Leseprobe: "Der Herrscher der Tiefe" von Jacqueline Montemurri

BUCH

Leseprobe: "Der Herrscher der Tiefe" von Jacqueline Montemurri


Mit einem Epilog von Bernhard Hennen

 

Erstes Kapitel

Lord Lindsay reist ab

 

„Haltet den Dieb!“, hörte ich meinen Freund Halef rufen. Dies rüttelte sofort Erinnerungen in mir wach – Erinnerungen an den Basar von Basra vor drei Jahren. An jenem Tag waren wir gleichfalls von einem kleinen schmutzigen Dieb bestohlen worden, wodurch wir in ein gefährliches und aufregendes Abenteuer stürzten, bei dem ich einem altbekannten und totgeglaubten Gegner erneut ins Auge blicken musste. Der kleine geschickte Dieb damals entpuppte sich im Verlauf der Verfolgung und Gefangennahme als unsere – inzwischen zu einer ansehnlichen Dame gereifte – Begleiterin Djamila. Ja, wenn ich sie so betrachtete, dann musste ich – fast zu meinem Schrecken – feststellen, dass das kleine Mädchen zur jungen Frau geworden war, die mittlerweile neunzehn Lenze zählte. Natürlich war Dame das falsche Wort. Sie war trotz ihrer Fraulichkeit eine Kämpferin und Kriegerin. Allerdings entdeckte ich in letzter Zeit hin und wieder recht zarte Züge an ihr. Gerade jetzt schritt sie so sittsam neben mir, dass sie mir beinahe fremd vorkam. Ich fühlte mich fast wie ein Vater – auch wenn dieses Gefühl eher einem phantasievollen Vorurteil denn eigener Erfahrung entsprang –, der die Sorgen und Nöte erahnte, die dieses Alter bei einer jungen Dame mit sich bringen mochte. Hatten wir doch jüngst erst zarte Bande sich knüpfen sehen in Gegenwart des jungen Rudyard. Doch dies schien Djamila verdrängt, vergessen oder tief in sich verschlossen zu haben. Was nur, wenn solche Bande irgendwann stärker und fester wurden?

Aber, was philosophierte ich über Damen und die Liebe? Schon im nächsten Augenblick zeigte das Mädchen, welches gerade noch so anständig neben mir schritt, ihr wahres Gesicht. Sie sprintete gekonnt und wohlgeübt dem kleinen Knaben hinterher, der gerade ihrem Schwager Halef ein Päckchen aus der Hand gerissen hatte. Der Kleine war flink und gewieft. Obwohl er durch die überschaubare Anzahl von Marktständen auf direktem Wege seine Flucht hätte ergreifen können, flitzte er im Slalom um die wenigen Stände und Händler herum, die hier in Kyrenia ihre Waren feilboten. Er war sich also bewusst, dass er seiner Verfolgerin im offenen Sprint unterlegen war. Natürlich war auch unsere Djamila nicht ungeübt in diesem Sport. Das hatte sie damals in Basra und bei anderen Gelegenheiten unter Beweis gestellt. Geschickt verfolgte sie den kleinen Wicht, der gänzlich in Schwarz gekleidet war und nur mit einer roten Schärpe auffiel, die er um seine Taille geschlungen hatte.

Während wir damals in Basra großen Tumult verursachten, Töpferwaren auf die Gasse krachten und in Scherben zersprangen, Orangen und Brotlaibe den erbosten Händlern vor die Füße kullerten und Rosenwasser, Limonaden und Öle den Boden benetzten, blieb dies in Kyrenia gänzlich aus. Die Verfolgung ging, von Halefs Schrei einmal abgesehen, fast völlig geräuschlos vonstatten. Es fehlten die turmhoch bestückten Gestelle der Händler, die vielen orientalischen Waren, das Durcheinander der Besucher und Käufer. Im Gegensatz zu Basra, in dessen Gassen und Straßen damals ein buntes Markttreiben geherrscht hatte, welches ein wahres Labyrinth darstellte, war es hier im Norden Zyperns eher beschaulich und still. Nur die Schritte der Davoneilenden hallten auf dem Kopfsteinpflaster wider wie Hufschläge fliehender Pferde. Djamila folgte dem kleinen Dieb geschickt. War sie doch in derlei Dingen selbst geübt. Ich konnte ein verschmitztes Lächeln nicht unterdrücken beim Anblick dieser Verfolgungsszene und war mir gewiss, dass das Mädchen Erfolg haben würde.

