Pandemie: Der Insulaner

© Michael Vogt

FICTION

Die Insulaner | Hans Jürgen Kugler


Wie könnte eine Welt nach Corona aussehen? Wäre sie besser oder schlechter – und für wen? Hans Jürgen Kuglers Story „Die Insulaner“ stammt aus der frisch erschienenen Anthologie Pandemie. Geschichten zur Zeitenwende (Hirnkost Verlag) und wurde illustriert von Mario Franke.

***

Ya-enf-Aim (Nord-Sentinel, Insel der Andamanen[1]) 11° 33′ N, 92° 15′ O

Es ist ruhig geworden, dachte OnaTuWapao, als er sich aus seinem Lager aus geflochtenen Palmzweigen erhob. Am Himmel waren keine Zeichen mehr zu sehen: Ein gutes Omen!, war er überzeugt. Die fliegenden Klingen, die sonst in regelmäßigen Abständen ihre Spuren in den Himmel ritzten, waren von einem Tag auf den anderen verschwunden. Seit vielen Monden schon hatte es kein außerweltlicher Dämon mehr gewagt, den Himmel zu zerschneiden. Offensichtlich hatten die Unendlichen gesiegt. Es musste ein langer Kampf gewesen sein. Der Himmel hatte sich zwar schon immer als stärker erwiesen und die von den Dämonen aufgerissenen Wunden stets in lange weiße Wolken verwandelt, die der Wind verwehte. So hatten die Unendlichen die Narben am Firmament geheilt. Aber die Ya-enf-nga hatten trotzdem furchtbare Angst davor, dass der Himmel einstürzen könnte, wenn die glitzernden Klingen durch das Firmament schnitten.

OnaTuWapao war erleichtert. Den Ya-enf-nga standen glückliche Zeiten bevor, wie es schien. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass die Dämonen sich nicht mehr zeigten. OnaTuWapao hatte auch lange keines der großen grauen Kanus mehr entdecken können, die im Großen Wasser am Rande der Welt den Kurs der Sonne kreuzten. Noch ein gutes Zeichen. Nicht nur der Himmel, auch das Große Wasser meinte es gut mit den Ya-enf-nga. Seine Stammesbrüder konnten endlich wieder aufatmen. Die Bedrohung durch die außerweltlichen Dämonen schien fürs Erste gebannt. Dennoch blieben die Ya-enf-nga wachsam. Der Stamm fürchtete zwar nicht länger bei jeder aufziehenden Wolke, dass daraus ein finsterer Dämonenfürst auftauchen könnte. Aber die bösen Geister waren unberechenbar. Sie hatten es vielleicht aufgegeben, den Himmel aufzuschlitzen. Aber was, wenn die verschlagenen Teufel wieder auf ihren fauchenden Rieseninsekten angeflogen kamen, wie sie es schon einmal versucht hatten? OnaTuWapao lächelte zufrieden, als er daran dachte, wie die Ya-enf-nga die Teufel auf ihren fliegenden Drachen mit einem gezielten Pfeilhagel vertrieben hatten. In ihrer Verzweiflung hatten die gefürchteten Besucher sogar Kokosnüsse abgeworfen, wohl in der Hoffnung, die Ya-enf-nga damit vergiften zu können. Doch darauf ist natürlich keiner hereingefallen. Die Dämonen sind mächtig, aber ihr Stachel ist stumpf, ihr Gift fällt auf sie selbst zurück.

OnaTuWapao war stolz auf sein Volk. Die bösen Geister hatten schon verschiedentlich versucht, auf ihre Insel zu kommen und die Ya-enf-nga mit ihrem todbringenden Atem auszumerzen. Immer vergeblich, Ya-enf-Aim ist die Heimat der Ya-enf-nga, die Große Mutter, die sie nährt und beschützt. Und ihre Kinder würden lieber sterben, ehe sie es zuließen, dass auch nur ein einziger der bösen Geister mit seinen dreckigen Füßen ihre Insel beträte und die Große Mutter entehrte.

