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FICTION FRIDAY

Wenn Sarah in den Keller ging (von Oliver Koch)


Sarah ist umgezogen – auf einen neuen Planeten. Doch in ihrem neuen Haus fühlt sie sich überhaupt nicht wohl. Am allerwenigsten im Keller, denn dort begegnen ihr immer diese kleinen gemeinen Kobolde …

Die actionreiche Kurzgeschichte »Wenn Sarah in den Keller ging« stammt aus der Anthologie Krieg der Mondvölker (Verlag modernphantastik).

***

Immer wenn Sarah in den Keller musste, hatte sie Angst vor den Kobolden, die dort aus den Wänden kamen. Aber ihr glaubte ohnehin niemand. Da halfen auch die blauen Flecken und Kratzspuren nichts, die ihr die Biester immer wieder zufügten.

Angefangen hatte es schon beim ersten Mal, das nur wenige Tage nach dem Einzug in das neue Heim geschehen war.

Sie war die ersten Tage bei ihrer Freundin Clara und deren Eltern geblieben. Deren Heim war schon früher fertig geworden und sah schon richtig wie ein Zuhause aus. Fast konnte Sarah den Gedanken daran verlieren, auf einem neuen Planeten zu sein.

Sarahs Eltern wollten in Ruhe das neue Heim einrichten, um ihre achtjährige Tochter nicht mit den Querelen des Umzugs zu belasten, außerdem hatte sie mit Clara ihre beste Freundin in ständiger Gesellschaft, um sich an die Umgebung zu gewöhnen. Dass man mit jedem Atemzug außerirdische Luft einatmete, musste man erst einmal aus dem Kopf bekommen, um nicht völlig verrückt zu werden. Jedes Insekt, das sich auf die Haut setzen konnte, hatte garantiert nichts mit der Evolution der Erde zu tun, und weil alles hier so schrecklich neu und fremd war, dachten ihre Eltern, es sei besser für sie, die neue Welt mit Clara zusammen zu erkunden.

Als sie das erste Mal in ihr neues Zuhause kam, war sie ernüchtert. Es sah alles furchtbar langweilig aus. Dass es hier Standardmöbel gab, die leicht herzustellen waren, wusste sie schon vorher. Lediglich in ihrem eigenen Zimmer gab es viele Dinge von der Erde, aus ihrem nun verlassenen Kinderzimmer, weshalb es hier auch so vertraut roch wie früher.

Was langweilig war, war die Elektronik. Ihre Eltern hatten sie in Empfang genommen, ihr das Zimmer gezeigt, ihr die Armaturen in Bad und Küche erläutert, und dann war es passiert. »Tja«, sagte ihre Mutter. »Tja dann«, ihr Vater. Beide hatten sich kurz angeblickt und sie dann gefragt: »Du kommst ja jetzt zurecht, oder, Schatz?« Nur um sich dann ins Wohnzimmer zu setzen und ihre Serie weiterzusehen, die sie wegen ihres Schlafs so lange nicht hatten sehen können. Auf der Erde war all das natürlich ein alter Hut, aber hier war jede Folge noch brandneu.

Claras Eltern hatten sich wenigstens über den Lauf der Dinge auf der Erde informiert und sich ausführliche Dokumentationen angesehen, um auf dem neuesten Stand zu sein.

Sarahs Eltern guckten stattdessen Serien. Wie auf der Erde. Kaum war die Arbeit zu Ende, ging es los. Das Fertigessen wurde geliefert, und es gab vor allem zwei Sätze, die sie von ihren Eltern stets zu hören bekam: »Du kommst ja zurecht«, und »Geh Getränke holen.«

Sie hatte gehofft, dass dies in dieser neuen Welt – diesem neuen Planeten! – anders werden würde. Aber nein. So war sie auch nach ihrem Einzug in das elterliche Zuhause vor allem ein gern gesehener Stammgast in Claras Familie.

Aber an jenem Mittwoch, nur vier Tage nach ihrem Einzug, war es schon passiert. Sie hatte den Fehler gemacht, sich in der Küche etwas zu trinken zu holen, was ihre Eltern bemerkten. Beide waren in ihre Serie abgetaucht, und ihre Münder bewegten sich wie Fische, während sie aßen, ohne den Blick vom Geschehen zu nehmen. Sarah hörte den leisen Ton, der ihnen direkt in die Ohren schallte, von außen jedoch kaum zu vernehmen war.

Ob es daran gelegen hatte, dass es plötzlich in der Serie so ruhig geworden war, oder ob ihre Eltern ihre Gegenwart in der Küche in den Augenwinkeln bemerkt hatten, wusste sie nicht. Jedoch stöhnte sie, als ihr Vater rief: »Geh mal Getränke holen.«

Das kannte sie schon von der Erde. Dort war es eine Kühlkammer gewesen, die sich neben der Küche befand – hier war es der kühle Keller. Dessen Wände bestanden aus dem Gestein des neuen Planeten, die, einem dummen Zufall geschuldet, wie die einiger anderer Häuser nicht verputzt worden waren. Das würde so lange so bleiben, bis alle Gebäude der neuen Kolonie standen. Monate würde das dauern.

Nun also sollte sie in diesen Keller mit dem nackten Fels einer fremden Welt hinabsteigen, um ihren Eltern etwas Kühles zu trinken zu bringen. Ihr wurde ganz bange bei dem Gedanken. »Ich trau mich nicht da runter«, sagte sie in der Hoffnung, man würde sie hören.

»Was?«, tönte die Stimme ihres Vaters zurück.

»Ich trau mich nicht da runter!«, rief sie herüber, und es dauerte eine Weile, bis sie eine Antwort bekam.

»Wieso nicht?«

»Ich habe Angst da unten. Da sind diese nackten Wände.«

»Na und?«

»Das ist von diesem Planeten!«

»Na und? Das ist nur Stein, der tut dir nichts!«

»Ich habe aber trotzdem Angst da unten!«

»Jetzt stell dich nicht so an, Sarah, was soll das! Nimm den Sechserkasten mit runter und komm mit Getränken wieder hoch.«

Das Gespräch war beendet und die Aufforderung nicht ausgeräumt.

Dass es nichts zu fürchten gab, leuchtete ihr ja ein. Sie erwartete nicht, dass sich der nackte Fels bewegen würde oder ein Monster hervorbrächte, das sie fressen würde. Aber ihr war unheimlich, und sie würde den Abstand zu den Wänden so groß wie möglich halten.

Was ihre Eltern von Claras und Toms Eltern unterschied, war ihr erst auf dieser Welt aufgefallen: die vielen Gespräche miteinander. Die Aufmerksamkeit füreinander. Das Interesse an allem und jedem. Sie hatten einen anderen Blick. Nichts davon kannte sie von ihren Eltern, die, versunken in ihr eigenes Leben, zur Arbeit gingen und danach eine Serie nach der anderen sahen.

Grimmig griff sie den Korb und ging die Treppe in den Keller hinunter. Weiß verputzte Wände säumten den Abgang. Sarah roch den Baustoff, mit dem die Verschalungen gedruckt worden waren, und schluckte. Dann stapfte sie los, und mit jedem Schritt kam das unverputzte Ocker des Planetengesteins zum Vorschein. Unten angekommen, fand sie sich in der Unordnung eines Provisoriums wieder. Gefüllte Regale und halb ausgeräumte Kisten standen herum. Erst nachdem die Druckerrobots die Wände verputzt hätten, käme alles an den richtigen Platz.

Es war kühl hier unten, es roch anders als oben im Haus, das nach Drucker roch, und ganz anders als in ihrem Zimmer. Es gefiel ihr hier unten nicht, und sie käme nie auf die Idee, den Wänden zu nahe zu kommen. Allein der Anblick dieses fremden Gesteins jagte ihr Angst ein.

Thomas und Clara waren da anders. Die befühlten und beschnupperten jedes fremde Ding, das dieser Planet bot, und somit hörten sie niemals auf, interessiert und begeistert zu sein. Nicht einmal vor den Lebensformen fürchteten sie sich, die es auf diesem Planeten gab – man nannte sie zwar Fische, weil sie im Wasser lebten und so etwas wie Flossen hatten, aber keine der Gattungen war auch nur ansatzweise ein Fisch.

Aber die Eltern von Thomas und Clara waren Forscher. Wer Forscher als Eltern besaß, hatte den Vorteil, dass alles spannend war.

