Kurzgeschichte am Fiction Friday: Stanchloams Erbe von Christian von Aster

© kkoertshuis - pixabay // v2osk - Unsplash

FICTION FRIDAY

Stanchloams Erbe (Christian von Aster)


Mitten im menschlichen Bodensatz von Manchester, in einem dunklen Keller, ist Professor Stanchloam dem Geheimnis des Lebens auf der Spur – und tut Dinge, die nicht von Menschenhand getan werden sollten …

Unsere schauerliche PAN-Story des Monats von Christian von Aster steht in schönster Lovecraft-Tradition und erschien erstmals im Magazin "Basement Tales".

Und wenn du wissen möchtest, wer oder was dieser PAN eigentlich ist, erfährst du hier mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

 

***

Vita quaesitum Dei ultimum hominibus

Dies ist Hulme, Manchesters Gosse, wo jeder in der Hoffnung, ihr ein paar Shilling rauben zu können, der Hoffnung ein Messer in den Rücken jagen würde. Meinesgleichen pflegt man hier seltener zu finden. Bis vor Kurzem studierte ich an der Universität und habe eigentlich kaum mehr ein halbes Jahr bis zu meinem Abschluss in Biologie. Summa cum laude, wie wohl die meisten meiner Professoren erwarten.

Doch ich werde nicht zurückkehren. Nicht an die lackierten Tische, nicht in die Labors und auch nicht in die Bibliothek, wo all das Übel seinen Anfang nahm.

Ich habe an all das geglaubt. Doch die ganze erbärmliche Naturwissenschaft ist tatsächlich nicht mehr als der verzweifelte Versuch, den ungerechten Vorsprung Gottes aufzuholen. Das habe ich nunmehr begriffen. Nun, nachdem ich ihm selbst so lange nachgehastet bin, durch zahllose Bücher, fremde Worte, von brennendem Ehrgeiz beseelt, in der Hoffnung, die Geheimnisse der Schöpfung zu entschleiern.

Diese Zeit aber ist ein für alle Mal vorbei. Um das zu verstehen, musste ich hierher kommen. Hinabsteigen in die Gosse, zwischen verzogene Wände, hinein in den Gestank, wo ich hinter zugezogenen Vorhängen den Lärm der Straßen vernehme. Doch es war nicht die Spur Gottes, der ich hier hinunter folgte. Es war die eines der verdientesten Professoren der Universität von Manchester, eines Mitbegründers ihres herausragenden naturwissenschaftlichen Rufes: Prof. T. T. Stanchloam.

Stanchloam unterstand in den Jahren von 1842–1862, bis zu seinem unrühmlichen Ableben, der gesamte Fachbereich Biologie innerhalb der Universität. Er war ehrgeizig wie kein Zweiter, ein Mann der Praxis, unter dem die Forschungsmittel der Einrichtung vervielfacht wurden. Seine Publikationen und Experimente hatten ihm schnell internationale Anerkennung und den Ruf eines Genies eingebracht, der ihm lange erhalten blieb und der Universität über Jahre immense Gelder sicherte.

Abseits der Vorlesungen aber hatte Stanchloam seinen Ehrgeiz in andere Bahnen gelenkt. Er hatte in der Tradition Galvanis, Wimshursts und Chandlers gearbeitet, mit Elektrizität, verpflanzten Gliedmaßen und biologisch-chemischer Gewebestimulation experimentiert.

Und als ihm 1860 schließlich eine Auszeichnung für besondere naturwissenschaftliche Leistungen zuteilgeworden war, hatte er jenen Satz geprägt, welcher der Kirche so übel aufstieß und doch zum heimlichen Motto der Universität geworden war:

„Alle Bemühungen der Naturwissenschaft sind nichts anderes als der hehre Versuch, den ungerechten Vorsprung Gottes aufzuholen.“

Von der Wissenschaft geehrt und von der Kirche geächtet zu werden war das Schicksal des ehrwürdigen Telonius Tyndale Stanchloam. Und darin strebten alle ihm nach. Jahrgang um Jahrgang, Studenten, die mehr als willens waren, Gottes Vorsprung aufzuholen.

Stanchloam war ihnen ein flammendes Vorbild, dem sie nacheilten und -eiferten.

Selbst dann noch, als seine Experimente sich zu verändern begannen und ihm nahegelegt wurde, sie besser außerhalb des Universitätsgeländes fortzuführen.

Es ging den Leuten um das Ansehen ihrer Lehrstätte, die aber ohne Stanchloam kaum mehr als provinziell gewesen wäre. 

Der Gegenstand jener fraglichen Experimente war nichts weniger als die logische Konsequenz seiner Forschungen. Stanchloam stand seinerzeit im Begriff, das Geheimnis des Lebens zu ergründen. Ein Faust der Moderne, der, ohne je einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben, die Visionen Mary Shelleys und die Träume ganzer Generationen von Forschenden mit neuem Leben erfüllt hatte.

Seine Bücher aber, zumindest die vor 1860 veröffentlichten, werden immer noch aufgelegt und gehören nach wie vor zu den gebräuchlichen Lehrmitteln unserer Universität.

