Geschichte: Morgen kommt der ... von Mats Strandberg

© jackmac34 / Waldkunst - pixabay

ESSAY

Morgen kommt der ... (Mats Strandberg)


Mats Strandberg
23.12.2017

Ende Mai 2017 ist mit »Die Überfahrt« der erste Horror-Roman des schwedischen Bestsellerautors Mats Strandberg bei FISCHER Tor erschienen – und wurde auch im deutschsprachigen Raum prompt zum Riesenerfolg. Im nächsten Herbst wird uns Mats erneut das Gruseln lehren, denn dann wird sein neuer Schocker »Das Heim« erhältlich sein. Für heute lässt er uns an einem, nun ja, besonderen Weihnachtstag teilhaben.


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Eine meiner ersten Erinnerungen dreht sich um Weihnachten, aber es ist keine fröhliche Erinnerung.

In Schweden kommt uns an Heiligabend der Weihnachtsmann besuchen. Dieser entpuppt sich meist als großer, lustiger Angeber, der fest damit rechnet, mit Plätzchen und Glühwein verköstigt zu werden, bevor er mit lauter Stimme fragt, ob nicht etwa nette Kinder im Haus sind. Erst nachdem ihm die Eltern versichert haben, dass die Kinder brav sind, verteilt er seine Geschenke. Das ist ganz anderes als beim britischen Weihnachtsmann, der – für alle unsichtbar – nachts vorbeischaut und höflich wieder verschwindet.

Bei uns zu Hause kreuzte der Weihnachtsmann in der Regel nach dem Abendessen auf, was zur Folge hatte, dass die gewaltige Mahlzeit, auf die meine Mutter viele Tage Arbeit aufgewendet hatte, allen Anwesenden von einem teuflischen Chor jammriger, ungeduldiger Kinder verdorben wurde (gut möglich, dass auch ich die eine oder andere Solonummer zum besten gegeben habe). In dem Jahr, von dem ich erzähle, war mein Onkel an der Reihe, das plötzliche Bedürfnis zu verspüren, das Haus zu verlassen, »um sich eine Zeitung zu besorgen«.

Kurze Zeit darauf war im Dunkeln vor den Fenstern eine schattenhafte Gestalt zu sehen. Sie glich entfernt einem Bären und kam schnaufend und keuchend aus dem Wald – einem Wald, in dem sich, wie ich hinzufügen möchte, ein Massengrab aus den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts befand, in denen eine Cholera-Epidemie gewütet hatte. Ich wusste nicht genau, was das bedeutete, und natürlich hatte ich Friedhof der Kuscheltiere noch nicht gesehen, ein Film, der meiner Phantasie einige Nahrung geben sollte. Ich wusste nur, dass es dort unheimlich war und dass sich im Wald mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwelche Ungeheuer herumtrieben. Während also die andere Kinder schrien, der Weihnachtsmann sei endlich da, verspürte ich das erste Angstkribbeln. Als die schattenhafte Gestalt näher kam, konnte ich erkennen, dass ihr Geschenkesack vielversprechend schwer zu sein schien. Außerdem sah das Bärenfell verdächtig nach einem Kunstpelzmantel meiner Mutter aus. Bald hörten wir an der Tür ein lautes Pochen. Ich versteckte mich hinter den Beinen meines Vaters, denn noch war ich überzeugt, dass er mich vor allem würde beschützen können. Die Tür ging auf, und ich hörte ein vertrautes Ho-ho-ho. Mein Vater versetzte mir einen Schubs. Letztlich gewann Habgier die Oberhand über die Angst, und ich rannte zum Weihnachtsmann hin, um meine Geschenke entgegenzunehmen. Und blieb wie angewurzelt stehen.

Über mich gebeugt, um herauszufinden, ob ich in die Kategorie »böse« oder »brav« gehörte, stand eine hochgewachsene Kreatur mit einer Gummimaske, die zu einem breiten Grinsen erstarrt war. Die ausgeschnittenen Löcher über den Augen glichen dunklen Abgründen und strahlten schiere Bösartigkeit aus. Stellt Euch Leatherface vor, der, mit einem Rauschebart versehen, in ein Haus einbricht. Und was das Schlimmste war: Meine Eltern hatten ihn bereitwillig hereingebeten! Und mich ihm wie ein Lamm dargeboten, damit er mich schlachtete! Allein die Vorstellung, dass ich ihnen gerade eben noch vertraut hatte ...

Ich schrie wie eine fünfjährige Scream Queen, rannte durch das Haus, um mich irgendwo zu verstecken, und schloss mich schließlich im Badezimmer ein. Ich weigerte mich, wieder herauszukommen, weigerte mich, ihrem Bitten und Flehen zuzuhören, ihren Versprechungen, der Weihnachtsmann sei längst fort. Letzte Endes musste mein Vater sein Werkzeug holen und die Tür aus den Angeln schrauben. Mein Onkel war wieder da, und er wirkte fast genauso erschüttert, wie ich mich fühlte.

Bis heute sehe ich diese billigen Gummimasken jeden Dezember in Supermärkten oder an Tankstellen, und dann muss ich immer daran denken, dass jede einzelne dieser Masken bei einem Kind ein Trauma auslösen kann. Wie bei mir.

 

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»Ho-ho-home Invasion – Mats Strandberg Confronts Santa«

Erstmals erschienen am 14. Dezember 2017 auf http://www.jofletcherbooks.com

Aus dem Englischen von Hannes Riffel

 

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© 2017 by Mats Strandberg

Mit freundlicher Genehmigung von Lena Stjernström/Grand Agency

© der Übersetzung 2017 by Hannes Riffel

Mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers

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