Leseprobe "Das Geheimnis des Lamassu"

GEWINNSPIEL

Leseprobe: „Das Geheimnis des Lamassu“ von Jacqueline Montemurri


02.10.2020

     

    Mit einem Epilog von Nina Blazon

     

    Kapitel 1:

    Ein trauriger Empfang 

    Es war kalt.

    Obwohl es bereits später Nachmittag war, hatten wir an diesem Tag die Sonne noch nicht gesehen. Sie war beständig hinter einem nassen und alles durchdringenden eisigen Nebel versteckt geblieben. Ich vermochte vor uns einige Hügel in diesem fremden Nordengland zu erahnen, die im Sommer sicher grün, jetzt aber von einem grauen Weiß überzogen waren. Feinste, halbgefrorene Wassertropfen in der Luft verschleierten die Aussicht und ließen die kargen Wiesen und Wälder zu einem bleifarbenen Brei verschmelzen. In den Tälern zwischen den Hügeln verdichteten sich die Tröpfchen zu Nebelbänken, die von der untergehenden Sonne langsam rötlich verfärbt wurden, fast wie Blutflecken auf einem grauen Teppich.

    Blut passte auch zu dieser Gegend. Denn links und rechts unseres Weges kroch die verfallene Mauer des Hadrianswalls über die niedrigen runden Bergrücken gleich einem steinernen Lindwurm. Hier hatten Völker gekämpft, Tausende ihr Leben gelassen. Hier waren einst die Caledonier und die Römer, die Pikten, die Gälen, die Sachsen, die Angeln und die Wikinger aufeinandergetroffen, hatten für die Herrschaft über dieses Land ihr Leben eingesetzt und hatten die Hügel mit ihrem Blut getränkt. Hier waren Heldensagen entstanden, und doch hatte nur der schmutzige, einsame Tod gewütet. Und der nach vielen Jahrhunderten immer noch sichtbare Wall war bis heute die Grenze zwischen Engländern und Schotten geblieben, die nie so recht zu Briten geworden waren.

    Die Kälte zog durch unsere Kleidung, die im Kaukasus tiefere Temperaturen abgewehrt hatte, aber die Feuchtigkeit des Nebels ließ das Leder klamm und steif werden, und durch den langsamen Trott der Pferde bewegten wir uns zu wenig, um uns selbst aufwärmen zu können. Mein Mantel und meine Handschuhe waren von einer glitzernden Schicht gefrorener Nebeltropfen überzogen.

    Der sonst so fröhliche Halef zeigte Ungeduld und Missmut.

    „Wie kann man nur in einem solch kalten und nassen Land leben, Sihdi?“

    „Es ist hier nicht immer so. Aber du hast Recht, wir haben uns offenbar die falsche Zeit ausgesucht, Sir Davids Heimat kennenzulernen.“

    Der Boden war noch kälter als die Luft.

    Die Pferde bewegten sich müde und unsicher auf dem hartgefrorenen Untergrund. Teilweise war er mit verharschtem Schnee bedeckt, sodass wir Unebenheiten nicht sehen konnten und Löcher fürchteten, in denen die Pferde sich ihre Beine brechen konnten. Deshalb lenkten wir sie ein Stück den Wall entlang, bis wir einen Durchgang fanden, den die Tiere bewältigen konnten. Unser Weg führte uns nun weiter gen Süden. Endlich tauchten Mauern mit Zinnen und Türmen im Nebel auf. Wir hatten Lindsay Castle erreicht. Über einem der Giebel begrüßte uns das Banner mit einem Löwen.

    „Was hat das zu bedeuten?“ Halef sah angespannt zum Schloss.

    Ich folgte seinem Blick und gewahrte, dass der Löwe auf der Flagge auf dem Kopf stand. Das Tuch war zu sanften Wellen geformt und anscheinend steifgefroren, denn es bewegte sich nicht. Die Erkenntnis ließ mich innerlich zusammenzucken.

    „Es heißt, dass etwas Schlimmes passiert sein muss“, antwortete ich. „Vielleicht sogar etwas Bedrohliches.“

    „Sir David?“

    „Nein, das ist nicht möglich“, beruhigte ich meinen Freund. „Sir David ist noch auf Kreta mit seinen Ausgrabungen beschäftigt. Es sei denn ...“

    „Es sei denn, ihm ist ein Stein auf den Kopf gefallen.“

    „Das möchte ich nicht hoffen.“

    „Ich ebenso wenig, Sihdi.“

    „Es ist mit Bestimmtheit etwas Ernsteres. Trauer allein wäre nur mit halbmast symbolisiert worden.“ Ich zog mein Gewehr aus dem Sattelfutteral und nahm es vorsichtshalber in Anschlag.