Die Universität von Manchester war das naturwissenschaftliche Flaggschiff bei jener ehrgeizigen Verfolgung Gottes, und Prof. T. T. Stanchloam war seine Galionsfigur.

In seinen letzten Jahren, während derer Stanchloam sehr zurückgezogen lebte und nur noch vereinzelt Veranstaltungen an der Universität leitete, drang kaum etwas über sein Tun nach außen. Selbst die Liste seiner Veröffentlichungen, die in der Regel zumindest zwei Publikationen per annum beinhaltete, endete vollkommen abrupt.

Abseits aller Öffentlichkeit aber war Stanchloam weitergeeilt, immer Gott auf der Spur.

Bis man ihn schließlich gefunden hatte.

Hier, in dieser Pension in Hulme, inmitten des menschlichen Bodensatzes, ohne einen Abschiedsbrief, kalt, die Pulse geöffnet, am Boden liegend.

Obwohl die Umstände seines Todes es kaum zuzulassen schienen, wurde T. T. Stanchloam bald ein eigenes Mausoleum auf dem Philips-Park-Friedhof zuteil. Den Eingang desselben ziert ein Sinnspruch des Bischofs von Manchester, der allgemein als postume Aussöhnung Stanchloams mit der Kirche gedeutet wird: Vita quaesitum Dei ultimum hominibus.

Das Leben ist Gottes letzte Frage an den Menschen. Und das war der Schlussstrich, den die Kirche unter den Streit mit dem Wissenschaftler zu ziehen gedachte, die Erinnerung daran, in wessen Händen ihres Erachtens das Leben zu liegen zu hatte. Auch heute noch, knapp vierzig Jahre später, ist es die Kirche, die für Pflege und Instandhaltung des Mausoleums aufkommt.

Dass ein Mann, der den Geheimnissen des Lebens so nahe war wie kaum ein zweiter, beschließt, sich selbst umzubringen, scheint auf eine sonderbare Art absurd. Dass aber dieser Mann nach seinem Tod für sein gemeinhin als unmoralisch erachtetes Lebenswerk auch noch von der Kirche geehrt wird, scheint beinahe ein Hohn.

 

Bis heute gilt er Studenten als Vorbild. Seine Büste in der Eingangshalle wird allmorgendlich frisch poliert, ebenso wie sein Andenken, das bei jeder offiziellen Veranstaltung mit einer Variation ein und derselben Rede hochgehalten wird.

All das aber ist nur die halbe Wahrheit.

Nichts von dem, was diese Menschen aus ihm gemacht haben, hätte mich jemals zu beeindrucken vermocht.

Für meinen Geschmack gab es dort draußen ohnehin schon zu viele alte Männer, die noch immer von dem Ruhm zehrten, der daher rührte, in ihrer Jugend eine Handvoll Erbsen gezählt zu haben. Ich wollte keiner von ihnen werden, mein Leben nicht zwischen alten Büchern fristen, Staub fressen und Frösche sezieren. Mir war die Naturwissenschaft ein Abenteuer, und ich hätte lieber in einem Dschungel als in einem Lehrsaal verschollen sein wollen.

Und so war es erst ein absonderlicher Skandal im fernen London, der mein Interesse an Stanchloams Forschungen weckte: Einer seiner Schüler, ein gewisser T. H. Brackenseed, der es nach Stanchloams Tod schließlich zu einem eigenen Doktortitel und einigen Veröffentlichungen gebracht hatte, war mit Verbrechen außerordentlichen Ausmaßes in Verbindung gebracht worden, die neben Menschenraub auch Verstümmelung und Mord beinhalteten.

Und hier lag der Schlüssel zu Stanchloams wirklichem Wirken.

Wie hätte sich das Geheimnis des Lebens den Froschsezierern, Staubfressern und Bücheregeln erschließen können? Sie krochen Gott bloß nach. Einzig eine neue Schöpfung vermochte dem Menschen dieses Geheimnis zu eröffnen! Es galt, Schöpfer zu werden statt Forscher.

Homunculi, künstliches Leben, die Überwindung des Todes, das Erschaffen des neuen Menschen, das war die größte aller Aufgaben.

Schöpfer aber ist weder in den Augen der Gelehrten unserer Tage noch in denen der Kleriker eine ehrbare Profession. Womöglich wird eine Zeit kommen, in der es anders ist, heute aber vermag niemand, sich die Krone aller Wissenschaften im Licht der Öffentlichkeit aufs Haupt zu setzen. In dieser Gewissheit begann ich, Stanchloam auf dem Teil seines Weges zu folgen, der im Schatten und abseits gesellschaftlicher Anerkennung lag und der mich schließlich hierher, in die Niederungen menschlichen Abschaums, führte.

 

Man hatte Stanchloams Spur ins Dunkel weitgehend verwischt, vor allem, um ihn zu dem zu machen, was er heute ist. Es brauchte einige Nachforschungen, sie wieder sichtbar zu machen. Doch auch hier waren mir die Einzelheiten des Skandals aus dem fernen London von Nutzen.

