Die Tode des Tao - Wesley Chu

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Tode des Tao (Wesley Chu)


Nur gut, dass keiner weiß, dass das Schicksal der Welt von einem zerstrittenen Ehepaar abhängt. Denn um um den diabolischen Plan der Genjix zu vereiteln, muss sich Roen mit seiner Ex-Frau versöhnen. Hier gibt es die Leseprobe aus Wesley Chu "Die Tode des Tao".

In ›Die Tode des Tao‹, dem zweiten SF-Thriller im Tao-Universum, bringt Wesley Chu wieder alles zusammen, was schon den ersten Teil der Trilogie so einmalig macht: altkluge Aliens, Spionage-Action, Kung-Fu, fein abgemischt mit einem Hauch von Weltverschwörung. Eine grandiose Fortsetzung zu ›Die Leben des Tao‹.

***

KAPITEL 1 - VERGELTUNGS- MASSNAHMEN


Der Pfad eines Gefäßes ist von Toten gesäumt. Und erst recht die Reise eines Quasing, denn nur ein stetiger
Zyklus von Leben und Tod wird uns letztlich nach Hause führen.

HUCHEL, RAT DER GENJIX - ÖSTLICHE HEMISPHÄRE,
QUASING VON KÖNIG SALOMO


Das schwarze Auto schlich durch finstere, unbeleuchtete Straßen in den Außenbezirken von Washington D. C. Jill Tan schaute durch die abgedunkelten Scheiben auf die düsteren, schneebestäubten Umrisse einer wie ausgewaschen wirkenden Welt. Das Treffen mit Andrews am Abend war schon wieder ein Reinfall gewesen. In letzter Zeit hatten sich viel zu viele Abende zu Enttäuschungen entwickelt. Und mit jedem Mal wurde ihr klarer, dass die Prophus bereits mit einem Bein im Grab standen.

Dass sie sich mit dem gerade erst gewählten Senator von Idaho zusammensetzen mussten, dem Vorsitzenden des nicht sonderlich angesehenen Trinity-Ausschusses, sagte einiges über die prekäre Lage der Prophus in den Vereinigten Staaten aus. Wäre ihr Einfluss auf die amerikanische Politik größer, wären sie nicht gezwungen, mit solchen Flachpfeifen an der Peripherie des Machtapparats zu verhandeln. Jill wusste nur zu gut, dass sie in Schwierigkeiten steckten, wenn jemand wie Andrews ihr Bedingungen stellen konnte.

Du hättest beim Poseidon-Gesetzesentwurf mehr Druck machen müssen.

»Seine Stimme ist den Sitz im Gremium einfach nicht wert, Baji. Ich werde Wilks oder die Prophus nicht von diesem Frischling in Geiselhaft nehmen lassen.«

Wir haben den Befehl, dafür zu sorgen, dass das Gesetz unter allen Umständen durchkommt. Wir sind auf die Ressourcen dringend angewiesen. Was bedeutet da schon ein Sitz für zwei Jahre?

»Ich werde dafür nicht Haus und Hof verkaufen. Damit schafft man nur einen negativen Präzedenzfall.«

Uns fehlen im Senat immer noch drei Stimmen.

»Die grabe ich schon noch irgendwo aus«, murmelte Jill, während sie im Geiste die Fraktionsmitglieder durchging. Sie war nicht annähernd so zuversichtlich, wie sie sich gab – was Baji natürlich wusste. Es war Jill einfach in Fleisch und Blut übergegangen, die Fassade zu wahren. In der Politik überlebte man nicht lange, wenn man Schwäche zeigte.

Sie schaute wieder nach draußen. Das war typisch Andrews, ein Treffen an so einem Ort anzuberaumen. Er wollte nicht mit ihr gesehen werden, hatte er gesagt. Das würde seinem Ruf schaden. Für wen hielt er sich eigentlich? Das Treffen hatte drei Stunden gedauert, und dabei hatte er sie nur hingehalten und unverschämte Forderungen gestellt, auf die sie – wie er sehr wohl wusste – nicht eingehen konnte. Die Verhandlungen mit ihm kosteten Zeit und Mühe, und Jill verlor langsam die Geduld.

Sie schaute auf die Uhr; es war 21.14 Uhr. Im Büro wartete ein Berg Arbeit auf sie. Sie konnte von Glück reden, wenn sie um drei ins Bett kam. Nun ja, ihr Privatleben war ohnehin nicht der Rede wert.

Vielleicht solltest du noch mal über dieses Date mit Dr. Sun nachdenken. Er ist Arzt, und dazu noch einer von Wilks’ großen Spendern.

