Kurzgeschichte am Fiction Friday: Herzschmerz (Scott Nicholson)

FICTION FRIDAY

Herzschmerz (Scott Nicholson)


Gerade startete die neue Netflix-Serie »V-Wars« mit Ian Somerhalder in der Hauptrolle. Wir haben dem Original-Roman »V-Wars. Die Vampirkriege« (erschienen bei FISCHER Tor) einen Probehappen aus den Rippen geschnitten und werfen ihn euch hiermit zum Fraß vor. Viel Spaß mit der Kurzgeschichte »Herzschmerz« von Scott Nicholson!

***

Trau niemals einer verdammten Rothaut.

Das jedoch konnte Artus Matheson den Gemeindemitgliedern drunten bei der Baptistenkirche Barkersville so nicht sagen, denn die behaupteten, Gott liebe jede Farbe des Regenbogens. Was für ein Riesenhaufen gequirlter Mauleselscheiße. Was denn? Die Mathesons hatten wie die meisten Familien am Great Smoky Mountain niemals Sklaven gehalten. Und zwar nicht nur, weil sie zu arm gewesen waren oder Fremden nicht getraut hätten.

Und Teufel auch, es waren ja sogar Schwarze aus den Plantagen in der Küstenebene in die Berge geflohen, um sich dort zu verstecken. In Pickett County ragte der Mulatto Mountain empor, wo sie sich angesiedelt hatten und mehr oder weniger friedlich lebten, so gut es eben ging, wenn Jobs rar waren und man nicht mehr hatte als das Land unter seinen Füßen.

Aber gottverdammt, diese Rothäute.

Scheiß drauf, dass sie zuerst hier gewesen waren, dass sie auf diesen Granitbrocken gehockt und in den stillen goldenen Herbstmonaten unten in den Wäldern gejagt hatten. Die Professoren von den Universitäten sagten, die Rothäute hätten nicht mal das ganze Jahr über hier gelebt; so viel Verstand hatten selbst die Cherokee gehabt, dass sie beim ersten Frost in die Ebene weitergezogen waren.

Aber die Professoren behaupteten auch, dass früher mal Büffel durch dieses Hügelland gezogen wären und dass gute weiße Jäger wie Daniel Boone den Herden hier herauf in die Berge gefolgt seien und sie in Steaks und Leder verwandelt hätten. Klang ja fast, als hätte Boone was Schlimmes getan. Die nannten ihn sogar den »ersten Touristen«. Wenn es ans Rumnörgeln ging, waren die verdammten Professoren genauso übel wie die Rothäute.

Artus spähte aus dem Fenster. In der Abenddämmerung war die Scheune der benachbarten Farm jenseits des schwarzen Weidelandstreifens kaum zu erkennen. Die Kühe, dachte er, waren wohl sicher, denn er hatte nichts von toten Kühen gehört, bis auf die eine, aber die hatte der armselige alte Sonny Absher gewildert und es dann den Herzdieben in die Schuhe geschoben.

Aber die Herzdiebe bevorzugten, wie es aussah, weniger wehrhafte Beute.

Er hätte nicht zum Stall von McFall gehen sollen. Hatte er ohnehin nur aus blanker Neugier getan, selbst wenn er Delphus McFall eine gute Woche nicht gesehen hatte. Er hatte sich selbst eingeredet, er wäre nur ein guter Nachbar, der nach dem Rechten sah.

Dort im Stall hatte er die Opfer gefunden, in den Pferdeboxen und Schweinepferchen, in einem Zustand wie eine Herde betäubter Maultiere. Blass waren sie gewesen im Laternenlicht, und es hatte einen Augenblick gedauert, bis er richtig kapierte, was er da sah. Sie lagen auf dem Rücken oder auf der Seite, ein paar schnieften und stöhnten, blutige Verbände um den Hals.

Aber der schlimmste Anblick wartete im Getreidespeicher auf ihn. Dort saßen drei Männer aufgereiht nebeneinander, die vernarbten, zerfetzten Arme mit groben Stricken über ihren Köpfen gefesselt. Der vierte Mann jedoch war nicht gefesselt. Nein, der nicht. Er machte sich am Hals des einen Mannes zu schaffen, und sein langes rabenschwarzes Haar schwang in fettigen Strähnen hin und her. Eindeutig eine Rothaut. Mit seinen bräunlichen Händen packte er zu wie ein Schlachter bei der Arbeit.

Tief über sein Opfer gebeugt, bemerkte er Artus zuerst gar nicht. Und dann stieß Artus mit der Laterne gegen einen Hartholzpfosten, und der Indianer hob den Kopf und sah ihn an. Blut tropfte von den dunklen, verzerrten Lippen, zwei lange Zähne blitzten auf, und am Hals des anderen Mannes klaffte ein rotlippiges Grinsen, das dort nicht hingehörte.

Artus war so schnell ins Haus zurückgerannt, dass seine Stiefel kaum den Boden berührten. Er konnte an nichts anderes mehr denken als daran, dass der Kerl diese blutbefleckten Vogelscheuchen verbunden hatte. Sie versorgt hatte. Wie Nutzvieh.

Und wenn es nach der gottverdammten Rothaut ging, waren Artus und seine Frau Betty Ann die Nächsten auf der Speisekarte.

