Das verschwundene Gehirn des Präsidenten (John Scalzi)

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FICTION FRIDAY

Das verschwundene Gehirn des Präsidenten (John Scalzi)


Wo ist das Gehirn des Präsidenten abgeblieben? Und braucht er es überhaupt? Eine unterhaltsame Kurzgeschichte von Science-Fiction-Größe John Scalzi.

 

***

Der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses Alexander Lipsyte trat durch die Tür ins Oval Office und stellte überrascht fest, dass der Präsident nicht an seinem Schreibtisch saß. »Wo ist der Chef?«, fragte er.

»Abwesend«, sagte der Stabschef David Boehm, der einen Aktenordner in der Hand hielt. »Schließen Sie die Tür und setzen Sie sich, Alex.«

Alex schloss die Tür hinter sich und nahm Platz auf dem nach Osten ausgerichteten Sofa, neben der Außenministerin Mona Fitzgerald. Auf dem Sofa genau gegenüber saßen der Nationale Sicherheitsberater Brad Stein und Vizepräsident Tony Hsu. Hsus Anwesenheit war ungewöhnlich, da der Präsident zur ehemals üblichen Gepflogenheit zurückgekehrt war, dem Vizepräsidenten keinerlei auch nur ansatzweise wichtigen Aufgaben zu überlassen. Hsu verbrachte den größten Teil seiner Zeit damit, Grundschulen zu besuchen und sich im Golfspiel zu verbessern.

Hsu bemerkte Alex’ Blick. »Wenn Sie überrascht sind, überlegen Sie mal, wie es mir geht«, sagte der Vizepräsident.

Alex musste unwillkürlich grinsen.

»Nachdem wir jetzt alle versammelt sind, können wir beginnen«, sagte Boehm. »Wir haben ein Problem. Das Gehirn des Präsidenten ist verschwunden.«

Dazu hatte niemand im Raum etwas zu sagen. Schließlich meldete sich Alex zu Wort. »Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, dass Jon Stewart seine Witze selbst schreiben soll.«

»Verdammt noch mal, Alex, das ist kein Witz.« Boehm schlug den Aktenordner auf den Tisch. Dabei rutschten verschiedene Unterlagen heraus, einschließlich einer Röntgenaufnahme und einer MRT, die einen Kopf mit leerer Schädelhöhle zeigten.

Alex starrte darauf.

Fitzgerald beugte sich vor und hob das Röntgenbild auf. »Wann wurde das aufgenommen?«, fragte sie, während sie das Foto hochhielt.

»Vor drei Stunden«, antwortete Boehm. »Sowohl das Röntgenbild als auch die MRT.«

»Ist der Präsident deswegen zu Walter Reed gegangen?«, fragte Fitzgerald.

»Nein, Anil hat sie hier gemacht, unten im Bunker«, erklärte Boehm und bezog sich auf Anil Singh, den Leibarzt des Präsidenten. »Als er herausfand, was los war, hatte er die Geistesgegenwart, Stillschweigen zu bewahren.«

»Also ist der Präsident tot«, sagte Vizepräsident Hsu.

»Dem Präsidenten geht es gut«, erwiderte Boehm. »Er ist im Haus und ruht sich aus, auf Anweisung Anils.«

»Aber Sie sagten doch, dass sein Gehirn verschwunden ist«, wandte Hsu ein.

»So ist es«, bestätigte Boehm.

Hsu blickte in die Runde, um zu sehen, ob er als Einziger verwirrt war. War er nicht. »Dave, ich behaupte nicht, ein Experte in medizinischen Fragen zu sein, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand ohne Gehirn überleben kann.«

»So ist es«, wiederholte Boehm.

»Also verstehen Sie vielleicht meine Verwirrung.«

»Sehr gut sogar«, sagte Boehm. »Aber in diesem Moment habe ich keine Antworten auf Ihre Fragen. Ich weiß nur – und derzeit weiß niemand von uns mehr – zwei Dinge. Erstens, der Präsident ist dem äußeren und überwiegend auch dem innerem Anschein nach kerngesund für einen dreiundsechzigjährigen Mann. Zweitens, von seinem Gehirn fehlt jede Spur.«

»Dave«, sagte Alex. »Erzählen Sie doch mal von Anfang an.«

»Der Präsident wachte wie üblich um fünf Uhr dreißig auf und ging zu seinem gewohnten Morgenschwimmen, wobei er das erste Anzeichen bemerkte, dass etwas nicht stimmt«, erklärte Boehm.

»Und was war das?«, fragte Fitzgerald.

»Er konnte nicht mit dem Kopf untertauchen«, sagte Boehm. »Jedes Mal, wenn er es versuchte, schoss sein Kopf wieder nach oben, wie ein Korken.«

Alex musste unwillkürlich über die Vorstellung grinsen, wie der mächtigste Mann der Welt erfolglos versuchte, im Swimmingpool des Weißen Hauses den Kopf unter Wasser zu drücken.

»Später unter der Dusche war ihm schwindlig*«, fuhr Boehm fort. »Also rief er Anil zu sich, um sich untersuchen zu lassen. Anil traf um sieben Uhr dreißig in seiner Wohnung ein und brachte ihn dann in den Bunker, um die Röntgen- und MRT-Aufnahmen zu machen. Dabei stellte er fest, dass die Schädelhöhle des Präsidenten völlig leer war.«

»Wie hat der Präsident diese Neuigkeit aufgenommen?«, fragte Alex.

»Gar nicht«, antwortete Boehm. »Anil hat ihm nichts davon gesagt.«

»Warum nicht?«, fragte Fitzgerald.

»Muss ich Ihnen das wirklich erklären, Mona?«, fragte Boehm zurück. »Der Präsident flippt aus, wenn er nur eine Erkältung hat. Er hat Alpträume, dass er in seinem eigenen Schleim ertrinken könnte. Bei seiner letzten Papierschnittwunde herrschte eine Aufregung, als hätten Ninjas ihm die Halsschlagader aufgeschlitzt. Der Präsident ist ein guter Mann, aber er ist ein Hypochonder. Wenn er wüsste, dass sein Gehirn verschwunden ist, würde er vermutlich einen Schlaganfall erleiden. Anil entschied völlig richtig, dass er den Präsidenten zu diesem Zeitpunkt nicht mit dieser Information belasten sollte. Stattdessen erklärte er dem Präsidenten, dass er eine Nebenhöhlenentzündung hat und sich für den Rest des Tages ausruhen soll. Dann kam er sofort zu mir.«

»Sie können es ihm nicht ewig verheimlichen«, wandte Hsu ein. »Er ist der Präsident, Herrgott noch mal! Und morgen soll er vor dieser Bürgerversammlung über die geplante Steuererhöhung reden.«

»Dem stimme ich zu«, sagte Boehm. »Aber wenn ich ihn darüber informiere, möchte ich es nicht mit den Worten tun: ›Ihr Gehirn ist verschwunden, und wir haben nicht die leiseste Ahnung, warum das so ist.‹«

Der Nationale Sicherheitsberater Stein, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, rührte sich auf dem Sofa und beugte sich vor. »Warum informieren Sie uns darüber, Dave?«

»Weil Sie die Leute sind, die es wissen sollten«, antwortete Boehm. »Tony, wir müssen davon ausgehen, dass der Präsident in diesem Moment zwar gesund ist, dass es sich aber jede Sekunde ändern könnte. Mona, Sie müssen sich damit auseinandersetzen, ob und wann wir es dem Rest der Welt bekanntgeben sollten. Brad, Ihnen müsste klar sein, welche Konsequenzen das für unsere Sicherheit hat.«

»Was ist mit mir, Dave?«, fragte Alex.