Dr. Brackenseed hatte sich, nachdem man ihn dort aufgrund seiner Experimente der Hochschule verwiesen hatte, in das vielleicht schlechteste Viertel der Stadt zurückgezogen, wo sein Geld und sein Einfluss es ihm ermöglicht hatten, die Bewohner auf verschiedene Art zur Fortführung seiner Experimente einzusetzen. Sie arbeiteten für ihn. Verkauften ihm ihre Toten, schafften herbei, was immer er brauchte, dankbar für die Brotkrumen, die vom Tisch jenes Gelehrten fielen.

Vor dem Hintergrund, dass Stanchloam sein Lehrer gewesen war, erschien es mir kaum abwegig, dass dieser es zu Lebzeiten in Manchester ebenso gehalten hatte.

 

So begab ich mich also in der Hoffnung, seine Spur nach all den Jahren noch finden zu können, hinunter nach Hulme und begann, das Geld meines Vaters für etwas anderes als Lehrbücher auszugeben.

Ich musste manches Pfund aus meiner Börse ziehen, bevor ich jemanden fand, der etwas wusste. Dann aber begann sich die Gestalt T. T. Stanchloams ganz allmählich aus der Vergessenheit herauszuschälen.

Hyram Finn war Gott in seinem Leben noch nirgendwohin gefolgt. Und in der Kirche war er allenfalls gewesen, um dort Kerzenständer zu stehlen. Hafenarbeiter, Geldeintreiber, Schläger. Durch seine Adern floss eine dunkle, brackige Brühe. Das Blut von Hulme. Eine gute Woche kam ich für seinen gesamten Tabak- und Alkoholkonsum auf und ließ so ein kleines Vermögen in den Spelunken zurück.

Finn hatte, wenn man es so nennen wollte, für Stanchloam gearbeitet. Er hatte Dinge beschafft. Unter anderem auch solche, die sich kaum im Einklang mit den geltenden Gesetzen beschaffen ließen. Stanchloam hatte ein gutes Dutzend Männer beschäftigt, die solche Aufgaben für ihn erledigten, damit er in seinem Labor ungestört seiner Arbeit nachgehen konnte, von der niemand hatte wissen wollen, worin sie eigentlich bestand.

Sie alle aber hatten begriffen, dass da einer Dinge tat, die eigentlich nicht von Menschenhand getan werden sollten. Alle hatten sie gespürt, dass dieser Mann im Begriff stand, sich gegen Gott, die Schöpfung und die Menschen zu versündigen. Was aber bedeutete einem, der es gewohnt war, seine Haut zu Markte zu tragen, die Moral? Sie hatten Stanchloam gebracht, was immer er brauchte. Egal, ob sie es hatten ausbuddeln oder totschlagen müssen. Für einige Zeit war Stanchloam der Herr der Gosse, Gebieter über Untertanen, die sich von Abfall und Schnaps zu ernähren pflegten und die im Winter starben wie die Fliegen. Er hatte ihnen Öfen beschafft, Öfen, Essen und Schnaps. Und sie waren dankbar gewesen, so dankbar, dass keine irdische Instanz ihm hier in Hulme hätte Einhalt gebieten können.

Ich erinnere mich noch gut an die Worte des alten Finn, in denen noch immer eine Art von Bewunderung mitschwang, bei der es mir kalt den Rücken hinablief.

Von ihm hatte ich auch erfahren, dass sich Stanchloams Labor seinerzeit in der alten Carnby befunden hatte. Und am selben Tag noch machte ich mich auf den Weg, eilte durch die verzogenen Straßen einer verfallenden Stadt in Richtung eines verlassenen Tempels, von dem kaum einer wusste.

Doch was ich dort vorfand, war lange schon kein Tempel mehr.

Ein Haus, in dem zwei Großfamilien ihr Dasein fristeten, elend, sterbende Greise in zerschlissenen Laken, schreiende Kinder auf nacktem Stein, während Mütter und Schwestern ihren Lebensunterhalt auf der Straße zu verdienen suchten. Es gehörte einem gewissen Charly Clagg, der allerdings bei Weitem zu jung war, um den Professor zu Lebzeiten gekannt zu haben. Ich traf Clagg in einem der Pubs, die übrigens beinahe die einzig möglichen Orte in Hulme scheinen, wenn man irgendjemanden treffen will.

Zwei Pints später, die ich ebenso wie Claggs neue Schuhe bald das Vergnügen hatte zu bezahlen, erzählte er mir von seinem Vater. Wie hochachtungsvoll dieser immer von Stanchloam gesprochen habe. Der Einzige, der seine Miete pünktlich gezahlt habe. Es sei eine Schande gewesen, dass so einer sich umbringt. Der hätte noch gut zehn Jahre lang Miete zahlen können. Aber der Vater habe dann halt das Beste daraus gemacht und schließlich den ganzen Krempel aus dem Labor versetzt, als es niemand hatte haben wollen.

Bei dem Gedanken, wie einfache Männer das Labor eines solchen Genies demontierten, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was sie da auseinandernahmen, wurde mir unwohl. Was waren einem solchen Kerl, aufgewachsen im Zwielicht der Gosse, den Schatten der Hinterhöfe und an den Tresen der Pubs, die Wunder der Wissenschaft? Es war eine schlimme Vorstellung, dass ein blitzgescheiter Mann wie Stanchloam inmitten dieser verdorrten Geister forschen, leben und schlussendlich auch sterben musste. Ob es das gewesen war, was ihn in den Tod getrieben hatte? Das bittere Leid über das fehlende Verständnis für seinen Genius in der Welt der Gelehrten und das Gefangensein in einer Welt schwieliger Hände und gärenden Moders?