Es waren schon viele Sonnenläufe vergangen seit damals, als die bleichen Teufel versucht hatten, mit einem magischen Kanu auf ihre Insel zu kommen. Die Dämonen waren schlau und hatten eine Gestalt angenommen, die der ihren möglichst nahe kam. Doch die Ya-enf-nga ließen sich nicht täuschen. Man hatte den Fremden sofort angesehen, dass sie Dämonen waren: die helle Haut, die bleichen Haare, die sogar über ihr ganzes Gesicht wucherten. Dazu noch die grässlichen Laute, mit denen sie sich verständigten. Durch und durch abstoßend. Man sah ihnen ihre Bösartigkeit auf den ersten Blick an. Also fackelten die Ya-enf-nga nicht lange und griffen die Dämonen an. Einer der Jungen schoss einen Pfeil auf den Vorwitzigsten der Teufelsbande und traf ihn mitten in seinen aufgeblähten Bauch. Sofort ergoss sich Blut aus der Wunde. Der Dämon brach mit einem grauenerregenden Schrei zusammen. Die anderen Teufel starrten entsetzt auf den verwundeten Gefährten. Nach kurzer Zeit lösten sie sich aus ihrer Erstarrung, packten den Verwundeten und rannten mit ihm hastig zu ihrem magischen Kanu, schoben es zurück ins Wasser und sprangen hinein. Einer von ihnen beschwor einen geheimnisvollen Schrein im Heck, riss an einem Seil und schwenkte das Kanu in die offene See. Wütend brüllte das Kanu auf und pflügte durchs aufspritzende Wasser. Die Ya-enf-nga rannten wie wild über den Strand und reckten triumphierend ihre Speere und Bogen in den Himmel. Die Dämonen mochten den Himmel beherrschen, aber unbesiegbar sind sie nicht. Die Ya-enf-nga sind stark und furchtlos und werden sich nicht ausrotten lassen. OnaTuWapao blickte mit Zuversicht in die Zukunft.

Die Insulaner

© Mario Franke

Übrige Welt

Es ist ruhig geworden. Kaum noch Menschen in den Straßen. Die Autobahnen gleißen verlassen in der Sonne. Keine Kondensstreifen am Himmel. Stattdessen hört man Vögel in den Bäumen, Bienen sogar, die sich summend um die frühlingsduftenden Blüten drängen. Das Plätschern eines Baches, Rascheln im alten Laub, das Rauschen der Blätter im Wind. Eine Welt voller verborgener Geräusche. Eine Welt, die längst vergangen schien, endlich aus tiefem Schlaf erwacht.

Die Natur atmet auf: Das Virus fraß zuerst die alten Menschen, raubte ihnen den Atem, zerstörte die Lungen. Dann tötete es die Kranken, Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Am Ende erstickte es auch die Jungen.

Die Welt hält den Atem an. Keine Hektik, kein Gedränge, kein Lärm. Ein gespenstisches Idyll. Unter der Drohung des Todes hält die Welt still. Für eine Weile zumindest. Die Menschheit weiß jetzt wieder, wie verletzlich sie ist.

Wann war das eigentlich, als alle dachten, das wird schon nicht so schlimm werden? Was man gestern noch für unmöglich gehalten hatte, war am nächsten Tag schon Wirklichkeit geworden. Eine Wirklichkeit, der man bis dahin nur in düsteren historischen Quellen und reißerischen Romanen begegnet war. Ein beklemmendes und surrealistisches Gefühl, ein Alptraum, der nach und nach in die Realität sickerte. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Zerfallserscheinungen sichtbar wurden. Die Menschen in den Städten begegneten sich mit zunehmendem Misstrauen und mit dem vorgeschriebenen Mundschutz. Jeder Einzelne konnte den Tod bringen. Wie verordnet, bemühte man sich um Abstand, enge körperliche Begegnungen waren auf einmal ein Tabu, das auch penibel von allen und jedem überwacht wurde. Der Mensch war immer schon des Menschen schlimmster Feind, auch das machte das Virus deutlich. Gemeinschaft konnte töten, die Stunde der Einzelgänger hatte geschlagen.

Die Katastrophe vollzog sich schleichend, aber unaufhaltsam, mit elementarer Wucht und in apokalyptischem Ausmaß. Die Veränderungen waren radikal, die das Wüten des Virus mit sich brachte. Staaten, Völker und Religionen überboten sich in wechselseitigen Schuldzuweisungen. Das verzweifelte Bemühen der Regierungen, durch Ausgangssperren, Kontakteinschränkungen und strikten Hygienemaßnahmen die Pandemie einzudämmen oder die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus zumindest zu verlangsamen, scheiterten kläglich. Es begann mit Widerstandsaktionen gegen die behördlicherseits verhängten Infektionsschutzmaßnahmen. Abstandsregeln wurden nicht eingehalten, Demonstranten warfen Politikern und Medizinern vor, Panikmache zu betreiben und die Grundrechte der Bevölkerung zu beschneiden. Sogenannte »Quer-Schläger« rissen unbeteiligten Passanten die Schutzmasken von den Gesichtern und griffen Pressevertreter auf den Straßen an. Die zunehmend verunsicherte Staatsgewalt schaute dem Treiben zu lange hilflos zu. Die Lage eskalierte in kürzester Zeit.