»Alex, Sie sind hier, weil Sie die einzige Person von uns allen sind, die in dieser Sache irgendetwas unternehmen kann«, sagte Boehm. »Wir anderen werden viel zu genau von den Medien und den politischen Feinden des Präsidenten beobachtet. Wenn wir von unserer Terminplanung abweichen, wird man sich nach dem Grund erkundigen. Also muss sich Mona wie vorgesehen mit dem Botschafter von Burundi treffen. Brad muss an einer Lagebesprechung im Pentagon teilnehmen. Tony muss Drittklässlern in Fairfax aus einem Buch vorlesen. Und ich muss die heutigen Termine des Präsidenten übernehmen oder verschieben.«

Boehm griff nach dem Aktenordner auf dem Tisch und hielt ihn Alex hin. »Aber Ihr Terminplan sieht so aus, wie ich es Ihnen sage. Sie stehen nicht so sehr unter Beobachtung wie wir. Also ist es Ihr Job, herauszufinden, was zum Teufel hier vor sich geht, Alex. Und zwar schnell.«

Alex nahm den Aktenordner entgegen. »Wie schnell?«, fragte er.

»Der Vizepräsident hat darauf hingewiesen, dass morgen diese Rede vor der Bürgerversammlung ansteht«, sagte Boehm. »Das ist ziemlich genau in vierunddreißig Stunden. Davon haben Sie vierundzwanzig, um mir irgendwelche Ergebnisse zu bringen. Vorausgesetzt, der Präsident ist bis dahin nicht tot umgefallen.«

**

Alex blickte vom Aktenordner auf und sah, dass Brad Stein vor seinem Schreibtisch stand.

»Es wäre mir lieber, wenn Sie anklopfen würden«, sagte Alex.

»Ich bin der Oberspion«, erklärte Stein. »Es ist mein Job, mich anzuschleichen. Außerdem ist schon eine Stunde vergangen. Ich dachte mir, bevor ich ins Pentagon gehe, frage ich mal nach, was Sie bis jetzt herausgefunden haben.«

»Gar nichts«, sagte Alex. »Oder dass vielleicht ein Wunder passiert ist. Ich meine, schauen Sie mal.« Alex zog die Röntgenaufnahme hervor und reichte sie an Stein weiter. »Wie kommt jemand ohne Gehirn zurecht?«

»Die Presse hat seit der Wahlkampagne immer wieder die gleiche Frage über den Präsidenten gestellt«, sagte Stein und hielt das Foto ins Licht.

»Aber es war nicht buchstäblich gemeint«, erwiderte Alex. »Der Präsident ist nicht die hellste Kerze auf der Torte, aber dafür hat er seine Leute. Doch das hier …« Alex schleuderte den Aktenordner auf den Tisch und warf die Hände in die Luft. »Ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen soll!«

»Wir haben es hier mit einem Rätsel zu tun, so viel steht fest«, sagte Stein, der immer noch die Röntgenaufnahme betrachtete.

»Es ist kein Rätsel, sondern ein Wunder. Es ist Magie, das ist es. Es macht mich völlig verrückt.«

»›Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden‹«, sagte Stein und legte die Aufnahme wieder auf den Schreibtisch.

»Was?«, fragte Alex.

»Das ist ein Zitat«, sagte Stein. »Von Arthur C. Clarke.«

»Dieser 2001-Typ.«

»Ja, dieser 2001-Typ«, bestätigte Stein mit leichtem Spott. »Ich vermute, Sie sind kein großer Science-Fiction-Leser.«

»Und was heißt das übersetzt für jene von uns, die nicht stolz darauf sind, Nerds zu sein?«, fragte Alex.

»In diesem Fall wären es ›Geeks‹, und es heißt wohl so viel wie: Bevor Sie die Hände hochwerfen und das Ganze zum einem Wunder erklären, sollten Sie es mit dem etwas rationaleren Ansatz probieren, dass es sich um irgendetwas Technologisches handelt.«

»Eine Gehirn-Diebstahl-Technologie?«, fragte Alex. »Scheint mir eine sehr spezialisierte Art von Technologie zu sein.«

»Ich denke, dass es keine spezielle Gehirn-Diebstahl-Technologie ist, sondern nur etwas, wofür diese Technologie in diesem Fall benutzt wurde.«

»Und was soll das sein?«, fragte Alex. »Irgendeine Transporter-Technologie wie in Star Trek? Vielleicht könnte man damit ein Gehirn aus einem Schädel holen, aber das erklärt nicht, wie das Gehirn dann noch funktionieren kann. Vorausgesetzt, ich würde an eine Transporter-Technologie glauben, was ich nicht tue.«

Stein lächelte und tippte auf die Röntgenaufnahme. »Ich möchte Sie daran erinnern, was Sie hier haben – oder genauer gesagt, was Sie hier nicht haben. Ein fehlendes, aber dennoch vollständig funktionsfähiges Gehirn. Alex, dies ist ein Fall, in dem die verrückteste Erklärung, die Ihnen dafür einfällt, wahrscheinlich immer noch nicht verrückt genug ist.«

»Das habe ich nun davon, dass ich an der Highschool kein Geek war, wollen Sie damit sagen«, entgegnete Alex.

»Ich vermute, dass Sie durchaus ein Geek waren«, sagte Stein. »Sie weisen sämtliche Anzeichen eines Model-UN-Strebers auf.«

»Danke«, sagte Alex trocken.

»Aber wenn Sie einen Vorschlag hören wollen, rate ich Ihnen, wie ein Science-Fiction-Geek zu denken. Denn das hier«, sagte Stein und zeigte auf den Aktenordner, »ist erstklassiges Akte-X-Material. Viel Glück damit.« Er lächelte und verließ Alex’ Büro.

Alex starrte mehrere Minuten lang auf die Stelle, wo Brad Stein gestanden hatte, und griff dann nach dem Telefon.