So unterließ ich es, dem Dieb ebenfalls zu folgen und das Aufsehen dadurch auf uns zu lenken. Wir wollten hier nur einige Tage überbrücken, bis Lindsays Yacht Marley wieder in ihren originalen Zustand zurückversetzt worden war. Dann würde uns der gute Lord zurück zur levantinischen Küste bringen und wir konnten den Weg zurück zu den Haddedihn antreten. Wie gesagt, wollten wir kein Aufsehen erregen, und als ich Halefs Reflex bemerkte, dem Dieb hinterherzujagen, hielt ich ihn am Ärmel zurück.

„Djamila wird dir deine geheimnisvolle Erwerbung mit Sicherheit zurückbringen“, prophezeite ich meinem Freund. Halef blickte mich mit noch sichtlichem Schrecken über den Verlust seines kostbaren Schatzes an, doch dann lächelte er wohlwissend und nickte.

„Du hast Recht, Sihdi. Schließlich ist sie vom selben Blut wie meine geliebte Hanneh und wie Amscha. Sie wird den kleinen Kerl schon zu fassen bekommen. Djamila ist etwas Besonderes.“

Ja, das Mädchen war in der Tat etwas Besonderes. Sie hatte uns schon mehrmals aus der Patsche geholfen, war klug, geschickt, furchtlos und konnte rennen wie eine arabische Stute.

Ich richtete also mein Augenmerk zurück auf den kleinen Platz, wo einige wenige Marktstände aufgestellt waren, die ich fast schon eher als Karren bezeichnen würde, an denen fahrende Händler ihre Waren feilboten. Es gab nicht viel zu bestaunen. Orangen, Guaven und Granatäpfel lagen in Körben, doch gab es nur wenige Kunden in dem kleinen Ort, die sich den Kauf leisten konnten. Die Armut der Bevölkerung war offensichtlich.

Die ortsansässigen Händler verkauften ihre Produkte in kleinen Läden in den Häusern entlang der Straßen. Auch hier gab es nicht viel zu entdecken. Ein paar Fische in einem Bottich erspähte ich, die durch kühles Wasser frisch gehalten werden sollten. Ich betrachtete skeptisch die Fliegen, die sich an dem hölzernen Rand versammelt hatten. Auch Brote und süße Backwaren wurden in einem kleinen Laden angeboten. Der Duft daraus war allerdings weitaus verlockender als jener aus dem Fischbottich. Ein weiterer Händler versuchte Oliven und daraus gepresstes Öl an den Mann zu bringen.

An einem mit buntem Tuch beschatteten Holzkarren nahe einer Hausmauer aus gelbem Sandstein wurde mein Blick von einem Wollfaden angezogen. Fein säuberlich war er auf eine kleine Spule gewickelt. Im Sonnenlicht schien er zu schillern. Ich trat unwillkürlich dichter heran. Doch als ich ihn aus der Nähe betrachtete, sah er recht unscheinbar aus. Ich griff danach, um seine Qualität besser beurteilen zu können. Da durchfuhr es mich wie bei einem elektrischen Schlag. Reflexartig ließ ich den Faden auf das Brett zurückfallen, welches als Präsentiertisch quer über den Rahmen gelegt war. Die Alte hinter diesem provisorischen Marktstand nutzte mein vormals gezeigtes Interesse freilich aus und zeigte nun ihr Verkaufstalent. Ihr zahnloser Mund lächelte mich an.

„Guter Faden“, krächzte sie. Ihre dürren Finger, mit wulstigen Gelenken bestückt, griffen nach dem Garnknäuel und boten es mir dar. Bei ihr schien das Garn keine Reaktion auszulösen. Ich hatte es demnach mit einer statischen Entladung zu tun gehabt. Wahrscheinlich hatte sich mein Gewand durch Reibung und die Sonneneinstrahlung aufgeladen und an dem Faden wieder entladen. Dies war ein ganz natürlicher physikalisch erklärbarer Vorgang und nichts Magisches, redete ich mir ein. Damals konnte ich noch nicht wissen, was der seltsame Faden für Eigenschaften hatte und dass diese uns noch sehr nützlich sein würden.