Sarahs Eltern waren keine Forscher. Ihr Vater war einer von zahlreichen Entwicklern von Software, die in überall vonnöten war. Und immer hakte es irgendwo. Mal waren es die Lebenserhaltungssysteme, mal die Systeme für die Luft- und Wasserwirtschaft, die Bahnen blieben stehen oder was auch immer er beim Essen oder zu anderen Zeiten, wenn er zu Hause war, stöhnte. »Wir hätten auf der Erde bleiben sollen«, sagte er mehrmals in der Woche. »Aber wir wollten ja unbedingt für ein paar Jahre richtig Kohle machen.«

Was ihre Mutter tat, konnte Sarah nicht genau sagen. Sie war Manager of irgendwas. Kümmerte sich um Abläufe und Organisation, hielt Dinge am Laufen, wie sie sagte, und wollte nach Feierabend einfach abschalten. Immerhin blickte sie Sarah häufig mit einem Lächeln an, fragte: »Alles gut, Schatz?«, und kümmerte sich auch zu Hause um alle Notwendigkeiten, während die Eltern von Tom und Clara Forscher waren und den neuen Planeten erforschten. Sarah wünschte sich wahlweise, so zu sein wie ihre Eltern, dann wäre ihr alles hier unten völlig egal, oder so zu sein wie ihre Freunde, die sicher mit ihren Händen die Wände betatschen würden.

Sie blieb mitten im Raum stehen. Das gleichmäßige Licht verteilte ihren Schatten als unförmige, hellgraue Masse auf dem Boden. In einem der Regale rechts von ihr erkannte sie eine Kiste, die sie auf der Erde das letzte Mal gesehen hatte. Hier lag Gerät herum, Kabel rollten sich, Kisten, Kisten und immer wieder Kisten. Sie sah den Drucker, der allerlei für die Wohnung fabrizierte. Zeug. Anderes Zeug. Eine hässliche braune Puppe mit samtiger, ledriger Haut, zu scheußlich, um sie in die Wohnung hochzuschaffen. Einzelteile von Regalen, die noch nicht zusammengebaut waren. Ihr Blick ging zu den Getränken, die sich dort stapelten. Eins hatte man in dieser Kolonie so schnell wie möglich gemacht: Getränke aller Art hergestellt, sogar Papas Bier gab es. Mit gewissem Trotz ging sie darauf zu, als sie glaubte, im Augenwinkel eine Bewegung zu sehen. Wie wenn man eine Spinne über eine Wand huschen sieht. Sie erschrak und blieb stehen. Dass sich etwas bewegt hatte, war eindeutig gewesen. Sarah wagte weder eine Bewegung noch einen Atemzug. Sie glaubte, ganz leise, etwas zu hören, kaum lauter als eine tellergroße Spinne, die ihre acht Beine über eine Wand führt und deren massiger Körper die Luft in Zirkulation versetzt.

Würde sich Sarah bewegen, würde es sie anspringen, was immer es auch sein mochte. Moment. Da erinnerte sie sich. Dieses hässliche Ding im Regal mit der braunen, ledrig-samtenen Haut. Das hatte sie noch nie gesehen. Sie hatte so etwas überhaupt noch nie gesehen. Wie hatte es ausgesehen? Sie wagte nicht ihren Kopf zu drehen, hin zu dem sanften Geräusch der Bewegung. Jetzt stand es still. Und es schwieg. Wie groß mochte es sein? Sicher so groß wie eine Katze. An Beine und Arme konnte sie sich nicht erinnern. Sicher hatte sich das Wesen zusammengerollt, als ihr Blick darüber gehuscht war.

Irgendwann war da was in ihrem Hals. Ein Klumpen, aus dem Trockenheit um sich griff und ihre Luftröhre zuzog. Der Reflex zu schlucken ballte sich in ihr zusammen, doch sie wagte es nicht, man konnte hören, wenn jemand schluckte, es würde sie hören, was immer es war, und schösse hervor, direkt auf sie zu, mit ausgefahrenen Armen, Beinen, Klauen, was immer es an sich haben mochte. Und so kämpfte sie gegen das Kratzen in ihrem Hals an. Das Wesen musste sich irgendwo hinter oder unter dem Regal zu ihrer Rechten verkrochen haben. Vielleicht lauerte es und blickte sie aus mehreren Augen an. Sarah hoffte so sehr, dass von oben ein Ruf kam. Dass ihre Eltern stutzig würden, weil sie so lang nicht mehr zurückgekommen war. Dass sie zu ihr in den Keller kamen, um nachzusehen. Dass sie endlich einmal weinen oder weglaufen und Angst haben durfte, weil auch ihre Eltern Angst vor diesem Wesen haben würden.

Doch sie hörte nichts. Nicht einmal das Atmen dieses Wesens mit der braunen Haut.

Da löste sich in ihrem Hals das Schlucken wie eine Lawine. Es passierte einfach, und sie hörte es so laut, dass sie davon mehr erschrak als vom Schlucken selbst. Reflexartig wirbelte sie den Kopf herum, ihr Blick fiel auf das Regal, wo dieses Ding sein musste. Und ja, da sah sie etwas. Es ragte unter dem untersten Regalboden hervor. Ein wenig nur, vielleicht fünf Zentimeter. Es war braun, eindeutig mit Haut überzogen und dicker als das Bein einer Spinne, welcher Größe auch immer. Das Deckenlicht fiel auf eine Hand. So groß wie die eines Kleinkindes. Sarah konnte einzelne Finger sehen. Wie viele es waren, wusste sie nicht. Aber es war unzweifelbar eine Hand mit Fingern, sogar einen Daumen hatte sie. Sarah konnte ihren Blick nicht davon nehmen, und trotz ihrer Angst durchflutete sie so etwas wie Beruhigung, so vertraut, so menschlich, wie es ihr erschien. Kein Insekt also. Kein Tentakel also. Keiner dieser Trigger auf Monster und Ungeheuer, die darauf warten, zu unpassendsten Zeiten aufzubrechen.

Sie wagte nicht zu atmen. Ihre Lippen formten erst das Wort Mama und dann das Wort Papa. Es waren zaghafte Bewegungen, kaum sichtbar, und sie blieben ohne Widerhall. Sie blickte auf die Haut, die die winzige Hand überzog. Dass sie nichts Menschliches an sich hatte, erkannte sie auch ohne Überlegung. Dem Wesen war offenbar nicht bewusst, dass seine Haut sichtbar war. Die Art der Reglosigkeit zeigte, dass es ebenso gespannt war wie sie selbst. Sie spürte Augen auf sich, und sie hatte schon ohnehin Angst vor allem, was den Planeten betraf, machte sie die Tatsache, dass sie mit einem außerirdischen Wesen die gleiche Luft atmete, schier verrückt.

Außerirdische gab es nämlich nicht. Wo immer die Menschheit auch aufschlug und suchte, sie fand nichts. Nur Gestein und allenfalls Reste von Molekülen, als sei das ganze verdammte Weltall, wie ihre Mutter immer sagte, nichts weiter als eine überdimensionierte Geröllhalde. »Das alles taugt nur zum Kohlemachen«, sagten ihre Eltern immer.

Es war nicht Sarah selbst, die plötzlich schrie. Vielmehr war es der Schrei selbst, der aus ihr herauskam. Die Hand verschwand augenblicklich. Sarah schrie so laut sie konnte »MAMA! PAPA!«, mehr konnte sie nicht ausdrücken, ihre Ohren taten weh vom Widerhall ihre Stimme, und es dauerte eine ganze Weile, bis oben die Tür aufging und ihre Eltern herunterstürzten. »Sarah!«, hörte sie. »Was ist denn?« Beide berührten sie, gingen vor ihr auf die Knie und zogen ihren Blick von der Stelle fort, an der sie die fremdartige Hand gesehen hatte. Die Blicke und Berührungen ihrer Eltern brachten sie sofort zum Weinen. Sie fühlte sich geborgen, erstmals seit Langem, vielleicht sogar das erste Mal in ihrem Leben stand sie in ihrem Zentrum, waren sie besorgt, fühlte sich geliebt. Irgendwann wimmerte sie. »Da ist was!«

»Was ist wo?«, fragte ihr Vater

»Da war ein Vieh!«

Einige Sekunden war ihr Schluchzen das einzige Geräusch im Keller.

»Was für ein Vieh?«, fragte ihr Vater durch den Filter des Zweifels.