**

»Seit dem Jahrgangstreffen bist du fetter geworden«, sagte Ezra Jefferson zu Alex, als er auf der Treppe zum Air and Space Museum seine Hand schüttelte.

»Du nicht, Captain«, erwiderte Alex.

»Das liegt daran, dass die Air Force nicht von dicken Offizieren überzeugt ist«, sagte Jefferson und deutete dann auf sein Schulterstück. »Außerdem heißt es jetzt Major.«

»Seit wann denn das?«, fragte Alex.

»Seit ich ins Pentagon versetzt wurde«, erklärte Jefferson. »Was du wüsstest, wenn du irgendwann mal wieder angerufen hättest. Ich bin jetzt seit vier Monaten in DC, Alex. Und ich habe dich seit dem Zehnjährigen nicht mehr gesehen. Das ist einfach nicht korrekt.«

»Deshalb werde ich es jetzt wettmachen«, sagte Alex und zeigte auf das Museum. »Komm, lass uns reingehen. Ich bezahle.«

»Der Eintritt ist frei«, bemerkte Jefferson.

»Typisch, dass du mich darauf hinweisen musst«, sagte Alex.

»Seit dem Jahrgangtreffen bist mir immer noch ein paar Drinks schuldig«, gab Jefferson zu bedenken, während sie hineingingen.

»Apropos Jahrgangstreffen«, sagte Alex, nachdem die beiden eine halbe Stunde lang durchs Museum spaziert waren und sich auf den neuesten Stand gebracht hatten. »Ich erinnere mich, dass du gesagt hast, du wärst gleich nach Yale in der Nellis Air Force Base stationiert gewesen.«

»Ja«, sagte Jefferson. »Ein Jahr lang Nellis und dann für ein paar Jahre in Edwards.«

»Und du hast mir erzählt, dass du in dieser Zeit auch im Air Force Flight Test Center warst«, sagte Alex.

»Klar«, bestätigte Jefferson.

»Zu dem auch ein Gelände am Groom Lake gehört«, sagte Alex.

»Richtig.«

»Das auch als Area 51 bekannt ist.«

»Dort gibt es keine Aliens, Alex«, sagte Jefferson. »Ich schwöre.«

»Ich habe nichts von Aliens gesagt«, erwiderte Alex.

»Und es gab dort auch nie irgendwelche Aliens«, fügte Jefferson hinzu. »Diese Alien-Geschichten erzählen die Flieger nur, um die Alien-Groupies rumzukriegen.«

»Es gibt Alien-Groupies?«, ließ sich Alex von seinem eigentlichen Gesprächsthema ablenken.

»Aber ja!«

»Und hast du …?«

»Einmal«, sagte Jefferson.

»Und wie war es?«, fragte Alex.

»Entsetzlich.«

»Und wie steht Caitlyn dazu?«, wollte Alex wissen.

»Damals hatten wir uns eine kleine Auszeit genommen«, sagte Jefferson. »Aber ich würde ihr lieber nichts davon erzählen. Es steht zur Debatte, was ›Auszeit‹ in diesem Kontext genau bedeutet.«

»Verstehe.«

»Jedenfalls ist das alles völliger Blödsinn«, sagte Jefferson. »Das mit den Aliens. Die ganze Roswell-Sache. Totaler Quatsch. Das mit Roswell war das Testmodell eines Stratosphärenballons, der zur Überwachung eingesetzt werden sollte. Man setzte einen Schimpansen in die Kabine, um die Stabilität zu testen. Das war das Alien. Wenn die Leute einen Schimpansen mit einem Alien verwechseln, sagt das ziemlich viel darüber aus, dass diese Leute einfach glauben wollen. Daher kommt auch die Geschichte mit der Autopsie des Aliens, weil man den Schimpansen nach dem Absturz genau untersucht hat.«

»Der arme Affe.«

»Am Groom Lake gab es ein Denkmal für ihn«, sagte Jefferson. »Einen Bananenbaum.«

»Das ist ja nett!«

Jefferson zuckte mit den Schultern. »Er ist tot. In der Wüste wachsen keine Bananen, Mann.«

»Dieses Gespräch verläuft zunehmend deprimierender«, sagte Alex.

»Du hast das Thema angesprochen.«

»Ich habe Area 51 angesprochen«, erwiderte Alex. »Von Aliens oder toten Schimpansen habe ich nichts gesagt.«

»Niemand spricht das Thema Area 51 an, ohne dass es um Aliens geht, Alex.«

»Ich schon«, sagte Alex. »Es geht mir um die Technologie, die da draußen von der Air Force getestet wurde.«

»Was meinst du damit?«

»Area 51 und Groom Lake sind das Testgelände für neue Technologien der Air Force, nicht wahr?«, fragte Alex.

»Klar«, sagte Jefferson.

»Und abgesehen von den Technologien, von denen wir wissen, werden dort wahrscheinlich auch einige Technologien getestet, von denen wir nichts wissen. Skunk Works, irgendwelche Geheimprojekte.«

»Worauf willst du hinaus, Alex?«

»Ich habe mich gefragt, ob du während deiner Zeit dort jemals Hinweise bemerkt hast, dass die Air Force an wirklich hochmodernen Technologien gearbeitet hat.«

»Was zum Beispiel?«, fragte Jefferson.

»Ich weiß nicht, vielleicht so etwas wie Teleportation.«

»Ist das dein Ernst?«, sagte Jefferson, nachdem er Alex eine Sekunde lang überrascht angestarrt hatte. »Wie in Star Trek

»Vielleicht nicht genauso wie in Star Trek«, räumte Alex ein.

»Du weißt, dass dieses Zeug frei erfunden ist, ja?«, sagte Jefferson. »Teleportation und Phaser und Vulkanier und grünhäutige heiße Bräute.«

»Ich frage dich nur.«

»Gibt es irgendeinen Grund, warum du danach fragst?«, wollte Jefferson wissen. »Außer dass du vielleicht selbst zu einem Alien-Groupie geworden bist?«

»Das ist es nicht.«

»Das freut mich«, sagte Jefferson. »Nicht dass du kein gutaussehender Mann wärst – zumindest warst du es, bevor du fett geworden bist. Aber meine Beziehung zu Caitlyn ist jetzt definitiv wieder aktiv.«

»Hör auf damit«, sagte Alex und sah seinen College-Kumpel mit einem verlegenen Grinsen an. »Tut mir leid, Ezra. Ich habe da nur ein Problem, und ich dachte mir … Es war ein Schuss ins Blaue. Vergiss es.«

»Funktioniert dein Transporter nicht mehr richtig?«, fragte Jefferson.