Schon während des pandemischen Ausrottungsfeldzugs entbrannte in allen Nationen ein beispielloser Generationenkrieg – Straßengangs stürmten Altenheime und die Intensivstationen der Krankenhäuser, rissen die Beatmungsschläuche aus den Apparaturen, kippten die hilflosen Patienten aus den Krankenbetten. Verbitterte alte Männer, durchgeknallte Prepper und gewöhnliche Kriminelle verschanzten sich in ihren Wohnungen und legten mit Schrotflinten oder sonstigen Waffen auf enthemmt feiernde Jugendliche an. Die Staatsmacht erwies sich als überfordert und hilflos. Führende Politiker dankten ab oder wurden ihrer Posten enthoben. Polizisten schlossen sich den Banden an oder gründeten selbst welche. Soldaten desertierten und organisierten sich in bewaffneten Milizen, die in erbitterten Kämpfen um die Vorherrschaft in den eroberten Territorien stritten.

Die Unruhen nahmen kein Ende. So etwas wie eine menschliche Zivilisation existierte nicht länger. Irgendwann waren alle Geschäfte geplündert, alle Gebäude niedergebrannt, die gesamte Infrastruktur in den Städten vernichtet und ein Großteil der Davongekommenen getötet. Als die Lebensmittel immer knapper wurden, fielen auch die letzten Überlebenden übereinander her. Es dauerte nicht lange, bis vom Hunger getriebene Banden von Menschenfressern durch die verlassenen Städte und Dörfer marodierten. Kannibalismus wurde Überlebensprinzip. Und es waren keineswegs die Alten und Schwachen, die den Kannibalen zum Opfer fielen – die Alten und Schwachen waren ohnehin längst erledigt. Nein, die bevorzugten Opfer der Menschenfresser waren kräftige, junge Männer und noch jüngere Mädchen. Kannibalen legten Wert auf saftiges Fleisch. Dann fraßen sich die Kannibalen gegenseitig.

Die Natur eroberte sich mit Klauen und Zähnen ihr Terrain zurück. Die verlassenen, gepflegten Parks und brach liegenden Äcker waren bald nicht wiederzuerkennen. Die Vegetation breitete sich hemmungslos aus. In Windeseile überzogen Gräser und Gestrüpp alle landwirtschaftlichen Flächen, die Wälder verwilderten zu einem undurchdringlichen Dschungel. In den Städten und Straßen brach der Asphalt auf; Blumensamen, Kräuter und Baumsprösslinge drangen in jeden noch so kleinen Riss und zerbröselten die versiegelten Flächen in zunehmend fruchtbare Schotterfelder. Stolz in den Himmel ragende Monumente dienten Efeu, wildem Wein, Brombeeren und Rosen als geeignete Kletterhilfen; in den verfallenden Gebäuden wucherte der Schimmel, glitschiger Schleim an den Wänden und Moospolster im Schatten. Aus den Kühlregalen der Supermärkte quollen Pilzkulturen, faulige Schwämme und Schimmelteppiche.

Mutter Natur erwies sich als unbesiegbar – und unbeugsam. Rudel wildernder Hunde und raubgieriger Ratten stürzten sich auf alles, was ihnen als Beute gerade über den Weg lief. Millionenfach verhungerten die Nutztiere in den Ställen, verdursteten in ihren Käfigen, Milchkühe verendeten an ihren geplatzten Eutern ‒ ein Schlaraffenland für alle Aasfresser. Die Luft war erfüllt von Myriaden von Fliegen und Mücken; Krähenschwärme und kleine Raubtiere machten sich über das unverhoffte Festmahl her. Die wenigen, weit versprengten Menschen wurden zunehmend vom Jäger zum Gejagten, leichte Beute für umherstreifende Wölfe, für Raubkatzen und Bären, die in manchen Städten ihren Gehegen entkommen waren und nun erfolgreich die neue Wildnis eroberten.

Mit der Beinahe-Ausrottung der Menschheit war das Grauen noch lange nicht zu Ende. Nach einigen Jahren, mehr als sechs Milliarden Toten und einer Infektionsrate von 95 Prozent ebbte die Pandemie so plötzlich ab, wie sie gekommen war.