»Siehst du was?«, fragte Betty Ann, und er verabscheute sie dafür, wie ihre Stimme bebte. Bis eben hatte sie an einer kleinen Mütze für ihre Enkeltochter gehäkelt, aber es war eine ganz schöne Fummelarbeit, und sie kriegte es überhaupt nicht auf die Reihe.

»Nä«, sagte Artus. »Vielleicht kommt der heute Nacht gar nicht mehr.«

»Und wenn er nicht der Einzige ist?«

Das hatte Artus auch schon gedacht, weshalb er eine geladene doppelläufige Schrotflinte gegen die Hintertür gelehnt hatte. Die meisten Rothäute waren inzwischen aus der Gegend abgehauen, und die Professoren machten einen Riesenwind um den Pfad der Tränen … als ob irgendwer heulen würde, nur weil ein paar tausend Cherokee-Indianer tot umfielen. Hey, die starben doch sowieso schon wie die Fliegen, und es gab nun mal schlicht und einfach nicht genug Platz für alle.

Aber was, wenn sich nicht nur Rothäute in Herzdiebe verwandelt hatten?

Der Fernseher in der Ecke war eingeschaltet, der Ton ganz leise gestellt. Auf dem Dach hatten sie eine Drahtantenne, sie bekamen nur zwei Sender rein, drei, wenn Wind und Wolken mitspielten, aber es lief ja sowieso auf allen Kanälen das Gleiche, selbst für die reichen Idioten in Florida mit ihren silbernen Satellitenschüsseln und vierhundert Sendern.

Die Laberköpfe mit ihrem New Yorker Akzent lamentierten und lamentierten und taten sich wichtig, und so ging das schon seit Tagen. Zuerst war es nur so eine ganz kleine Sache gewesen, irgendein Typ mit einer komischen Infektion. Mit der Story hatten sie die Leute erschreckt, um ihre Aktien besser zu verkaufen oder um Aktien zu kaufen, oder was auch immer es ihnen nützte, Leute panisch zu machen. Artus hatte nie Aktien besessen, nur Nutzvieh, und wegen der ganzen Verordnungen und der Steuern und dem ganzen Benzin, das es ihn kostete, die Rinder zum Viehmarkt in Wilkesboro rüberzukarren, hatte er seine Herde geschlachtet und nur so viele Tiere übrig gelassen, wie er brauchte, um seinen eigenen Kühlschrank zu füllen.

»In den Nachrichten sagen die, es gibt noch mehr von denen«, sagte Artus. »Aber damit meinen sie die Großstadt. In der Stadt ist es immer am schlimmsten.«

»Was die sagen, ergibt doch überhaupt keinen Sinn.« Betty Ann hakte einen gelben Faden unter und zog ihn durch ein Loch, und Artus hoffte, dass die kleine JoJo diese Mütze niemals tragen musste, weil sie Löcher hatte, durch die ein Kolibri bequem hätte durchfliegen können. Betty Ann war nicht sehr geschickt mit den Händen.

»Diese verdammten Professoren, die sind das Problem«, sagte Artus. »Kommen da mit diesen ganzen Theorien um die Ecke, wo die doch nicht mal Maultierscheiße von Blaubeerkuchen unterscheiden können.«

»Ich hab gehört, es soll eine Seuche sein oder so«, sagte sie. Sie sah sich ununterbrochen die Nachrichten an, aber Artus ertrug von dem Zeug nicht zu viel auf einmal. Außerdem hielt ihn die Farm auf Trab, er reparierte die Zäune und bereitete sich auf die Herbsternte vor. Kürbisse und Futtermais waren allmählich reif, und die letzten Bohnen und Tomaten mussten auch mal eingemacht werden, aber dafür musste Betty Ann lange genug den Arsch hochkriegen, um ein bisschen Wasser heiß zu machen. Und die Kartoffeln, die lagen dort draußen direkt unter der Erde und drohten schon auszutreiben und weich zu werden. Wenn er die nicht bald in den Keller schaffte, würden sie den ganzen Winter nur Kohl essen.

»Also, wenn es eine Seuche ist, dann sind wir hier bestens aufgehoben«, sagte Artus.

»Vielleicht sollten wir mal nach den Greenes sehen.«

Horace Greene hatte sich vor zwei Wochen Artus’ Kettensäge geliehen und sie noch nicht zurückgebracht. Die Greenes waren ein erbärmlicher Haufen, genau wie die Abshers, und es gab keinen großen Unterschied zwischen Leihen und Stehlen, wenn man das, was man sich geliehen hatte, nicht zurückbrachte. Aber vielleicht glaubte ein Wirrkopf wie Horace, Stehlen wäre in Ordnung, wenn man vorher um Erlaubnis fragte.

»Hierzulande kümmern wir uns um unsere eigenen Angelegenheiten«, sagte Artus, aber in Wahrheit fürchtete er sich davor, im Dunkeln die fünfzig Meter Schotterauffahrt bis zu seinem Pick-up langzulaufen, und er fürchtete sich davor zu sehen, was aus Horace Greene geworden war, falls ihn die Herzdiebe erwischt hatten.

»Als du draußen beim Stall warst, war der Präsident im Fernsehen«, sagte Betty Ann, und endlich wandte Artus den Blick vom Fenster ab.