»So könnte man es formulieren«, sagte Alex und schaute dann auf die Uhr. »Na los, gehen wir in den IMAX-Film. Er ist in 3-D. Und der Eintritt kostet Geld, also …« Und damit war das Thema erledigt, bis Alex um 19 Uhr an seinem Schreibtisch einen Anruf von Major Jefferson erhielt, der ihm sagte, dass er sich an der Ecke 8th und F um Punkt 20.30 Uhr mit ihm treffen sollte.

**

»Soll das ein Witz sein?«, sagte Alex, als der weiße Lieferwagen vorfuhr und Jefferson die Schiebetür öffnete, zwei bewaffnete Soldaten der Air Force an seiner Seite.

»Steig ein, Alex«, forderte Jefferson ihn auf.

»Ich dachte, Entführungen in weißen Lieferwagen gibt es nur im Film.«

»Nein, die Nordkoreaner machen es auch so«, sagte Jefferson. »Und es ist noch keine Entführung. Aber wenn du nicht die Klappe hältst und einsteigst, könnte es eine werden.«

Alex stieg in den Lieferwagen.

Während sich das Fahrzeug von der Kreuzung der 8th und der F Street entfernte, deutete Jefferson auf einen älteren Mann hinten im Lieferwagen. »Alex Lipsyte, Major General Marcus White.«

»General«, begrüßte Alex ihn und setzte sich auf eine Bank an der Seite.

»Major Jefferson erzählte mir, Sie hätten ein Transporter-Problem«, sagte White.

»Möglicherweise«, antwortete Alex nach kurzem Zögern.

»Beschreiben Sie es mir.«

»Es ist weniger ein Problem mit dem Transporter, sondern eher mit dem, was transportiert wurde«, sagte Alex.

»Und was wäre das?«

»Das wäre ein Gehirn.«

»Wessen Gehirn?«, fragte White.

»Äh …«, sagte Alex.

»Es ist nicht zufällig das Gehirn von jemandem, der für gewöhnlich nicht als jemand beschrieben wird, der eins hat, oder?«, fragte White. »Jemand, für den Sie arbeiten? Jemand, der seine Zeit damit verbringt, in einem großen ovalen Raum ein paar Meilen westlich von hier auf einem Block herumzukritzeln?«

»Er kritzelt nicht!«, protestierte Alex.

»Scheiße, es überrascht mich, dass der Mann überhaupt einen Stift in der Hand halten kann, Mr. Lipsyte«, sagte General White. »Ich habe niedere Primaten erlebt, die höher entwickelte kognitive Funktionen hatten als dieser Typ. Sie hatten einfach nur Glück, dass die andere Seite einen Kandidaten aufgestellt hat, der ihn während der Wahlkampagne nicht in der Hose lassen konnte. Dieser blöde Drecksack hätte sein kleines Techtelmechtel mit den Zwillingen auf die Zeit nach der Wahl verschieben sollen. Hat er aber nicht, und jetzt sabbert dieser schwachsinnige Hurensohn die ganzen Stühle im West Wing voll. Ein Wunder, dass jemand überhaupt ein Gehirn in ihm gefunden hat, das sich stehlen lässt.«

»General!«, sagte Jefferson.

White hob eine Hand, um den Major zu beschwichtigen. »Wie auch immer, dieser Schwachmat ist nun mal der Oberbefehlshaber, also sollten wir wohl lieber etwas unternehmen.« Er zog ein Mobiltelefon hervor und tippte eine Nummer ein. »Dave«, sagte White nach einer Minute. »Hier ist Marc White. Ja. Gut. Hören Sie zu, ich habe hier einen von Ihren Jungs, und ich glaube, ich hätte vielleicht einen Anhaltspunkt hinsichtlich Ihres kleinen Problems, wo jemandem, den Sie kennen, etwas fehlt, das für die meisten Leute unverzichtbar wäre. Ja, das. Nein, das war nicht böse gemeint. Ich versuche, Ihnen zu helfen. Ich schlage vor, dass Sie einige Ihrer Leute zusammentrommeln und wir uns in einer halben Stunde drüben im Executive Building treffen. Ja. Gut. Also in fünfundvierzig Minuten. Bis dann.« Er trennte die Verbindung.

»Sie kennen Dave Boehm?«, fragte Alex nach.

»Er hatte vor etwa fünfzehn Jahren was mit meiner Nichte, als der Präsident noch ein kleiner Kongressabgeordneter war«, sagte White und klappte das Telefon zu. »Schon damals war er sein Stabschef. Schon damals hat er ihm zum Wahlsieg verholfen, und auch jetzt wieder, was langfristig betrachtet wahrscheinlich ein unverzeihlicher Fehler ist. Aber er hat Patty gut behandelt. Zumindest besser als sie ihn. Allein deswegen bin ich ihm wohl einen Gefallen schuldig. Und jetzt haben wir noch fünfundvierzig Minuten. Machen wir einen Abstecher zu Five Guys an der H. Ich bin völlig ausgehungert.«

**

»Zunächst einmal, diese ganze Roswell-Sache ist Blödsinn«, sagte General White im abhörsicheren Konferenzraum im Executive Office Building und hob eine Pommes von Five Guys, um seine Aussage zu unterstreichen.

»Hab ich Ihnen doch gleich gesagt«, bemerkte Jefferson leise zu Alex.

»Aber was kein Blödsinn ist, ist das Tunguska-Ereignis von 1908«, sagte White.

»Diese Sache in Russland«, sagte Boehm. Der Cheeseburger, den White ihm von Five Guys mitgebracht hatte, lag unberührt vor ihm auf dem Tisch. Brad Stein neben ihm war vollauf damit beschäftigt, seinen zu essen.

»Richtig«, bestätigte White.

»Ich dachte, das wäre ein Asteroideneinschlag gewesen«, sagte Boehm.

»War es auch«, bestätigte White. »Oder ein Kometeneinschlag, eins von beiden, suchen Sie sich was aus. Aber dieser Brocken aus Eis und Gestein fiel nicht zufällig vom Himmel. Wir glauben, er wurde gezielt dorthin gelenkt, um etwas auszulöschen.«

»Was, Aliens?«, rief Boehm.

»Aliens«, stimmte White ihm zu. »Im Jahr 1927 führte ein Wissenschaftler namens Leonid Kulik eine Expedition in die Gegend. Offiziell hat er außer umgeknickten Bäumen nichts gefunden. Inoffiziell hat er Beweise gefunden, dass sich jemand oder etwas dort aufhielt und eine Technologie benutzte, die unserer weit voraus war. Wieder in Leningrad schrieb er einen Bericht, und dann schickte Stalin seine Leute hin, die alles absuchten und ausgruben. Als Kulik 1939 zurückkehrte, war bereits alles eingepackt und weggeschafft worden.«

»Warum hat Stalin es dann nicht benutzt?«, fragte Stein. »Außerirdische Technologie hätte ihm während des Großen Vaterländischen Krieges eine Menge Ärger erspart.«

»Der Komet verwandelte alles, was mechanisch war, in Schlacke«, sagte White. »Man konnte erkennen, dass das Zeug irgendwas machte, aber man konnte nicht erkennen, was genau. Das Wertvollste waren jedoch die Datenspeichereinheiten – so etwas wie Festplatten. Dummerweise hatten Stalin und seine Wissenschaftler keine Ahnung, was das sein könnte.«

»Warum haben sie das nicht erkannt?«, fragte Boehm.

