PAN-Gewinnerstory: Die Braut des Soldaten (Barbara Schinko)

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FICTION FRIDAY

Die Braut des Soldaten (Barbara Schinko)


Duncan und seine Männer geraten in einen verwunschenen Wald, und nur eine mutige Bauerntochter kennt den Weg hinaus … Das kleine, fiese Märchen „Die Braut des Soldaten“ von Barbara Schinko ist die Sieger-Story des PAN-Kurzgeschichtenwettbewerbs mit dem Titel „Phantastik unter Wasser – Geheimnisvolle Welten“.

 

***

„Halt!“

Duncan hob die rechte Hand. Hinter ihm zügelten seine Männer ihre Pferde. Auf einem steinigen Fleckchen Acker neben dem holprigen Weg, der sich hier Straße schimpfte, stand gebückt eine Bauersfrau. Drei tote Männer lagen um sie verstreut wie aufgedunsene Pferdeäpfel. Die Fliegen hielten auf ihnen Hof.

„Was ist passiert, Weib?“

Sie blickte nur kurz von ihrer Arbeit auf, ehe sie den Spaten mit einem Schnaufen der Anstrengung erneut ins feuchte Gras stach.

„Wonach sieht’s aus?“ Ein Stampfen mit dem Fuß trieb das Eisenblatt tiefer ins Erdreich. „Ich begrabe“, durch Rütteln am Spatengriff lockerte sie die Erde, „die Männer“, mit schnellem Schwung beförderte sie eine Drecksladung aus dem Loch, „des Königs. Wenn er’s denn nicht selber tut“, fügte sie aufreizend hinzu.

„Und gibt’s keinen, der dir helfen könnte?“ Duncans Männer mochten staunen, dass er das respektlose Gerede so einfach hinnahm, ihm aber gefiel die Frau. „Wo sind deine Nachbarn? Die Männer aus deinem Dorf?“

„Die fürchten sich.“ Ein weiteres Mal stemmte sie sich gegen den Spaten. Ihr Kopftuch war verrutscht und gab den Blick auf ihr schmutzigblondes Haar frei. Duncan öffnete den Mund zu einer weiteren Frage, das bedeutsame Nicken der Frau aber ließ ihn innehalten, und zum ersten Mal sah er sich die Leichen genauer an. Alle drei Männer hatten nasse Haare, nasse Kleider. Die gelbliche Färbung ihrer Gesichter verriet, dass sie ertrunken waren. Und doch konnte das Bächlein, das zwischen diesem und dem nächsten Feld eine natürliche Grenze bildete, allerhöchstens eine Armlänge tief sein.

Ein Raunen fuhr durch Duncans Trupp. „Der Wassermann!“, murmelten ungläubige, verdutzte, auch ein paar bange Stimmen.

„Warum helft ihr mir nicht?“ Die Bauersfrau stützte sich herausfordernd auf ihren Spaten. Sie war noch jung, und der enge Kittel brachte ihre Kurven zur Geltung. „Sitzt da auf euren feinen Pferden und glotzt! Richtet eurem König aus, ein schöner König ist er, wenn er sich nicht um uns schert und nicht einmal dafür Sorge trägt, dass seine Männer ein anständiges Begräbnis erhalten. Er kann mich gerne fragen, ob ...“

„Du willst an den Hof?“ Duncan grinste. „Dann sitz auf.“ Er klopfte auf seinen Sattel, um die Einladung zu unterstreichen. Das Bauernmädchen gaffte.

„Wir sind auf dem Weg dorthin“, versicherte er ihr. „Wenn du willst, dass ich dich dem König vorstelle, schließ dich uns an. Für die hier kommt deine Hilfe ohnehin zu spät.“

„Na gut“, entschied sie plötzlich und ließ den Spaten fallen, als wäre sie die Arbeit längst leid. Beim Aufsitzen rutschte ihr Kittel hoch. Zu seiner Belustigung sah Duncan, dass sie je ein rotes Bändchen an die Rüschen ihrer plumpen, knielangen Unterhosen genäht hatte. Seine erste Ahnung hatte ihn nicht getrogen: Das war keine, die auf dem Feld ackern wollte, bis sie krumm und buckelig war.

„Wir reiten sehr schnell“, warnte er sie. „Am besten, du schlingst die Arme um mich.“

 

In der Abenddämmerung schlugen sie ihr Lager auf. Einer von Duncans Männern reichte dem Mädchen ein nasses Tuch, damit sie sich waschen könnte, und sie selbst brach den Kopf von einer Distel, um damit ihr Haar zu kämmen. Solchermaßen mit allem weibischen Handwerkszeug ausgestattet zog sie sich hinter eine Gruppe von Eichen und Ahornbäumen zurück, deren dichtes, gelb-braunes Laub ihr als Vorhang dienen mochte. Ein feiner Herbstnebel hing bereits über dem Wald, und Duncan befahl zweien seiner Männer, vor der Baumgruppe Wache zu stehen. Beide glotzten mit weit aufgerissenen Mäulern, als das Mädchen nach längerer Zeit wieder aus ihrem Versteck trat. Gekämmt und gewaschen hätte sie jeder von ihnen gerne für sich gehabt.