Ich lächelte freundlich zurück.

„Er wird gute Dienste leisten. Ist schon sehr alt, sehr fest. Der gute Herr mag ihn kaufen.“ Sie sprach es in Griechisch, doch mit einem merkwürdigen Akzent, den ich nicht zu deuten wusste.

Da ich noch nichts auf dieser schönen Insel mitten im Mare Mediterraneum erworben hatte, im Gegensatz zu meinen Freunden Halef und Sir Lindsay, die sich schon mit allerlei Kinkerlitzchen eingedeckt hatten, beschloss ich, der alten Dame den Faden abzukaufen. Er konnte mir sicher in mancherlei Situationen eine praktische Hilfe sein, und sei es nur, um einen Riss im Gewand zu flicken. Ich gab der Alten einen halben Piaster und sie dankte zufrieden mit ihrem zahnlosen Lächeln.

Halef war in der Zwischenzeit schon an den Rand des Platzes verschwunden. Hinter einer von violetten Blütenranken eroberten, hellen Steinmauer ragte zu meiner Rechten das Minarett der Aga Cafer Pascha-Moschee empor. Ich blieb stehen und betrachtete es. Wie ein sandfarbener Zeigefinger streckte es sich in den blauen mediterranen Himmel. Die Moschee war seit ihrer Erbauung um das Jahr 1580 herum mehrfach zerstört und wiedererrichtet worden. Es gab immer wieder Um- und Anbauten, aber der schlichte Baustil war erhalten geblieben. Sie hatte nicht die von Christen als typisch für Moscheen gehaltene Kuppel. Jedoch besaß sie einen Portikus – also Vorraum –, der durch Säulen und grün lasierte Holzgitter von der Umgebung abgeschirmt war. Erst letztes Jahr, so hatte ich von einem Einheimischen erfahren, hatte der derzeitige Bürgermeister von Girne, wie Kyrenia bei den Osmanen genannt wurde, Abdul Effendi, eine seitlich aufsteigende Treppe errichten lassen, um den steilen Zugang durch die ungünstige Hanglage zu erleichtern. Leider weiß ich nichts über das Innere des Baus zu berichten, da mir als ‚Ungläubigem‘ der Zutritt verwehrt war.

Zu unserer Linken, weiter unten westlich des Hafens, wusste ich die Archangelos Michael Kirche. Ihre weißgetünchten Mauern mit dem schmalen Turm und den spitzen Dachaufbauten leuchteten zu dieser Tageszeit hell im Sonnenlicht. Die Kirche wirkte jedoch trotz des weißen Putzes und der himmelblauen Türen wie ein uneinnehmbares Bollwerk, denn es fehlten ihr die sonst so typischen großen Fenster der Kirchen meiner Heimat. Der Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass sie auf einem Felsen thronte und der Besucher sich zunächst eine breite Treppe emporbewegen musste.

Zypern war wahrlich der Angelpunkt zwischen Orient und Okzident. Muslime und Christen lebten vielerorts friedlich Tür an Tür in diesen Tagen. Nun, dies würde sicher nicht ewig so bleiben, dessen war ich mir bewusst. Denn es zeigten sich erste Anzeichen einer großen Wende in dieser Region, die auch mich versuchte, in ihren Strudel hineinzuziehen. Zunächst hatte ich erst einmal nach meinem Freund Halef Ausschau gehalten, der schon weitergeschritten war. Ich erspähte ihn, als er gerade hinter einem Mauervorsprung verschwand, und eilte ihm in eine der Gassen hinterher.

Ein blau getünchtes Tor war weit geöffnet und bot den Blick auf Weinfässer, Berge von Zitrusfrüchten, Oliven, Karaffen feinsten Öls und auf viele seltsame Kleinigkeiten. Etwas weiter gab es Fisch in allen Varianten zu erwerben. Im Gegensatz zu dem Fisch im Wasserbottich weiter oben in den Gassen wirkte dieser hier fangfrisch. Wir näherten uns also dem Hafen. Djamila und ihr kleiner Dieb waren längst aus unserem Blickfeld entschwunden. Ein Händler in einem kleinen Laden feilschte mit Kunden um den besten Preis. An einer Ecke spielte ein Musikant seine Lieder. Mit Hilfe einer Rischa aus dem Kiel einer Adlerfeder entlockte er der Oud die schönsten Töne, indem er mit diesem stäbchenförmigen Plektrum die Saiten zupfte. Dieser arabischen Laute bin ich auf meinen Reisen durch den magischen Orient schon des Öfteren begegnet. Hier war zwar nicht das bunte Treiben wie einst in Basra, doch der kleine Ort strahlte immer mehr Lebensfreude aus, je weiter wir uns dem Meer näherten.

