Buch-Gewinnspiel: Nijura - Das Erbe der Elfenkrone von Jenny-Mai Nuyen

BUCH

Nijura - Das Erbe der Elfenkrone (Jenny-Mai Nuyen)


TOR Team
14.09.2018

Hier kannst du einen Auszug aus „Nijura - Das Erbe der Elfenkrone“ von Jenny-Mai Nuyen lesen.

 

Seit Stunden hing Dämmerlicht über den Marschen von Korr. Nebel zogen durch die Sümpfe und Moore und hüllten das Land in düstere Farblosigkeit. Hinter den Dunstschleiern schwamm bereits der Vollmond am Himmel, bleich und wässrig im nieselnden Regen.

Wegen der dichten Nebelschwaden entdeckten ihn die Späher der Moorelfen nicht, bis er unmittelbar an den Grenzen ihres Dorfes angekommen war. Die dumpfen Rufe ihrer Hörner hallten über die Dächer der Hütten hinweg, die geduckt und zusammengedrängt wie ängstliche Kinder im grauen Land hockten. Doch es gab keinen Grund zur Beunruhigung, denn der Fremde, der aus dem Moor geschritten kam, hob die Hände zum Zeichen des Friedens.

Man ließ den Mann ins Dorf ein. Er trug einen ausgefransten Mantel und Stiefel, die von Morastkrusten überzogen waren. Sein Gesicht, nicht weniger schmutzig, verschwand beinahe ganz unter der Kapuze. Wassertropfen hingen am durchnässten Stoff.

"Was führt dich her, Bruder? Wer bist du?", fragten ihn die Späher.

Der Mann hielt den Kopf gesenkt. "Ich bin ein Gesandter der Freien Elfen. Mein Weg hat mich aus den Dunklen Wäldern in die Marschen von Korr geführt... Ich habe eine Botschaft an euren König, den König der Moorelfen." Der Fremde redete gebrochen in der Elfensprache und ohne den breiten Akzent der Marschen - doch schließlich gab er vor, ein Freier Elf der Dunklen Wälder zu sein. Dort mochte man die Worte anders aussprechen als hier.

"Welche Botschaft?", fragte einer der Späher misstrauisch.

Das Gesicht hob sich ein wenig und kurz erhaschten die Späher einen Blick auf die Augen des Fremden: Kalte, blanke Augen waren es, die dort im schmutzigen Gesicht saßen wie Kieselsteine in einem Tümpel. "Sie ist geheim und darf nur vom König gehört werden", erwiderte er leise, kaum verständlich.

Die Späher warfen sich Blicke zu. Aber ein Gesandter der Freien Elfen war erwartet worden - es ging wahrscheinlich um ein neues Friedensabkommen - und so geleiteten sie den Fremden durch das Dorf.

Die aus Ranken geflochtenen Türvorhänge der Hütten waren zugezogen, die Fensterläden geschlossen, nichts regte sich; nur der Rauch der Herdfeuer sickerte hier und da durch eine Kaminöffnung. Irgendwo hinter den Nebeln krähten Raben.

Bald hielten die Späher vor einem Haus an, das auf einem Felsplateau errichtet worden war. Es war das größte im ganzen Dorf und trug ein bizarres, spitzes Dach, aber es blieb doch eine Hütte aus Ranken und Moos, wild wie eine Moorhexe.

"Nun kannst du zum König gehen", sagten die Späher ohne Bedenken. Dem König konnte ja nichts geschehen. Er trug die Krone Elrysjar, die ihren Besitzer unverwundbar machte und alle mit dem Tod bestrafte, die sie unrechtmäßig erlangen wollten. Nie war ein Elfenkönig verletzt oder gar getötet worden: Die Krone wurde stets friedlich überreicht, war das Lebensende eines Königs nah.

Der Fremde ging auf das Haus zu, stieg über die glitschigen Felsstufen und verschwand hinter dem Türvorhang aus Moos.