Und dann der Gedanke daran, dass sie alles auseinandergerissen, zerstört hatten. Alle Erkenntnisse, alle Ergebnisse schienen verloren, der Gier der Gosse geopfert. Das Geheimnis des Lebens, dem wohl niemand näher als Stanchloam gewesen war, versunken in den finsteren Fluten des River Irwell, der stinkend die Stadt durchzog …

Während ich diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht hatte, hob Clagg noch einmal an.

Sie seien damals alles losgeworden. Bis auf die Bücher. Die hätte keiner hier haben wollen. Wenn ich mich dafür interessierte, könne er mir einen guten Preis machen.

 

Ich kaufte sie alle.

Die handschriftlichen Aufzeichnungen, die Bücher, alles.

Selbst die, von denen ich bereits ein Exemplar besaß, kaufte ich. Allein um der Notizen willen, welche die Ränder der Seiten säumten wie die Spuren tollwütig umherwankender Ratten. Das gesamte schriftliche Erbe Stanchlaoms brachte ich in meinen Besitz, in der Hoffnung, darin das zu finden, was er gefunden haben mochte: das letzte göttliche Geheimnis, das des Lebens …

Ich schaffte all das in meine Pension und begann zu lesen. Eine ganze Woche lang schloss ich mich in dem kleinen Zimmer ein, das ich in der ehemaligen Absteige des Professors angemietet hatte, und ernährte mich dort von Tee, Buchstaben und trockenem Brot. Und während Brot und Tee das modrige Aroma dieser Gegend anhaftete, formten doch die Buchstaben, die ich las, Worte von derart schillernd reiner Kraft, dass ich, wie ich glaubte, diese kargen Mahlzeiten auch noch den Rest meines Lebens durchgehalten hätte.

Ich las und las, bis stets zur Nacht der dunkle Teil der Stadt erwachte und der Abschaum durch die Straßen schwappend jedes jemals von Menschen ersonnene Gesetz verhöhnte.

Huren, Halsabschneider, Tagediebe und Nichtsnutze. Im Winter erfroren sie in den Straßen, und den Rest des Jahres soffen sie darin. Jeden Abend, sobald ihr Grölen zu mir empordrang und mich aus meinen Studien riss, beobachtete ich sie aus dem Fenster meiner Kammer im ersten Stock des Hauses. Ich schaute ihnen dabei zu, wie sie umhertorkelten, hinfielen oder sich gegenseitig eines Weiberrockes wegen die Schädel einschlugen. Ich sah die Dirnen schäkern und die Straße strotzen vor Sünde. Vor Gott wie auch der Evolution, denn wie die Tiere wälzten sie sich auf dem nackten dreckigen Pflaster. Als folgten sie einem dunklen Zwang, balgten und vereinigten sie sich, lachend, schreiend, ihre Gesichter glänzend von Schnaps und Schweiß. Wie lange es wohl brauchte, bis ein edles Gemüt in einer solchen Gegend verdorrte?

Stanchloam, der Gott auf seinem Weg womöglich näher als jeder andere gekommen war, hatte sich am Ende das Leben genommen. Ob es Hulme gewesen war? Dieser Kerker aus Dummheit, Trieb und Suff? Oder die fehlende Anerkennung? Oder hatte er gar auf den letzten Metern sein Scheitern erkennen müssen? Sollte es ihm womöglich doch nicht gelungen sein, Gott jenes letzte Geheimnis zu entreißen?

Aber alles in seinen Aufzeichnungen deutete darauf hin, dass es ihm gelungen war.

Es verwirrte mich.

Das Geschehen in den Straßen, das Schicksal Stanchloams. Alles um mich herum hatte sich während dieser Tage verändert. Die Bücher wuchsen mir nicht länger in den staubigen Regalen einer Bibliothek, sie waren Teil einer bedrohlichen fremden Welt geworden, in der ich, solange ich mich nicht von jenem Rätsel zu lösen vermochte, gefangen war.

Aber wie reizte mich das wüste Treiben in den Straßen.

Mit jedem Abend mehr.

Je näher ich dem Professor in seinen Aufzeichnungen kam, desto größer wurde das Bedürfnis, für ein paar Stunden in jene fremde, rauschhafte Sorglosigkeit einzutauchen, wie sie die einfachen Leute dort unten allabendlich erlebten …

 

Und eines Abends war es so weit.

Vor meinen Augen verschwammen die Buchstaben, das Wissen Stanchloams weitete sich auf meinem Tisch zu einem unbezwingbaren Mysterium aus. Längst hatte ich begriffen, wie weit er gegangen war und welche Grenzen er überschritten hatte. Stanchloam war Gott nicht bloß gefolgt, er hatte ihn eingeholt!