»Und was hat dieser segelohrige Hurensohn zu der ganzen Scheiße gesagt?« Er traute dem Präsidenten ungefähr ebenso weit über den Weg wie Horace Greene.

»Er hat gesagt, wir sollen alle ganz ruhig bleiben und dass sie sich mit allen verfügbaren Mitteln um das Problem kümmern.«

»Sich um das Problem kümmern? Das sagen die immer dann, wenn sie keinen blassen Maultierfurz von einer Ahnung haben, was eigentlich los ist. Wenn es was ist, was sie in Ordnung bringen können, dann bringen sie es in Ordnung. Wenn’s aber was ist, wo’s aussieht, als könnt’s länger dauern, dann sagen die Problem dazu und labern und labern die ganze Zeit darüber bis zur Wahl, und dann vergessen sie’s wieder.«

»Glaub ich nicht, dass die das vergessen können. Die sagen, es sterben wichtige Leute. Da hat sogar so ein Fernsehstar das gekriegt und ist dran gestorben.«

»Fernsehstar?«

»Von so einer Realityshow.«

»Hm.« Artus sah wieder prüfend aus dem Fenster. Nur mit Mühe konnte er die Silhouette der zweistöckigen Stallscheune ausmachen: Oben Heuboden, unten Ställe, die Hühner längst auf dem Grill gelandet. Stattdessen waren jetzt Männer dort drinnen, die wie zerfetzte Beutel herumlagen und darauf warteten, abgeerntet zu werden.

Plötzlich sah er Billy Standingdeer vor sich, und er schüttelte den Kopf, um das Bild zu vertreiben.

»Tja«, sagte er, »sieht ganz so aus, als ob die bald eine echt irre Realityshow am Start haben, wenn das so weitergeht.«

Er sah zum Fernseher hinüber, und trotz des runtergedrehten Tons erkannte er, dass eine Livereportage aus irgendeiner Stadt lief, wahrscheinlich New York. Diese Japanerin, die jetzt ständig in den Nachrichten zu sehen war, quasselte ins Mikrophon, ihre hübschen Lippen bewegten sich sehr schnell, und am unteren Bildschirmrand wurden ein paar Wörter eingeblendet.

Artus hatte in der neunten Klasse die Schule abgebrochen, weil er die Buchstaben immer falsch herum schrieb, und der Lehrer hatte ihm dann angestrichen, was falsch war, und ihn gezwungen, es zu korrigieren. Und dann war der Lehrer immer stinksauer geworden, wenn Artus es so korrigiert hatte, dass es genauso war wie davor. Tja, für ihn hatte es nun mal richtig ausgesehen. Irgendwann hatte es ein paar Tests gegeben und einen Sonderschullehrer, aber inzwischen machten sich die anderen Kinder so sehr über ihn lustig – die Abshers waren darin besonders gut –, dass er es nicht mehr aushielt.

Außerdem hatte er ja sowieso vorgehabt, Rinderzüchter und Tabakfarmer zu werden, so wie sein Daddy, ohne zu ahnen, dass die verdammte Regierung die Zigarettenhersteller bis aufs Blut verklagen würde, bis Tabak irgendwann fast so illegal war wie Marihuana, nur dass Marihuana viel, viel mehr Geld einbrachte.

Also konnte er die Wörter auf dem Bildschirm nicht entziffern, aber Betty Ann las ein paar davon laut vor. »Seuchenschutzbehörden«, sagte sie ein bisschen besserwisserisch, weil sie wusste, dass Artus nicht lesen konnte. »Atlanta, Georgia.«

»Behörden? Brauchen die mehr als eine? Dann muss es aber wirklich ein verdammt großes Problem sein.«

»Der Präsident hat gesagt, es hat oberste Priorität und dass er seine besten Leute dransetzt.«

Auf dem Bildschirm erschien ein stocksteifer Typ in dunkelgrüner Militäruniform und mit genug Messing auf der Brust, um eine anständige Schnapsdestille daraus zurechtzuhämmern. Der Offizier ging zackig voran, Schultern zurück, Kopf gesenkt, und redete im Laufen mit einer Frau in Kostüm und weißem Mantel. Ein Haufen Leute mit Kameras und Mikrophonen wuselte um sie herum, was heißen musste, dass die beiden wichtig waren.

»Na ja. Wir sind hier weit weg von Washington, also sehen wir wohl besser zu, dass wir selbst für uns sorgen«, sagte Artus. Er schämte sich ein bisschen dafür, dass er Betty Ann in seinen Plan einbezog, aber er wollte nicht zugeben, dass er Angst hatte.

»Wieso glaubst du, dass es Billy Standingdeer ist?«, fragte sie.