Der Fremde blieb lange im Haus des Königs. Die schummrige Dämmerung, das feine Flimmern des Regens schienen ewig zu dauern. Es war, als stehe die Zeit still.

Und umso heftiger kam das Beben, das die Zeiten verändern sollte. Ein jäher Wind brauste auf und brachte die Nebel zum Erzittern. Kreischende Rabenscharen erhoben sich zu schwarzen Strudeln in den Himmel. Jeder Moorelf spürte es in diesem Augenblick - das rasende Aufbäumen, das durch die Erde, das brackige Wasser, die Dunstschwaden, die Wolken schnitt wie ein Messer: Die Krone Elrysjar hatte ihren Besitzer gewechselt.

Aus allen Häusern liefen die Männer, Frauen und Kinder in den Regen. Zitternd näherten sich die Moorelfen der Hütte ihres Königs. Das Wasser glänzte auf ihrer grauen Haut und ließ sie wie Wesen aus Stein erscheinen. Und sie erstarrten, als ihr König aus der Hütte trat.

Der Regen, der jetzt stärker in die Pfützen trommelte, zog Rinnsale über seinen verdreckten Mantel. Einen Augenblick lang stand der neue König reglos vor den Moorelfen. Dann hob er die Hände und schob sich die Kapuze zurück: Die steinerne Krone Elrysjar schmiegte sich um seine Stirn, glänzend wie Sumpföl. Der Regen rann dem Fremden über das Gesicht, er wusch Erde und Schmutz fort und enthüllte das lächelnde Gesicht eines Menschen.

"Folgt mir", sagte der Menschenmann, feierlich und zischelnd, gebrochen in der Sprache der Elfen. Und als er aus dem Dorf schritt, folgten ihm vierhundert bleiche Gestalten in einem stummen Zug.

 

Eine Legende

Der Dieb und das Mädchen

 

Scapa rannte. Er rannte durch die Straßen von Kesselstadt, vorbei an zerfallenen Häusern, auf denen neue Häuser errichtet worden waren, stolperte über Abfälle und Straßenschutt. Hinter ihm hallten wütende Stimmen von Hauswand zu Hauswand und vor ihm verschwammen die bleichen Laternenlichter in der Dunkelheit der Nacht. Sein Herz trommelte. Die Knie gaben ihm nach, doch er hielt nicht an, sondern rannte nur noch schneller - rannte, rannte, so rasch seine Füße ihn trugen. Sein ganzer Körper stach vor Erschöpfung, nur knapp gelang es ihm, nach Luft zu schnappen, das dunkle Haar klebte ihm auf dem Gesicht.

"Wo ist er? Da vorne rennt er! Er darf nicht entkommen! Elender Dieb!"

Scapa keuchte, und doch stahl sich ein triumphierendes Lächeln auf seine Lippen, als er hörte, wie die Soldatenstimmen in der Ferne zurückblieben. Er schlitterte um eine Straßenecke, taumelte und musste sich mit der Hand auf dem Boden abstützen, um nicht der Länge nach hinzufallen.

Einen Augenblick später lief er schon weiter. Nun war es fast still um ihn herum. Das Blut, das ihm in den Ohren rauschte, übertönte bald schon die letzten Stimmen und Rufe. Fest drückte er seinen Leinenbeutel an die Brust. Er stolperte über ein paar lose Steine, die von einer Hausmauer abgebröckelt waren. Unsichtbarer Staub wirbelte auf und ließ Scapa husten. Ängstlich drehte er sich noch einmal um, ob jemand ihn gehört hatte - aber er entdeckte nichts außer den gewohnten Häusern, die wie schlummernd in der Dunkelheit lagen; nichts außer den Laternen und den engen Gässchen. Eine Rattenschar tummelte sich quiekend unter der nächsten Straßenlampe.

Scapa drehte sich um und schlich nun geduckt an den Hauswänden entlang. Die Straße war so schmal, dass er mit ausgestreckten Armen die gegenüberliegenden Mauern hätte berühren können.

[...] Leseprobe Ende [...] 

Mit freundlicher Genehmigung des cbj Verlags

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