»Ich weiß nicht. Da war was Braunes. Ich hab eine Hand gesehen.«

 

»Nichts. Da ist gar nichts.« Sarah war klar, dass diese Worte endgültig waren. Das Hologramm von Stationsleiter Ludocivo Marino beugte sich zu ihr herab. Wenn man nicht genau hinsah, konnte man sehen, dass sein Körper durchsichtig war. Ansonsten war er fast so natürlich wie ein echter Mensch. Sarah hatte ihn noch nie in echt gesehen. Ihre Eltern sagten, Marino sei ein fauler Hund, der sich seinen Hintern plattsitzt. »Vielleicht gibt’s den gar nicht, sonst hätte den ja mal jemand in echt gesehen«, meinte ihr Vater einmal. Und nun stand dieses Phantom im Keller und beugte sich zu Sarah herab. Eigentlich sah Marino nett aus. Alt, so viel war klar, bestimmt 35. Wenn er so groß war wie das Hologramm, war er größer als ihr Vater und weitaus schlanker. »Unsere Drohnen haben nichts gefunden, Sarah. Kein Vieh und auch keine Öffnung in den Wänden.« Seine Stimme klang aufrichtig besorgt. Er streckte seine Hand aus, um damit ihren Kopf zu streicheln, doch offenbar merkte er in letzter Sekunde selbst, wie albern das gewesen wäre, und zog seine Hand zurück. »Du brauchst keine Angst zu haben.«

Sarah schwieg. Sie hatte so oft gesagt, dass sie gesehen habe, was sie gesehen habe, dass das Wesen wirklich da gewesen sei, doch bereits ihre Eltern hatten beim ersten Rundumblick den Eindruck gewonnen, dass es nur Einbildung gewesen war. Das Sicherheitspersonal hatte nichts gefunden, doch Sarah hatte sich nicht umstimmen lassen, bis die Drohnen nun den Schlusspunkt hinter alle erdenklichen Untersuchungen machten.

Sie stand allein vor ihm, während ihre Eltern bereits auf der Treppe standen und darüber tuschelten, wie peinlich all dies doch für sie gewesen sei.

Als hätte Marino es gehört, blickte er zu ihnen hinauf. »„Hören Sie, wir sollten Dr. Akemi Itou zurate ziehen.«

Ihre Mutter schnappte nach Luft. »Halten Sie das denn wirklich für nötig?«

»Ich denke, dass hier mehr ein psychologisches Problem vorliegt, bei dem Sie sich helfen lassen sollten.«

Obwohl Sarah noch so jung war, erkannte sie die Schuld, die in ihren Blicken lag. Ihr war klar, dass sie wussten, wie sehr sie sie vernachlässigten und dass sie einfach schlechte Eltern waren.

»Darf ich bei Clara schlafen?«

Am Ende war es gekommen, wie es kommen musste. Dr. Akemi Itou hatte sich vehement für sie eingesetzt und den Eltern alle Vorwürfe gemacht - dass sie Sarah dazu getrieben hätten, sich braune Viecher im Keller auszudenken, nur um auf sich aufmerksam zu machen und ihr Unwohlsein über eine neue Welt zu kompensieren. Das war ihr zwar überhaupt nicht recht, aber es hatte anfangs Erfolge gegeben: Man kümmerte sich um sie, man unternahm sogar mit ihr etwas. Nur das Besucherzentrum war eine langweilige Angelegenheit gewesen, weil sie es bereits mit Clara und Tom und deren Eltern mehrfach besucht hatte, aber sich nicht getraut hatte, das ihren Eltern zu erzählen.

Es hatte eine Weile gedauert, bis Sarah dahinter gekommen war, dass die veränderten Stimmen ihrer Eltern lediglich der Singsang eines zum Scheitern verurteilten Bemühens waren, als gute Eltern zu gelten und ihre Tochter in den Mittelpunkt ihres Interesses zu stellen. Nach zwei Wochen schon war dann der Alltag wieder eingekehrt. Nach drei Wochen stand ihre Mutter plötzlich neben ihr in der Küche. »Wollen wir mal zusammen in den Keller gehen? Wir filmen das auch, damit wir alles dokumentieren können.« Unten war natürlich nichts gewesen, obwohl Sarah so sehr hoffte, dass dieses braune Vieh mitten im Raum stehen und ihre Mutter zu Tode erschrecken würde. Kurz vor der Treppe hatte ihre Mutter in die Hände geschlagen. »Schön. Siehst du? Du brauchst keine Angst zu haben!«

Am nächsten Tag war dann erstmals, dafür aber in den Sound vollkommener Selbstverständlichkeit gegossen, die Aufforderung gekommen: »Sarah, geh bitte mal Getränke holen.« Die Stimme ihrer Mutter rollte wie ein Teppich auf sie zu.

Sie erschrak, als sie es hörte. An diesem Punkt machte Sarah ihre erste Erfahrung mit einer Traurigkeit, die ihr die Tränen in die Augen trieben.

»Du darfst es deinen Eltern nicht übel nehmen«, hatte ihr Dr. Itou mehrfach gesagt. »Weißt du, auch für deine Eltern ist das alles hier ganz neu. Sie fühlen sich nicht wohl und klammern sich an ihre Serien. Das entschuldigt nichts, aber du solltest verstehen, dass sie es nicht böse meinen und sie dich trotzdem lieb haben.«

Lieb haben, was hieß das? Lieb haben, wen denn?

Sarahs Blick verschwamm, und ein Schluchzen kroch in ihr hoch. Auf keinen Fall wollte sie, dass ihre Eltern sie weinen sahen, weil sie so traurig und so wütend war. Sie nahm den Korb und lief zur Treppe, um bereits auf den ersten Stufen die Kraft über ihre Zurückhaltung zu verlieren. Sie schloss die Tür und gab sich dem Weinen hin. Sie hatte noch nie geweint, zumindest nicht, dass sie sich erinnern konnte. Aber sie konnte es nicht zurückhalten, während sie die Treppe hinabging.

Kaum stand sie an den Getränken, sah sie die braune Gestalt, die neben dem Regal stand, unter dem sie sich vor Kurzem erst vor ihr versteckt hatte. Ihr Weinen verflog sofort. Die Gestalt sah ganz anders aus, als Sarah sie sich vorgestellt hatte. Sie sah überhaupt anders aus als alles, was Sarah jemals gesehen hatte.

Das Wesen stand auf zwei Beinen wie sie selbst. Hatte zwei Arme wie sie selbst, dafür aber keine Schultern, denn die Arme kamen direkt aus einem fassförmigen Rumpf. Insgesamt mochte es vielleicht einen halben Meter hoch sein. Ob es sie ansah, konnte Sarah nur vermuten, denn da war kein Kopf mit Augen. Wo normalerweise ein Kopf wäre, ragte etwas aus dem Rumpf hervor, das einer braunen Blütendolde gleich. Es gab kein Vorn und kein Hinten, es gab keinen Mund und keine Nase, keine Ohren. Eigentlich dürfte es so etwas gar nicht geben. Die Blütendolde schimmerte leicht wie die Augen von Insekten. Der Anblick war so albern, dass Sarah möglicherweise auch keine Angst gehabt hätte, wenn sie nicht so wütend wegen ihrer Eltern gewesen wäre. Da sie kein Maul und generell kein Gesicht erkannte, ging jeder Impuls von Angst ins Leere.

Sie stand da und blickte das Wesen an. Der fassförmige Körper dehnte sich im Rhythmus eines Atmens. Offensichtlich trug das Wesen keine Kleidung. Dass es also nackt vor ihr stand, machte die Begegnung noch absurder.

Sie tastete mit der linken Hand nach der ersten Flasche, um sie in den Korb zu stellen, da begann der Angriff. Blitzartig sprang die Kreatur nach vorn und prallte auf ihre Brust. Tonlos griff es mit den kleinen Händen in ihre Haare und zog heftig daran. Sie ließ den Korb fallen und konnte vor lauter Schreck nicht schreien, stattdessen schubste sie das Wesen von sich weg, dass es sich nur noch an ihren Haaren festhalten konnte. Nun schrie sie doch, beugte sich vornüber und sah das Wesen strampeln, die kleinen Füße klangen wie kleine Holzplatten, die auf den Boden schlugen, und sie griff nach den Armen, um sich zu befreien. Die Dolde wackelte hin und her, und schließlich hüpfte das Wesen mit einem Fiepen erneut an ihre Brust, von wo Sarah es erneut wegschubste. Sie riss an den Armen, deren Haut sich eigenartig anfühlte, holzig irgendwie, und von der keine Temperatur auszugehen schien. Wie sie es schaffte, das Wesen abzuschütteln, wusste sie nicht, jedenfalls stürmte sie die Treppe hinauf, ins Wohnzimmer hinein, postierte sich vor ihren Eltern und schrie: »Da ist es wieder!«

Vier Augen blickten sie wie die von toten Fischen durch das Halbdunkel des pausierten Serienbilds an. Die Haut ihrer Eltern war blässlich. »Was?«, fragte ihr Vater erstaunt.

Sarahs Herz raste. »Das Vieh! Es hat mich angesprungen!«

Dass letztlich unten nichts zu sehen war, als sie zu dritt den Keller inspizierten, verstand sich von selbst. Außer dem achtlos auf den Boden geworfenen leeren Korb zeugte nichts von einem Kampf.