    Halef blickte mich überrascht an, zog ebenfalls seine Waffe aus dem Futteral und überprüfte sie.

    „Meinst du, es könnte einen Überfall gegeben haben?“

    „Ausschließen können wir es nicht. Wir sollten auf alles gefasst sein. Es ist durchaus möglich, dass es eine Okkupation von Lindsay Castle gegeben hat und irgendwer das Schloss in seiner Gewalt hält und die Lindsays durch die umgedrehte Flagge verhöhnen will.“

    Halef nickte verstehend.

    Wir trieben die Pferde erneut zu mäßigem Schritt an. Schnelleren Gang wagten wir bei dem glatten Boden nicht. Auch wenn es nur Leihpferde aus Carlisle waren, mochte ich die armen Tiere keinesfalls zuschanden reiten. Ein Ausgleiten könnte hier genügen, damit sich eins der Pferde ein Bein brach, zumal das Packpferd arg beladen war.

    Wachsamen Blicks und die Gewehre im Anschlag ritten wir die breite Auffahrt hinauf, dem Haupthaus entgegen. Das Schloss war ein grandioser Anblick. Die Mauern leuchteten rötlich durch den Nebel, was sicherlich nicht nur dem Glühen des Abendrots zu danken war, sondern auch dem Baumaterial. In dieser Gegend verwandte man schon seit jeher den Old-Red-Sandstone, eine Gesteinsablagerung aus dem Devon. Bei genauerem Hinsehen vermag man einiges an Fossilien darin zu erkennen, besonders Meeresgetier und Fische. Aber natürlich war das in jenem Moment nicht von Interesse für uns. Wir hatten noch immer die Flagge mit dem umgedrehten Löwen im Kopf und waren auf eine feindliche Streitmacht vorbereitet.

    Mittig des burgähnlichen Baus erschloss eine breite Treppe den Haupteingang. Links und rechts reihten sich hohe spitze Fenster aneinander, die mit ihrem gotischen Maßwerk fast sakral wirkten. Licht quoll daraus hervor. Das darüberliegende Stockwerk war dunkel. Die Fenster dort hatten eine rechteckige Form, soweit ich das in der Dämmerung erkennen konnte. Das Dach umgrenzten Zinnen wie bei einer mittelalterlichen Burg und dazwischen erhoben sich Schornsteine. Aufmerksam suchte ich die Lücken zwischen den Zinnen sowie die dunklen Fenster nach Gewehrläufen oder sonstigen Gefahren ab. Doch ich vermochte nichts Beunruhigendes zu erkennen. Links und rechts dieses Mittelbaus ragten der West- und der Ostflügel empor wie Burgfriede. Die zwei Seitenflügel waren um ein Stockwerk höher als der Mittelbau. In den vor uns emporragenden Mauern sah ich zahlreiche rechteckige Fenster, teils zu Erkern nach außen gebaut. Das oberste Geschoss wartete mit Balkonen auf, die sich über jenen Vorsprüngen befanden. Ein wahrhaft majestätischer Anblick, Lord Lindsays durchaus würdig.

    Plötzlich traten uns zwei bewaffnete Männer in den Weg. Sie hatten im Schatten einiger gewaltiger Eichen neben der breiten steinigen Zugangsstraße gelauert.

    „Wer seid Ihr?“, fragte der eine recht barsch und richtete den Lauf seines Gewehrs auf mich.

    „Mein Name ist Kara Ben Nemsi und mein Begleiter heißt Hadschi Halef Omar. Wir werden von Lady Ann erwartet“, erwiderte ich auf Englisch.

    „Darüber sind wir informiert, Mister Kara Ben Nemsi. Warten Sie bitte einen Moment. Wir müssen vorsichtig sein. Verzeiht deshalb die Unannehmlichkeiten.“ Der Mann drehte den Gewehrlauf von mir weg, blieb aber bereit, falls ich ihn angreifen sollte.

    Was konnte hier nur geschehen sein, das eine derartige Verteidigung rechtfertigte? Sein Partner blies ein militärisches Hornsignal, worauf sich die große Eingangstür öffnete und ein Mann mit dunkler Robe und dem Löwen der Lindsays auf der Brust uns über die breite Treppe entgegeneilte. Noch immer war ich vorsichtig, auch als sich der Mann als Kastellan des Schlosses vorstellte, uns musterte und schließlich willkommen hieß. Auf sein Winken hin eilten zudem zwei Stallburschen herbei, um sich unserer Pferde anzunehmen, als seien wir erwartet worden. Was allerdings nicht sein konnte, da wir Lady Ann keinen festen Zeitpunkt für unser Eintreffen zu nennen vermocht hatten. Der Verlauf der Reise nach Schottland war nicht berechenbar gewesen, denn wir kannten das Land nicht und waren zudem nicht sicher, unser Ziel direkt und problemlos zu finden.

