Ecke und die goldene Harfe (Carsten Steenbergen)

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FICTION FRIDAY

Ecke und die goldene Harfe (Carsten Steenbergen)


Der Riese Ecke sucht für seine große Fete den Snow-Act des Jahres – und natürlich will auch die kleine goldene Harfe vorsprechen. Allerdings spielt ihre Stimme nicht richtig mit …
Unsere PAN-Story des Monats von Carsten Steenbergen spielt mit dem Märchen »Hans und die Bohnenranke« und stimmt humorvoll aufs Jahresende ein.

Und wenn du dich fragst, wer oder was dieser PAN eigentlich ist, erfährst du hier mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

 

***

Es waren nur noch wenige Wochen bis zum großen Weihnachtsfest, und der Winter hatte bereits Einzug gehalten im Reich der Riesen. Der Wind trieb dicke, graue Wolken über den Himmel. Mit ihnen kamen der Schnee, der Frost und die großen Schneeräumfahrzeuge. Angeblich wurden sie von Eisriesen gelenkt, die nach Blaubeere, Waldmeister oder Kirsche schmeckten, wenn man an ihnen leckte. Aber das war natürlich Quatsch. Wer leckte schon freiwillig an einem Riesen, um so etwas zu bestätigen.

Vor dem Haus eines Riesen namens Ecke stand eine kleine, goldene Harfe und fror bitterlich. Ihre Saiten klangen leise bei jeder Böe, die an den steinernen Wänden vorbeistrich. Es war das erste Mal, dass sie sich als Alleinunterhalterin bewarb. Oder besser gesagt, als Stand-up-Comedian. Denn wie der Zufall es wollte – oder eben wegen eines Niesanfalls des Gnoms, der für die Herstellungsplanung in der Fabrik für magische Instrumente aller Art verantwortlich gewesen war –, wurde sie eine Arbeitsstation zu früh herabgewutscht und gewedelt. Prompt fiel sie in einen Kessel mit Witzbüchern, der für die Produktionskette von übergewichtigen Gallierfiguren bestimmt war. Also kein Liedgut für die kleine Harfe. Verrückte Welt.

Vermutlich gab es trotzdem kaum einen glücklicheren Zeitpunkt. Es war wie gesagt kurz vor Weihnachten. Es war weithin bekannt, dass der Riese Ecke jedes Jahr und immer am gleichen Tag ein bombastisches Fest schmiss und dafür vorab ein Casting organisierte, um den besten Snow-Act des Jahres für seine Gäste zu entdecken.

Immerhin – und das war erneut das Glück der Harfe – war sie einen Tag zu früh dran. Wer zuerst kommt, amüsiert zuerst, hatte sie überlegt. Also stand sie nun vor der Tür, bibberte vor Kälte und klopfte zaghaft an. Schwere Schritte näherten sich, eine gigantische, haarige Faust schloss sich um die Klinke auf der Innenseite, was die Harfe natürlich nicht sehen konnte. Knarrend öffnete sich das Portal. Vor der kleinen Harfe stand Ecke, der Riese.

»Hm?«, schnaufte er ungehalten. In seinem mächtigen, lockigen Bart hatten sich ein angebissenes Brot, ein rostiges Fahrrad und eine Damenhandtasche verfangen. Auf seiner Latzhose prangte ein öliger Fleck in der Form einer Eidechse mit Perücke und einer Warze auf der Nase.

»Des Casting iss ers´ morgen«, brummte Ecke. Während er sprach, fiel die Hälfte eines Töpferofens von seinem Kinn herab. Offensichtlich hatte die Harfe den Riesen beim Abendessen gestört. Sie bibberte und zitterte erschrocken und bekam kein einziges Wort heraus. Ecke schickte sich schon an, das Portal zuschieben, doch die Harfe blieb einfach vor ihm stehen und sagte nichts. Sie hatte viel zu viel Angst vor dem riesigen Riesen.

»Morgen, ja? Ich ess´ gerade. Das dauert.«

Er wedelte ungeduldig mit der großen Hand. Die Harfe reagierte nicht. Abgesehen von ihrem unentwegten Zittern und Klingen.