»Der hat doch schon die ganze Zeit von dieser Rabenspötter-Scheiße gefaselt. Du weißt schon, diese Cherokee-Legende, wo so ein böser Geist zu den Sterbenden kommt und ihnen ihre letzten Tage stiehlt. Wenn er ihre Herzen frisst, lebt er selbst so viele Tage länger, wie sie noch gehabt hätten.«

»Die sagen, Blue Hartley ist auf natürliche Weise gestorben.«

»Na, was sollen die auch sonst sagen? Diese Vollpfosten vom County werden doch von der Regierung ausgebildet. Und Lügen ist ansteckend.«

»Weißt du irgendwas, das ich nicht weiß?«

Er wollte ihr nicht erzählen, dass er gesehen hatte, wie Billy Standingdeer drüben in der Scheune irgendeinem armen Idioten am Hals rumkaute. »Neulich in der Stadt, da hab ich mit Frankie Fowler vom Bestattungsinstitut geredet. Hat mir erzählt, dass sie Hartley gerade für den offenen Sarg anziehen wollten, und da haben sie gesehen, dass seine Brust aufklafft.«

»Ich dachte, die nehmen sowieso alle Organe raus.«

»Ja, aber nur, wenn die Organe auch noch drin sind.«

»Du glaubst, Billy hat sie rausgenommen? So als ob er diese Legende nachspielt?«

»Du weißt doch, wie diese Rothäute sind. Die sind nie drüber weggekommen, dass wir uns ihr Land genommen haben. Dabei haben die es doch eh nicht richtig genutzt. Bisschen jagen und Wurzeln fressen und so, mehr haben die doch nicht gemacht.«

»Ich weiß gar nicht, worüber die sich eigentlich beschweren. Die Regierung hat ihnen das Reservat gegeben, und ein schickes Casino haben sie auch noch.«

Über das verdammte Casino wollte Artus nicht reden. Bei der Eröffnung waren sie nach Qualla gefahren, und die blinkenden, lärmenden Maschinen hatten in Windeseile ungefähr zwanzig Dollar geschluckt, ehe er Betty Ann am Handgelenk gepackt hatte und die zwei Stunden zurück nach Pickett County gefahren war.

»Halt den Mund und stell den Fernseher lauter.« Er spähte wieder aus dem Fenster Richtung Scheune. Nichts bewegte sich.

Ächzend stemmte sich Betty Ann aus ihrem Sessel hoch. Auf ihre alten Tage setzte sie ordentlich Speck an, und ihre Arthritis wurde auch immer schlimmer. Artus versprach sich nicht mehr viel vom Rest ihres gemeinsamen Lebens. Aber sterben wollte er trotzdem noch nicht, und wenn das Vieh, was hier in Pickett County Herzen fraß, hereinzukommen versuchte, dann würde er es mit einem zweifachen Zwölf-Kaliber-Willkommensgruß empfangen.

Die Stimme der japanischen Nachrichtensprecherin dröhnte auf, der Ton war ein bisschen verrauscht. Artus fand, dass sie für eine Japse ziemlich gut reden konnte, aber eigentlich sah sie viel zu jung aus, um über so wichtige Themen wie durchgedrehte Herzfresser und Blutsäufer zu schwadronieren.

»… hat der Präsident ein Beratungskomitee einberufen, um die Mutationen näher zu untersuchen, die manche für den Ausbruch einer ansteckenden Krankheit halten«, sagte sie.

Auf dem Bildschirm wurde eine Warteschlange in einem Kaufhaus eingeblendet. Die Leute hatten die Arme voll mit Waren, drängelten und schubsten einander. »In einigen Vierteln haben die Berichte Panik ausgelöst. Die Menschen decken sich mit Batterien, Lebensmitteln, sogar mit Waffen ein, obwohl der Präsident versichert, dass die Lage unter Kontrolle sei«, kommentierte die Reporterin.

»Unter Kontrolle? Am Arsch«, brummte Artus. »Frankie sagt, drüben bei Whispering Pine haben sie in einem Pick-up einen Typen gefunden, in dem kein Tropfen Blut mehr war. Und ich weiß zwar nicht, was die Rothaut drüben in der Scheune getrieben hat, aber es war auf jeden Fall was Unnatürliches. Ich kenn keine Krankheit, die so was macht. Was auch immer das ist, jetzt ist es auch hier angekommen.«

»Glaubst du, Billy hat sich damit angesteckt und benimmt sich deshalb so verrückt? Vielleicht hat er ja Fieber und glaubt auf einmal, dass diese alten Legenden wahr sind.«

»Und will jetzt seine Urahnen rächen? Glaub ich nicht.«

»Unseren Quellen zufolge wurden manche der Leichen in Gruppen gefunden, als hätten die Mörder ihre Opfer zusammengetrieben oder gefangen gehalten. Es ist denkbar, dass diese raubtierartigen Verhaltensweisen durch genetische Mutationen ausgelöst wurden.« Die Japsen-Reporterin ratterte noch immer lauter große Wörter vor sich hin, aber Artus hörte nicht mehr hin, denn auf dem Dach schepperte es.

»Hast du das gehört?«, fragte Betty Ann.

»Schschhh«, zischte Artus. Betty Ann hatte zwar die Highschool geschafft, aber manchmal war sie dumm wie Bohnenstroh.

Die Japse quasselte jetzt noch schneller. »Die Infektion wird auch als das Vampir-Virus bezeichnet, weil die möglichen Mutationen …«

Mit einer Hand schnappte sich Artus die Shotgun, kroch auf knirschenden Knien hastig zum Fernseher und schaltete ihn aus. Mit einem Mal war das Haus still. Angestrengt lauschte er in die Nacht hinaus. Ein leichter Wind strich dort draußen durch die Zweige, aber ansonsten hörte er nichts bis auf seinen eigenen Herzschlag, der ihm in den Ohren dröhnte.