    Aus der sich nun erneut öffnenden zweiflügligen Tür traten zwei Gestalten hervor. Im Gegenlicht der inneren Beleuchtung erblickte ich eine füllige Dame mit einem Häubchen auf dem Kopf und eine junge Lady, die sogleich die Treppe herabgerannt kam.

    „Oh, Kara und Halef. Ich bin so froh, dass ihr endlich da seid.“ Es war Ann Lindsay. Sie warf sich mir an den Hals und somit fiel die Anspannung zunächst von uns ab. Das Schloss war offensichtlich nicht in fremder Hand. Jedoch ließen mich die Verteidigungsmaßnahmen und Anns Reaktion darauf schließen, dass sehr wohl etwas Furchtbares vorgefallen sein musste.

    „Was ist geschehen?“, fragte ich dann auch, während sie sich von mir löste.

    „Etwas Schreckliches, etwas Grausames“, antwortete sie erregt.

    Ich nahm das Gepäck vom Pferd, da der Stallbursche schon ungeduldig, wohl ob der Kälte, von einem Fuß auf den anderen trat. Dann sah ich das Mädchen an. Nun bemerkte ich zu meinem Erstaunen, dass Miss Ann in diesem Moment wahrhaftig wie Lady Ann aussah. Ihr Haar war sittsam geknotet, keine Strähne an der falschen Stelle. Anstatt Reithosen, Weste und Stiefel trug sie ein langes schwarzes Kleid, welches ihr eine schlanke Silhouette verlieh, jedoch im Rücken unterhalb der Taille durch Rüschen und Falten aufgebauscht war und in einer Schleppe endete. Auch hing kein Gewehr über ihrer Schulter, wie ich es von ihr gewohnt war.

    „Sihdi, ich unterbreche recht ungern diesen freudigen Empfang. Doch wenn wir noch länger hier verweilen, werde ich niemals das Schloss von innen sehen. Denn bald bin ich hier festgefroren auf alle Zeit.“ Halefs Englisch war mittlerweile sehr gut geworden.

    „Oder nur bis zum Frühjahr“, erwiderte ich schmunzelnd.

    „Wie unhöflich von mir“, warf Ann Lindsay ein. „Bitte kommt herein. Dann werde ich euch alles berichten.“

    Ich nickte ihr zu und wir folgten ihr die Stufen hinauf. Der Kastellan hatte sich unseres Gepäcks angenommen. Mein Gefährte schlotterte tatsächlich recht stark neben mir, denn ich hörte seine Zähne klappern. Obwohl wir jüngst im Kaukasus ein wirklich kaltes Abenteuer mit meinem alten Freund Old Firehand erlebt hatten und auch Halef dort den eher dünnen Burnus gegen robuste Wetterkleidung getauscht hatte, so wollte sich sein Beduinenkörper noch immer nicht so richtig an diese Art Temperatur gewöhnen.

    „Aber im Kaukasus war es viel kälter als hier, Halef.“

    „Mag sein. Doch hier ist es unheimlicher.“

    „Unheimlich? Ich finde das Schloss in höchstem Maße inspirierend.“

    Ann Lindsay drehte sich zu uns um.

    „Halef hat vielleicht einen siebten Sinn. Wir haben in der Tat ein Schlossgespenst.“ Sie grinste verschmitzt und entblößte ihre Zähne.

    „Ich fürchte mich nicht vor englischen Geistern“, grummelte Halef.

    „Ich wäre entzückt, dieses Gespenst kennenzulernen“, scherzte ich.

    „Oh, ich vernehme Ungläubigkeit aus Ihrem Mund, Kara. Sie werden schon sehen oder besser hören, dass ich die Wahrheit spreche. In den letzten Jahrzehnten hat niemand Porky erblickt, aber ...“

    „Porky?“, fragte ich amüsiert.

    „Ja, so heißt unser Geist. In manch dunkler Nacht kann man ihn hören.“ Ihre Stimme wurde leise und verschwörerisch. „Er jault und rasselt mit den Ketten.“

    „In manch stürmischer Nacht vielleicht“, warf ich lachend ein und stellte mir vor, wie der Wind an den Fensterläden rüttelte und um die Kamine pfiff. Derlei Geräusche konnte man in der Dunkelheit sicherlich phantasievoll interpretieren.

    Wir erreichten den Eingang und traten ein. Ein gewaltiger Kronleuchter mit unzähligen Kerzen erhellte die Halle. Ein Diener in schwarzer Livree erwartete uns und der Kastellan übergab ihm einige der Gepäckstücke.

    „Ich habe eure Zimmer schon vor Tagen vorbereiten lassen. Charles wird euer Gepäck und die Waffen hinaufbringen“, sagte Ann.