»Hm«, sagte Ecke erneut. Und dann fügte er ein weiteres »Hm« hinzu. Seine buschigen Brauen zogen sich nachdenklich am unteren Rand der Stirn zusammen und bildeten einen haarigen Balken quer über den Augen. »Na gut«, sagte er dann. »Kommst halt rein.«

Der Riese Ecke führte die Harfe in sein Speisezimmer, das so groß wie eine ganze Sporthalle war. In einer Ecke neben Eckes Esstisch türmte sich ein Berg von Gerümpel und anderem Zeug. Dahinter brannte ein gemütliches Feuer in einem Kamin, der schwer an eine Scheune erinnerte. Der Riese ließ sich auf seinen Stuhl plumpsen und deutete auf den Berg Gerümpel. »Auch was? Hast Hunger?«

Die Harfe schüttelte den Kopf noch schneller, als ihr gesamter Klangkörper von der winterlichen Kälte erschauderte. Ihre Saiten gaben einen sirrenden Ton von sich. Von dem Zeug mochte sie wirklich nichts.

»Nich´? Wie du meinst.« Ecke griff nach einer griechischen Statue, die den Weingott Bacchus darstellte, tunkte sie in einen gewaltigen Krug, der auf dem noch gewaltigeren Tisch stand, und biss herzhaft ab. Eine steinerne Weintraube polterte haarscharf neben der Harfe zu Boden. Erschrocken machte sie einen Satz rückwärts. Ihr winziges Herz raste vor Furcht. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.

»Und?«, fragte Ecke mit vollem Mund. »Was willste vorführen?«

Er tunkte ein zweites Mal in seinen Krug.

Die kleine, goldene Harfe fasste sich ein Herz, denn sie sah ihre Chance gekommen, nicht nur ihre Angst vor überdimensionierten, steinernen Weintrauben zu überwinden, sondern auch, um hier und jetzt ihr magisches Talent zu beweisen. Und womöglich auf dem Fest des Riesen den Beginn einer unglaublichen Weltkarriere zu erleben. Sie öffnete den winzigen Mund, hob zu sprechen an, um einen grandiosen Witz über Strumpfhalter abzufeuern, und ... und brachte nur ein heiseres Krächzen hervor. O nein, dachte sie verstört. Es kommt ja kein vernünftiger Ton heraus. Sie versuchte es erneut, und wieder war das Ergebnis das Gleiche. Kein brauchbares Wort kam über ihre goldenen Lippen, kein Gag, kein Garnichts. Da sprang es ihr wie eine ausgeleierte Saite von den Augen, im Grunde nicht verschieden, wie sie bereits in der Fabrik vom Förderband gefallen war. Der Gnom hatte dort vergessen, ihr nach dem Vorfall mit dem Witzeeimer eine Stimme einzubauen. Überaus ärgerlich. Wie sollte sie so einen grandiosen und unvergesslichen Auftritt hinlegen?

»Tschuldigung?«, brummte Ecke mit einem Stirnrunzeln. »Einen Profikrächzer hatt´n wir schon letztes Jahr. Totaler Reinfall. Kam nich´ gut an bei den Gästen, was?«

Hektisch schüttelte die kleine Harfe den Kopf. Mit dem Zeigefinger wies sie auf ihren Hals. Sie hoffte, der Riese verstand, was sie meinte.

»Aha«, kam aus dessen Mund. »Du bist Bauchredner un´ has deine Puppe vergessen. Oder hab ich sie aus Versehen gegessen?«

Die Harfe schüttelte den Kopf und schlug die flache Hand vor ihr Gesicht. Mensch, war Ecke bescheuert. Sie brauchte jetzt Zeit für einen Plan B. Mit ihren winzigen Händen zeigte sie das Time-out-Zeichen und deutete auf die offene Tür zum nächsten Zimmer, in dem ein gewaltiges Bett stand.

»Wegen mir.« Ecke schnäuzte sich in seinen Ellbogen. »Abber morgen früh führste wat vor. Sonst gibbet keinen Stern.« Damit schlurfte er nach nebenan und fiel in einen tiefen Schlaf.

Verzweifelt erklomm die Harfe eine zufällig herumstehende Leiter bis auf einen Fenstersims hinauf und sah nach draußen. Es war tiefe Nacht geworden. Wo sollte sie nur eine Stimme herbekommen? Und das in der kurzen Zeit bis zum Morgengrauen. Bis zur Fabrik war es ein Achtzehn-Stunden-Ritt auf einem der Hupenreiher, die sich mit lautem Tröten fortbewegten. Und einen Kiosk mit gebrauchten Stimmen im Angebot gab es keinen in der Nähe. Es war außerdem allgemein kein Geheimnis, dass Riesen niemals ausschliefen, wenn ein Fest bevorstand. Sie schlummerten in diesen Nächten stets mit einem orangefarbenen Schlüpfer auf dem Kopf, eine uralte Tradition mit einem denkwürdigen Ursprung. Aber das gehört in eine andere Geschichte. Die kleine Harfe wusste: Wenn sie diese Gelegenheit vergeigte, wäre ihre Karriere bohlenmäßig im Eimer.