Duncan führte seine Besucherin am Arm zurück ins Lager. Alle Männer sollten sehen, wem sie gehörte.

„Lass ihm noch ein bisschen Kraft für morgen übrig“, lästerte der alte Fergus, als sie an ihm vorbeischritten. Bevor Duncan seinen Feldwebel scharf zurechtweisen konnte, riss das Mädchen den Kopf herum.

„Meinst du etwa, er schwächelt so schnell, wie du es tätest?“, gab sie zurück, und Fergus lief vor Zorn rot an, als ein paar der jüngeren Soldaten lachten.

Der Herbstnebel, der vom Boden aufstieg, machte Duncans Decken klamm, doch er schlang sie um sich und das Mädchen und grinste dabei. „Ist dir kalt?“, raunte er seiner Begleiterin ins Ohr. „Lass mich dich wärmen.“

Sie schnaubte über seine allzu eindeutigen Absichten, raffte dann aber bereitwillig ihren Kittel bis über die Hüften, als sich Duncan auf sie rollte und damit begann, die Bänder ihrer Unterhosen zu lösen. Unter der Decke, unter dem feuchten Schleier des Nebels verloren sich ihre beiden Leiber ineinander. Das Mädchen war weitaus unerfahrener als die käuflichen Dirnen in den Städten, doch sie gehorchte Duncan, ließ sich von ihm leiten, und es juckte ihn kaum, dass er unmöglich ihr Erster sein konnte. Während sie erschöpft an seine Schulter gekuschelt einschlief, überlegte er gar, ob er sie statt an den Hof nicht lieber auf die Farm seines Vaters bringen sollte. Es wurde weiß Gott langsam Zeit für ihn, eine Frau zu haben, die daheim auf ihn wartete. Duncan stellte keine großen Ansprüche, solange sie nur jung und hübsch war und weder Pferde noch Schmutz, harte Arbeit oder derbes Gerede scheute. Ein unerschrockenes, williges Bauernmädchen wie dieses mochte einem altgedienten Soldaten wohl zur Braut gereichen.

 

Früh am Morgen ritten sie los. Duncan hatte fest damit gerechnet, gegen Abend auf die Landstraße zu gelangen, doch der Wald, den sie durchqueren mussten, erschien wie verhext. Jeder Pfad, auf den sie stießen, verlief ins Nichts oder kehrte gar an seinen Ursprung zurück, bis die Männer begannen, von Hexenflüchen zu murmeln. Die Späher trabten davon, kamen wieder und vermeldeten, dass auch sie keinen Weg nach draußen finden konnten. Duncan hörte die Ersten flüstern, sie möchten wohl auf ewig in diesem verwunschenen Wald gefangen sein.

„Ich kenne den Weg“, flüsterte da die Stimme hinter seinem Rücken.

Er zügelte das Pferd und wandte sich der halb vergessenen Last zu, die hinter seinem Sattel hockte. „Du? Was hätte ein Weib wie dich je in diesen Wald getrieben?“

„Nicht mal der Teufel höchstpersönlich“, gestand sie unumwunden und grinste, ehe sie anfing zu erzählen. In ihrem Heimatdorf gäbe es einen Bauern, der seinen Ehrgeiz dareinsetzte, alle Wege nah und fern zu bereisen. Und einst hatte er um die Hand des Mädchens angehalten und ihr gewissermaßen als Brautgeschenk einen Weg aus dem Hexenwald verraten.

Duncan hörte sich das alles an, und seine Braut gefiel ihm mit jedem Wort besser. In dem ersten Dorf mit einem Pfaffen, durch das sie kämen, würde er sie zur Frau nehmen, bevor noch ein anderer Mann sie sähe und sie ihm wegschnappen könnte. Einstweilen aber hieß es den Wegweiser suchen, den ihm das Mädchen beschrieben hatte. Noch einmal schickte er daher die Späher aus und befahl ihnen, sie möchten Ausschau nach jenem krummen Baum, jenem Gestrüpp halten.

Bald standen sie davor. Das letzte Licht der Abendsonne fiel auf das Gestrüpp und überzog seine dornigen Zweige mit Gold. Dahinter begann ein schmaler, mit weicher Erde bedeckter Pfad, der auf ein nebeliges Tal zuführte.