Irgendetwas hatte das Virus mit den Menschen gemacht. Es hatte nicht nur massenhaft Menschen getötet, sondern auch die Überlebenden entstellt und in apathische Zombies verwandelt. Fast schien es so, als ob die Seuche die fieberhaft sich beschleunigende Entwicklung der Menschheit bewusst gestoppt hätte. Nach dem apokalyptischen Zusammenbruch schien es, als fehlte den Überlebenden der Überlebenswillen. Der Schlag war einfach zu hart gewesen. Bislang waren in der Geschichte der Menschheit nach jedem großen Zusammenbruch ein euphorischer Wiederaufbau und ein beispielloser wirtschaftlicher Aufschwung gefolgt. Doch diesmal war alles anders. Jeglicher Optimismus schien abgestorben zu sein. Die Davongekommenen vegetierten in einer allumfassenden gesellschaftlichen Stasis vor sich hin, alle verbliebene Kraft auf das eigene, kümmerliche Überleben gerichtet. Jeder blieb sich selbst der Nächste, der andere von vornherein Feind und Nahrungskonkurrent. Im Ergebnis wieder der Krieg aller gegen alle – wie er seit Jahrmillionen in der Natur herrscht. Auf die übermächtige, erdrückende Dominanz übertragen, die die Menschheit in der Entwicklungsgeschichte des Lebens ausgeübt hat, erwies sich die Virus-Pandemie als eine nicht sehr effektvolle, dafür umso effektivere Methode, die Fehlentwicklungen der menschlichen Ausbreitung zu regulieren, ein elementares Funktionsprinzip der Evolution.

Warum wurde nicht die ganze Menschheit ausgerottet? So tödlich und effizient das Virus auch war, es war nicht in der Lage, wirklich alle von ihnen zu töten. Irgendwo fanden sich immer unzugängliche isolierte Orte, wo das Virus nicht hinkam. Haben die Menschen denn jemals alle Kakerlaken vernichten können, alle Ratten oder Stechmücken? Es waren ihrer einfach zu viele.

Nach dem Ausbruch des Virus war die Gesamtbevölkerung des Planeten auf wenige hundert Millionen geschrumpft und schien zudem durch das Wüten der Pandemie gewissermaßen gezähmt worden zu sein. Als hätte das Virus die Erde desinfiziert – von den Menschen!

Im Grunde ein Anlass zum Aufatmen. Nach dem weltumspannenden Genozid an der Menschheit war mit einem Mal ein grundlegender Neuanfang möglich geworden. In Kooperation, und nicht im Krieg mit den übrigen Lebensformen auf dem Planeten. Die Menschheit war technologisch und kulturell um Jahrhunderte in ihrer Entwicklung zurückgeworfen worden. Eine Gesellschaft ohne Schwerindustrie, ohne Verbrennungsmotoren, keine vergifteten Böden, dafür mit sauberer Luft, lebensstrotzenden Meeren und selteneren Umweltkatastrophen. Eine nostalgische Vorstellung, die man eigentlich überwunden glaubte. Die Erinnerung an das „goldene“ Zeitalter der global-totalen Exploitation verblasste. Die Menschheit konnte wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Ya-enf-Aim, 11° 33′ N, 92° 15′ O

OnaTuWapao machte sich Sorgen. Der erfahrene Stammesführer befand sich nunmehr in der Abenddämmerung seines Lebens. Er hatte miterlebt, wie seine Kinder gewandte Jäger und flinke Treiberinnen und ihrerseits stolze Väter und Mütter geworden waren. Die Gemeinschaft der Ya-enf-nga gedieh wie nie zuvor. Früchte, Wurzeln und fette Tiere fanden sich auf der Insel im Überfluss und schenkten dem Stamm eine üppige und stabile Lebensgrundlage. Feinde brauchten sie nicht zu fürchten. Es war lange her, als die fremden Teufel zum letzten Mal mit ihrem magischen Kanu versucht hatten, die Insel der Ya-enf-nga zu betreten. Und dennoch hatte OnaTuWapao ein ungutes Gefühl, wenn er in den Nächten am Strand auf den dunklen Feldern der Ahnen Ausschau hielt. Seit vielen Monden war der Himmel leer geblieben. Doch über Nacht war ein neues Zeichen erschienen. Ein Stern, der zuvor noch nicht dagewesen war. An und für sich nichts Besonderes, die Geister der Ahnen gingen gerne auf Wanderschaft. Aber dieses Himmelslicht hatte etwas Bedrohliches an sich, dachte OnaTuWapao. Der neu geborene Stern wurde von Nacht zu Nacht heller und strahlender. Er wuchs. Nach einigen Nächten zog der Stern einen schimmernden, prachtvollen Schweif hinter sich her, der mit jeder weiteren Nacht größer und eindrucksvoller wurde und bald einen nicht unbeträchtlichen Teil des Himmels einnahm. Das sah zwar hübsch aus, aber OnaTuWapao befürchtete mit dem Aufkommen des flimmernden, glitzernden Sternenschweifs nur noch größeres Unheil auf sie zukommen.