»Wie hätten sie es erkennen können?«, entgegnete White. »Dave, wenn Sie einem Höhlenmenschen eine Daten-CD geben, würde er niemals darauf kommen, dass darauf Daten gespeichert sind. Er würde nur sehen, dass sie rund ist und glänzt. Stalins Jungs hatten das gleiche Problem. Diese Datenspeichereinheiten sahen für sie wie Metallwürfel aus. Sie haben ein paar zerstört, als sie sie aufgebrochen haben, aber nichts Brauchbares gefunden, und den Rest dann eingelagert.«

»Also hatten die Sowjets sie, aber jetzt haben wir sie«, sagte Boehm.

»Genau. Wir haben sie in den frühen Neunzigern von den Russen gekauft. Als wir sie dafür bezahlt haben, dass sie ihre Atomwaffen demontieren. Sie waren knapp bei Kasse und boten uns spottbillig einige ihrer fehlgeschlagenen wissenschaftlichen Projekte an. Das meiste davon war die Art von pseudowissenschaftlichem Quatsch, gegen den Lysenko wie ein Nobelpreisträger wirken würde, aber diese Sache machte sich bezahlt. Vor etwa fünfzehn Jahren gelang es uns endlich, in die Datenträger reinzukommen, und seitdem arbeiten wir an einigen von den Dingen, die wir darin gefunden haben.«

»Zum Beispiel Teleportation«, sagte Stein und griff nach Boehms verschmähtem Burger.

»Es ist keine Teleportation im eigentlichen Sinne«, erklärte White. »Es geht eher um die Erzeugung statischer Löcher in der Raumzeit, durch die man Dinge befördern kann.«

»Wie auch immer«, sagte Stein. »Der Punkt ist, dass man so etwas dazu benutzen kann, jemandem das Gehirn aus dem Kopf zu holen, ohne dass die Verbindung ganz getrennt wird.«

»Theoretisch«, sagte White.

Stein deutete auf die beiden Aufnahmen vom Kopf des Präsidenten. »Nicht nur theoretisch, würde ich sagen«, murmelte er mit einem Stück Burger im Mund.

»Ich sage theoretisch, weil es Probleme mit dieser Technologie gibt, soweit wir sie verstanden haben.«

»Zum Beispiel?«, fragte Boehm.

»Zum Beispiel damit, dass sich Materie spontan neu organisiert, wenn sie durch ein solches Loch geht«, erklärte White. »Es ist schon schlimm genug mit Dingen aus Metall oder Kunststoff, aber wenn wir etwas Lebendes hindurchdrücken, kommt es als ungeordneter Fleischklumpen wieder zum Vorschein.«

»Wie in Die Fliege«, sagte Alex. »Wo der Wissenschaftler einen Pavian teleportiert, der von innen nach außen gestülpt wird.«

Dazu lächelte Stein. »Da hat wohl heute jemand seinen inneren Geek entdeckt.«

»Genau deshalb haben wir diese Technologie nicht bekannt gemacht«, sagte White. »Sie ist weder ausgereift noch sicher.«

»Aber das ist nicht mit dem Präsidenten passiert«, sagte Boehm. »Er kann immer noch herumlaufen und sprechen, also kann sein Gehirn nicht zermatscht worden sein.«

Es folgte eine kleine Pause, die Alex darauf zurückführte, dass General White sich um eine möglichst diplomatische Formulierung bemühte. »Es funktioniert immer noch genauso wie bisher, würde ich sagen. Und das ist der Punkt, an dem ich Ihnen nicht weiter behilflich sein kann. Erstens, weil ich über den Verbleib sämtlicher Wissenschaftler informiert bin, die für die Air Force an der Teleportation gearbeitet haben, und keiner von ihnen abtrünnig geworden ist. Und zweitens, weil, wer auch immer dafür verantwortlich ist, mehr darüber weiß als wir.«

»Vielleicht einer der Russen«, sagte Alex.

White schüttelte den Kopf. »Wie ich vorhin erklärte, hatten die Russen nicht den blassesten Schimmer, womit sie es zu tun haben. Wir selbst haben Jahre gebraucht, um darauf zu kommen. Die einzigen Leute, die an dieser Sache gearbeitet haben, sind Amerikaner, und wir wissen über jeden von ihnen genau Bescheid.«

»Dann hat einer Ihrer Wissenschaftler etwas durchsickern lassen, General«, sagte Boehm.

»Dave, mit allem gebührenden Respekt, aber Sie haben keine Ahnung, wovon Sie reden. Selbst wenn einer von ihnen etwas leaken wollte, stehen sie unter so strenger Überwachung, dass sie nicht einmal kacken gehen können, ohne dass wir wissen, was sie zwölf Stunden vorher gegessen haben.«

»Sie können diese Leute nicht jede Minute des Tages im Auge behalten«, sagte Boehm.

»Natürlich kann ich das«, erwiderte White. »Implantierte GPS-Sender schlafen nie. Glauben Sie mir, Dave. Wenn ich jemanden von meinen Leuten nicht überwache, dann liegt es daran, dass er nicht mehr lebt.«

»Würden Sie uns eine Liste Ihrer Wissenschaftler geben?«, fragte Boehm.

»Eigentlich nicht.«

»Ich bin der Stabschef für den Präsidenten der Vereinigten Staaten, General. Ich habe die nötige Sicherheitseinstufung.«

»Wenn Sie den Präsidenten dazu bringen, eine Liste anzufordern, werde ich sie ihm geben«, sagte White. »Haben Sie ihn schon über seine Situation informiert?«

»Wir hoffen, ihn nicht damit beunruhigen zu müssen«, antwortete Boehm.

»Das kann ich mir vorstellen«, bemerkte White schmunzelnd.

»Wie wäre es mit einer Liste Ihrer verstorbenen Wissenschaftler?«, fragte Alex.

White wandte seine Aufmerksamkeit Alex zu und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Was versprechen Sie sich davon?«

»Sie sagten gerade, dass das die Einzigen sind, die Sie nicht überwachen.«

»Wir reden hier über Aliens, nicht über Zombies, mein Junge«, sagte White.