Da sah sie just vor Eckes Haus eine Bohnenranke in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit unter dem Fenster emporwachsen. Auf ihrer Spitze steckte eine blaue Kürbiskutsche. Daran war ein Werbeschild mit einem gläsernen Schuh drauf befestigt. »Jacks Bohnenschraubenzieher aller Art« stand darunter. Kaum hielt die Ranke in ihrem Wachstum inne, öffnete sich die Tür des Gefährts, und ein Junge steckte den Kopf heraus. Er winkte zu dem Fenster, an dem die kleine Harfe stand, grinste breit und rief: »Du hast einen Notfall? Warte, ich komme zu dir herauf.«

Jack kramte seinen persönlichen Bohnenschrauber aus einer Umhängetasche und hielt ihn an die Ranke. Diese bildete einen Ableger mit einem großen Blatt, auf das Jack mit einem grazilen Hüpfer inklusive Pirouette sprang. Anschließend wuchs der Trieb bis zum Fenster hinauf.

»Was ist denn dein Problem?«, fragte er die kleine, goldene Harfe.

Als Antwort krächzte die Harfe ein kurzes Medley aus Grunz- und Keuchlauten.

»Ah, ich sehe schon. Das haben wir gleich.«

Jack suchte in seinen Jackentaschen nach einer bunten Tüte Halsbonbons der Marke »Rachen Raus«. Doch die Harfe lehnte dankend ab. Das war wirklich nicht die Hilfe, die sie brauchte.

»In Ordnung«, sagte Jack. »Bei dir wurde das Wichtigste vergessen«. Er zückte erneut seinen Schrauber und hielt ihn an die Harfe. Ein seltsames Geräusch drang aus dem Werkzeug heraus. Es klang ein wenig wie ein ganzer Haufen Mücken, wenn man ihn in der Abendsonne aufstöberte. Was im Winter natürlich ein Ding der Unmöglichkeit war. Da fuhren die Mücken in aller Regel Schlittschuh im Burggraben der Riesenkönigin.

»Das wird dir keine Stimme einbauen«, erklärte Jack, »aber helfen kann ich dir trotzdem. So, fertig. Sag mal etwas.«

Die Harfe öffnete dem Mund und dachte an einen Witz mit Puddingterriern. Aber anstatt Gekrächze kam nun gar kein Laut mehr heraus. Erschüttert riss die Harfe die Augen auf. Das durfte doch nicht wahr sein. Ihre Saiten vibrierten wütend, doch Jack ließ sich nicht davon beirren.

»Keine Sorge, der Effekt braucht ein bisschen, bis er funktioniert. Bis morgen früh klappt alles hervorragend. Ich werde hier am Fenster stehen und dir soufflieren.« Er zwinkerte vergnügt. Damit schrumpfte die Ranke zurück, Jack ging in seine Kürbiskutsche und schaltete das Licht aus.

Da der kleinen Harfe nichts anderes übrig blieb, als abzuwarten, beschloss sie schweren Herzens, genau das zu tun. Eine Alternative sah sie sowieso nicht.

Am nächsten Morgen erwachte sie, als der Lärm in der Riesenküche barbarische Ausmaße annahm. Ecke saß am Esstisch und verputzte eine Donut-Leuchtreklame. Vom linken Ohr baumelte ein orangefarbener Schlüpfer herab. Zu seinen Füßen hatte sich eine lange Schlange aus Bewerbern versammelt. Es schien, als sei das komplette Riesenreich heute auf den Beinen. Die kleine Harfe entdeckte ein Tischleindeckdich, das sich mit einer Baumsäge selbst zersägte, und einen fliegenden Teppich, der einen Entknüpfungstrick zum Besten gab. Hammer-Show, fand die Harfe. Nervös trällerten ihre Saiten einen Gassenhauer der Herzdecker Wildbuben, den sie bei einer Wandergruppe haarloser Klingonen aufgeschnappt hatte.

