Kurzgeschichte am Fiction Friday: Eine Weihnachtsgeschichte (Mark Lawrence)

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FICTION FRIDAY

Eine Weihnachtsgeschichte (Mark Lawrence)


Mark Lawrence
14.12.2018

Satan und seine finsteren Schergen haben in diesem Jahr den Zuschlag fürs Weihnachtsgeschäft bekommen: Mark Lawrence, der Autor unserer neuen düsteren Fantasy-Serie über die Waffenschwestern, erzählt vom Fest der Liebe einmal aus anderer Perspektive.

 

***

„Na schön, wie wär es damit: gentechnisch veränderte Welpen. Lebenserwartung sechs Wochen.“ Herb deutete den Umriss einer Werbung an. „Ein Hündchen zu Weihnachten? Die Geste zählt.“

Satan wackelte unverbindlich mit den Fingern.

„Wir verkaufen sie mit Rücksendekarton.“ Herb hielt einen hoch. „Toten Welpen einlegen, abschicken.“

„Wohin?“ Eine rauchende Augenbraue hob sich in mildem Interesse.

„Auf dem Etikett steht ‚Green-Tree Recycling‘, aber in Wirklichkeit ist es eine Wohnanschrift in Conneticut.“

„Leute, die ich kenne?“

„Zufällig ausgewählt … Schwebt Ihnen jemand vor?“

„Nein.“ Satan stemmte sich vom Sofa hoch und ging zum Höllentor. „Legen Sie los. Mal schauen, wie es läuft. Aber das Budget einhalten. Gentechnik ist kostspielig. Ich bezahle hier Weihnachten und nicht, dass Sie die Grenzen der modernen Wissenschaft ausweiten.“

 

„Wie ist es gelaufen?“ Boris lugte ins Zimmer. Das verwehende Fluidum des tonnenschweren Bösen dämpfte seine gute Laune offenbar nicht. „Er ist weg, oder?“

„Aber ja.“ Herb stellte den Welpenrücksendekarton auf den Tisch und griff nach seinem Bourbon. „Komm rein, du kannst den Deal nicht mehr vermasseln.“

Boris setzte sich zu ihm und drückte ihn. „Wer hätte gedacht, dass Satan Schwule dermaßen hasst.“

„Jetzt ist er ja weg.“ Herb erwiderte die Umarmung. „Und wir sind im Geschäft!“

„Whuuhuu!“ Boris boxte die Luft. Er grinste so breit, dass es trotz Bart zu sehen war. „Das wird gefeiert.“

„Keine Zeit.“ Herb leerte sein Glas. „Wir müssen noch was festzurren.“

„Ach so?“

„Dämonen“, sagte Herb.

„Soll ich mich wieder verstecken?“

Herb schüttelte den Kopf. „Sind arbeitslose Dämonen. Der eine sorgt dafür, dass Brotscheiben auf der gebutterten Seite landen – bloß passiert das laut Physik sowieso, und nun wird er nicht mehr gebraucht.“

„Pech aber auch.“

„Ja. Und der andere tötet Leute, die versuchen, einen Regenschirm zu erfinden, der sich nicht beim leisesten Windhauch umstülpt.“

„Auch wieder Physik?“ Boris kratzte sich den Bart.

„Nein. Es versucht halt niemand mehr.“

„Und was wollen die beiden hier?“

Es klingelte, drei Takte von Beethovens Fünfter. Herb stellte sein Glas ab und ging zur Tür.

Er kam mit einem Dämon hinter jeder Schulter zurück. Dürre, ausgemergelte Höllenbrut, deren Hörner und Dornen leicht durchhingen, als hätte jemand das Ventil gefunden und ein bisschen Luft rausgelassen.

„Hi, Leute!“ Boris strahlte, wie nur er es konnte. „Darf ich euch ein totes Hündchen anbieten? Wirklich nicht? Wir haben genug.“

Herb warf sich in den Ledersessel am Kamin. „Setzt euch, Jungs.“

„Einen Drink?“ Boris griff nach dem Jack Danielʼs. „Nein?“

„Okay, kommen wir zur Sache.“ Herb fuhr sich mit der Hand durch das schüttere Haar. „Narrrloʼsseiiip? Hab ich das richtig ausgesprochen? Ach verdammt, ich nenne dich Butterkerl und dich Schirmkerl.“ Er erwiderte einen Moment lang Butterkerls Blick und bereute es prompt. So guckte auch die Hypnokröte in Futurama. Ansonsten konnte er Dämonen ohnehin nicht ausstehen, die haarten auf die Polstergarnitur und sonderten Unmengen von Sekret ab.

„Du hassst unsss gerufen“, zischte Butterkerl.

„Ach so, ja, ich gebiete und begrenze euch, bla bla und so weiter, ihr müsst im magischen Kreis bleiben, bis ...“

„Was für ein magischer Kreis?“ Boris sah von seinem Studium des Whisky-Etiketts auf.

„Der Stadtring. Und jetzt halt den Mund.“ Herb sah ihn finster an. „Also passt auf, Jungs. Ihr seid für die Weihnachtszeit engagiert. Schirmkerl, ich denke dabei an Teddybären. An Erstickungsgefahr und scharfkantige Teile. Wir lassen in China herstellen.“

„Weihnachtsssszeit?“ Butterkerl hat zumindest ein 1a-Zischen drauf. Das Wort schien ihm Schmerzen zu bereiten.

„Ja, dieses Jahr übernimmt Satan das Weihnachtsbusiness“, sagte Boris. „Wir kümmern uns um die Einzelheiten.“

„Weihnachten issssst doch kein Busssinessss.“ Schirmkerl bedachte Herb mit einem Todesstarren und sonderte als Zugabe ein bisschen Sekret in den Zottelteppich ab.

Herb lächelte. Ausgeschöpfte Kreditkarten, blankliegende Nerven, Wintergrippe, Blechschäden wegen überfrierender Nässe, undankbare Kinder, Sodbrennen, auf engstem Raum mit dauerfurzenden Sippenältesten …

„Natürlich ist Weihnachten kein Business“, sagte er. „Es ist der reinste Segen.“

 

***

Deutsch von Frank Böhmert

 

© 2015 by Mark Lawrence. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Alle Rechte vorbehalten

Erschienen unter dem Titel „Christmas Tale“ auf www.marklawrence.buzz

 

Die nächste Story erwartete Dich am Freitag, den 21. Dezember, genau hier.

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