Seiner eigenen Spur zu folgen war dabei jedoch alles andere als einfach. Seine Ergebnisse, Theorien und Versuchsdokumentationen verteilten sich auf Dutzende Notizbücher. Es gab keine wirkliche Chronologie, nur eine grobe Aufteilung. All das durchzuarbeiten war überaus anstrengend, sodass ich beispielsweise einige Hefte, welche lediglich eine Art philosophischen Überbau zu beinhalten schienen, noch nicht einmal aufgeschlagen hatte.

Mir ging es um die Medizin, die Praxis. Ich wollte nicht herumstehen und sinnieren, mir ging es darum zu erschaffen, zu erschaffen, wie er erschaffen hatte.

Denn es war ihm wirklich gelungen! Stanchloam sprach von dem Gefäß, das er beschworen hatte und mit dem er das göttliche Geheimnis der Schöpfung auffangen wollte. Aber was für eine verwirrende Vielzahl von Dingen gebe es zu beachten, wie viele Eventualitäten. Und was für unglaubliche Möglichkeiten hatte diese heruntergekommene Welt abseits des Gesetzes diesem Mann eröffnet, und wie kühn war er dabei vorgegangen, seine Labore einzurichten und zu führen. Es war tatsächlich – was mich zunächst etwas irritierte – von zwei Laboren die Rede. Und das bedeutete, dass tatsächlich noch die Möglichkeit bestand, irgendwo in der Stadt das zu finden, was von Stanchloams Versuchen übriggeblieben war!

Womöglich gar jenes Gefäß selbst, das Ergebnis seiner Anstrengungen, den neuen Menschen! Von den schlimmsten Verbrechern hatte er sich beschützen lassen, aus den finstersten Winkeln zusammengestohlen, wessen immer er bedurft hatte, und dann hatte er begonnen, seinen künstlichen Menschen zu beseelen …   

Immer wieder mischten die von Stanchloam notierten Fakten und Anweisungen sich mit sonderbaren Überlegungen zu Gesellschaft und Geisteswesen. Ich wage nicht zu beurteilen, ob der Professor sich während seiner Arbeit zu verlieren begann, ob sein eigener Geist sich nach und nach verklärt hatte, während er Gottes Plan für das Leben kopierte. Aber sein ungebrochener Fanatismus, die machtvolle Überzeugung, mit der er die Welt der Lebenden verlassen hatte, um sich in seine Labore jenseits der belebten Welt zurückzuziehen, durchglühten all diese Seiten. Ein Misanthrop, der einen besseren Menschen schaffen wollte, war ein eigentümliches Motiv. Und nicht minder eigentümlich waren auch die Gedankengänge dieses Mannes, der am Ende, das Geheimnis des Lebens entdeckt habend, den Tod gewählt hatte.

An jenem Abend jedoch geschah es.

Mein Kopf schmerzte, die Gedanken schienen sich in meinem Schädel verknotet zu haben, und draußen tobte in den Straßen die süße Verlockung verwirrender verdorbener Nichtigkeiten. Wein, Frauen, Glücksspiel, die Leute dort unten waren unbeschwerte Kinder, die ihr Gemüt weder mit Gott noch seinen Geheimnissen belasteten. Sie lachten und fraßen das Leben mit den Händen. Und so wie es mich zuvor angewidert hatte, so begeisterte es mich jetzt. Ich hatte plötzlich das Bedürfnis zu fliehen, meine Ketten aus Ehrgeiz und Wissbegier zu sprengen, für einen Abend nur das Geheimnis ruhen zu lassen und eines dieser Kinder zu werden, die halb trunken durch die Nacht torkelten, um an irgendeiner nackten Brust einzuschlafen.

All die Tage hatte ich meinen Geist gefüttert, meinen Körper aber hungern lassen.

Nun tobte in mir eine sonderbare Lust, das Leben auch zu erfahren!

Und ich beschloss, für eine einzige Nacht jene Papiere zurückzulassen und mich in den verwinkelten Straßen Hulmes zu verlieren.

 

Es muss mitten in der Nacht gewesen sein, ich hatte mir redlich Mühe gegeben, Bildung und Anstand hinter mir zu lassen und durch einen Rausch zu ersetzen, wie ich ihn seit Beginn meiner Studienzeit nicht mehr erlebt hatte. Ich war bereit für den ungebildeten Kopfschmerz des nächsten Tages. Sollte er kommen, in dieser Nacht war ich frei, frei von Ambition, frei von Wissen und von Neugier, und nach einigen Stunden sah ich wohl nicht einmal mehr aus, als ob ich jemals in einem anderen Teil der Stadt gewohnt hätte.

Ich genoss es, wie sie näherkamen, an mich heranrückten, wie ich – für diese Nacht zumindest – Teil ihrer Gemeinschaft wurde. Wir stießen an, grölten und schrien, schimpften auf die Bobbys und das Königshaus, und für ein paar Stunden war ich einer von ihnen, ein sturzbetrunkener Analphabet, der sich für die Funktionen des menschlichen Körpers erst zu interessieren begann, wenn es darum ging, sich auf den Straßen zu prügeln.

Es war ein phantastisches Gefühl. Ich fühlte mich leicht, unbeschwert, ein letzter Abend dieser Art, bevor ich in den folgenden Tagen zum Erben Prof. T. T. Stanchloams und ein heimlicher Verbündeter Gottes werden würde.