Ein Tor führte in einen Innenhof, wo die wenigen Reisenden, die sich hierher verirrten, mit kühlen Getränken, Minztee oder türkischem Kaffee erfrischt wurden. Der Gastwirt begrüßte seine Gäste mit Baklava, einem in Zuckersirup eingelegten Gebäck aus Blätterteig. Es wurde in kleine Quadrate, Rauten oder Dreiecke geschnitten und war je nach Geschmack mit geriebenen Walnüssen, Pistazien oder Mandeln gefüllt. Auch uns reichte er jedem eine der Köstlichkeiten, wohl um uns in sein bescheidenes Lokal zu locken. Halef griff beherzt zu. Ich lehnte dankend ab. Doch obwohl ihm gewahr sein musste, dass wir im Moment nicht seine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen wollten, bedrängte er mich, ein Gebäckstück zu nehmen. Ich tat es dann auch, um den Mann nicht zu beleidigen. Es schmeckte für meine deutsche Zunge außergewöhnlich süß.

So naschend schlenderten wir Richtung des kleinen Hafens von Kyrenia. Häuser mit schmiedeeisernen Balkonen wechselten sich ab mit Mauern aus hellem Sandstein, hinter denen verborgene Gärten ihre Pracht entfalteten. Palmen und Zitronenbäume streckten ihre Zweige über die Mauerkronen, an denen Blüten von zartem Rosa bis tiefdunklem Violett emporrankten. Dazwischen gab es immer wieder verfallene und verlassene Gebäude, deren einstige Pracht längst verweht war. Wie welke Ranken schmiegten sich die schiefen Mauern an die Wände des nächsten bewohnten und gepflegten Hauses. Dies waren die stummen Zeugen dafür, dass die Stadt einst viel größer und belebter gewesen war. Es musste damals Wohlstand hier geherrscht haben, denn man erzählte sich, dass König Richard Löwenherz hier einen mächtigen Schatz erbeutet hatte. Doch schrumpften durch die ständigen Eroberungen sowohl der Wohlstand als auch die Bevölkerung der Stadt. Verlassene Häuser, leere Grundstücke und zahlreiche Ruinen zeugten davon. Allerdings wurde dies dem Reisenden, der sich hierher verirrte, nicht auf den ersten Blick offenbart. Die verfallenen Häuser waren oft unter buntem Pflanzengewirr verborgen, als wolle die Insel ihr wahres Bild verhüllen. Die Blüten verdeckten die verfallenen Mauern und zerschlagenen Scheiben und erfüllten die Luft mit süßem Duft. Fast wirkte es auf mich wie ein Ablenkungsmanöver vom Niedergang einer blühenden Epoche. Als wolle die Stadt selbst ihre Geschichte nicht wahrhaben und krallte sich an besseren Zeiten fest. Oder verwirrte nur die in der schmalen Gasse aufgestaute Hitze des Tages gepaart mit dem schweren Duft der Blütenranken meine Sinne und verleitete mich zu allerlei seltsamen Gedanken?

Ich hörte Schritte, die mich zurück in die Realität holten. Vom nahen Wasser des Hafens her wehte eine erfrischende Brise durch die Gasse. Das belebte mich. Ich sah Halef am Ende der Straße stehen, wo ich nun schon einige Segelmasten erkennen konnte, die hin- und hertanzten. So eilte ich ihm festen Schritts hinterher.