Durch ihre Aufregung drangen die Blicke ihrer Eltern kaum durch, auch nicht die Berührungen. Sie konnte später nicht versichern, dass ihre Mutter Tränen in den Augen hatte, jedenfalls standen im Anschluss nicht nur einige Gespräche mit Dr. Itou an, sondern erneute Ausflüge ins nähere Umland, deren familiäre Kulisse windschief auf ehrlichem Bemühen wackelte. Eigentlich fühlte sie sich von ihren Eltern in dieser Zeit fast noch mehr genervt als vorher, so bemüht, wie sie einen äußeren Schein aufzubauen versuchten. Sie fragten so viel. Wollten wissen, was sie denn so macht, wenn sie bei Clara und Tom ist, und was da so toll sei, wofür sie sich denn so interessiere und ob sie denn schon wisse, was sie später mal werden wolle. Als sie darauf die Schwester von Clara und Tom antwortete, herrschte eine ganze Zeitlang ein nagendes Schweigen, dessen Säure selbst sie bemerkte. Sie hatte verletzen wollen und hatte es geschafft.

Immer, wenn Mama und Papa sie ansahen, lächelten sie wie die Zeichnung eines Menschen, der das Zeichnen mit den Füßen erlernte. Die Fotos, die sie ständig bei ihren Ausflügen oder beim gemeinsamen Kochen schossen, zeigten nicht ihre Eltern, sondern zwei Menschen, die etwas zu sein versuchten, was sie nicht waren. Stets gingen ihre Stimmen um mindestens eine Oktave nach oben, sobald sie mit ihr sprachen, und wenn sie sie meine Kleine nannten, verdrehte sie die Augen, wenn sie es nicht sehen konnten.

Einmal schafften sie es sogar, zu den Howard Hills zu fahren, jenem Ausflugsort, von dem es einen spektakulären Ausblick über eine Ebene voller Blüten und Bäume gab. Ein Fluss schlängelte sich durchs Land, und links und rechts ragten majestätische Bergketten in die Höhe. Sogar die Sonne ging in der Mitte der Ebene unter, was sie, zwischen ihren Eltern sitzend, anblickte und immer wieder die Frage beantworten musste, ob sie den Anblick denn nicht genauso schön fände wie sie.

Es war, mit einem Wort: anstrengend.

Da war es fast eine Freude, als sich ihre Eltern zum ersten Mal seit Langem mit dem Abendessen beeilten, um zu ihren Serien zurückzukehren. »Du willst doch sicher wieder mal was mit Clara und Tom machen«, meinte ihr Vater und hatte sogar recht damit. Sie hatte die Wohnung noch gar nicht verlassen, da trieben ihre Eltern bereits wieder in der Welt ihrer Serien. So war es nur eine Frage der Zeit, wann sie wieder in den Keller hinabsteigen sollte. Jedes Mal war mindestens ein Kobold da. Sarah erkannte, dass sie erst nachschauten, wer sich im Keller befand, und nur herauskamen, wenn Sarah dort war. Am liebsten hätte sie nachgesehen, woher sie kamen, schließlich hatten die Untersuchungen kein Loch oder sonst irgendwelche Öffnungen ergeben. Doch jedes Mal, wenn Sarah den Keller betrat, waren sie da. Sprangen sie an. Kratzten sie. Boxten sie. Ihre kleinen Fäuste waren zu klein und die dünnen Ärmchen zu dünn, als dass genug Kraft in ihnen steckte, um ihr wirklich zu schaden. Aber für blaue Flecken reichte es ebenso wie für Kratzer. Und da waren natürlich ihre zerzausten Haare und ihre Kleidung.

Die Kobolde stanken. Immer, wenn sie sich auf Sarah festsetzen, konnte sie einen Gestank riechen, der anders war als alles, was sie kannte, auch fehlten ihr die Worte, den Geruch zu beschreiben. Nass, erdig, eigentümlich schweißig.

Dr. Itou blickte sie stets an, als täten ihr die Verletzungen mehr weh als Sarah, und einmal fragte sie sogar: »Warum tust du dir so weh, mein Mädchen? Du musst damit aufhören.«

»Es sind diese Kobolde!«

»Ich werde mit deinen Eltern noch einmal sprechen. Du wirst nie wieder in den Keller gehen müssen, wenn du nicht willst.«

Und so geschah es tatsächlich. Fortan standen viele Dinge in der Küche und im Abstellraum, und man sorgte stets dafür, dass genug im Kühlschrank war, so dass man nicht mehr so häufig in den Keller musste. Die Küche verlor dadurch erheblich an Gemütlichkeit, aber Sarah war erlöst. Vom Keller. Von den Kobolden. Von ihren Eltern. Als sei ein Fluch von ihnen genommen, den der Keller ihnen auferlegt hatte, kehrten sie selig in das Reich ihrer Serien zurück, und alles war wieder beim Alten. Drei Wochen lang. Dann wurde alles anders.

 

Die Kolonie verschwamm vor ihren Augen, doch niemand würde es sehen. Sarah wusste nicht, ob sie aus Wut oder aus Traurigkeit weinte, und ob sie überhaupt weinte. Sie konnte an nichts anderes denken als an ihren Streit, den sie eben mit Clara hatte. Den ersten Streit überhaupt. Sie hatten sich so gestritten, dass Sarah sich entschieden hatte, einfach aus dem Haus zu stürmen und nach Hause zu gehen. Dabei konnte sie sich gar nicht erklären, warum es überhaupt zu dem Streit gekommen war.

Gerade ebbte die Traurigkeit zugunsten der Wut ab, als so etwas wie ein Insekt heranschwirrte. Sarah erschrak und schlug mit beiden Armen um sich, nicht um das Geschöpf zu verscheuchen, sondern um es umzubringen. Man nannte diese Wesen Fliegen, aber es waren natürlich keine. In der Schule hatten sie sich diese Tiere – man hatte sich darauf geeinigt, von Tieren zu sprechen – näher begutachtet und dabei nichts feststellen können, was an Insekten auf der Erde erinnerte. Zwar waren sie ähnlich klein wie Fliegen und besaßen durchsichtige Flügel, aber damit endeten die Gemeinsamkeiten.

Die Fliege wich Sarahs Schlägen aus und wollte sich auf die Flucht machen, doch das reichte Sarah nicht. Sie lief um sich schlagend der Fliege hinterher, ohne sie zu erwischen. Erst nach hundert Metern ließ sie von dem Wesen ab, weil es nach oben außer Reichweite flog.

»Mistvieh!«, rief sie der Fliege hinterher. »Mistvieh!«

Ihr Herz raste vor Wut, und sie wollte gleich auf ihr Zimmer gehen, damit sie niemanden sehen musste.

Zu Hause hörte sie die typische Geräuschkulisse aus dem Wohnzimmer. Die Haustür schloss sich in einem stillen Serienmoment, so dass man sie hörte. »Schatz?«, tönte die Stimme ihrer Mutter aus dem Zimmer.

»Ja«, gab sie lauter als nötig zurück. Als wenn das hier jemanden interessieren würde, ob sie da war oder nicht.

»Du bist aber früh«, hörte sie die Stimme ihres Vaters. »Sag mal, Schatz, wir wissen, dass du es nicht willst, aber wenn du schon stehst, könntest du uns vielleicht doch kurz aus dem Keller ein paar Getränke hochholen? Wir haben leider vergessen, den Vorrat aus dem Keller zu holen.«

»Du musst aber nicht, wenn du nicht willst!«

»Nein, musst du nicht. Wäre auch nur eine kleine Ausnahme, versprochen.«

»Ist nur ʼne Frage.«

»Wir machen auch leiser, damit wir hören, wenn etwas passieren sollte, Schatz.«

Zuerst glaubte Sarah, Opfer eines blöden Witzes geworden zu sein. Für einen kurzen Moment glaubte sie, dass es nun an der Zeit sei, ihre Eltern zu verlassen. Diese würden ihr Wegsein nur dadurch bemerken, dass sie ihnen ihre verdammten Getränke nicht brachte. Sie wären erbost über die Tatsache, ihre Serie pausieren zu müssen, um sich ihre Getränke selbst zu holen, und sich darin zu bestärken, ihr bei ihrer Heimkehr endgültig Grenzen aufzuzeigen. Wenn sie ihnen schreiben würde: Ich wohne jetzt bei Clara und Tom, wäre das Einzige, was ihnen daran unrecht wäre, die Peinlichkeit, ihre Tochter vertrieben zu haben, als die Tatsache, dass sie ihre Tochter verloren hatten.