Aber natürlich war all das kaum mehr als eine Illusion. Ich war keiner von ihnen. Das merkte ich spätestens, als ich um zwei Uhr morgens aufwachte und meine Uhr sowie mein gesamtes Bargeld vermisste. Doch das scherte mich nicht. Nicht in dieser Nacht.

Ich begann zu lachen und weiterzutrinken. Und plötzlich war sie da.

Sie saß neben mir, legte mir ihren Kopf auf die Schulter. Ich fühlte ihr blondes Haar an meinem Kinn, spürte, wie sie meine linke Hand ergriff und in die ihre legte, während ich mit der rechten einen weiteren Humpen hob.

Sie war ein hübsches Mädchen, eine wunderschöne blonde Puppe, ein ätherisches Geschöpf aus Porzellan, dessen leicht verquerer Blick mich tief berührte. Ich gewahrte schnell, dass sie kein normales Mädchen war. Nicht nur, dass sie schielte, sie schien überdies auch stumm und passte in ihrer reinen, schweigsamen Schönheit so gar nicht an diesen Ort, zwischen all diese Schurken und Beutelschneider, ein zartes Geschöpf, kaum älter als 17, ein Sonnenstrahl in der trüben Düsternis Hulmes.

Der Wunsch nach ihrer Nähe war die logische Konsequenz all dessen, was ich in dieser Nacht schon zugelassen hatte. Ihre Nähe, das Weiß ihrer Haut, all das erregte mich, eine kurze, wilde Leidenschaft, der Gipfel meiner unbekümmerten Freiheit. Ich wollte dieses Mädchen. Und die Art, wie sie an mir herumnestelte, wie sie mich mit ihren großen, leicht entrückten Augen anschaute, ließ mich vermuten, dass es ihr ebenso erging …

 

Wir wankten Arm in Arm durch die Nacht.

Es war spät geworden, die Schatten in den Straßen hatten sich zu lichten begonnen. Und während die Laster und Bedrohungen weniger geworden waren, war der unangenehme Geruch in den Gassen immer stärker geworden. Doch wir ignorierten den Moder, den Verfall, da waren bloß noch wir. Das kleine stumme Mädchen und der inkognito reisende angehende Gelehrte. Wir neckten uns mit kleinen Küssen von Hauseingang zu Hauseingang, an rostigen Zäunen und rissigen Fassaden vorbei. Oh, wie meine Hände, meine Lippen sich danach sehnten zu leben. Und was für ein erregendes Moment ihre Stummheit dazu war. Selbst ich schwieg, da sie es tat. Da waren bloß unsere Körper, unsere gemeinsame Sprache war Verlangen, aller störenden Worte, unnützen Floskeln entkleidet.

 Im Zuge des Durchquerens dreier Straßenzüge lächelte sie sich in mein Herz, und nach langer Zeit war es mir gelungen, meinen Geist loszulassen, meinen Herrscher zu entthronen und frei zu sein. Zumindest für diese eine Nacht.

Mit jeder Minute fiel es mir schwerer, mich zurückzuhalten. Aber wie hätte ich sie mit auf mein Zimmer nehmen können? Jenes Zimmer, das voll war von Worten, von Wissen, voll von jenem anderen Teil meines Lebens, den zu vergessen ich mich in ihr verlieren wollte.

Nein, die Nacht war der einzige Ort, an dem wir zueinanderfinden konnten. Wir würden uns auf einem Lager aus Finsternis, in modernden Kissen finden und die Kälte aus dem Dunkel vertreiben.

Sie griff mich am Kragen, zog mich zu sich herab und küsste mich auf den Mund. Dann wandte sie sich ab und eilte kichernd davon. Ich folgte ihr, beseelt von jener einen Kraft, die nicht Wort noch Wissen braucht, um die Welt zu verheeren.

Leichtfüßig sprang sie durch die Kälte, das Dunkel, und ich folgte mit dem schweren Schritt eines trunkenen lüsternen Idioten. Jeden Meter ließ ich einen weiteren Gedanken im Dunkel zurück und genoss die so entstehende Leere in meinem Inneren. Bis an den Rand des Flusses, zu den Lagerhäusern am River Irwell, trieb sie ihr Spiel. Und hier, wo die Luft schwanger war von Dunst und Moder, wo aller Gestank Hulmes seinen Ursprung zu haben schien, geschah es.

Sie lächelte mich an, ihr Gesicht im Schein des Mondes leuchtend, und verschwand, tonlos lachend, in einer halb zugemauerten Tür, die in das Kellergeschoss eines verfallenen Hauses führte.

Wie hätte ich nicht folgen können?

Gewiss, dort hätten sie lauern können, Halsabschneider, Freunde der stummen Schönheit, die nur darauf warteten, mich für ein paar Scheine aufzuschlitzen. Womöglich suchte sie sich jeden Abend einen, den sie hinunter an den Fluss lockte, vielleicht war dieser Keller voll mit Leichen. Vielleicht sollte ich die nächste sein. Vielleicht aber auch nicht.

In dieser Nacht aber, in diesem Moment, wäre ich ihr überallhin gefolgt …

 

Dort unten, in jenem Keller,  war es dunkler noch als in der Straße.