Dann kreischte etwas auf, vielleicht nur der heulende Wind. Oder vielleicht auch ein riesiger Rabe, der durch die Lüfte flatterte.

»Meinst du, das ist er?«, flüsterte Betty Ann.

»Na ja, der Rabenspötter ist ein Rabe, oder?«, sagte er abfällig, aber er wusste, dass er so gereizt reagierte, weil er sich fürchtete. »Und ein Rabe ist ein Vogel. Und ein Vogel kann fliegen.«

»Aber die im Fernsehen haben von Vampiren geredet …«

»Vampire gibt es nicht. Weiß doch jeder Idiot.«

Vampire vielleicht nicht, aber Rabenspötter … wer weiß?

Hoch über ihnen quietschte und knirschte das Blechdach.

Er wollte sich nicht vorstellen, dass Billy Standingdeer dort oben herumlief. Artus war sicher, dass Leute durch diese Krankheit nicht auf einmal Flügel bekamen und fliegen lernten. Aber ganz dicht neben dem Haus wuchs eine große alte Eiche, und eine durchgedrehte Rothaut könnte ganz einfach hinaufklettern, sich an den Ästen entlanghangeln und aufs Haus springen. Rasch schüttelte Artus das Bild ab, wie der junge Cherokee dort oben mit wehendem schwarzem Haar im Baum hockte und ins hell erleuchtete Fenster spähte.

Während Artus zur Treppe schlich, huschte Betty Ann zum Fenster, ihre misslungene kleine Häkelarbeit fest umklammert. Etwas wummerte auf dem Dach, gefolgt von einem metallischen Dröhnen, das tief in Artus’ Knochen widerhallte.

»Da draußen bewegt sich was«, sagte Betty Ann.

Einen Fuß bereits auf der untersten Stufe, hielt Artus inne. »Das ist nur Billy.«

»Ich dachte, Billy ist auf dem Dach.«

»Ja, und außer Billy ist da keiner. Wenn er auf dem Dach ist, kann da draußen nichts sein. Also halt den Mund.«

»Du hast doch gehört, was sie im Fernsehen sagen. Es breitet sich aus.«

»Nur in der Stadt, wo die Leute alle dicht an dicht aufeinanderhocken.«

Sie sah immer noch aus dem Fenster. »Na, irgendwas bewegt sich jedenfalls da draußen bei McFalls Scheune.«

Artus fragte sich, ob Billy es wohl schaffen würde, sich an der Dachtraufe festzuhalten und sich durch eins der Fenster oben im ersten Stock zu schwingen. Er lauschte, ob er Fußtritte hörte – und da waren sie, direkt über dem Schlafzimmer der Jungs, das leer stand, seit sie erwachsen geworden und weggezogen waren. Bis auf ein paar Kartons und einen Kleiderschrank mit ein paar zurückgelassenen Klamotten war da drinnen nichts mehr. Das Fenster stand wahrscheinlich offen, damit die feuchte Herbstluft zirkulieren konnte.

Artus wollte gerade die Treppe hochlaufen und sich an der Zimmertür auf die Lauer legen, da hörte er die Schritte eines weiteren Eindringlings auf dem Dach.

»Und im Maisfeld sind auch ein paar«, sagte Betty Ann eigenartig ruhig, als wäre es nur eine Fernsehsendung. »Raben mögen Mais, oder?«

Normalerweise duldete Artus von seiner Frau keine Frechheiten, aber im Augenblick war er zu abgelenkt von diesen verdammten Rothäuten, die das Haus belagerten. Es war doch nicht seine Schuld, dass Daniel Boone und seinesgleichen die Berge besetzt und die Cherokee in den Westen abgedrängt hatten. Und er hatte nie was gegen einen von ihnen persönlich gesagt, solange sie auf ihrem armseligen Stück Land blieben.

Aber nein, das taten diese Standingdeers ja nicht.

Billy Standingdeer hatte mit einer Aldridge angebandelt, und auch wenn die Aldridges noch zu Zeiten der Prohibition schon überall in Ungnade gefallen waren, so waren sie doch immer noch weiß und gehörten außerdem hierher, und es gefiel den Leuten gar nicht, wenn jemand diese guten Eigenschaften mit Cherokee-Blut beschmutzte. Und dann hatten ein paar von Billys Brüdern sogar plötzlich beschlossen, sich am örtlichen College einzuschreiben.

Aber an ihren Traditionen hielten sie trotzdem fest, wenigstens an den jährlichen Markttagen, wenn die Historische Gesellschaft drüben auf Melvin Eggers Kuhweide ein Festival ausrichtete und die Vergangenheit wieder aufleben ließ. Dann staffierten sich immer ein paar Cherokee mit Hirschleder und Federn aus und führten für zehn Dollar die Stunde Regentänze auf, und Billy Standingdeer war einer von ihnen.

Auf dem Festival gab es auch Geschichtenerzähler, und da hatten Artus und Betty Ann die Legende der Rabenspötter gehört. Eine uralte Standingdeer war es gewesen, so verdammt alt, als hätte sie bei der Erschaffung der Welt gerade die ersten Milchzähne gekriegt. Nicht, dass von ihren Zähnen jetzt noch einer übrig gewesen wäre.