»Baji, ich weiß, was das Dr. med. vor dem Namen eines Kerls bedeutet. Der Mann ist langweilig, egozentrisch und vermutlich ein Soziopath. Und er hat Pranken wie ein Yeti. Hast du keine anderen Kriterien für die Partnerwahl, als dass sie Ärzte sind?«

Wieso, das reicht doch. Das und dass sie keine Wirte sind.

»Das sind die schlechtesten Kriterien, die mir je zu Ohren gekommen sind.«

Von wegen. Schau dir doch Roen an. Er ist ein Wirt und kein Arzt. Und was hat es dir gebracht?

Jill brummte missbilligend und widmete sich wieder ihrer Arbeit. Ihr persönliches Alien mochte die Weisheit und Bildung aus Jahrtausenden besitzen, aber als Kupplerin gehörte Baji eindeutig ins 11. Jahrhundert. Jills durchschnittliche Trefferquote in Liebesangelegenheiten war in letzter Zeit regelrecht verheerend gewesen. Allein schon der Gedanke, sich mit jemandem zu treffen, fühlte sich mittlerweile falsch an.

»Roen, du Dreckskerl«, fluchte sie in sich hinein.

Im Rückspiegel tauchte plötzlich ein blendendes Licht auf, und etwas rammte ihren Wagen von hinten. Von der Seite preschte ein weiteres Fahrzeug heran und prallte gegen den vorderen Kotflügel, so dass ihr Fahrzeug herumgeschleudert wurde.

Ein Hinterhalt!

»Alles in Ordnung?«, fragte Shunn, ihr Fahrer, obwohl ihm selbst das Blut über die Stirn lief. Chevoen, ihr Leibwächter, hatte sich schon aus dem Auto befreit. Jill hörte Schüsse, die in die Seitenverkleidung einschlugen.

»Kümmern Sie sich nicht um mich – machen Sie, dass sie rauskommen«, fuhr sie ihn an und zog ihre Ruger. »Benachrichtigen Sie das Oberkommando. Verteidigungsring bilden. Wir ziehen uns zurück, folgen Sie mir.« Sie stieg aus und ging hinter der Autotür in Deckung. Um sie herum prasselten Schüsse, während sich schemenhafte Umrisse aus der Dunkelheit schälten. Jill beugte sich über den Kofferraum und nahm die dunklen Gestalten ins Visier. Nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt schlugen Kugeln in die Karosserie ein.

Einer ist seitlich von dir auf dem Dach.

Sie lehnte sich mit dem Rücken ans Auto und warf gerade noch rechtzeitig einen Blick nach oben, um zu sehen, wie eine dunkle Gestalt in Deckung ging.

»Prophus!«, ertönte eine Stimme. »Wir wollen verhandeln.«

Wir sind umzingelt. Auf dem Dach gegenüber sind auch zwei Genjix.

»Sie haben uns gerade überfallen, Baji. Weshalb sollten sie jetzt plötzlich verhandeln wollen?«

Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Sieh zu, dass du etwas Zeit rausschindest. Chevoen hat bestimmt schon ein Notsignal abgesetzt.

»Was gibt’s denn zu besprechen?«, brüllte sie.

Einer der Genjix trat vor, ein Telefon in der erhobenen Hand. Jill ließ ihn nicht aus den Augen. Als er auf fünf Meter heran war, warf er ihr das Telefon zu. Sie fing es auf und ging ran.

»Hallo, Jill«, sagte eine aalglatte Stimme am anderen Ende der Leitung.

Sie runzelte die Stirn. »Simon.«

Ich habe Biall schon verabscheut, bevor ich eine Prophus wurde.

»Du hast auf meine Anrufe im Büro nie reagiert, deshalb musste ich zu drastischeren Maßnahmen greifen. Wie war dein Treffen mit Andrews? Unergiebig? Natürlich. Wir haben ihn schon seit zwei Monaten in der Tasche. Ihr Prophus seid im Moment wirklich nicht die Schnellsten.«

Jill biss sich auf die Lippe. »Wie schön für euch. Wir wissen beide, dass Andrews nur für eine Amtszeit im Senat sitzen wird. Ich hoffe, ihr habt nicht zu viel für ihn bezahlt. Gibt es sonst noch was, oder bist du nur hier, um mir eure Überlegenheit unter die Nase zu reiben?«

Rechts sind noch zwei. Macht insgesamt acht im Sichtbereich. Schalte zuerst den auf dem hinteren Dach aus.