Sie umfasste den Griff des Korbs mit einer Wut, die ihr neu war. »Du darfst nicht wütend sein«? Von wegen! Am liebsten wäre sie ins Wohnzimmer gestapft, hätte ihnen den Korb entgegengeworfen und gebrüllt: »Holt euch die Getränke selber!«

Aber was würde das schon nützen. Also ließ sie sich von ihrer Wut übermannen. Das Gefühl kannte sie so noch nicht, es war wie ein heißer Sturm in ihrem Magen, und ihr Herz pochte lauter als jemals. Sie würde Dr. Itou mitteilen, dass sie andere Eltern wolle, dass sie notfalls zurück zur Erde zu ihren Großeltern wollte, dass sie von Claras und Toms Eltern adoptiert werden wollte, dass sie einfach nur weg wollte, und sie würde dabei das sagen, was ihre Eltern sonst auch so gern sagten: »Ich hab es satt!« So stürzte sie regelrecht zur Kellertür, trampelte die Treppe hinunter und direkt zu den Getränken.

Fast hätte sie das Trippeln überhört und damit auch fast vergessen, dass sie hier unten nie allein war.

Diesmal waren es drei von ihnen. Sie unterschieden sich leicht in der Größe, eines war gar dicklich. Eines trat vor, und Sarah wusste, was passieren würde. Sie wirbelte herum, als es an ihr hochspringen wollte, so dass der Kobold an den Schrank krachte. Und platzte. Mehr oder weniger zumindest. Das Regalbrett, gegen das der Körper geprallt war, hatte ihn nahezu in zwei Teile gerissen. Ockerfarbenes Blut spritzte aus den beiden Körperhälften, und das Wesen griff mit wedelnden Armen immer wieder in die Gedärme und auf das orange-gelbe Rückgrat, das in der Suppe zu sehen war.

Die beiden anderen Kobolde sprangen zurück und ihre Doldenköpfe zuckten hin und her. Offensichtlich besprachen sie sich auf ihre Weise, ohne dass Sarah etwas hören konnte, und wussten dabei nicht recht, was sie als Nächstes tun würden.

Für Sarah hingegen war der Fall klar. Noch während sie auf den ausblutenden und zuckenden Leib vor sich auf dem Boden schaute, überrascht darüber, wie leicht diese Wesen zu töten waren, wurde ihr klar, dass sie sie für ihre Untaten der letzten Zeit bestrafen wollte. Beherzt trat sie mit dem rechten Fuß noch einmal in das Wesen, das seitlich auseinanderplatzte wie eine Nacktschnecke.

Die beiden anderen hoben erschrocken ihre Arme, ihre Köpfe wackelten, sie taten einen Schritt nach vorn zu ihrem Kameraden hin, obwohl Sarah sie wütend anblickte.

Dann griff Sarah in den Schrank, nahm eine Flasche und schleuderte sie den Kobolden entgegen. Scheinbar ohne Widerstand riss die Flasche dem linken Kobold die rechte Seite vom Körper, dass seine Innereien aus dem Loch purzelten. Bestärkt von ihrer Tat griff Sarah, ohne zu zögern, zu einer Holzlatte. Mit einem Schrei wollte sie auf den letzten Kobold zuspringen, doch da sie noch mit ihrem rechten Fuß in den Überresten des zerteilten Kobolds stand, glitt sie auf dessen Innereien aus und stürzte vornüber, wodurch sie die Latte aus der Hand verlor. Der letzte Kobold sprang zurück, sie wusste nicht, ob er Angst hatte oder ob es Instinkt war, jedenfalls machte er keine Anstalten, zu flüchten. Stattdessen sprang er in die Kellerecke vor ihr zurück und hüpfte ein Regal hinauf. Schnell war Sarah wieder auf den Beinen und griff nach der Latte. Ihr erster Schlag fegte allerlei Dinge aus dem Regal, doch verfehlte sie das Wesen, das schon auf dem Sprung zum nächsten Brett war. Es krachte, als Sarah zuschlug – doch die Latte war zu schwer, zu dick und zu lang für sie.

So ließ Sarah die Latte fallen und zog wütend am Regal, so dass es umfiel. Der Kobold sprang herab, kam auf gestapelten Kisten auf und hüpfte von dort mit erstaunlicher Geschwindigkeit quer durch den Raum auf ein anderes Regal, und Sarah, die beim Herumwirbeln noch einmal ins Schwanken kam, weil sie auf den Gedärmen des von der Flasche zerfetzten Kobolds ausrutschte, eilte ihm hinterher, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie er in einem Loch in der Wand verschwand. Doch damit nicht genug. Sie sah, wie sich das Loch hinter dem Kobold langsam schloss, als wüchse das nackte Gestein einfach von unten nach oben zu. Deshalb also fand niemand ein Loch. Die Kobolde ließen es einfach hinter sich wieder zuwachsen.

Sarah durfte keine Zeit verlieren, wenn sie dem Kobold folgen wollte. Im Laufen griff sie eine verschlossene Bierflasche mit der Aufschrift New World Brew und legte sie in den Korb, den sie mit in den Keller getragen hatte, und sprang zum Loch, warf sich zu Boden und kroch auf allen Vieren in die Öffnung, durch die das Wesen aufrecht lief. Vor sich sah sie Licht im Loch, das so gerade und sauber war wie ein Rohr. Das Licht bewegte sich, und Sarah erkannte, dass es der Doldenkopf war, der im Dunkeln wie eine Taschenlampe leuchtete.

»Bleib stehen, du Mistvieh!«, rief Sarah dem Kobold hinterher, während sie den Korb vor sich herschob. Ihr war es egal, wohin er lief, ihr war es egal, was sie erwartete. So weich und verletzlich, wie diese Kobolde waren, würde sie mit ihnen fertig werden.

Noch nie hatte sie sich so gefühlt, noch nie solch eine Wut verspürt. Alles, was sie wollte, war, diesen kleinen verdammten Bastard da vorn zu zerquetschen. Sie verlor das Zeitgefühl, so dass sie nicht wusste, ob sie Minuten oder nur einige Sekunden lang gekrochen war, bis sie ans Ende des Ganges gelangte. Er mündete in eine ovale Kreuzung, kaum höher war als der Tunnel, und gerade noch sah sie den Kobold aus ihrem Keller in einem der linken Gänge verschwinden. Sie folgte ihm. »Ich krieg dich!«, rief sie, und ihre Worte fielen in der feuchten, erdigen Luft wie Bleibarren zu Boden.

Aus den anderen Öffnungen sah sie Wesen starren, einige wichen zurück, zwei näherten sich geräuschlos. Eines griff ihr rechtes Hosenbein, und als wäre sie es gewöhnt, zog sie das Bein mit dem Kobold daran zu sich, nur um mit dem anderen Fuß mit aller Macht auszutreten. Der Körper zerplatzte mit leisem Geräusch, so dass aus der braun-ockerfarbenen Masse nur noch Gliedmaßen zu erkennen waren.

Sofort sprang der andere Kobold hinterher, offenbar ohne Angst oder ohne Instinkt, in welcher Gefahr er sich befand, und Sarah holte mit beiden Füßen aus. Der leuchtende Doldenkopf fiel vornüber aus dem Glibber, zu dem der Körper wurde, das Licht ging aus. Sie hörte das Tippen und Klacken von Füßen auf sich zukommen, doch es kümmerte sie nicht. Sie beeilte sich, vorwärtszukommen, um ihren kleinen Bastard in die Finger zu kriegen. Doch der war es gewohnt, durch die Gänge zu huschen, und es sah nicht so aus, als wäre ihre Strategie von Erfolg gekrönt.

Der Weg knickte mehrfach ab, dann sah sie vor sich das Licht des Kobolds nach unten verschwinden. Kurze Zeit später sah sie, warum: Wie eine Wasserrutsche im Freibad ging es bergab, und ohne zu zögern, ließ sie sich vornüber fallen. Ihr Gewicht bedingte, dass sie aufholte. Der Metallkorb kratzte hörbar über den nackten Fels, und während des Rutschens kam Sarah eine Idee: Sie nahm die Flasche aus dem Korb und schleuderte sie den Gang hinab. Das Geschoss war schneller als der flüchtende Kobold, und als sie dessen Körper ohne Widerstand in Brei verwandelte und ungestört hinabrollte, lachte Sarah laut auf. »Hab dich!«, rief sie. Kaum hatte sie es gerufen, stieß sie einen Schrei des Ekels aus, denn ihr Weg führte sie kopfüber in die Reste des zerplatzten Wesens. Gedärm und Körperreste klatschten ihr ins Gesicht, sie schmeckte etwas Bitteres im Mund, weil sie vergessen hatte, ihn zu schließen, und panisch spuckte sie den Brei aus, sie spürte den Brei überall im Gesicht, am Körper, und schließlich sah sie Licht am Ende des Tunnels. Viel Licht.