Legende hin oder her, Artus gefiel es gar nicht, wenn Leute auf seinem Dach herumstiefelten. Und was auch immer die Rothaut da drüben in der Scheune der McFalls angestellt hatte – das hieß ja noch lange nicht, dass sich auch die anderen verwandelt haben mussten.

»Kommen sie näher?«, fragte er zögernd. Nur ungern wollte er weiter die Treppe hinaufgehen. Selbst die Shotgun in der Hand verlieh ihm keine rechte Sicherheit.

»Einer ist jetzt am Zaun«, sagte sie. »Ich kann sehen, wie sich das Licht von der Veranda in seinen Augen spiegelt.«

Artus bewahrte eine Pistole in seinem Nachttisch auf, aber das Schlafzimmer war oben. Im Flurschrank war noch eine .22er für die Eichhörnchenjagd, und er hatte Betty Ann gezeigt, wie man damit zielte und schoss, obwohl sie keine gute Schützin war. Trotzdem, ein bisschen zusätzliche Feuerkraft würde nicht schaden, solange sie nicht wussten, womit sie es hier zu tun hatten.

»Hol das Gewehr aus dem Schrank«, sagte er und ging ein paar Stufen hinauf. »Munition ist auf dem Regalbrett ganz oben. Du weißt ja, wie man lädt.«

»Ich schieß auf keinen«, sagte sie.

»Sind nur Rothäute«, sagte er.

»Die kommen immer noch näher.«

»Würdest du auf sie schießen, wenn’s Vampire wären?« Zwei weitere langsame Schritte die Treppe hinauf.

»Hängt davon ab, ob die versuchen, mein Blut zu trinken.«

»Und der Rabenspötter frisst dein Herz. Läuft aufs Gleiche raus.«

Jetzt setzte sie sich in Bewegung. Er sah sie nicht, weil er inzwischen fast ganz oben auf der Treppe angelangt war, aber er hörte das Quietschen der Schranktür. Die zwei Paar Füße dort oben tanzten weiterhin ihren metallischen Hoedown auf dem Blechdach.

Artus erreichte den oberen Treppenabsatz und schaltete versuchsweise das Licht ein. Die Regierung hatte das Telefon abgestellt, aber wenigstens der Strom ging noch. Vielleicht steckte die Regierung auch hinter der Seuche. Eigentlich sinnlos, außer sie wollten damit ehrlichen Steuerzahlern Angst einjagen. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, der gute alte Billy Standingdeer gab einen Mauleselschiss auf Steuern.

Die Tür zum Zimmer der Jungs befand sich drei Meter vor ihm. Die Schritte auf dem Dach waren verstummt, aber der Wind wehte inzwischen stärker, und das ganze Haus quietschte und ächzte, so dass sonst nicht viel zu hören war.

»Alles okay, Schatz?«, flüsterte er die Treppe hinunter.

»Ging mir nie besser«, sagte sie.

Genau dasselbe hatte sie in ihren Flitterwochen gesagt, nachdem er eine Riesensauerei angerichtet und Betty Ann ein bisschen geweint hatte.

»Sind noch welche da draußen?«

»Der Himmel ist pechschwarz«, sagte sie. »Falls da draußen irgendwelche Raben rumfliegen tun, seh ich’s nicht.«

Artus wusste nicht, ob sie ihn aufzog oder nicht. Sie schien nicht solche Angst zu haben wie er. Aber sie hatte ja auch nicht Billy Standingdeer in der Scheune gesehen, mit einem durchgeknallten Grinsen, ganz als ob er den Blutgeschmack auf seinen Lippen genoss. Und diese Augen, dieses rote Funkeln im Laternenlicht …

Zum Teufel mit Billy und seinem ganzen Stamm von lauter Herzdieben. Ich hab eine kleine Zwölf-Kaliber-Friedenspfeife für ihn dabei.

Mit hämmerndem Herzen schlich Artus durch den Flur. Er versuchte, nicht daran zu denken, was diese Japsin im Fernsehen über Vampire gesagt hatte.

Wenn er ein Vampir ist, brauchst du dann nicht Silberkugeln oder angespitzte Holzkreuze oder so was?

Aber er glaubte nicht an Vampire. Hier in den südlichen Appalachen war es der Rabenspötter, wegen dem man sich Sorgen machen musste. Der und die Regierung.

Die Tür war direkt vor ihm. Unverschlossen. Er musste nur die Hand ausstrecken und den Knauf drehen.

Aber er brachte es nicht fertig.

Wieder hörte er Schritte, doch selbst über dem Rauschen der Bäume klang es nicht nach jemandem, der über ein Blechdach lief. Nein, es klang, als liefe jemand über Holz.

Die Tür klapperte im Rahmen.

Bestimmt der Wind. Das Fenster wird offen sein.

Dann drehte sich der Türknauf, und es war, als ob das Haus in den Herbstböen leicht erschauerte.

Er konnte sich nicht abwenden, geschweige denn weglaufen, seine Beine fühlten sich an wie schwere, tief in felsigem Boden verankerte Holzpfeiler. Die Shotgun in seinen Händen wog Tonnen, und seine Lungen schienen fürs Atmen viel zu eng zu sein. Das Herz hämmerte ihm wie wild gegen die dürren Rippen.