    Ich blickte mich interessiert um. An den Wänden hingen Teppiche mit Szenen der Jagd auf Fasane, Füchse oder Hirsche, auch einige Trophäen dieser Tiere waren an den Mauern befestigt. Vor uns wanden sich zwei steinerne Treppen in ein höheres Geschoss. Darunter befand sich eine breite Tür, die jedoch verschlossen war. Rechts erblickte ich eine ähnliche Tür und von links hörte ich gedämpftes Stimmengewirr. Dort standen die beiden Flügel einer Tür weit offen, die augenscheinlich in einen Salon führte. Drinnen prasselte ein Feuer in einem gemauerten Kamin und auf Sofas und in Sesseln saßen schwarz gekleidete Damen und Herren. Einige der Männer trugen Uniformen und waren am Kamin in leise Gespräche vertieft. Doch keiner hatte eine Waffe bei sich, zumindest nicht offen über der Kleidung. Also gab ich dem Kastellan – Ann Lindsay vertrauend – meine Gewehre. Die Revolver behielt ich am Gürtel. Halef tat es mir gleich.

    „Vielleicht sollten Sie uns nun aufklären, was hier Schreckliches geschehen ist“, bat ich Ann.

    „Mein Großvater ist verstorben“, flüsterte sie. Ihre Augen bekamen einen feuchten Glanz.

    „Sie meinen Sir Davids Vater?“, fragte ich.

    „Ja, Kara. James Aberforth 15. Earl of Lindsay.“

    Ich war entsetzt. „Was ist geschehen? Sie sprachen von etwas Grauenvollem.“

    „Es ist schon letzte Woche passiert. Der Kastellan fand ihn in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch niedergesunken. Sogleich schickte er nach dem Landarzt. Doch es war vergebens. Ich mache mir solche Vorwürfe, da ich mit Sofie gerade ausreiten war und Lady Angela und Shana zu dieser Zeit ein paar Tage in London verweilten. Der Earl war allein im Schloss und die Dienerschaft hat nichts bemerkt. Später vermutete unser Freund Dr. Bell aus Edinburgh, dass ein Gift eingesetzt wurde.“

    „Gift?“

    „Ja, Gift. Seine Zunge hatte eine seltsame Färbung. Aber das Unheimliche daran ist ...“ Sie hielt den Atem an.

    „Was?“, fragte ich gespannt.

    „... dass nirgendwo etwas zu finden war, was er gegessen oder getrunken haben könnte, um sich zu vergiften.“

    „Also vermuten Sie einen gezielten Mordanschlag?“

    „Ja, etwas anderes kommt kaum infrage. Es muss ein Attentat gewesen sein. Doch von wem? Und warum? Der Earl war ein guter Mensch. Er hatte keine Feinde.“

    „Nun“, warf ich nachdenklich ein, „einen zumindest schon.“

    Ann seufzte. „Es waren sogar einige Agenten von Scotland Yard hier im Schloss und haben alles inspiziert. Allerdings konnten auch sie keinerlei Hinweise auf einen Einbruch oder einen Täter finden. Nun sind wir ratlos und zugleich ein wenig verängstigt. Da Sie nun aber hier sind, fühle ich mich sofort viel sicherer.“

    „Tausend Dank für das Vertrauen. Ich werde die Augen offen halten. Aber ich befürchte, dass der Mörder, falls es tatsächlich einen gibt, schon über alle Berge ist.“

    „Dasselbe sagten die Herren von Scotland Yard auch.“ Ann senkte den Blick.

    „Vielleicht war es einer der Dienstboten des Hauses?“, mutmaßte ich. „Feinde können auch gute Menschen haben. Denn was dem einen als edle Tat erscheint, ist dem anderen ein Dorn im Auge.“

    „Da mögen Sie Recht haben. Feinde hat wohl jeder. Selbst wenn er sie nicht erkennt.“ Sie machte ein gedankenverlorenes Gesicht. „Nein, aber bei der Dienerschaft hatte der Earl sicher keine. Scotland Yard hat sie zudem alle unter die Lupe genommen. Auch kenne ich die meisten schon fast mein ganzes Leben lang. Für die Angestellten im Hause Lindsay lege ich meine Hand ins Feuer. Sie waren und sind unserer Familie aufs Treueste ergeben. Sie gehören quasi zu ihr.“

    „O Sihdi, der arme Sir David. Wie soll er davon erfahren?“, fragte Halef plötzlich sehr berührt. Da hatte er in der Tat Recht. Denn unser Lord weilte noch immer auf Kreta und war im Begriff, mit seinem Freund Minos Kalokairinos den Palast des Minos auszugraben.