Als sie ans Ende kam, purzelte sie mitten hinein in einen größeren Raum. Und durch Dutzende weicher, nachgiebiger Körper, durch die sie eine Schneise des Todes schlug. Dabei trafen sie abgetrennte Dolden, die sich wie Kunststoff anfühlten und deren Licht in dem Moment erlosch, in dem die Wesen starben. Entsprechend dunkler wurde es, so dass Sarah nur links und rechts von Licht umgeben war. Die Wesen wedelten mit ihren Händen, es war nicht zu erkennen, ob sie sich anblickten oder überhaupt einen Mund hatten. Doch offensichtlich verständigten sie sich auf geheimnisvolle Weise.

Ihr kamen braune, hässliche Kissen in den Sinn, die man im Kindergarten genäht hatte und die keine richtige Form besaßen. Nur mit dem Unterschied, dass sich hier Gliedmaßen und der Doldenkopf anschlossen.

Die Kobolde flüchteten nicht. Ameisen, erinnerte sich Sarah, stoben auseinander, genauso wie alle anderen Insekten. Sei es, um sich instinktiv in Sicherheit zu bringen, sei es aus einer Art von echter Furcht.

Die Kobolde taten nichts dergleichen. Weder rauften sie sich ihre Haare – die sie ohnehin nicht besaßen – noch gerieten sie in Wehklagen oder Geplapper. Irgendwie glaubte Sarah, dass sie überlegten, was sie als Nächstes tun würden.

Und richtig: Kaum dass sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, griffen die Wesen an. Die vorderen Reihen sprangen auf sie, sie spürte ihre hornigen Füße und Hände auf sich, die sie traten und schlugen. Sie schrie auf, als ein Wesen sie im Gesicht blutig kratzte, und mehr in panischer Abwehr als in Wut schlug Sarah beherzt um sich und pürierte mit ihren Armen und Händen ebenso die Angreifer, wie sie mit ihren strampelnden Füßen zerquetschte. Mit dem Metallkorb, den sie noch immer in der Hand hielt, zerfetzte sie die Leiber ebenso wie mit ihrer freien Faust. Allerlei Flüssigkeit und Substanz schoss, troff und spritzte ihr ins Gesicht, und weil sie dabei schrie, auch in ihren Mund. Immer wieder spuckte sie aus, bis etwas Hartes ihr in den Rachen geriet. Sofort hustete sie, um das Etwas wieder loszuwerden, und als sie es schließlich schaffte, hustete sie ein horniges, ovales Etwas aus. Ein Auge, offensichtlich. Damit war zumindest das nun geklärt. Wo immer diese Augen auch sitzen mochten.

Die Kobolde ließen sich nicht aufhalten. Immer wieder sprangen sie sie an, schlugen und traten, kratzten und starben. Sarah schaffte es endlich, auf die Beine zu kommen, und konnte in dem Raum aufrecht stehen. Ihr gingen diese Wesen auf die Nerven. Aus allen Löchern kamen sie und bahnten sich offenbar teilnahmslos ihren Weg über die toten Leiber ihrer Kameraden, ohne gegen Sarah viel ausrichten zu können. Sarah taumelte vorwärts, griff mit der freien Hand die Bierflasche mit der Aufschrift New World Brew, die sie zuvor durch den Gang geschleudert hatte und die nun am Boden lag, und schlug nun auch damit um sich. Sie spürte kaum Widerstand, wenn sie die Leiber zerschlug, Köpfe abtrennte und im wahrsten Sinne des Wortes immer mehr Lichter ausknipste, ohne dass sie die Flut stoppen konnte. Inzwischen reichte es ihr. Wie die Lemminge strömten die Wesen aus allen Öffnungen herbei, ohne dabei eine Stimme hören zu lassen, und Sarah hatte nur noch eines vor: dieser Brut den Garaus zu machen. Nie wieder sollte eines von ihnen in ihrem Keller stehen und es wagen, sie anzugreifen. Allerdings standen ihre Chancen derzeit schlecht: Weder war ein Ende abzusehen noch kam sie einen Schritt voran. So entschied sie sich, den Weg einzuschlagen, den sie gekommen war – immerhin war dies auch der einzige Gang, aus dem keine Kobolde strömten. Sie beugte sich in den Gang hinein und stellte fest, dass sie Korb und Flasche würde zurücklassen müssen, denn sie brauchte beide Arme und Beine, um sich von den Wänden abzustützen und mühevoll den Aufstieg zu beginnen. Natürlich unterließen es die Kobolde nicht, nach ihren Füßen zu greifen, doch bei jedem Mal, wenn sie spürte, dass sie einen der weichen Körper zertrat, fühlte sie eine gewisse Befriedigung. Zumal alles Zerren der Wesen nichts gegen sie ausrichten konnte: Sarah schaffte es zurück in den Keller, gefolgt von einigen vielleicht wütenden Wesen, wenn es so etwas wie Wut bei ihnen überhaupt gab. Hektisch sah sich Sarah im Kellerraum um und entdeckte recht schnell die elektrische Heckenschere, mit der ihr Vater die Büsche in Form brachte, von denen er immer sagte, es seien Buchsbäume, obwohl es natürlich keine Buchsbäume waren.

Ohne zu überlegen, griff sie das Gerät, das in ihren Händen absurd groß war. Ihr wäre nie die Idee gekommen, es jemals anzufassen, und nicht einmal ihrem Vater war jemals eingefallen, sie davor zu warnen.

Sie war erstaunlich leicht, und Sarah stemmte sie an ihr Becken. Da es nur einen Schalter unter einer Abdeckung gab, drückte sie und brachte die Schere somit zum Laufen. Für eine elektrische Schere war sie erstaunlich leise, und sie musste eigentlich gar nichts weiter tun, als sie vor sich zu halten – die aus dem Loch strömenden Kobolde liefen wie von selbst hinein.

Jetzt aber! Nie wieder würden sie sich trauen, ihr aufzulauern – weil sie keinen von ihnen übrig lassen wollte.

Also streckte sie ihre Arme aus, mit denen sie die Schere hielt, und kroch in das Loch hinein. Nichts anderes kam ihr mehr entgegen als Fetzen. Sie rutschte leise schnetzelnd den Abhang hinunter, um schließlich in den Raum zu gelangen, in dem sie eben noch mit Bierflasche und Getränkekorb mehreren Dutzend Kobolden das Licht ausgeblasen hatte. Es klatschte, als sie auf den Resten toter Kobolde am Boden aufkam, und vor lauter Schreck und Ekel entglitt ihr der Knopf, so dass die Heckenschere verstummte. Eilig stellte sie sie wieder an und ließ sie zweimal durch tobende Leiber gleiten, als plötzlich wieder Stille einkehrte.

Man hatte Sarah eingebläut, dass gewisse Ausdrücke sich nicht gehörten, auch wenn sie sie von ihrer Umgebung ständig hörte. Dann hieß es stets, dass diese Wörter lediglich Erwachsenen zuständen.

Zur Hölle mit ihnen allen.

»Fuck!«, kreischte sie also. »Fuck! Fuck! Fuuuuuuuck!«

Gott, wie sich das anfühlte! Wäre sie nicht so wütend gewesen, hätte sie den Moment genossen. Solche Sachen zu brüllen. Papas elektrische Schere in der Hand zu haben. Ein Massaker zu veranstalten. Doch leider war der Schere nun der Saft ausgegangen, und mit lautem Fluchen warf sie das Gerät von sich und machte sich wieder auf den mühsamen Weg in den Keller hinauf, wo sie sich keuchend umsah, um etwas anderes zu finden, das sie gegen die Plagegeister einsetzen konnte.

Ohne das Gerät war der Keller ein blöder, stinknormaler Keller, und sie hatte nicht viel Zeit, sich etwas zu überlegen, denn es galt, die nächsten Angreifer zu zerquetschen, mehrere hingen ihr bereits an den Beinen, und es kam wie es kommen musste: Sie fiel hin. Noch einmal schleuderte sie ihr neues Lieblingswort in die Welt, und während sie sich versuchte aufzuraffen, kippte das Metallregal um, an dem sie sich hochhangeln wollte. Das Krachen ging in ihrem Schreck und Schmerz unter, als es sie unter sich begrub. Kurze Zeit dachte sie, dass sie nun erledigt sei. Dabei merkte sie schnell, dass der Schreck größer gewesen war als alles andere. Sie rappelte sich auf und kroch unverletzt hervor, was die Kobolde, die an ihr gehangen hatten, nicht vollbringen konnten. Sie waren erledigt.