»Oh, du bist wach«, schmatzte Ecke. »Du warst zuerst da, also darfste auch zuerst loslegen.«

Ok, dachte die Harfe. Jetzt gilt es. Hopp oder Top. Sieg oder Niederlage. Schneckenschnitzel oder Blumenkohlstiefel. Entweder machst du dich zum Gespött aller Riesen und Nichtriesen oder Jack hat die Wahrheit gesprochen. In Gedanken spulte sie noch einmal den besten Gag ab, den sie im Eimer mit den Witzbüchern gelernt hatte. Ihr blieb keine Wahl. Sie musste dem Jungen mit der Notrufzelle vertrauen. Trotzdem war sie mächtig nervös. Sie öffnete den Mund und sprach. Tatsächlich formten sich hörbare Worte, allerdings klangen sie völlig anders, als ihre eigene Stimme sie zuwege brachte. Besser und klarer, als sie es je für möglich gehalten hatte. Spontan verliebte sie sich in den fremdartigen Klang. Sie sah aus dem Fenster heraus und entdeckte Jack, der die Lippen synchron zu ihren eigenen bewegte. Jack reckte den Daumen in die Höhe.

Es funktionierte. Himmel, Arsch und Hosenschlitzarie. Tatsächlich, es funktionierte. So gut, dass sie beinahe vergaß, ihre Lippen weiter zu bewegen. Ergriffen lauschte sie den Worten aus ihrem Mund. Als die Pointe heraus war, legte sich eine allumfassende Stille über den Raum. Dann ertönte ein rhythmisches Kollern, bei dem sich die Dachbalken verbogen. Ziemlich schnell entpuppte sich das Geräusch als Eckes Gelächter. Sekundenbruchteile später kugelten sich die übrigen Bewerber vor Lachen auf dem Küchenboden, und ein Konfetti-Regen rieselte auf die Harfe herab. Beinahe glaubte die sie, Fanfaren zu hören, die ihr zu Ehren gespielt wurden, aber es war nur ein Leibwind des Riesen Ecke, der vor Lachen nicht mehr an sich halten konnte.

Sie hatte es tatsächlich geschafft. Sie würde der Snow-Act des Jahres sein und die Gäste von Ecke dem Riesen unterhalten. Und danach? Vielleicht das vergoldete Hummelbier von Colliewood gewinnen, den Publikumspreis der besten Komödianten im fernen Reich der Möter? Oder noch Besseres? Wer wusste das schon zu sagen? Aber allein? Eine schwierige Angelegenheit. Denn dann musste sie sich erst eine Stimme besorgen.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte Jack, der neben die gefeierte Harfe trat. »Das haben wir gut hinbekommen, oder? Ein ganz besonderes Traumteam sind wir beide. Was meinst du? Deine Möglichkeiten und meine Stimme? Was könnte es Aussichtsreicheres unter diesem verschneiten Himmel geben? Bis in die Unendlichkeit und noch viel, viel weiter?«

Überglücklich nickte die goldene Harfe. In Gedanken legte sie sich bereits einen Tourplan zurecht. Das würde sicherlich ein großer Spaß. Sie begleitete Jack in seine blaue Kürbiskutsche und reiste mit ihm an gänzlich andere Orte, die ein Instrument wie sie nie zuvor gesehen hatte.

Und drinnen, in Eckes Küche, sprang ein wütender lila Zwerg mit roter Mütze und Rauschebart umher, der als Stripper angetreten war, und nun beleidigt seine weiße Hose an den Kronleuchter warf.

 

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© by Carsten Steenbergen.

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Über den Autor

Autor: Carsten Steenbergen

Der Mönchengladbacher Autor Carsten Steenbergen wurde 1973 in Düsseldorf geboren. Nach dem Abitur absolvierte er das Studium zum Diplomverwaltungsfachwirt und arbeitet  nun als Softwarebetreuer und Programmierer in Neuss. Seine Begeisterung für Literatur begann bereits als jugendlicher Vielleser. Tolkiens »Herr der Ringe« brachte ihn früh zur Phantastik, insbesondere zur Fantasy, aber auch das Interesse an Altertum und Geschichtlichem ist seither ungebrochen. Kriminalgeschichten gehören ebenfalls zu seiner Leidenschaft und entfachten den unbändigen Drang, selbst spannende Abenteuer zu verfassen. Neben dem Broterwerb schreibt er Hörspiele bzw. Hörbücher und Romane aus der großen Bandbreite der Genres Phantastik, Krimi sowie Thriller.

Carsten Steenbergen wurde 2008, 2009 und 2010 für den Deutschen Phantastik Preis nominiert. Im Jahr 2012 war er nominiert für den Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie »Beste Erzählung«.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 14. Dezember, genau hier.

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