Die Sonne sank hinter die Kronen und Wipfel, als Duncan seine Stute antrieb. Seine Männer folgten im Gänsemarsch. Bald aber verengte sich der Pfad, die Gäule wurden unruhig und scheuten, so dass die Soldaten schließlich absteigen und sie an den Zügeln führen mussten.

„Sei tapfer“, raunte Duncans Braut ihm ins Ohr. Ihr verschmitztes Lächeln bestärkte ihn nur in seinem Eifer, so bald wie möglich aus dem Wald zu gelangen, denn es versprach ihm des Nachts einen ganz besonderen Lohn für seine Geduld. Flink wie ein Otter schlüpfte seine Braut an ihm vorbei und trat an die Spitze des Trupps.

Es war kühl hier im Nebel, kälter als letzte Nacht. Duncan hielt sich dicht an seinem Pferd, dessen kräftiger Leib und schnaubender Atem ihn wärmten. Seine Braut vor ihm war bald nur mehr ein verschwommener Schatten. Das Atmen fiel ihm zusehends schwerer. Seine Lungen brannten wie Feuer, jeder Baum, jeder Strauch jenseits des Pfades verschwamm wie ein Trugbild vor seinen Augen.

Und noch immer schritt sie ihnen allen furchtlos voran. Wenn ein paar alberne Bauern diesen Pfad nahmen, konnte er es auch.

Trotzdem öffnete er den Mund, um zu rufen: „Ist der Weg denn noch sicher?“ Er brachte kein Wort hervor. Wie schwer ihm das Atmen fiel! Tiefer und tiefer schlängelte sich der Pfad. Die Luft war vom Nebel dick, fast so, als wäre das, was er einatmete, nur noch

Wasser.

Das Trugbild erlosch. Und nun sah er, wohin sie ihn und die Seinen geführt hatte. Tief unten auf dem Grund eines Flusses wanderten sie. Ungläubig wandte er den Kopf nach seinen Männern. Ihre zu Fratzen verzerrten Gesichter waren totenbleich im Graugrünweiß dessen, was er für Nebel gehalten hatte. Es kostete ihn unendliche Mühe, den Blick zu wenden und wieder nach vorne zu blicken, zu ihr, die noch immer stetig und furchtlos voranmarschierte; und dann wurde es schwarz um ihn.

 

Nach Luft schnappend tauchte sie auf, wankte durchs seichte Wasser ans Ufer, kauerte sich dort zusammen und wartete. In dem leicht gekräuselten Silbergrün, das die sterbende Sonne erhellte, spiegelte sich ihr Gesicht. Sie starrte es an, als hinge ihr Leben davon ab. Sie wollte die Leichen auf dem Grund des Flusses nicht sehen, wollte vor allem eine nicht sehen.

Nach einer Weile erschien ein zweites Gesicht hinter ihrem. Sie wandte sich um. Er saß auf einem Baumstumpf, die Froschbeine gekreuzt, das Kinn auf spindeldürre Arme gestützt. „Du zitterst ja, Prinzessin.“

Sie war von Kopf bis Fuß nass. Der leichte Abendwind ließ sie frösteln. Der Wassermann winkte sie näher. „Sei nicht traurig, Tochter“, ermahnte er sie zärtlich und streckte eines seiner Händchen nach ihrem Gesicht aus, wischte ihr mit seinen Spinnwebfingern ein paar Tropfen aus dem Augenwinkel, wie man die Tränen eines Kindes wegwischen mochte. „Sie hatten alle den Tod verdient. Und du hast einen guten Platz für sie ausgewählt. Hier wird keiner sie je finden.“

Sie nickte stumm. Eine Hand huschte zu ihrem Gesicht, ein bebender Finger berührte eine feuchte Wange. Eine Zunge leckte an der Fingerspitze. Mischte sich da tatsächlich eine Träne in das Wasser des Flusses?

„Er wollte dich mir stehlen“, fuhr der Wassermann fort und gluckste. „Mir stehlen, was ich selbst unter Mühen stahl! Du gehörst den Menschen nicht länger, Tochter. Du gehörst nur mir.“

Er strich ihr zärtlich übers Gesicht. Sie zwang sich, stillzuhalten, doch von seiner kalten Berührung fuhr ein Schauder durch ihren Körper, und sie dachte zurück an die Wärme des Soldaten um sie herum und in ihr.

 

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© 2018 by Barbara Schinko.

Alle Rechte vorbehalten

Hier erfährst du mehr über das Phantastik-Autoren-Netzwerk und die Auswahljury für unsere Kurzgeschichtenkooperation.

Über die Autorin

Autorin Barbara Schinko


Barbara Schinko, geboren 1980. Liebe, Heldinnen und Helden, Märchen- und Sagenhaftes. Mehr über mich und meine Veröffentlichungen unter www.barbaraschinko.eu.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 7. Dezember, genau hier.

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