»Wie sieht dein Fluchtplan aus, Baji?«

Lauf in die Seitenstraße hinter dir.

Simon schwafelte einfach weiter. »Das ist nur etwas für Menschen. Die Unsterblichen verlangen von ihren Gefäßen schon etwas mehr Selbstdisziplin. Ich möchte dir vorschlagen, mit mir zusammenarbeiten. Überparteilich sozusagen.«

Das kaufte Jill ihm nicht ab. Beim letzten Mal, als Simon im Kongress das Wort »überparteilich« in den Mund genommen hatte, waren die Genjix gerade drauf und dran gewesen, die nächste Immobilienkrise auszulösen. Ein Move, der sie um einige Milliarden reicher gemacht hatte.

»Eigentlich würde Hogan gern mit deinem Boss verhandeln«, sagte Simon. »Ob der ehrenwerte Senator Wilks wohl zwei Stunden für ihn erübrigen könnte?«

Jill stieß empört die Luft aus. »Das ganze Theater, weil ihr ein Treffen wollt?«

»Ruf mich nächstes Mal einfach zurück, ja?«

»Lass mich raten. Geht es um den Südkorea-Zerstörer-Vertrag? Die Ostmeer-Mineralien-Sanktion? Oder den japanischen IEC-Standard-Zoll?«

»Unter anderem. Sagen wir, es ist ein großes Paket.«

»Was bietet ihr?«

»Ich schicke deiner Assistentin heute Nacht die Spezifika. Du wirst sie Wilks im bestmöglichen Licht präsentieren, und dann bekommen wir beide ein Lob, weil wir über die Kluft zwischen den Lagern hinweg zusammengearbeitet haben. Wie hört sich das an?«

»Weshalb sollte ich dir helfen wollen?«, fragte Jill.

»Weil meine Männer euch sonst alle umbringen.«

»Dann habe ich wohl keine andere Wahl. Ich werde aber Zeit brauchen, dein Angebot zu prüfen.«

»Du bist nicht in der Position, Bedingungen zu stellen, aber nimm dir ruhig Zeit und denk drüber nach«, sagte er. »Nächste Woche erwarte ich eine Antwort. Übrigens, Baji, Biall schuldet dir noch was für den Unabhängigkeitskrieg. Heute kriegst du eine Teilzahlung.« Dann legte er auf.

»Was ist während des Krieges geschehen?«

Bialls damaliges Gefäß war der Neffe von Lord Sandwich, dem Admiral of the Fleet, wie sein Rang in der Royal Navy seinerzeit hieß. Er wurde zum Kapitän befördert und in die Staaten geschickt. Mein Wirt, John Paul Jones, hat seine Fregatte erbeutet. Als Nächstes bekam er eine Schaluppe. Die habe ich versenkt. Dann haben sie ihm einen Schreibtischjob im Hafen von Yorktown gegeben. Als ich den Hafen plünderte, habe ich ihn gekidnappt. Lord Sandwich musste für den Knilch dreimal Lösegeld zahlen. Das trägt er mir immer noch nach.

»Würde ich an seiner Stelle auch tun.«

Jill warf dem Genjix-Agenten das Telefon wieder zu. »Ihr habt euer Treffen bekommen. Und jetzt, husch, husch, zurück ins Körbchen.«

Der Genjix-Agent blickte sie an und lächelte selbstgefällig. »Wir haben den Befehl, dich am Leben zu lassen, wenn du keine Schwierigkeiten machst. Für die anderen gilt das nicht. Tötet sie!«, brüllte er.

»Nein!«

Der folgende Schusswechsel war ohrenbetäubend. Beide Seiten eröffneten gleichzeitig das Feuer. Die Prophus-Leute waren waffentechnisch unterlegen und hatten die deutlich schlechtere Position. Es dauerte nicht lang, bis nur noch Jill am Leben war, die sich hinter die Autotür kauerte und nachlud.

»Deine Leute sind tot, Verräterin«, rief der Genjix-Agent. »Wirf deine Waffe weg und tritt vor. Ansonsten ist dein Leben verwirkt.«

Lass deine Waffe fallen. Anders kommst du hier nicht raus.

»Schnauze, Baji. Sie haben Shunn und Chevoen getötet, nur weil sie die Möglichkeit dazu hatten. Zeig mir ihre Positionen. Jetzt!«

In ihrem Geist blitzten Bilder der Genjix auf – von dem, der auf dem Dach hinter ihr kniete, von den beiden rechts von ihr, die an dem Lieferwagen lehnten, der sie gerammt hatte, und dann vom Anführer des Hinterhalts, der sich mit ihr unterhalten hatte. Jill stand auf und verschoss ihr Magazin auf die drei Gruppen. Dann rannte sie auf die Seitenstraße zu.