    „Wir haben ihm sofort die schreckliche Nachricht telegrafiert“, antwortete Ann in meine Gedanken hinein. „Das britische Militär war uns äußerst behilflich bei der Übermittlung. Onkel Daffy ist schon auf dem Weg nach Hause. Er wird morgen früh hier eintreffen ... Es ist alles so furchtbar.“

    Ich hielt tröstend ihre Hand. „Mein aufrichtiges Beileid.“

    In diesem Augenblick kam Sofie Nelson aus dem Salon. Sie trug ebenfalls ein schwarzes Kleid in derselben Art wie Ann. Sofort nahm sie die Freundin in den Arm.

    „Oh, Kara. Schön, Sie wiederzusehen – und Sie, lieber Halef. Es ist nur sehr traurig, dass es unter solchen Umständen geschieht.“

    „Allerdings, das ist es. Ich hatte mir den Besuch auf Lindsay Castle auch etwas anders vorgestellt“, antwortete ich.

    „Kommen Sie doch mit in den Salon“, bat Ann.

    „Ich bin mir nicht sicher, ob wir angemessen gekleidet sind.“ Halef und ich hatten uns zwar jeder einen schwarzen Mantel zugelegt, um auf der Reise durch England nicht allzu stark aufzufallen. Nun standen wir jedoch in unserer ledernen Trapperkleidung da wie frisch aus dem Kaukasus angekommen. Im Grunde war das auch nicht abzustreiten, selbst wenn unser Pfad einen Umweg über Schottland genommen hatte. Denn der Anlass, warum wir nicht sofort mit Ann und Sofie nach Lindsay Castle geritten waren, war das Versprechen, welches ich Captain Sean MacLean gegeben hatte. Vor dessen tragischem Tod in der kretischen Höhle hatte er mir in einem Anfall von leidvoller Vorsehung Briefe an seine Verwandten anvertraut. Ich versprach ihm, diese weiterzuleiten, falls ihm etwas zustoßen sollte. Leider hatte er damals mit seiner Todesahnung richtig gelegen und der Minotaurus war ihm zum Verhängnis geworden.

    „Am heutigen Abend wird sich niemand an Ihrer Aufmachung stoßen und für morgen habe ich Ihnen passende Kleidung in Ihre Zimmer gehängt“, erwiderte Ann. „Die Anwesenden sind gekommen, um vom Earl of Lindsay Abschied zu nehmen. Der kalten Witterung und der Kunst des Bestatters haben wir es zu verdanken, dass wir Sir James Aberforths Beerdigung erst morgen durchführen können und ihn heute für die engsten Vertrauten und Freunde aufbahren konnten. Onkel Da-Vid wäre sicherlich äußerst unglücklich, müsste die Beisetzung seines Vaters ohne ihn stattfinden.“

    Fast fühlte ich mich heimisch, als ich Anns typische und doch seltsame Betonung des Namens David vernahm. Der außergewöhnliche Singsang ihrer Stimme war eine spezielle, aber äußerst sympathische Eigenart dieser jungen Lady.

    „Das verstehe ich“, antwortete ich ein wenig abwesend. Denn mir wurde bewusst, dass mich der Wunsch eines Verstorbenen in dieses Land geführt und ich nun einen weiteren Toten zu betrauern hatte. Auch wenn ich dem Earl zu seinen Lebzeiten nicht begegnet war, so hielt ich mich für einen engen Freund von Sir David und trauerte deshalb um seinen Vater. Es tat mir aufrichtig leid.

    Während wir noch immer in der Empfangshalle herumstanden, schien sich die Gesellschaft im Salon aufzulösen. Etliche der Herrschaften traten heraus und bekamen von den Dienern ihre Mäntel gereicht. Ann versuchte hektisch sich sowohl angemessen von den Damen und Herren zu verabschieden, als auch einige davon uns vorzustellen. Doch bei all den hochherrschaftlichen Namen musste ich vorerst kapitulieren. Halef und ich ließen die Vorstellungen sittsam über uns ergehen, gaben hier einem Herrn die Hand oder nickten da einer Lady höflich zu. Draußen vor dem Portal hörten wir Kutschen vorfahren. Schließlich entschwanden die Gäste in die Kälte des Abends.

    Ann führte uns in den nun verwaisten Salon.

    „Möchten Sie den verstorbenen Earl noch einmal sehen?“, fragte sie.