Die Ya-enf-nga blickten angstvoll in die Dunkelheit. Waren die Dämonen wieder zurück? OnaTuWapao wusste, was zu tun war. Er behielt den unbekannten Schweifstern diese Nacht besonders scharf im Auge. Als endlich am anderen Ende des Himmels die ersten Strahlen der rotglühenden Sonne erschienen und den neuen Himmelsdämon vom Firmament vertrieben, rief er alle Männer und Frauen des Stammes zusammen. Die Ya-enf-nga sollten die Strände verlassen und ihm zum Bauch der Großen Mutter folgen, der höchsten Erhebung in der Mitte der Insel. Im Bauch der Großen Mutter wären die Ya-enf-nga sicher, die Große Mutter würde alle ihre Kinder in sich aufnehmen, sie hegen und beschützen, wie sie es seit Anbeginn  der Zeit getan hat. OnaTuWapao blickte wieder mit Zuversicht in die Zukunft.

Weltall, inneres Sonnensystem

Die Kollision zweier Eisplanetisimale am Rande des Sonnensystems setzte eine Ereigniskette in Gang, die Millionen Jahre später verheerende Auswirkungen auf den dritten Planeten des Systems zeitigen sollten. Wie in einem kosmischen Billard prallten Bruchstücke auf unberechenbaren Bahnen aufeinander, Eis-Gestein-Konglomerate zerprasselten milliardenfach in immer kleinere Splitter. Doch Zeit und Schwerkraft klumpten wieder zusammen, was zusammengehört. Milliarden Tonnen locker von der Eigengravitation verklumpte Materie aus Eis, Gestein und Metallen formten einen Brocken von rund 65 Kilometer Durchmesser. Mit der Präzision eines Uhrwerks zog der einsame Wanderer äonenlang seine Bahnen durchs Sonnensystem, tanzte in regelmäßigen Abständen ein Gravitationsballett mit den Planeten, vor allem mit Jupiter, dem Hüter des Systems, der mit seiner enormen Schwerkraft alle Irrläufer aus den eisigen Randgebieten an sich zog und in seiner eisig brodelnden Atmosphäre verschlang. Der separierte Brocken erwies sich als ein geschickter Tänzer, der die enorme Anziehungskraft Jupiters als Katapult für weitere Sonnenumläufe benutzte. In der endlosen Eintönigkeit seiner einsamen Wanderung kam er alle paar Äonen Mal dem dritten Gesteinsplaneten des Sonnensystems nahe, eine in lichtem Blau schimmernde Insel des Lebens im nachtdunklen Meer des Nichts. Diesmal war es soweit – ungezählte Umläufe nach seiner dramatischen Geburt in den samtschwarzen Eisregionen würde er das Ziel seiner endlosen Reise endlich treffen – die Erde.

***


[1] Das vom Rest der Welt isolierte North Sentinel Island gibt es wirklich. Die Bewohner lehnen kategorisch jeden Kontakt mit der Außenwelt ab. Anmerkung des Verfassers

© 2020 by Hans Jürgen Kugler. Enthalten in: Pandemie. Geschichten zur Zeitenwende. Herausgegeben von Hans Jürgen Kugler und René Moreau. Hirnkost Verlag 2020..
Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Hans Jürgen Kugler (*1957) ist Autor und Journalist. Studium der Philosophie und Germanistik in Freiburg. Veröffentlichungen in EXODUS, Phantastische Miniaturen und in verschiedenen Anthologien. Mitherausgeber von »Der Grüne Planet«, Hirnkost 2020.

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 23. Oktober, genau hier.

Tolle Überraschungen ...

... erwarten dich in unserem Newsletter. Preisaktionen, exklusive Gewinnspiele, die besten Neuerscheinungen. Bestelle jetzt unsere Raketenpost!

Bestelle jetzt unseren Newsletter
Share:   Facebook