»Feuer!«, brüllte jemand.

Überall um sie herum schlugen Kugeln ein, während sie den schmalen Bürgersteig entlangsprintete und in eine Gasse bog.

Ein Schatten an der Dachkante eines der Gebäude zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie drückte sich an die Wand und suchte nach weiteren Bewegungen. Dann hörte sie rechts von sich Schritte. Alles in allem mussten es etwa zehn Genjix sein. Jill kauerte sich hinter einen Müllcontainer und blickte über den Rand. Ungefähr ein Dutzend Männer und ein weißer Lieferwagen ohne Aufschrift bogen in die Gasse ein, in der sie sich versteckte.

Sieht aus wie ein Penetra-Van.

»So viel also zum Thema verstecken.«

Das Aufkommen der mobilen Penetra-Scanner hatte den Verlauf des Krieges in den letzten drei Jahren verändert. Anfangs waren die Scanner – Maschinen so groß wie Häuser – bedeutungslos gewesen. In den letzten Jahren war es den Genjix allerdings gelungen, die Scanner zu verkleinern. Nun gab es überall Penetra-Vans, und für die Prophus wurde es immer schwieriger, unentdeckt zu bleiben.

Es sind zu viele.

»Ich habe schon Schlimmeres erlebt.«

Damit wollte sich Jill jedoch nur selbst Mut machen, und das wussten sie beide. So viel sie im Lauf der Jahre auch trainiert hatte, sie würde niemals eine zweite Sonya werden. Bajis frühere Wirtin hatte Roen zum Agenten ausgebildet und war einer ihrer Lieblinge gewesen. Sie war von den Genjix gefangen genommen und umgebracht worden, nachdem sie versucht hatte, Jill und Roen während der Dezennalien zu retten. Baji hatte Roen den Tod von Sonya nie verziehen, und in gewisser Weise trug sie ihn auch ihrer neuen Wirtin noch nach.

Jill spähte um die Seite des Müllcontainers und schoss dreimal. Einmal traf sie, während die anderen Schüsse harmlos vom Lieferwagen abprallten. Sie ging in Deckung, kurz bevor ein Kugelhagel auf den Container niederprasselte.

Zwei schleichen sich auf deiner Seite an der Mauer an.

Ein Bild blitzte in ihrem Kopf auf: zwei Männer, die sich im Sichtschutz des Containers geduckt auf sie zuschoben. Jill atmete wieder aus und zielte auf die Position, die sie in Gedanken gesehen hatte. Sie erwischte einen Genjix mitten im Gesicht. Weitere Kugeln schlugen um sie herum ein, und sie hörte jemanden nach Feuerschutz rufen.

»Ich hätte jetzt gern eine Granate.«

Und warum nicht gleich noch einen Raketenwerfer, wenn wir schon dabei sind?

Jill biss sich auf die Lippe, ihre Gedanken rasten, um einen Ausweg zu finden. Vielleicht hatte sie etwas, das an eine Granate herankam. Die Genjix-Agenten rückten näher. Jill wühlte in ihrer Tasche und zog eine kleine Dose Pfefferspray heraus. Mit der Spraydose in der Hand lehnte sie sich zur Seite.

So ein guter Schütze bist du nicht.

»Positiv denken, Baji.«

Baji hatte recht: Jill war bestenfalls ein durchschnittlicher Schütze. Aber was blieb ihr anderes übrig? Sie beugte sich wieder zur Seite, ließ die Dose auf die Agenten zurollen, nahm sie ins Visier und drückte mehrmals in rascher Folge ab. Die ersten drei Schüsse gingen daneben. Die Genjix eröffneten das Feuer.

Zieh dich zurück!

Jill hörte nicht auf Baji und konzentrierte sich weiter auf die Dose. Der fünfte Schuss fand endlich sein Ziel. Die Pfefferspraydose explodierte, und eine OC-Wolke breitete sich aus. Sofort begannen die Genjix in diesem Teil der Gasse zu husten. Jill zog sich zurück – aber nicht schnell genug, um verhindern zu können, dass eine Kugel ihre Wange streifte. Mit zusammengebissenen Zähnen unterdrückte sie einen Schrei. Das war knapp gewesen.