    Ich nickte zur Antwort. Die junge Frau geleitete mich und Halef in ein abgedunkeltes Nebenzimmer. Sofie blieb am Kamin zurück. In dem Raum stand ein prachtvoll verzierter Sarg mit geöffnetem Deckel. Ein großer Kerzenständer war am Kopfende aufgestellt und warf einen warmen Schein auf den Verstorbenen. Der Earl lag auf weißen seidenen Kissen. Sein graues Haar und der Bart waren ordentlich gelegt, die Augen geschlossen, die Hände über der Brust gefaltet. Er trug einen dunklen feierlichen Anzug. Es wirkte, als würde er schlafen. Ich konnte kaum glauben, dass er schon vor über einer Woche verschieden sein sollte, so frisch sah er aus. Keinerlei Anzeichen deuteten auf einen gewaltsamen Tod hin. Jedoch war mir bewusst, dass ein Gift nicht unbedingt sichtbare Spuren hinterlassen musste.

    Kapitel 2:

    Rasselnde Ketten

     

    Als wir zurück in den Salon traten, standen zwei mir unbekannte Damen neben Sofie am Kamin. Beide hatten dunkles Haar und ihre orientalische Abstammung konnte ich nicht übersehen. Ann steuerte sofort auf eine der Frauen zu und umarmte sie. Ich schätzte, dass sie ungefähr in meinem Alter sein musste.

    „Angela“, hörte ich sie seufzen. Dann löste sie sich von der Frau.

    „Lieber Kara, darf ich Ihnen meine Tante Lady Angela vorstellen?“, sagte Ann auf Englisch und trat einen Schritt zur Seite. „Sie ist seit dem Tod meiner Großmutter die Hausherrin.“

    „Lady Anahita“, korrigierte die orientalisch anmutende Dame. Ihre dunklen Augen musterten mich im ersten Moment etwas überrascht, dann freundlich.

    „Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mister Kara.“ Sie hielt mir ihre Finger entgegen, wie zum Handkuss. Und obwohl derartige Förmlichkeiten in diesem Land und in den Kreisen meines Freundes Lord Lindsay sicher üblich waren, drückte ich ihr ganz informell die Hand. Zunächst stutzte sie ob meiner ungewöhnlichen Reaktion, dann lachte sie und erwiderte den Händedruck beherzt. „Mein Bruder hält große Stücke auf Sie.“

    Bevor ich über ihre Aussage bezüglich ihrer Verwandtschaft mein Erstaunen zum Ausdruck bringen konnte, wurde mir von Ann die andere Dame vorgestellt.

    „Das ist Lady Anahitas Hauslehrerin Shana.“

    Die junge Frau beugte grüßend das Haupt. Auch sie hatte orientalische Züge mit dunklen, geheimnisvollen, fast düster blickenden Augen. Ihr schwarzes Haar war zu Zöpfen geflochten, die kunstvoll verwoben auf ihren Rücken herabfielen. Ihre Gestalt war zierlicher als die von Lady Anahita, jedoch spürte ich, dass sie von ihrem Wesen her durchaus nicht zerbrechlich war, denn sie wirkte zwar äußerst anziehend, doch zugleich auch bedrohlich auf mich.

    „Sir David ist Euer Bruder?“, fragte ich dann Lady Anahita, immer noch überrascht. Der Lord hatte nie eine Schwester erwähnt.

    „Ja und nein. Wie Sie sicher schon bemerkt haben, bin ich nicht vom Blut der Lindsays. Doch Sir James war mir immer ein guter Vater. Ich bin sozusagen das Familiengeheimnis, welches so geheim ist, dass ich es selbst nicht kenne. Jedoch gibt es viele Gerüchte über meine Herkunft. Die Wahrheit hat mein Vater nun leider mit ins Grab genommen.“ Ich bemerkte, dass sich Tränen in ihren Augen bildeten. Sie musste den Earl wohl sehr geliebt haben.

    Lady Anahita fasste sich wieder und wandte sich Halef zu:

    „Und Sie müssen der verehrte Hadschi Halef Omar sein. Wie gefällt Ihnen Großbritannien?“, fragte sie, für mich erstaunlicherweise, auf Persisch.

    Halefs Muttersprache war zwar Arabisch, doch verstand und sprach er auch ganz passabel die Sprache des angrenzenden Persiens.

    „Was in der Wüste zu wenig an Wasser vom Himmel kommt, fällt hier umso mehr herab“, antwortete er.

    „Das ist wohl wahr. Sie haben sich nicht die perfekte Jahreszeit für Ihren Besuch ausgewählt. Im Sommer ist es durchaus reizend hier. Dann erblüht der Park in den schönsten Farben.“

    Ein Diener in schwarzer Livree trat ein und verkündete:

    „Es ist angerichtet, My Ladys.“

    Lady Anahita nickte ihm zu und wandte sich dann an uns:

    „Kommen Sie bitte, Mister Kara und Mister Halef. Sie werden nach Ihrer langen Reise sicher hungrig sein.“