»Schaden kann es nicht«, sagte Alex. »Selbst wenn einer von ihnen irgendwann einen Flash-Speicher mit nach Hause genommen hat, könnte daraufhin etwas durchgesickert sein. Das sollten wir überprüfen, um absolut sicherzugehen, dass alles wasserdicht ist.«

»Gut. Ich bin bereit, die verstorbenen Wissenschaftler rauszurücken.« White deutete auf Jefferson. »Ich lasse sie in den nächsten paar Stunden vom Major überbringen. Und was die lebenden Wissenschaftler betrifft, werden meine Leute noch einmal jeden ihrer Schritte nachverfolgen. Falls irgendeiner von ihnen etwas geleakt hat, werden Sie es erfahren, etwa eine Minute, bevor ich ihn durch eins unserer Transporterlöcher schubsen lasse, damit er in einen matschigen Fleischhaufen verwandelt wird.«

**

Es klopfte an Alex’ Tür. Es war Stein.

»Ich kann es nicht fassen«, sagte Alex und rieb sich die Augen. »Sie haben angeklopft.«

»Ich habe heute meinen guten Tag«, erklärte Stein. »Waren Sie die ganze Nacht hier?«

Alex deutete auf die großen Papierstapel auf seinem Schreibtisch. »Hier sehen Sie, was ich alles durchgehen musste. Und das sind nur die Toten. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was gewesen wäre, wenn Dave den General dazu gebracht hätte, uns auch die Akten über die Lebenden zu überlassen. Und Sie? Waren auch Sie die ganze Nacht wach?«

»Natürlich nicht. Ich halte mich an meinen regulären Terminplan, wie besprochen.«

»Richtig«, sagte Alex. »Ein weiterer Grund, Sie auf die Liste der Personen zu setzen, die ich hasse.«

»Es dürfte Sie interessieren, dass der Präsident heute wieder im Einsatz ist«, bemerkte Stein. »Gestern Abend äußerte er, dass es ihm so gut wie sonst auch geht, und heute früh um sechs drehte er wieder seine Runden im Pool. Also zieht er seinen vollen Terminplan durch und düst dann nach Ohio zu dieser blöden Bürgerversammlung.«

»Kommen Sie, Brad«, sagte Alex. »Eine Bürgerversammlung ist partizipative Demokratie vom Feinsten.«

»Wenn dreißig Leute in New Hampshire über Probleme mit der Kanalisation diskutieren, dann vielleicht. Aber wenn der Präsident zu erklären versucht, warum das Land den Steuersatz für Millionäre vorübergehend erhöhen muss, und er das vor schreienden Chaoten tut, die jede Art von Steuer für Landesverrat halten, nun ja. Sagen wir einfach, dass ich etwas nervös werde.«

»Dafür sind die Leute vom Secret Service da«, sagte Alex. »Chaoten sind ihr Spezialgebiet.«

»Hoffen wir, dass Sie recht behalten.« Stein deutete mit einem Nicken auf die Stapel. »Haben Sie irgendetwas Interessantes gefunden?«

»Ja«, sagte Alex und rieb sich erneut die Augen. »Ja, das habe ich. Eigentlich nicht in den Akten, aber gegen drei Uhr morgens war ich ein bisschen neben der Rolle und beschloss, die Steuerdatenbank des IRS aufzurufen und mir die Familienmitglieder dieser Wissenschaftler anzusehen.«

»Was haben Sie sich davon erwartet?«

»Ach, wer weiß?«, sagte Alex. »Ich wollte nachschauen, ob irgendjemand plötzlich Steuern auf ein millionenschweres Einkommen gezahlt hat, was vielleicht auf unrechtmäßig erworbenes Geld hindeutet.«

»Unrechtmäßig erworbenes Geld wird normalerweise eher nicht versteuert«, gab Stein zu bedenken. »Quasi per definitionem.«

»Wohl wahr«, sagte Alex. »Was der Grund sein dürfte, warum ich nichts gefunden habe. Aber dann habe ich das Gegenteil gefunden: Die Frau und das erwachsene Kind eines verstorbenen Wissenschaftlers haben im Jahr nach seinem Tod überhaupt keine Steuern mehr gezahlt. Hier, schauen Sie.« Alex schob Stein einen Aktenordner zu. »Louis Reynolds stirbt vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt, okay?« Dann legte Alex ein paar weitere Ausdrucke dazu. »Im folgenden Jahr bezahlen seine Ehefrau Lisa und seine Tochter Martha gar keine Steuern. Kein gemeldetes Einkommen, nachdem beide noch im Vorjahr Jobs hatten. Lisa ist Verwaltungsassistentin und Martha Krankenpflegerin. Und auch in diesem Jahr wurde kein zu versteuerndes Einkommen angemeldet.«

»Und beide sind nicht tot«, sagte Stein.

»Nicht dass ich wüsste«, sagte Alex. »Angerufen habe ich nicht, immerhin war es drei Uhr morgens.«

»Wenn dieser Reynolds eine Lebensversicherung hatte und beide die Begünstigten waren, könnten sie ein oder zwei Jahre lang von diesem Geld gelebt haben, ohne darauf Steuern zahlen zu müssen. Wer in einem bestimmten Jahr kein Einkommen hat, muss auch keine Erklärung abgeben.«

»Das mag sein«, räumte Alex ein. »Aber ich weiß nicht. Es kommt mir trotzdem seltsam vor. Normalerweise fällt man nicht komplett aus der Steuerdatenbank, selbst wenn man eine Lebensversicherung ausbezahlt bekommt. Man hat immer noch Hypotheken und Bankkonten und Rentenversicherungen und Spenden für gemeinnützige Zwecke. Wenn man komplett herausfällt, muss es dafür einen Grund geben.«

»Sie glauben, sie sind auf der Flucht?«, fragte Stein.

»Vielleicht«, sagte Alex. »Aber ich weiß es nicht. Ich bin kein Finanzprüfer oder FBI-Agent oder Spion. Das ist Ihr Metier. Sie dürften Leute haben, die das viel besser können als ich.«

»Soll das ein Fingerzeig sein?«, fragte Stein.

»Es könnte einer sein, wenn Sie ihn so verstehen wollen.«

Stein lächelte und hob den Aktenordner, den Alex ihm gegeben hatte. »Ich werde das an meine Leute weitergeben und mal schauen, was sie herausfinden.«

»Wenn Sie es sehr schnell machen könnten, wäre ich Ihnen ewig dankbar«, sagte Alex. »Ich muss Dave meinen Bericht in …« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »… dreieinhalb Stunden abgeben.«

»Es überrascht mich, dass Sie ihm das hier noch nicht erzählt haben«, bemerkte Stein.

»Er scheint zu den Leuten zu gehören, die glauben, die Nacht wäre zum Schlafen da«, sagte Alex und gähnte. »Apropos, ich nehme mir jetzt ein Taxi, schleppe mich in meine Wohnung und versuche, ein bisschen zu dösen, bevor ich hierher zurückkomme.«

»Und ich versuche, Ihnen bis dahin etwas vorlegen zu können«, sagte Stein.