Die Tür schwang langsam nach innen auf, und dahinter sah er nichts als Dunkelheit.

Er versuchte, sich an die Geschichte zu erinnern, die die alte Standingdeer erzählt hatte, denn es gab einen Weg, den Rabenspötter zu besiegen. Sie hatte gesagt, dass nur Medizinmänner ihn töten konnten, aber was war denn bei einer Cherokee-Legende auch sonst zu erwarten? Ein weißer Anwalt?

Zählte eine Shotgun nicht auch als Medizin? Artus jedenfalls würde jederzeit die Waffe nehmen, wenn er die Wahl zwischen einem Gewehr und irgendwelchem Eulenfeder-Hokuspokus hatte.

Die Alte hatte gesagt, die Rabenspötter würden zu den Kranken und Schwachen kommen und ihnen die letzten Tage stehlen, indem sie ihnen die Herzen rausrissen. Artus glaubte nicht, dass ihm mit seinem hohen Blutdruck und seinem Diabetes noch viele Jahre blieben, aber die würde er ganz sicher nicht kampflos hergeben.

Die Tür schwang noch ein paar Zentimeter weiter auf, und das Haus erbebte im plötzlich aufkommenden Wind. Fensterläden klapperten, und irgendwo auf dem Dach sang ein loses Stück Blech einen rostigen Klagelaut.

Er fragte sich, ob die Wesen dort draußen – Rabenspötter, Vampire oder einfach nur stinknormale Rothäute – immer noch näher kamen und ob Betty Ann das Rückgrat hatte, auf sie zu schießen, wenn sie sich zu nah ans Haus wagten. Wahrscheinlich nicht. Anfangs war es nett gewesen, eine ängstliche Frau zu haben, damals, als er die Regeln festgelegt hatte und sie sich entweder daran hielt oder einen raschen Schlag in die Nieren bekam, wenn sie eine kleine Lektion nötig hatte. In gewisser Weise waren Frauen genau wie die Rothäute, wollten immer ein bisschen mehr haben, als sie selbst leisteten, oder sie erwarteten Gleichberechtigung, obwohl sie die ganz sicher nicht verdient hatten.

Aber der Rothaut, die gleich durch die Tür kommen würde, dieser Rothaut würde er schon zeigen, wo der Hammer hing, oder er schickte sie geradewegs zurück in die Hölle.

Die Tür öffnete sich noch ein Stück, und Artus hob die Shotgun. Sie kam ihm immer noch schwerer vor als sonst, und sein Herz raste und zuckte wie verrückt in seiner Brust. Er atmete tief durch, damit seine Hand ruhiger wurde, aber es half nichts.

Während die Oktobernacht draußen wütete, als hätten sich die Berge gespalten und die alten Götter freigelassen, erbebte unter Artus’ Stiefeln der Boden. Die Lampen flackerten, und sein Herz setzte einen Schlag aus.

Wenn die gottverdammte Regierung jetzt auch noch den Strom abdreht …

Sein Finger krümmte sich um den Doppelabzug. Sollte es auf einmal dunkel werden, würde er aus vollen Rohren drauflosballern, und was auch immer dort hinter der Tür stand, würde sich im Zimmer verteilen wie ein aufgeplatzter Beutel voll Suppe.

Die Tür öffnete sich noch weiter, und eine Hand erschien. Die rötlich braunen Finger wirkten ganz normal, abgesehen vom schwarzen Rand unter den Nägeln.

Mach schon, du alter Idiot. Schieß.

Aber irgendwie war er auch neugierig, wollte sehen, in was sich die Rothaut verwandelt hatte. Inzwischen fiel es Artus schwer zu glauben, was er drüben in der Scheune gesehen hatte. Vielleicht waren es ja auch nur ein paar mexikanische Wanderarbeiter von den Weihnachtsbaumfarmen gewesen, die billigen Wein gesoffen und Gras geraucht hatten, bis sie das Bewusstsein verloren. Billy Standingdeer war vielleicht nur ihr Dealer und hatte ein paar Pülverchen aus seinem Medizinbeutel verteilt.

Aber das erklärte nicht das Blut.

Genau im selben Augenblick, als die Tür richtig weit aufschwang, spürte Artus einen kalten, festen Stoß in seinem Rücken. Der Schmerz in seinen Nieren nahm es locker mit dem in seiner Brust auf, und die Shotgun lag ihm plötzlich wie ein durchweichtes altes Stück Eichenholz in den Händen, schwer und nutzlos.

Billy stand in der Tür, die Pupillen tiefschwarz wie die eines Vogels, aber die Haut ringsum blutunterlaufen, und sein Mund war zu einem schiefen Grinsen verzogen. Und da waren sie, die zwei langen Zähne.

Darauf konnte Artus sich aber nicht konzentrieren, wegen der bohrenden Schmerzen in seinem Rücken. Sosehr ihn Billys Anblick auch in den Bann schlug, Artus reckte den verwelkten alten Hals, um einen Blick über die Schulter zu werfen.

Es war Betty Ann, die ihm mit finsterer Miene die .22er in den Rücken drückte. Es war ihm nie zuvor aufgefallen, aber sie hatte blaue Augen, und sie wirkten so kalt wie der tiefste Winter und so hart wie Eis auf einem Friedhof.