    Da konnte ich nicht widersprechen und so folgten wir den vier Damen aus dem Salon hinaus in die Eingangshalle und von dort durch eine schwere Holztür in einen Speisesaal. Halef blieb auf halber Strecke zurück. Ich bemerkte es erst, während wir unter der geschwungenen Treppe hindurch die geöffneten Türflügel erreichten. Als ich mich umdrehte, sah ich meinen Freund wie angewurzelt in der Halle stehen und zur Galerie hinaufspähen. Ich ging retour und fragte ihn leise:

    „Was ist? Hast du einen Geist gesehen?“

    „Ich glaube, ja. Dort oben stand ein Mann. Er hatte Ketten an Händen und Füßen und zwinkerte mir zu. Dabei konnte ich durch ihn hindurchsehen, als ob er aus Nebel bestünde.“

    Ich blickte zu der Stelle, auf die er nun deutete, sah allerdings niemanden.

    „Wo ist er jetzt?“

    „Er hat sich aufgelöst. Ich denke, es war ein Dschinn. Der Koran nennt diese Geistwesen und besagt, dass sie aus rauchlosem Feuer erschaffen sind.“ Halef starrte bei seinen Worten noch immer hinauf zu der Galerie über der Treppe. Ich kannte meinen Freund zwar als abergläubig und magiegläubig, aber zugleich als besonnen und nicht realitätsfremd. Wenn er sagte, dass er etwas gesehen hatte, dann war dort auch etwas gewesen. Deshalb zuckte meine Hand zum Gürtel und legte sich um den Pistolengriff. Wachsam ging ich ohne Eile die Treppe hinauf. Ich glaubte zugegebenermaßen nicht, dass Halef tatsächlich ein Gespenst gesichtet hatte. Allerdings überkam mich das ungute Gefühl, dass der Mörder des Earls noch im Haus herumschleichen könnte. Oder vielmehr, dass er wiedergekommen sei, was realistischer war, als dass er sich hier über eine Woche versteckt gehalten haben könnte. Denn, wie heißt es? Der Mörder kommt meist an den Schauplatz seiner Tat zurück. War er womöglich zurückgekehrt?

    „Kara?“, hörte ich Anns Stimme. Sie klang leise, als wolle sie nicht von jedem gehört werden. „Was ist geschehen?“

    Ich ignorierte sie vorerst und schlich weiter in die obere Etage. Dort war es düster. Eine Kerze wäre nun von Nutzen gewesen. In Ermangelung dieser Beleuchtung schritt ich nur vorsichtig voran. Die Gänge zu den Seitenflügeln des Schlosses waren leer, soweit ich das im Dämmerlicht ausmachen konnte. Auch sämtliche angrenzenden Türen zeigten sich mir verschlossen. Nichts war zu hören und nirgends regte sich etwas. Also kehrte ich um und ging die Treppe wieder hinunter.

    „Falscher Alarm, Ann. Halef glaubte, jemanden hier oben gesehen zu haben.“

    „Nicht irgendjemanden. Sondern einen Geist mit Ketten an Händen und Füßen.“

    „Wirklich?“, rief Ann erstaunt aus.

    „Darf ich fragen, um was es geht, Mister Kara?“ Lady Anahita stand nun ebenfalls neben uns in der Eingangshalle und sah uns verwundert an. Neben ihr blickte mir Miss Shana forschend in die Augen. Wir waren ins Arabische abgedriftet und dieser Sprache schien Lady Anahita nicht mächtig zu sein. Also bediente ich mich erneut des Englischen.

    „Wie es scheint, hat Halef Euer Schlossgespenst erblickt.“

    „Oh, das ist faszinierend. Keiner von uns hat es je gesehen. Wie sieht es aus?“

    Jetzt war ich es, der verdutzt dreinblickte. War das tatsächlich ernst gemeint? Glaubte hier jeder außer mir an Geister?

    „Es war ein hagerer Mann, nicht alt, mit langem, strähnigem Haar und Ketten an Händen und Füßen“, antwortete Halef in solcher Selbstverständlichkeit, dass ich es nicht fassen konnte. Auch die Damen sprachen darüber, als sei diese Geistererscheinung eine tagtägliche Normalität.

    „Porky muss demnach ein Gefangener gewesen sein. Vielleicht wurde ihm Unrecht getan und nun findet seine Seele keine Ruhe“, bemerkte Ann.

    „Womöglich ist Mister Halef auserwählt, ihn zu erlösen“, warf Lady Anahita ein.

    „Was? Ich? Wieso?“ Halef blickte mich fragend an. Ich konnte nur mit den Schultern zucken.

    „Nun, weil Sie ihn sehen können. Dazu war seit Jahrzehnten niemand hier mehr in der Lage“, erklärte Ann. „So ist es doch, Tante Angela, äh – Anahita?“

    Lady Anahita nickte.