»Vielen Dank«, sagte Alex. Als er den West Wing verließ, wartete vor der Wachstation bereits das Taxi, das er bestellt hatte. Er genoss das angenehme, leicht benommene Gefühl, das man nach einer durchgemachten Nacht hatte, bis das Taxi plötzlich wegfuhr und ein weißer Lieferwagen seine Stelle einnahm. Die Seitentür glitt auf, jemand kam heraus und packte ihn.

Ach, du Scheiße, die Nordkoreaner, dachte Alex, bevor ihm etwas auf Mund und Nase gedrückt wurde und er das Bewusstsein verlor.

**

Alex erwachte auf einer Pritsche in einem Raum mit kahlen Betonwänden. Ansonsten enthielt der Raum nur noch einen Mann mit einer Waffe, den Donut, den er gerade aß, den Stuhl, auf dem er saß, und den Fernseher, in den er schaute, offenbar mit heruntergedrehtem Ton.

»Wer sind Sie?«, fragte Alex den Mann.

»Ihr Babysitter«, sagte der Mann und zog ein Mobiltelefon aus der Hosentasche hervor, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden. Er wählte eine Nummer. »Er ist wach«, sagte der Mann einen Moment später.

»Kann ich aufstehen?«, fragte Alex, nachdem der Mann den Anruf beendet hatte.

Der Mann zuckte mit den Schultern. »Tun Sie, was Sie wollen. Zur Toilette geht es durch die andere Tür da drüben.«

»Und wenn ich gehen will?«.

Der Mann deutete auf die Tür. »Sie ist von außen verriegelt. Sie dürfen sich gern selbst davon überzeugen.«

»Warum bin ich hier?«, fragte Alex.

Schließlich blickte der Mann zu Alex hinüber. »Entspannen Sie sich, Mr. Lipsyte«, sagte er. »Niemand will Sie umbringen.«

»Sie sind bewaffnet«, gab Alex zu bedenken.

»Ich bin immer bewaffnet«, sagte der Mann und wandte sich wieder dem Fernseher zu. »Ich bin vom Secret Service.«

Zehn Minuten später ging die Tür auf, und Brad Stein betrat den Raum, mit einer Papiertüte in der Hand. »Hallo, Alex«, sagte er und ging zur Pritsche hinüber, um Alex die Tüte zu reichen. »Ich habe Ihr Abendessen dabei. Ich hoffe, Sie mögen Cheeseburger.«

Alex nahm die Tüte entgegen. »Abendessen«, wiederholte er.

»Sie haben eine ganze Weile geschlafen«, erklärte Stein. »Aber keine Sorge. Ich war bei Dave und habe ihm erzählt, dass ich Sie nach Hause geschickt habe, nachdem ich um sechs Uhr früh bei Ihnen war und sah, wie Sie sich in Ihren Papierkorb übergeben haben, das Opfer einer wahrhaft bösartigen Vierundzwanzig-Stunden-Grippe. Dabei habe auch Ihre Informationen an ihn weitergegeben, abzüglich einiger Details.«

»Zum Beispiel das mit Lisa und Martha Reynolds«, sagte Alex.

»Ja, das«, bestätigte Stein und lehnte sich gegen eine Betonwand. »Ich muss sagen, dass ich wirklich ziemlich verärgert war, als Sie mich um die Liste der verstorbenen Wissenschaftler baten. Ich hätte nicht gedacht, dass irgendwer jemals nach so etwas fragen würde. Sie haben mich eiskalt erwischt.«

»Louis Reynolds lebt«, schlussfolgerte Alex.

»Ja«, sagte Stein. »Er hat seinen Tod vorgetäuscht und arbeitet seitdem in einem Geheimlabor der NSA. Auch seine Frau und Tochter gehören zum Laborpersonal. Alle unter neuen Namen. Das standardmäßige staatliche Prozedere.«

»Und er hat dieses Transporterproblem gelöst«, sagte Alex. »Das mit den Lebewesen, die in Fleischklumpen verwandelt werden.«

»Nein, eigentlich nicht«, schränkte Stein ein. »Aber wir haben das Nächstbeste daraus gemacht. Statt das Gehirn des Präsidenten durch ein Loch in der Raumzeit zu quetschen, haben wir ein Raumzeit-Loch rund um das Gehirn des Präsidenten gelegt. Das Gehirn ist immer noch in seinem Kopf. Dort war es die ganze Zeit. Es gibt nur keine Möglichkeit mehr, heranzukommen, außer durch die Wirbelsäule und die Arterien und Venen in seinem Hals. Aus jedem anderem Winkel landet alles, was ins Gehirn des Präsidenten eindringen will, in dem Loch und kommt in einem stillgelegten Schießstand des FBI in Quantico wieder heraus.«

Alex starrte Brad Stein mehrere Minuten lang verständnislos an.

»Ich glaube, die Frage, die Sie jetzt stellen möchten, lautet: ›Warum?‹«, sagte Stein dann.

»Ja, genau das«, stimmte Alex ihm zu.

Stein warf einen Blick zum Agenten des Secret Service. »Drehen Sie den Fernseher herum, Jenkins.«

Jenkins tat es, und Alex erkannte, dass er sich die Nachrichten angesehen hatte.

»Haben Sie es aufgezeichnet?«, fragte Stein.

»Ja«, sagte Jenkins.

»Dann gehen Sie bitte bis zum Ereignis zurück. Und drehen Sie die Lautstärke hoch.«

Jenkins tat es und drückte die Pausetaste. Der Bildschirm zeigte den Präsidenten, der vor einem Podium stand.

»Wie Sie wissen, sollte der Präsident am heutigen Abend diese verdammte Rede zur Steuererhöhung bei einer Bürgerversammlung in Ohio halten«, sagte Stein und ging zu Jenkins, um ihm die Fernbedienung abzunehmen. »Aber weil unser lieber Präsident ein ziemlicher Schwachkopf ist, hielt er es für eine tolle Idee, ausgerechnet dieses kontroverse Thema im Freien auf dem Sportplatz einer Highschool anzusprechen, wo der Secret Service ein Jahr lang Sicherungsmaßnahmen durchführen könnte und trotzdem ein oder zwei Kleinigkeiten übersehen würde. Daraufhin geschah, wenig überraschend, das Unvermeidliche.« Stein ließ die Aufzeichnung weiterlaufen.

Alex verfolgte, wie ein Attentat auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten verübt wurde. Eben noch gab der Präsident Plattitüden von sich, und im nächsten Moment gab es einen lauten Knall, und Blut drang aus einem Loch in seiner linken Schläfe.