Kaum Licht drang von außen hinein. Wenn es einen perfekten Ort für einen Hinterhalt gab, dann war es dieser. Doch das scherte mich nicht. Ich sah nur eine Ahnung ihrer weißen Haut im Dunkel schimmern und stürmte auf sie zu. Ich drängte sie gegen einen Tisch, der dort in der Düsternis stand, küsste sie, drückte sie an mich. Etwas fiel, ging zu Bruch. Was scherte es mich. Ich überschüttete sie mit Küssen, sie wand sich unter mir, genoss meine Berührung, entgegnete sie, drückte sich mir entgegen. Wir taumelten, fielen, fegten hier etwas zu Boden, warfen dort etwas um. Doch es gab kein Innehalten, kein Zögern, keinen Schmerz. Ihr rosiger kleiner Mund formte seltsame Laute des Entzückens, ihr schmächtiger Körper schien, während seine Blässe sich dem Dunkel entgegenstemmte, unter meinen Händen zu zerschmelzen, und jenseits aller Vernunft, inmitten der Finsternis des trostlosesten Teiles der Stadt, vereinten wir uns japsend und keuchend auf den blanken Steinen.

 

Und dann plötzlich war alles vorüber. Um uns bloß noch Stille und Dunkel, dann ein leises Geräusch, als huschten nackte Füße über den Boden. Ich schrak empor, löste mich aus der lockeren Umarmung des Mädchens. Sie ließ es wortlos geschehen, blieb schweigend dort liegen und verschwand, während ich mich aufrichtete, in der Dunkelheit.

Und dann vernahm ich es wieder. Jenes Geräusch. Bemerkte diese merkwürdige Bewegung, die mich erahnen ließ, dass wir nicht alleine waren in dieser verruchten Finsternis.

Eine kurze, vage Nüchternheit überkam mich. Ich weiß bis heute nicht, was es genau war, dieses Gefühl. Aber plötzlich wusste ich, dass ich einen Fehler begangen hatte. Dass irgendetwas nicht stimmte.

Vorsichtig tastete ich nach meinen Zündhölzern, zog sie langsam hervor und riss eines an.

Und dann stockte mir der Atem.

Da war nicht irgendeine Person mit uns im Raum. Es waren vielmehr zwei oder drei Dutzend. Und es waren keine Gauner, Diebe oder Halunken. Wobei mir wohler zumute gewesen wäre, hätte es sich um solche gehandelt.

Die Kreaturen jedoch, die sich mit mir dort in jenem Raum befanden, waren etwas anderes. Sie lugten aus verzogenen Schränken hervor, unter Tischen und aus morschen Regalen, die sie in provisorische Nachtlager verwandelt hatten. Es waren glotzäugige Gestalten, Menschen auf den ersten Blick, doch etwas anderes auf den zweiten. Sie gingen gebückt, und ihre Körper wirkten seltsam missgestaltet, als ob die Knochen sich nicht hätten entscheiden können, wie sie hatten wachsen wollen. Sie wirkten befremdlich, diese Geschöpfe, wobei nicht alle sonderbar schienen. Einige waren menschlicher anzusehen als andere … und als ich es begriff, schauderte es mich noch mehr.

In diesem Moment verlosch das Zündholz. Sogleich riss ich ein weiteres an, um nicht im Dunkel mit ihnen sein zu müssen.

Im Schein des zweiten Holzes sah ich auf den ersten Blick etwa fünf von ihnen, die ich zunächst für Menschen hätte halten können. Vier davon sahen einander zum Verwechseln ähnlich. Sie sahen aus wie sie. Wie jenes Mädchen, das mich hergeführt hatte. Sie waren ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Die einen älter, die nächsten jünger. Sie waren einige der wenigen, die bekleidet waren. Zwei von ihnen lagen rücklings auf hölzernen Tischen, ihre Bäuche gespannt unter den Bewegungen ungeborenen Lebens. Sie waren die Mütter dieser Zucht. Fassungslos blickte ich mich um, sah sie, der ich verfallen gewesen war, wie sie dort lag, selig lächelnd, die Beine obszön gespreizt, es nicht für nötig erachtend, ihren Rock, den sie irgendwo gefunden oder gestohlen haben mochte, über ihren weißen Beinen zurechtzuziehen.

Mein Gott, ich war Teil der Zucht geworden, Teil jener unheiligen Zucht, die niemand anderes als Prof. Stanchloam einst in diesem Keller begründet haben musste. Längst hatte ich begriffen, wo ich mich befand, dass dies das zweite Labor war, das, von dem die wenigsten gewusst hatten. Der Raum, wo sie hausten, seine Kreaturen und deren Abkömmlinge, in denen sich unser Blut mit ihrem gemischt hatte.

Als ich das dritte Zündholz anreißen musste, hatten meine Augen sich an die Umgebung gewöhnt. Ich erkannte Reagenzgläser, die Reste chemischer Apparaturen, Scherben, Gestelle, Trümmer und in den Winkeln des Raumes, zwischen Unrat und Fischgräten, ausgemergelte Körper, dem Zerfall preisgegeben, die Knochen abgenagt. Die Reste ihrer Mütter und Väter. Irgendwo dort musste sie liegen, die Urmutter dieser Geschöpfe, das Erste, was Stanchloam geschaffen und womöglich mit seinem eigenen Samen befruchtet hatte. Es lief mir kalt den Rücken hinab. Und um mich herum schlichen die triefäugigen Unholde, ihre leeren Blicke auf mich gerichtet, ihre Schädel auf ihren Hälsen wackelnd.