Aus dem Loch purzelten immer mehr Wesen, doch da geschah es:

Etwas stoppte die braune Flut. Die Wesen blieben nicht nur stehen, als seien sie vor eine unsichtbare Wand gelaufen, sondern zappelten wild mit ihren Armen. Ihre Doldenköpfe blinkten wie Stroboskope. Und mit einem Mal schossen vier Stiele mit je einem Auge aus dem Körper, die wie wild in einer Art Glaskugel rotierten. Ihre hornigen Füße hüpften geräuschvoll, und Sarah sah erstaunt, wie sich auf ihren Körpern große Blasen bildeten. Die Haut spannte sich innerhalb kürzester Zeit, bis sie geräuschvoll platzte. Nach spätestens drei geplatzten Blasen zerflossen die einen wie Wachskerzen, die anderen explodierten geradezu.

Plötzlich herrschte eigentümliche Stille.

Aus dem Loch kamen keine neuen Wesen mehr. Vielmehr duckten sie sich und schauten heraus. Sarah konnte nicht wissen, ob es Angst war oder Vorsicht oder irgendeine Art von Kommunikation. Aber etwas hatte sie abgehalten, in den Keller zu strömen.

Vor ihr zerflossen die Überreste der fremden Wesen oder lösten sich die zerplatzten Teile der explodierten Körper auf, und Sarah sah alldem zu und wusste sich keinen Reim darauf zu machen.

Sie blickte den im Loch kauernden Gestalten entgegen, die nicht zu atmen wagten, wenn sie denn überhaupt atmeten.

Da blubberte etwas am Boden, und das leise Geräusch ließ Sarah aufmerksam werden. Es waren die Flüssigkeiten aus den Körpern, die leise zischten wie Wasser auf einer heißen Herdplatte. Die ockerbraune Masse vermischte sich mit …

Waschpulver! Sarah begriff sofort.

Beim Sturz des Regals war die große Trommel mit Waschpulver zu Boden gegangen und hatte einen Teil des Inhalts fächerförmig über den Boden verteilt, dem Loch entgegen. Und es war dieses Waschmittel, das die Kobolde nun hatte verdampfen lassen.

Sie griff nach der Trommel, die eigentlich zu schwer für sie war. Mit beiden Händen schaufelte sie so viel Pulver wie möglich zurück in die Trommel, dann zog sie diese keuchend hinter sich her.

Die Kobolde wichen leicht zurück, ohne jedoch die Flucht anzutreten. Sarah griff mit einer Hand in das Pulver und schleuderte es dem ersten Kobold entgegen.

Der begann zu springen, seine Augen fuhren heraus, sein Doldenkopf blitzte, dann platzte er innerhalb kürzester Zeit.

Ohne dass Sarah das Wort überhaupt kannte, verspürte sie Mordlust. Und so schleuderte sie die nächste Handvoll Pulver in das Loch, sah das stroboskopartige Blitzen und mühte sich erfolgreich, die Trommel vor sich ins Loch zu hieven. Dann begann sie, vorwärts zu kriechen. Die Kobolde wichen nun erstmals vor ihr zurück, doch sie nahm sich vor, dass es ihnen nichts nützen würde. Als es abwärts ging, zog sie das Gewicht der Waschmitteltrommel mit Wucht hinab, und erneut fiel sie in die Überreste. Zahllose Doldenköpfe erleuchteten den kleinen Raum, und als sich Sarah aufrappelte, griff sie zum Pulver und streute es den Wesen in die Augen. Sie war noch nie in einer Disco gewesen und kannte Effekte wie Stroboskope noch nicht, daher wurde ihr schwindelig von dem hektischen Lichtgewitter, dem ein Blubbern und Platzen folgte. Dann war es mit einem Mal so dunkel, dass Sarah kaum sehen konnte, dass es eine bestimmte Bewegung gab: Aus allen Löchern strömten Kobolde in ein einziges Loch und ließen Sarah links liegen. Und sie begriff.

Mit ausladenden Bewegungen warf sie Waschmittel auf die Wesen, um sich einen Weg zu bahnen und selbst in das Loch zu steigen. Kaum war sie darin, spürte sie, wie Kobolde an ihren Füßen zogen. Sie spürte sie kratzen und schlagen, und immer, wenn Sarah austrat und einige von ihnen zertrat, gab es neue, die versuchten, sie aufzuhalten.

Der Gang war durch den Strom hell erleuchtet, und auf allen vieren krabbelte sie und schob die Waschmitteltrommel vor sich her. Ein Gefühl sagte ihr, dass etwas Bedeutendes bevorstand. Dass es einen Grund gab, dass alle Kobolde auf ein Ziel zustrebten.

Auf ihrer Terrasse auf der Erde hatte ein großer Kübel mit einem Olivenbaum gestanden. Sarah hatte neben ihrem Vater gestanden, als er diesen Baum aus dem großen Behälter ziehen wollte, um ihn in den Garten umzusetzen. Er hatte angestrengt am Stamm gezogen und geflucht. »Was soll denn das, verdammt?«

»Soll ich dir helfen, Papa?«

Während er keuchte, meinte er: »Ist zu schwer für dich, Schatz. Verdammte. Ver-damm-te.«

Dann hatte es einen Ruck gegeben, und ihr Vater lag mit dem herausgerissenen Olivenbaum rücklings am Boden.

»Scheiße!«, hatte er gebrüllt, doch es war mehr Ausdruck des Schrecks. »Schatz, sieh dir das an!« Er war zum Wurzelballen gekrochen und schaute auf allen vieren kniend das Gewimmel zwischen dem engmaschigen Netz starker und feinmaschiger Wurzeln an. »Ameisen«, hatte er gesagt. »Das ist ein komplettes Ameisenvolk.«

Sarah war herangetreten, und sie fand es schon einigermaßen eklig, das Treiben dort zu sehen. Die vielen verzweigten Gänge, durch die die Tiere gehuscht waren. Wie eine Stadt unter der Erde, auf deren Straßen und Wegen viel Verkehr herrschte. Sie sah Ameisen durch die nun freiliegenden Tunnel huschen, sie sah, wie Legionen kleine weiße Eier in Sicherheit brachten. Nur wenige Ameisen schwärmten auf die Steine der Terrasse aus, um die nächste Umgebung zu erkunden und nachzusehen, ob Gefahr im Verzug war. Das beruhigte Sarah sehr, denn nichts wäre ihr unrechter gewesen, als von diesen kleinen Lebewesen bevölkert zu werden. So sehr sie also auf Sicherheitsabstand blieb, so faszinierte sie der Anblick, der sich ihr bot.

»Und all das«, hatte ihr Vater schließlich gesagt, »hat die ganze Zeit von uns unbemerkt unter der Erde gelebt. Ein ganzes, komplettes Volk.«

Ihr Vater hatte den Baum schließlich in den Garten gepflanzt und dabei gehofft, dass das Ameisenvolk dort eine bessere Heimat finden würde. »Da haben sie mehr Platz, und ihre Königin ist ganz bestimmt in Sicherheit.«

»Königin?«

»Ja, Ameisen haben Königinnen. Sie legen die Eier, aus denen all die Ameisen schlüpfen. Ohne die Königin würde das Volk aussterben. Deshalb tun sie alles, um ihre Königin zu schützen. Sie ist sicher ganz tief vergraben.«

Sarah war sich daher sicher, dass es sich hier bei den Kobolden ähnlich verhielt. Und sie wollte die Königin finden. Nach einer Weile des Krabbelns – ihr taten bereits die Knie und Handflächen weh – hörte sie etwas. Anfangs konnte sie noch nicht genau sagen, was es war. Es war mehr ein Gefühl als ein Geräusch, doch je weiter sie heran kam, umso lauter wurde es. Es war, als sei das ganze Erdreich um sie herum in Bewegung. Als trippelten über, neben und unter ihr Tausende kleiner horniger Füße durch die vielen Gänge. Vor Sarah erschien ein heller Lichtschein am Ende des Tunnels, und sie mobilisierte noch einmal alle Kräfte. Schneller als zuvor kroch sie auf das Licht zu, und wirklich: Am Ende machte sie einen großen Raum aus. Für die Kobolde musste es ein riesiger Saal sein. Von allen Seiten strömten Kobolde aus den Löchern hinein. Da verschwand die Waschmitteltrommel plötzlich. Wie ein Stein war sie zu Boden gefallen, der Gang war zu Ende. Sarah bemerkte Stroboskopblitze und wusste, dass Waschmittel auf den Boden gelaufen sein und einige der Biester umgebracht haben musste. Sie sprang also beherzt aus ihrem Loch, dass in weniger als einem halben Meter in den Raum führte, dessen gut vier Meter hohen und sechs Meter langen Wände von braunen Kobolden übersät waren – als sei alles Erdreich flüssig und in ständiger Bewegung. Es dauerte eine Weile, bis Sarah verstand, dass es Kobolde waren, die aus hunderten Öffnungen in der Wand kleine braune Knubbel klaubten und mit ihnen in andere Gänge flüchteten.