»O Gott!«, rief Alex und sah Stein an.

»Warten Sie, es kommt noch besser«, sagte Stein und zeigte auf den Fernseher.

Alex schaute wieder hin und sah, wie der Präsident leicht benommen und trotz blutender Kopfwunde mit Dave Boehm und dem Leiter der Präsidentenleibwache des Secret Service diskutierte. Alex runzelte die Stirn. »Was macht er da?«

»Er erklärt ihnen, dass er seine Rede fortsetzen möchte«, sagte Stein. »Dieses dumme Arschloch hat soeben einen Kopfschuss erhalten und blutet aus einer Wunde, die tödlich gewesen wäre, wenn wir sein Gehirn nicht abgeschirmt hätten, und er will einfach nur weiter vom Teleprompter ablesen. Das ist auf seine eigene grandios verrückte Weise bewundernswert.«

Alex beobachtete weiter, wie der Präsident schließlich vom Podium gezerrt wurde und dabei einen außerordentlich verärgerten Eindruck machte. »Geht es ihm jetzt gut?«, fragte er schließlich.

»Nein«, sagte Stein. »Er hat ein Schussloch in der Schläfe. Er hat eine beträchtliche Menge Blut verloren, neben etwas Knochen und anderem Gewebe, und die Kugel richtete ein wenig Schaden an der Schädelinnenseite an, bevor sie auf das Raumzeit-Loch traf und in diesem Schießstand in Quantico zum Vorschein kam. Er wird für eine Woche oder so außer Dienst sein. Derzeit hat der Vizepräsident die Amtsgeschäfte mit allen Befugnissen übernommen. Vorläufig keine weiteren Besuche in Grundschulen. Andererseits ist das Gehirn des Präsidenten völlig unverletzt. Er wird es überleben, was andernfalls nicht passiert wäre.«

»Sie haben dem Präsidenten das Leben gerettet«, sagte Alex.

»Ja«, bestätigte Stein. »Was auch immer das heißen mag. Aber es war nicht nur ich. Die Idee kam aus dem Secret Service. Der Präsident geht in der Öffentlichkeit zu viele Risiken ein. Er mischt sich ständig in die Menge und erschwert es den Agenten, für seine Sicherheit zu sorgen. Letztes Jahr wollte er sogar in einem Cabrio durch Dallas fahren. Dave musste ihm erst den Zapruder-Film zeigen, bevor er es sich anders überlegte. Nach Ansicht des Secret Service war es nur eine Frage der Zeit, bis so etwas wie das hier passiert. Deshalb fragte man mich um Rat. Und als der Präsident entschied, seine Rede im Freien zu halten, traten wir in Aktion.«

»Aber ohne sein Wissen«, sagte Alex.

»Anders wäre es nicht möglich gewesen. Die technischen Einzelheiten kann ich Ihnen ein andermal erklären. Aber wie Sie sehen, ist es machbar.«

»Ich verstehe nur nicht, warum Sie keinem von uns etwas gesagt haben.«

»Was hätte ich sagen sollen?«, erwiderte Stein. »Dass ich das Gehirn des Präsidenten heimlich in ein Raumzeit-Loch eingebettet habe? Alex, ich möchte, dass Sie sich ausmalen, wie ein solches Gespräch mit Dave abgelaufen wäre. Und dann malen Sie sich bitte aus, wie es mit dem Präsidenten abgelaufen wäre. Er steht der Vorstellung, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht andersherum, sehr misstrauisch gegenüber. Sie wissen das.« Er zeigte auf den Fernseher. »Jetzt werde ich nichts mehr erklären müssen. Die Vorteile sind offensichtlich.«

»Außer dass ich auf offener Straße gekidnappt und mit einem bewaffneten Mann in einen geschlossenen Raum gesperrt wurde«, sagte Alex.

»Ach, das.«

»Ja, das.«

»Das tut mir leid, Alex«, sagte Stein. »Sie haben mehr herausgefunden, als ich Ihnen zugetraut hatte, und viel schneller, als ich erwartet hatte. Hätte ich Dave von Louis Reynolds und seiner Familie erzählt, wäre meine Mitwirkung viel zu früh herausgekommen. Alles reine Vorsichtsmaßnahmen.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen glaube«, sagte Alex.

»Dann verrate ich Ihnen jetzt, dass Sie sich in diesem Moment unter dem East Wing des Weißen Hauses befinden.«

»Blödsinn!«

»Willkommen im Bunker!«, sagte Stein. »Zumindest in einem kleinen Winkel davon. Den Sie natürlich jederzeit verlassen dürfen. Wahrscheinlich sollten Sie sogar möglichst bald an Ihren Schreibtisch zurückkehren. Seit dem versuchten Attentat hat Dave nach Ihnen geschrien.«

»Ach, du Scheiße«, sagte Alex und suchte nach seinem Mobiltelefon.

»Hier«, sagte Stein und zog es aus einer Hosentasche.

»Sie haben mir das Telefon abgenommen?«, fragte Alex, als er es entgegennahm.

»Sie brauchten Ruhe«, erklärte Stein. »Und nun, Alex, liegt es ganz bei Ihnen, ob Sie irgendwem erzählen, was Ihnen heute passiert ist, obwohl ich natürlich hoffe, dass Sie es nicht für notwendig halten. Und angesichts der übrigen heutigen Ereignisse begreifen Sie sicher, dass es, sollten Sie es tatsächlich ansprechen wollen, vermutlich im ganzen Durcheinander untergehen wird.«

»Vermutlich.«

»Außerdem habe ich Ihnen einen Cheeseburger mitgebracht.«

»Oh, gut!«, sagte Alex. »Das macht es gleich viel besser.« Er stand von der Pritsche auf und wankte leicht.

»Alles in Ordnung?«, fragte Stein von der Tür aus.

»Mir geht es gut«, sagte Alex. »Mir ist nur ein wenig schwindlig*.«

»Das war zu erwarten«, sagte Stein. »In Anbetracht der Umstände. Lassen Sie ein oder zwei Tage verstreichen. Dann fühlt sich Ihr Kopf wieder völlig normal an.«

Alex blickte auf. »Moment. Was soll das heißen?«

Stein lächelte nur und ging zur Tür hinaus.

 

 

* Anmerkung des Übersetzers: Im Original steht hier »light-headed«, der englische Ausdruck für »schwindlig«; die Vorstellung, dass sich ein schwindliger Kopf »leicht« anfühlt, geht im Deutschen leider verloren.

 

***

Deutsch von Bernhard Kempen

 

© 2010 by John Scalzi. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Alle Rechte vorbehalten.

Erstmals erschienen unter dem Titel »The President’s Brain is Missing« am 12. Juli 2010 auf www.tor.com

 

Die nächste Story erwartete Dich am Freitag, den 23. November, genau hier.

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