Als wir nun den Kai erreichten – falls man die Befestigungsmauer des Hafenbeckens so nennen konnte, der man die Jahrhunderte ihres Bestehens ansah –, gewahrte ich Djamila freudig uns entgegenkommen. Sie winkte mit einem Päckchen in unsere Richtung. Der kleine Dieb war nirgends auszumachen. Ich ließ meinen Blick über die Stapel von Ballen, Fässern und Kisten schweifen, deren Inhalt, allem voran die berühmten Weiß- und Rotweine Zyperns, aber auch Seide, Johannisbrot und Käse, auf seine Verschiffung gen Süden wartete. Besonders nach Ägypten, Syrien und dem Schwarzen Meer würden sich die beladenen Segler aufmachen. Djamila kam lachend bei uns an. Triumphierend wies sie in Richtung des Wassers. Nun sah ich den Kleinen tropfnass auf die Kaimauer klettern. Grimmig blickte er zu uns herüber. Sein dunkles Haar hing in nassen Strähnen in sein Gesicht.

Halef beachtete Djamila und das Päckchen nicht, sondern sauste an dem Mädchen vorbei auf den durchnässten Jungen zu. Der war durch den Sturz ins Wasser offensichtlich noch benommen und seiner vorhin gezeigten Reflexe beraubt. So konnte Halef ihn am Schlafittchen packen. Dem Kleinen erwachten durch diesen Schreck die Lebensgeister wieder. Er zappelte wild unter Halefs Griff und schlug um sich. Doch er hütete sich laut zu schreien.

„Was sollen wir mit dem kleinen Dieb anfangen?“, fragte Halef. „Ich denke, wir sollten die Zaptiehs rufen.“

„O nein!“, begann der Junge nun zu betteln. „Nein, mein Herr. Ich bitte Euch.“

„Das hättest du dir eher überlegen sollen, bevor du friedliche Reisende beraubst“, erwiderte Halef.

Der Junge hing nun fast ergeben in Halefs Hand. „Wenn Ihr das tut, so wird man mir die Hand abhacken“, klagte er.

„Ach, lieber Halef“, begann Djamila, der dieser Knabe wohl das Herz erweicht hatte, „lass ihn laufen. Ich habe dein Päckchen doch wieder.“ Sie reichte ihrem Schwager das eingewickelte Etwas.

Halef wiegte nachdenklich den Kopf hin und her.

„Höre auf Djamila, guter Freund“, versuchte nun auch ich, für den kleinen Kerl Partei zu ergreifen. „Lass ihm seine Hände und seine Freiheit. Es wird ihm bestimmt eine Lehre sein.“ Die Zaptiehs, die Halef meinte, waren die Sicherheitstruppe des osmanischen Militärs hier auf Zypern. Sie jagte nicht nur Deserteure, sondern auch kleine Diebe wie diesen hier.

„Gewiss, edler Herr, es ist mir eine Lehre. Ich werde nie wieder etwas stehlen.“ Er blickte Halef mit hundetreuem Blick an. Er sah trotz des Bades schmutzig aus und war hager. Sicher hatte der Junge kein einfaches Leben, aber dennoch sollte Stehlen kein Ausweg sein – mochten es auch nur Kleinigkeiten sein, wie Kerzen, Uhren oder Päckchen unbekannten Inhalts. Wie heißt es in meiner Heimat: Ehrlich währt am längsten.

Noch während ich darüber nachdachte, lockerte Halef seinen Griff um den Kragen des Diebes. „Nun, denn …“, begann mein Freund. Doch weiter kam er nicht. Eilig entwand sich der Junge aus dem gelockerten Griff und spurtete den Häusern entgegen. Er verschwand in eine der Gassen.

Ich lachte und schüttelte den Kopf über seine Dreistigkeit.

„Lieber Halef, jetzt hast du meine Neugier geweckt. Was hast du da so Wertvolles bei dir, dass sich ein so kleiner Wicht gar todesmutig darauf stürzen mag?“, fragte ich lachend.

„Es ist wahrlich etwas sehr Wertvolles in dem Päckchen. Doch glaube ich, dass der kleine Dieb davon nichts wusste. Er packte sich wohl das Nächstbeste, was er erreichen konnte“, antwortete mein Freund. Er wickelte vorsichtig das Päckchen auseinander. Dabei erhielten seine Augen einen ehrfürchtigen Glanz.

„Schau, Sihdi, das ist ein magisches Fell“, erklärte er und hielt mir einen handtellergroßen sandfarbenen Fellfetzen unter die Nase.

Share:   Facebook