Im Augenblick waren die Genjix abgelenkt. Jill musste hier verschwinden, bevor die Wolke sich auflöste. Sie verließ ihre Deckung, sprintete zum Ende der Gasse und schoss dabei blindlings nach hinten. Plötzlich spürte sie einen brennenden Schmerz im Oberschenkel. Durch die Wucht des Treffers verlor sie das Gleichgewicht und fiel hin. Ihre Pistole schlitterte über den Boden.

Jill fluchte und zog sich auf Händen und Füßen durch die Gasse, um sie zu erreichen. Ihre Gedanken kreisten ausschließlich um ihren Sohn Cameron und Baji. Sie hatte beide enttäuscht. Einer der Genjix-Agenten tauchte vor ihr auf und kickte die Pistole zur Seite. Dann spürte sie, wie ihr die Luft aus der Lunge gepresst wurde, als ein anderer ihr kräftig auf den Rücken trat.

»Gib auf, Prophus«, sagte eine Stimme. Die Lichter des Lieferwagens näherten sich. Sie war umzingelt. Jill trat mit dem gesunden Bein zu und brachte einen der Agenten zu Fall, grapschte nach dem Fuß des anderen. Ein heftiger Schlag auf den Kopf machte ihrem letzten, verzweifelten Fluchtversuch ein Ende. Betäubt und mit geschlossenen Augen wartete sie auf den Fangschuss.

Plötzlich ertönte ringsum ein leises Prasseln, und sämtliche Genjix-Agenten kippten schlagartig um. Der Van änderte quietschend die Richtung und krachte gegen die Mauer. Der Fahrer stieg aus, fasste sich an die Schulter und sackte in sich zusammen. Weitere schallgedämpfte Schüsse ertönten, und er rührte sich nicht mehr.

Jill setzte sich und blickte auf das Dutzend regloser Körper. Es sah aus wie in einem Kriegsgebiet. Sie rappelte sich auf, verzog das Gesicht und betastete ihr verletztes Bein. Die Kugel hatte den Knochen verfehlt. Sie nahm ein Tuch aus ihrer Tasche und band die Wunde ab. Dann humpelte sie zum Ende der Gasse auf die größere Straße. Ihr Telefon klingelte.

Jill zog es aus der Handtasche und nahm den Anruf an. »Hallo?«

Am anderen Ende der Leitung ertönte eine barsche Stimme. »Richte dem Oberkommando aus, dass sie nächstes Mal bessere Security schicken sollen, oder ich ramme ihnen ein paar Essstäbchen in die Augen!« Dann legte er auf.

»Arschloch«, murmelte sie und suchte die Dächer ab.

Immerhin hat dir das Arschloch gerade das Leben gerettet.

»Er hätte mir zumindest anbieten können, mich mitzunehmen.«

Jill verließ den Schauplatz so schnell, wie es ihr humpelnd möglich war. Die Genjix würden bald ein Aufräumteam schicken, und es war klüger, bis dahin möglichst weit weg zu sein. Fünfzehn Minuten später hatte sie es bis zu einer großen Kreuzung geschafft. Sie wollte schon weitergehen, blieb jedoch stehen, als ihr Blick auf das Neonschild einer Bar fiel. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»O verdammt, das habe ich mir verdient«, sagte sie und ging hinein.

Du blutest. Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für einen Drink.

»Das ist genau der richtige Zeitpunkt für einen Drink.«

Sie ging zum Tresen und bestellte sich eine Margarita.

Du verhältst dich unklug.

»Ich verhalte mich sogar sehr klug. Beinah hätte ich mir einen Tequila bestellt.«

Baji war schlau genug, das Thema fallenzulassen. Der Barkeeper musterte das Blut auf ihrer Wange neugierig, ließ sie aber ansonsten in Ruhe. Nach der zweiten Margarita ließ Jill alle Klugheit fahren und wechselte zu Tequila, von dem sie gleich zwei Shots hintereinander kippte. Es half, den Schmerz zu betäuben. Sie konnte an nichts anderes denken als daran, wie knapp es gewesen war: dass sie Baji beinahe verloren und Cameron nie wiedergesehen hätte. Und dann dachte sie an Roen. Sie ballte die Faust, stürzte einen letzten Tequila hinunter und knallte das Glas auf den Tisch. Mit neuentfachter Zielstrebigkeit eilte sie aus der Kneipe und winkte ein Taxi heran.

Je schneller wir wieder in einer sicheren Umgebung sind, desto besser.

»Ich werde in kein Safe House gehen.«

Wohin denn sonst?

»Ich mache mich auf die Suche nach meinem Ehemann.«

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