Auf einem der Tische erblickte ich zwischen Staub und Schmutz einige handbeschriebene Seiten. Und während auch mein drittes Zündholz verlosch, sprang ich zu diesen Seiten hinüber, um mir gleich darauf meinen Weg nach draußen zu bahnen.

Ich stieß und prügelte sie beiseite, bis ich wieder draußen und in Freiheit war.

Ich hielt nicht inne, bis ich die Tür meines Zimmers ins Schloss gedrückt und den Schlüssel herumgedreht hatte.

 

Ich habe seitdem nicht geschlafen.

Zunächst habe ich gelesen.

All das, was ich zuvor noch nicht gelesen hatte.

Und wie nahtlos fügten die fehlenden Worte sich in meine Erkenntnis.

Stanchloam schrieb, dass man nicht Leben erschaffen hatte, solange es sich nicht selbst zu reproduzieren und zu entwickeln vermochte. Und so brauchte es zwei Objekte, es galt, Adam und Eva eine neue Seele zu einzuflößen und ihnen ein besserer Vater zu sein, als Gott den ersten gewesen war.

Aus seinen Reagenzen war im Glauben an die Wissenschaft das Blut einer neuen Rasse erstanden. Und er war Adam und Eva ein besserer Vater gewesen. Er hatte ihnen ihre Vergehen verziehen, hatte ihnen verziehen, dass sie auf irgendeinem Weg unter Menschen geraten waren, dass sein Adam von den Menschen erschlagen worden war und seine Eva eine Woche später mit einem Menschenbastard im Bauch heimgekehrt war.

Üble Schurken hatten ihr Spiel getrieben mit jenen reinen Geschöpfen, und Stanchloam hatte Eva nicht vertrieben aus dem Paradies. Er war selbst gegangen und hatte es ihr überlassen. Und während ihm das Leben aus den Handgelenken geflossen war, war das Ding in ihrem Inneren weiter gewachsen. Und selbst als der Bischof von Manchester seine Rede auf den Mann hielt, der Gott nachgestellt hatte, war es gewachsen, bis es schließlich seinen Weg in die Welt gefunden hatte. Womöglich waren es Zwillinge gewesen. Zwillinge, die sich irgendwie durchschlugen, während ihre Mutter in den Straßen umherirrte und wieder und wieder geschändet wurde in den trunkenen Schatten der Straßen, sodass ein ums andere Geschöpf aus ihrem Schoß auf das kalte Kopfsteinpflaster kroch …

Drei Tage sind es nunmehr, die ich nicht geschlafen habe.

Drei Tage, während derer ich immer wieder an meinen Vorhängen vorbei hinaus auf die Straße gelugt habe. Sie sind dort. Und dort, wo sie nicht sind, finden sich ihre Kinder und Kindeskinder. Man sieht es ihnen an. In den Menschen dieser Gegend fließt ein anderes Blut. Vierzig Jahre, in denen sie das ihre mit dem der anderen zu mischen Gelegenheit hatten. Verführt von Inkuben und Sukkuben aus den Reagenzgläsern Prof. T. T. Stanchloams, Kinder des Fortschritts, nicht Gottes.

Ich möchte mir nicht vorstellen, was alles geschehen ist, bis wohin das böse Blut bereits geschwappt ist und wen es schon verdorben hat. In den Gesichtern der Leute hier erkenne ich allenthalben den leeren Blick der Geschöpfe aus dem Keller.

Doch selbst eine Feuersbrunst vermag die Stadt nicht mehr reinzuwaschen.

Die Nachfahren Adams und Evas sind längst in der Welt.

Mir bleibt nicht viel zu tun.

Ich werde die Aufzeichnungen Stanchloams dem Feuer überantworten und ihm folgen.

Die Welt gehört dem Fortschritt.

Lang schon nicht mehr uns.

 

*** 

© 2018 by Christian von Aster. Alle Rechte vorbehalten.

Erschienen in: BASEMENT TALES Vol. 1 „Bodensatz“, The Dandy is Dead Publishing House 2018

Über den Autor

Autor Christian von Aster

Christian von Aster schreibt. Unter anderem Kurzgeschichten. Aber auch Romane. Oder Drehbücher. Mitunter sogar Balladen. Derart regelmäßig, dass er es bis dato auf mehrere Dutzend Publikationen gebracht hat. Und verschiedene Auszeichnungen. Irgendwo zwischen Horror, Satire, Märchen und Superheldenpoesie. Von Zeit zu Zeit findet er auch die Muße, Filme zu drehen, als Sprecher zu arbeiten oder als Kabarettist auf der Bühne zu stehen und für seine garstigen, aber unterhaltsamen Lesungen bekannt zu sein.

https://www.patreon.com/vonAster

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 14. Juni, genau hier.

Share:   Facebook