Das Erstaunlichste aber war das, was sie im Zentrum des Raums sah. Wie an Schnüren hingen dort … ja, was eigentlich? Sarah hatte dergleichen noch nie gesehen. Waren das Raupen oder Puppen? Es gab derer zwei, die zu einem Paar gruppiert waren. Jede von ihnen war gut zwei Meter lang und hatte einen unregelmäßigen Durchmesser von gut einem halben Meter. Wie Tiere sahen diese Dinger nicht aus, auch bewegten sie sich nicht. Sie bildeten die Mittelachse des Raums und wurden von braunen Streben gehalten, die Sarah an das Material erinnerten, mit denen die Kobolde das Loch im Keller schließen wollten. Wie Strahlen hielten sie die beiden Dinger in der Mittelachse. Von einem der beiden ging eine Art Schlauch in eine Art Wanne im Boden. Kobolde wuselten, wahrscheinlich, um sie in Sicherheit zu bringen.

Hatte sie also die Königin dieser Biester gefunden, und wahrscheinlich auch den passenden König. Starr und reglos hingen sie da.

»Hab ich euch«, sagte Sarah ins Gewusel, und ihr Blick fiel auf die umgestürzte Trommel am Boden, aus der sich beim Sturz Waschmittel auf den Boden und auf etliche Kobolde ergossen hatte. Sie kniete sich hin und warf mit beiden Händen das Waschmittel in die Höhe, bestäubte die Wände, den Boden, die Unterseiten von Königin und König in der Mitte. Um sie brach die Hölle los. Hunderte, tausende Augen sprangen auf langen Stielen aus den Körpern, die sich innerhalb von wenigen Sekunden unter platzenden Blasen auflösten oder direkt explodierten und die tödliche Saat des Waschmittels weiter verbreiteten, wie bei einem Pollenflug. Die Kobolde waren dumm genug, dass sie im Bemühen, Königin und König zu retten, das tödliche Pulver auch auf ihnen verteilten, und Sarah fühlte sich großartig dabei. Lichtblitze ließen alle Bewegung an Wand, Decke und Boden abgehackt erscheinen, und ihr wurde immer wieder schwindelig Sie griff die nun halbleere Trommel, holte aus und ergoss deren Inhalt schwungvoll an die Unterseite von Königin und König. Aus dem triefenden und zerplatzenden Gallert überall sprangen noch Kobolde auf die beiden Kreaturen, um sie zu schützen, doch es war bereits zu spät. Die Haut begann Blasen zu bilden. Sarah konnte sehen, wie sich das Pulver in die Wesen fraß, sich zu ihnen durcharbeitete, und plötzlich krachte es.

Die Spitzen der Puppen brachen auf, und heraus lugten leuchtende Doldenköpfe, die von zahlreichen Augen auf langen Stielen umkränzt waren. Aber damit nicht genug. Arme brachen hervor, an deren Enden keine Hände, sondern Scheren waren.

Sarah schrie auf und sprang zurück. Mit dergleichen hatte sie nicht gerechnet, sie war auch nicht für einen Kampf dieser Art gewappnet.

Zwei Wesen schälten sich heraus, die im Gegensatz zu den Kobolden sogar Mäuler besaßen, aus denen letztlich ein eigenartiges Brüllen drang. Der Regen aufgelöster Koboldkörper tropfte auf sie herab, und während Sarah zurückwich, schleuderte sie mit beiden Händen Waschmittel in diese gesichtslosen Gesichter oder wie immer man das bezeichnen sollte, was sie sah. Dann explodierte mit lautem Grollen der erste massige Körper vom Kopf aus, besudelte Raum und Sarah mit Innereien, dann zerfetzte es das Hinterteil. Sarah wusste nicht, ob es Königin oder König gewesen war, jedenfalls riss die Detonation den anderen Körper aus seinen Verankerungen, bevor auch er in zwei Explosionen in Fetzen flog.

Aber nicht nur das. Weil die Streben nichts mehr hielten, gab die Decke langsam nach, und Sarah schrie, als die ersten Teile des Erdreichs zu Boden stürzten. Geistesgegenwärtig lief sie in das Loch, aus dem sie gekommen war. Sie musste so schnell wie möglich hier raus. Hinter ihr erstarb das Stroboskopgewitter, und sie hörte den Saal in sich zusammenfallen. Die Kobolde, die es noch nicht in den Königinnensaal geschafft hatten, flüchteten nun vor ihr und erleuchteten ihren Weg zurück, und als sie schließlich in dem kleinen Raum angelangt war, war es nicht schwer, den Gang zum Keller zu erkennen. Die noch übrigen Wesen folgten ihr nicht mehr. Als sie schließlich in den Keller zurückkam, saß sie im Dunkeln. Sie japste und sagte kaum hörbar: »Licht«, das wie gewünscht reagierte.

Alles lag noch so, wie sie es verlassen hatte. Niemand war ihr gefolgt, und sie wusste nicht, ob ihren Eltern überhaupt aufgefallen war, dass sie noch nicht wieder zurückgekommen war. Aber es spielte auch keine Rolle, es bedeutete nichts mehr. Sie blieb eine Weile liegen und schöpfte Atem. Erst jetzt fiel ihr auf, wie schmutzig sie war und wie sehr sie stank. Sie konnte selbst noch nicht glauben, was ihr eben passiert war, und wahrscheinlich würde ihr ohnehin niemand glauben. Kurz dachte sie darüber nach, all dies mit ihrem Com aufzuzeichnen, doch ihr Gerät lag in ihrem Zimmer. Wenn jemand in den Keller käme, würde ja alles für sich sprechen. Man würde sie tätscheln, würde ihr möglicherweise sagen, wie sehr man es bedaure, ihr nicht geglaubt zu haben, aber das wäre abermals nichts weiter als ein kurzes Aufblitzen wie das Stroboskopblitzen eines der Doldenköpfe, bevor es erstarb. Man mochte die Gänge finden, aber niemals auf die Idee kommen, ihr zu glauben, was sie heute erlebt hatte. Allenfalls würde man bereuen, sie mit Alice im Wunderland vertraut gemacht zu haben.

Sie würde also schweigen. Jetzt und für alle Zeit.

Wie lang sie nach Luft geschnappt hatte, wusste sie nicht. Jedenfalls griff sie zu einer Kiste, legte vier Flaschen hinein und ging die Treppe hinauf. Als sie die Tür öffnete, hörte sie wie immer nichts. Das Haus war still, erst beim genauen Hinhören konnte sie leise die Tonkulisse der Serie ausmachen, die um ihre Eltern tobte. Vermutlich hatten sie sich nicht bewegt im Zentrum ihres Raums, in dem sie wie festgezurrt lagen und reglos auf die Serie starrten.

Sarah schloss die Tür hinter sich so leise wie möglich, schlich in die Küche und stellte die Kiste auf den Boden. Sie hatte keine Lust, sie kaltzustellen. Aus dem Wohnzimmer vernahm sie keine Reaktion, und damit war sie einverstanden. Sollten ihre Eltern doch zur Hölle fahren. Alles, was sie jetzt noch wollte, war nun ein Bad und ein Bett.

Die Kleidung würde sie wegwerfen – es war ohnehin kein Waschmittel mehr im Haus.

 

***

© 2019 by Oliver Koch. Mit freundlicher Genehmigung.

Erstmals erschienen in: Peggy Weber-Gehrke (Hrsg.): Krieg der Mondvölker. modernphantastik 2019.

Alle Rechte vorbehalten.

 

Über den Autor

Oliver Koch schreibt seit seinem 12. Lebensjahr vornehmlich SF und Horror. Nach dem Germanistik-Studium in Münster zog er nach Karlsruhe, wo er auch noch heute lebt. Seine ersten Romane ruhen in Schubladen, seit Jahren tritt er als Film-Redakteur für das Corona Magazine in Erscheinung. Nach Ausflügen in realistische und zeitkritische Geschichten und langer Schreibhemmung schreibt er seit 2015 wieder verstärkt, auch SF, und ist mit einigen Erzählungen in SF-Anthologien vertreten. Seine Story ›Ans Tageslicht‹ stand 2017 auf der Shortlist als beste deutschsprachige SF-Erzählung für den Kurd-Laßwitz-Preis. Er veröffentlicht unter anderem auf seinem Blog www.oliverkoch.net zahlreiche seiner Kurzgeschichten und Erzählungen kostenlos als E-Book.

 

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