aus dem Wald tretende Gestalt. Der Mann trug Tarnanzug und Kapuzenjacke und hatte ein kleines Sturmgewehr in der Hand. Er ging auf die Lichtung und hielt seine Waffe weiter auf die vier Soldaten gerichtet.

Wladimir musterte ihren Retter. Dessen Aussehen und Stimme waren ihm fremd, und beides war völlig anders als im Kontaktdossier verzeichnet, zumal dort von einer weiblichen Person die Rede gewesen war. Das Gesicht des Mannes war zum Großteil unter einer dunkelbraunen Fliegersonnenbrille und einem zotteligen Bart verborgen, sein übriger Kopf unter einer Kappe.

»Auf die Knie, Jungs.« Er richtete seinen Blick auf den Anführer, der das Megaphon gehabt hatte. »Weißt du, wer ich bin, Pfadfinder?«, fragte er schließlich.

Der nun entmegaphonisierte Agent warf ihm einen düsteren Blick zu. »Ja, du bist Ghost.«

»Ganz genau«, sagte der Mann mit einem Hauch von Selbstzufriedenheit in der Stimme, »ich bin Ghost.« Er pflückte dem Agenten das Funkgerät von der Schulter und setzte es an den Mund. »Hallo. Mit wem hab ich das Vergnügen?«

»Hier Sonderagentin Kallis vom ISKA. Wer da?«, fuhr eine Stimme ihn an.

»Dein Lieblingsverräter, Kallis.«

»Rayban Ghost? Du Mistkerl. Was hast du mit meinen Männern gemacht?«

»Denen geht’s gut. Und dir? Wie geht’s der Familie?«

»Du hast meine Leute erschossen, deshalb geht’s mir gerade ausgesprochen schlecht. Und wie oft muss ich dir noch sagen, dass du meine Familie aus dem Spiel lassen sollst?«

»Ich hab deine Jungs nur mit Elektro-Schockern betäubt. Die erholen sich wieder. Einige sind auch noch munter und bleiben es, sofern du meine Forderungen erfüllst. In Guantanamo sitzen sechs Nordkoreaner ein, die binnen einer Stunde freizulassen sind. Und ich brauche fünfzig Millionen Dollar, zu überweisen auf ein Schweizer Konto.«

»Du weißt, dass ich diese Forderungen nicht erfüllen kann.«

»Gut, Kompromissvorschlag: Du stiftest viertausend Dollar, tausend für jeden hier, ans Tierheim von Eureka. Damit wären wir quitt.« Er betrachtete die knienden Soldaten. »Für den Dicken vielleicht eins fünf.«

»Sieh dich vor, Rayban Ghost! Eines Tages krieg ich dich.«

»Und meinen kleinen Hund auch?« Ghost grinste. Er genoss das Gespräch sichtlich. »Wie du schon sagtest: Niemandem muss etwas geschehen.« Er wandte sich an die Männer vor ihm. »Gesicht auf den Boden, Hände hinter den Kopf. Und zwar zackig. Ich hab noch sechs Leute im Wald, die ich erst überzeugen musste, euch nicht das Hirn aus dem Kopf zu blasen und eure Leichen nicht in ein Säurebad zu werfen.«

Kurz darauf lagen die Soldaten nebeneinander gefesselt da und krümmten sich – Gesicht nach unten – im Staub. Rayban Ghost nahm sich die Zeit, auch die Ohnmächtigen zu fesseln. Wladimir überlegte, warum er Waffen einsetzte, die nicht tödlich waren. Als er fertig war, sprach Ghost in sein Kehlkopfmikro und gab dann Wladimir und seiner Gruppe ein Zeichen, ihm zu folgen.

»Danke, äh, Rayban Ghost«, sagte Wladimir, als der Fremde ihn und die anderen auf die Beine zog. Leider konnten sie seine Haut durch die Kleidung hindurch nicht berühren, doch Wladimir war sich inzwischen sicher, dass dieser Mann kein Gefäß war.

»Und was ist mit uns?«, rief der entmegaphonisierte Agent. »Du kannst uns doch nicht einfach so zurücklassen! Hier draußen überleben wir keine zwei Stunden!«

»Ghost, wir hatten eine Abmachung«, dröhnte Kallis’ Stimme aus Raybans Schultermikro.

Er nahm es zur Hand. »Du bekommst deine Männer zurück, Kallis, das hab ich schon gesagt. Wir sind hier schließlich die Guten. Ich gebe später einem Ranger Bescheid.« Er riss das Kabel aus dem Mikro und wandte sich an Wladimir. »Sollen wir?«

Ghost führte sie fünfzehn Minuten lang nach Süden durch den Wald. Als er fand, sie seien weit genug von den Soldaten entfernt, hielt er an und musterte die Gruppe.

»Danke, Bruder«, sagte Wladimir.

»Authentifiziere dich.«

»Anzugreifen, ohne sich vorher vergewissert zu haben, ob …«, begann Wladimir.