»Äh – Betty?«, murmelte er verwirrt. Blickte wieder zu Billy Standingdeer, dessen Haut nur noch dunkler zu werden schien, als er in den erleuchteten Flur hinaustrat. Am unheimlichsten waren allerdings seine Augen, nichts als tiefstes Schwarz und Rot, nirgendwo auch nur das kleinste Fleckchen Weiß.

Hoch mit der Waffe, du alter Narr …

Doch seine Arme waren wie feucht gewordene Seile, und er konnte die Shotgun nicht einmal weit genug heben, um Billy die Kniescheiben wegzuschießen.

»Erschieß ihn«, grunzte er und hoffte, dass Betty Ann mehr Willensstärke und Kraft aufbrachte als er selbst, obwohl bisher immer er der Beschützer gewesen war. Der Herr des Hauses. Der die Regeln bestimmte.

Sie tat es nicht. Stattdessen stieß sie ihm noch einmal in die Nieren. »Fallen lassen«, sagte sie, und ihre Stimme war ruhig und klar, obwohl die Wände ringsum im Sturm erzitterten.

»Was?«, flüsterte Artus. Die Kraft schien aus seinen Beinen zu rinnen, und er lehnte sich gegen die Wand. Die Mündung der Shotgun rummste zu Boden, und er versuchte, sich einen Reim auf das Feuer zu machen, das auf einmal hinter seinen Rippen aufloderte.

Er sackte zusammen und rutschte an der Wand hinab, bis er auf dem Boden saß und nach Atem rang. Billy kam durch den Flur auf ihn zu, jetzt vollkommen lautlos, fast als glitte er auf einem Teppich aus Luft dahin.

Wie ein Rabe …

Artus sah zu Betty Ann auf. Sie hatte die .22er auf sein Gesicht gerichtet, und sie hielt das Gewehr, als verstünde sie damit umzugehen. Als hätte sie heimlich hinter seinem Rücken geübt.

Hinter meinem Rücken … das wäre witzig, wenn es nicht so wahnsinnig weh tun würde …

Ein Geräusch auf der Treppe lenkte ihn gerade lange genug von seinem Elend ab, um die anderen zu sehen. Einer der Standingdeer-Brüder und noch ein paar andere Rothäute, die er nicht erkannte. Sie hatten alle die gleichen tintenschwarzen Augen, wie Murmeln, die jemand aus einem Stück des tiefsten, dunkelsten Winkels einer uralten Nacht geformt hatte.

»Er gehört ganz euch«, rief Betty Ann, und sie redete nicht mit Artus.

Artus ließ die Shotgun in seinen Schoß fallen. Während Billy und die anderen näher kamen, wirbelten die Gedanken durch seinen Kopf.

Der glühend heiße Speer, der direkt aus dem Höllenfeuer kam und sich tief in seine Brust gebohrt hatte …

Billy Standingdeers geschürzte, zu einem Grinsen verzogene Lippen, die seinen Mund aussehen ließen wie einen Schnabel …

Betty Anns Gesicht, so gelassen, wie er sie nie zuvor gesehen hatte, und mit einem Mal fragte er sich, ob er sie in den vierzig Jahren ihrer Ehe überhaupt einmal richtig angesehen hatte …

Aber vor allem dachte er an das, was die Japse über Vampire erzählt hatte, und er fand, dass er froh sein konnte, dass diese Wesen hier keine Vampire waren, sondern Rabenspötter, denn auf gar keinen Fall wollte er sterben und als gottverfluchte blutsaugende Rothaut wieder zurückkommen. Oder, noch schlimmer, in einem Verschlag gehalten werden, damit diese dreckigen Rothäute sein Blut tranken, wann immer es sie danach gelüstete.

Und dann griff Billy nach Artus’ Brust, nach seinem schwachen, vor Schmerz brennenden Herzen, und er fragte sich, wie sie wohl die Jahre, die sie ihm stahlen, unter sich aufteilen würden und ob sie als Nächstes Betty Anns Jahre stehlen würden.

Die anderen Rothäute drängten näher, wollten auch an die Reihe kommen, und Betty Ann trat beiseite, um ihnen Platz zu machen.

Aber gerade als der erste Herzdieb ihm in die Brust griff, wurde ihm klar, dass Betty Ann noch viele Jahre blieben und dass es womöglich die besten Jahre ihres Lebens sein würden.

Während der Rest seines Lebens …

… nicht mehr lange währte.

 

***

Aus dem Amerikanischen von Maike Hallmann.

 

Erschienen in: Jonathan Maberry: »V-Wars. Die Vampirkriege«. FISCHER Tor 2019.
© 2012 by Scott Nicholson.
© der Übersetzung: 2019 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main.
Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Scott Nicholson ist internationaler Bestsellerautor von über fünfundzwanzig Büchern, darunter mehrere Thriller und Horrorromane. Außerdem hat er einige Kinderbücher, Comic-Serien sowie Drehbücher geschrieben und um die achtzig Kurzgeschichten veröffentlicht. Der Autor, dessen Geschichten bevorzugt in den Appalachen spielen, lebt in North Carolina.

»Herzschmerz« von Scott Nicholson. Titel der Originalgeschichte: »Heartsick«. Aus dem Amerikanischen von Maike Hallmann

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 27. Dezember, genau hier.

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