    „Das ist durchaus möglich. In der Tat konnten wir ihn bis dato nur hören.“ Sie schloss die Augen, als ob sie angestrengt lauschte. Es war mit einem Mal totenstill im Schloss. Wir standen zu sechst in der Eingangshalle und versuchten, die Geräusche eines Gespenstes zu vernehmen. Doch das Einzige, was ich vorerst hörte, waren mein Herzschlag und der Wind, der draußen um das Gebäude wehte. Aus dem Salon drang nun auch das Prasseln des Feuers gedämpft an mein Ohr und irgendwo tickte eine Uhr.

    Plötzlich ertönte ein lautes Klopfen. Alle zuckten unwillkürlich zusammen und blickten sich erschrocken in die Augen.

    „Der Geist?“, flüsterte Halef.

    Ann begann zu lachen und das Klopfen wiederholte sich. Der Kastellan schritt an uns vorbei und hatte eine ungläubige Miene aufgesetzt. Wahrscheinlich mussten wir alle auf ihn wie geistig umnachtet wirken.

    „Nein. Es kündigt sich ein weiterer Gast an“, erklärte Ann und löste den Bann.

    Die Pforte wurde geöffnet und zwei Männer traten ein. Sie trugen lange dunkelgraue Mäntel, die sie nun dem Diener übergaben, ebenso ihre Hüte. Ein Knecht brachte die Koffer der Herren herein und verschwand wieder.

    „Willkommen, Dr. Bell“, rief Lady Anahita erfreut und stürzte dem älteren der beiden Herren entgegen. Er hatte kurzes weißes Haar, wirkte jedoch noch recht jung. Er mochte so um die vierzig Jahre alt sein. Freundlich begrüßte er die Damen des Hauses mit einem Handkuss.

    „Dies ist ein guter Freund meines verstorbenen Vaters: Dr. Joseph Bell aus Edinburgh“, stellte uns Lady Anahita den Herrn vor. „Er war sofort gekommen, als der Kastellan nach ihm schickte und der Landarzt hier nur noch Vaters Tod feststellen konnte. Aber der Weg von Edinburgh mittels der Waverley Line dauert einen halben Tag und zudem fährt die Eisenbahn nur einmal täglich. Deshalb konnte auch er Vater nicht mehr retten. Jedoch hat Dr. Bell eine ausgesprochen scharfe Beobachtungsgabe. Ihm haben wir die Erkenntnis zu verdanken, dass ...“ Sie brach ab.

    „... dass Sir James Aberforth einem Mordanschlag zum Opfer fiel.“, ergänzte der Arzt mit tiefer Stimme und reichte mir die Hand.

    „Kara Ben Nemsi“, stellte ich mich vor, „und das ist mein Freund Hadschi Halef Omar.“

    Dr. Bell gab auch Halef die Hand.

    „Oh, Sir David hatte uns schon von Ihnen berichtet, Mister Kara. Sie kommen aus Deutschland?“

    „Ja, ich bin Reiseschriftsteller aus Radebeul.“

    „Schriftsteller und Abenteurer, wie man hört“, ergänzte er lächelnd.

    „Wen haben Sie uns da mitgebracht, Dr. Bell?“, fragte Ann.

    „Das ist mein Assistent Arthur Conan Doyle. Ein sehr talentierter junger Mann und zudem äußerst abenteuerlustig“, stellte der Arzt uns seinen Begleiter vor. „Mister Doyle hat sich vorgenommen, die Welt als Schiffsarzt zu entdecken.“

    Der Erwähnte hatte einen zarten Oberlippenbart und trug sein glattgestrichenes Haar seitlich gescheitelt. Er war etwas größer als ich und von sportlicher Gestalt. Freundlich lächelte er mich an und sagte:

    „Ben Nemsi? Heißt das nicht Sohn des Österreichers?“

    Ich blickte ihn erstaunt an, denn er sprach Deutsch.

    „Das ist korrekt. Es rührt aus einem Missverständnis ... Ich bin überrascht, dass Sie meine Sprache sprechen, Mister Doyle.“

    „Ja, ein wenig. Ich bin eine Zeitlang in Feldkirch in Österreich in der Stella Matutina bei den Jesuiten zur Schule gegangen.“

    „Meine Herren, ich schlage vor, dass wir uns zunächst zu Tisch begeben. Dort können Sie in Ruhe Ihr Gespräch fortsetzen“, warf Lady Anahita ein.

     

    ***

    © 2020 by Jacqueline Montemurri.

    Alle Rechte vorbehalten.

    Tolle Überraschungen ...

    ... erwarten dich in unserem Newsletter. Preisaktionen, exklusive Gewinnspiele, die besten Neuerscheinungen. Bestelle jetzt unsere Raketenpost!

    Bestelle jetzt unseren Newsletter
    Share:   Facebook