Die Formel erstarb ihm im Mund, als Rayban Ghost ihn unterbrach. »Mund zu, Genjix. Das ist mir egal.«

Nun erst begriff Wladimir, wer sie gerettet hatte. Und stutzte. Vielleicht wären sie als Gefangene des Interpol Spezialkommandos doch besser dran gewesen. Beim ISKA hätten sie wenigstens eine Chance gehabt, von eigenen Leuten in deren Reihen befreit zu werden. Als Gefangene der Prophus dagegen erwartete sie bestenfalls ein schneller Tod.

»Ich will Namen, deinen und den deines Quasing«, sagte Rayban Ghost. »Volle Namen und Herkunftsangaben. Sofort.«

Ohr und Rin sahen Wladimir fragend an. Der schüttelte den Kopf und erklärte laut und deutlich: »Wladimir Mengsk. Ladm. Ich bin Geschäftsmann aus Moskau, und das ist …«

»Ich kann selbst antworten, Papa«, unterbrach ihn Alex und trat einen Schritt vor. »Alexandra Mengsk. Ich bin die Tochter meines Vaters, Verräter.« Herausfordernd reckte sie Ghost das Kinn entgegen.

Wladimir erstarrte, als Ghost vor seine Tochter trat und aufs Knie sank. »Und offenbar ziemlich temperamentvoll, was? Wie heißt dein Quasing, Alexandra Mengsk, Tochter deines Vaters?«

Alex schüttelte den Kopf und verweigerte die Antwort. Rayban Ghost sah zu Wladimir hoch.

»Schon gut«, meinte der. »Sag es ihm.«

»Tabs«, gehorchte sie widerwillig.

Ghost lächelte. »Danke. Ich hoffe, sie führt dich gut.« Er stand auf. »Wie sieht es bei euch Übrigen aus?«

Wie zu erwarten, weigerte sich Petr, etwas rauszurücken, sah weg und schien sogar das Vorhandensein von Rayban Ghost ignorieren zu wollen.

Der seufzte. »Wie gesagt: Immer vermasselt einer allen die Tour.« Er packte ihn und stieß ihm das Knie so in den Magen, dass Petr sich krümmte. Er schlug ihn nieder, zog die Pistole und rammte sie ihm an die Stirn. Dann sah er Rin an. »Sein Name und sein Quasing. Sofort.«

»Petr. Coruw«, sagte sie widerstrebend und mit niedergeschlagenem Blick.

Petr funkelte sie zornig an. »Memme.«

Sein Name musste Rayban Ghost etwas gesagt haben, denn er zeigte gesteigertes Interesse an Petr. »Coruw. Dem Akzent nach ein Russe.« Er sah zu Boden und entdeckte die Bajonetthalfter links und rechts von Petrs Stiefeln. »Du bist einer von Vinnicks Hunden?«

»Was geht dich das an, Verräter?«, knurrte Petr.

»Mit tollwütigen Tieren kann ich nichts anfangen.« Ghost setzte die Fliegersonnenbrille ab. »Die Russen haben dreißig Prophus-Flüchtlinge umgebracht, die vor zwei Jahren der chinesischen Inquisition entkamen. Einige von ihnen waren meine Freunde.«

»Es war mir ein Vergnügen, daran beteiligt gewesen …«, begann Petr.

»Ich heiße Roen Tan, du massenmörderischer Dreckskerl.«

»Du! Du und deine Schlampe haben uns an die Menschen verraten!« Petr wollte sich auf ihn stürzen, doch ein Schuss in die Brust ließ ihn zusammenbrechen. Sein funkelnder Quasing schwebte empor und flatterte wie ein Windhauch zwischen den riesigen Bäumen herum.

»Verschwinde, Coruw, und sei froh, dass ich keinen Flammenwerfer dabeihabe.« Roen Tan wandte sich an die Übrigen. »Will sonst noch jemand seinen Quasing freilassen? Ich erfülle diesen Wunsch nur zu gern.« Er gewann das Blickduell und setzte schließlich hinzu: »Das ist mein Angebot: Ich kann euch sofort umbringen, und eure Quasing können sich hier zwischen den Redwoods einen tierischen Wirt suchen. Oder ihr kooperiert und kommt mit. Übrigens, falls ihr auf eure Kontaktfrau wartet: Tut mir leid, aber ihr Quasing macht sich inzwischen ein schönes Leben in einem Ameisenbären. Also, wie sieht’s aus?«

Die Gefangenen tauschten Blicke und sahen dann Wladimir an. Der trat vor. »Wir kooperieren, Prophus.«

»Gut.« Roen wies auf Ohr. »Authentifiziere dich.«

»Verzeihung, Mr äh … Ghost«, begann Rin. »Warum bedienen Sie sich nicht des Gefäßes, das der Penetra-Scanner vorhin entdeckt hat? Es kann uns einfach durch Berührung identifizieren, und wir sparen uns dieses Affentheater.«

Roen Tan schüttelte den Kopf. »Den musste ich schon vorschicken. Seine Mom wird uns umbringen, wenn er zu spät zur Schule kommt.«

 

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Wesley Chu – Die Wiedergeburten des Tao. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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