Grundkurs Nerd – Lektion 12: Nur die Guten sterben jung

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KOLUMNE

Grundkurs Nerd – Lektion 12: Nur die Guten sterben jung


Willkommen im "Grundkurs Nerd"! Hier lernt ihr, wie ihr zu einem waschechten Nerd werdet. Heutiges Übungsobjekt: Firefly, die früh verstorbene Kultserie, die wegen schlechter Quoten von kalt rechnenden Unterhaltungsapparitschiks eingestellt wurde. Benannt wird sie nicht nach der Eintagsfliege, sondern dem Glühwürmchen.  

Firefly-Syndrom, das: insbesondere in der multimedialen Phantastikszene verbreiteter Glaube, dass überraschend früh eingestellte Genreproduktionen automatisch großartig sein müssen, diese ihre Großartigkeit nur nie zeigen durften. Benannt nach der (durchaus großartigen) SF-TV-Serie „Firefly“, die nach wenigen Folgen abgesetzt wurde.

 

Die Ausgangslage

Nur die Guten sterben jung. Diese Weisheit ist so verbreitet, dass sie mitunter als Wahrheit missverstanden wird, insbesondere in Fankreisen. Der Nerd, von Natur aus daran gewöhnt, mit seinen Interessen und Steckenpferden auf Unverständnis zu stoßen und sich für diese rechtfertigen zu müssen, sieht in so mancher Absetzung und Einstellung einer Produktion a) den Beweis für die Unkenntnis der Entscheider „da oben“ und b) den Beleg für die ohnehin angenommene Brillanz der zu früh verstorbenen Produktion als solcher. Selten zeigte sich dies deutlicher als im Jahr 2003, als der amerikanische TV-Sender FOX sich nach nur 14 Episoden von seiner neuen SF-Serie „Firefly“, einer Art Space Western, trennte. Die Fans, von Serienschöpfer Joss Whedon Erfolge gewöhnt, sahen in dieser auch quotenbedingten Absetzung einen Verrat, begangen vom Sender an Autor Joss Whedon. (Dass Whedons nächste Serie „Dollhouse“ alles andere als ein Meisterstück war und dennoch bei FOX auf erstaunliche zwei Staffeln kam, spielte für diese Überzeugung keine Rolle.) Beflügelt u.a. von den Fanprotesten nutzte Whedon die Gunst der Stunde und reanimierte seine Schöpfung zwei Jahre später für den Kinofilm „Serenity“, der die Serie fortsetzte und ebenfalls keine Fortsetzung fand.

Der Nerd-Faktor

Vom Augenrollen der engeren Familienmitglieder über den Außenseiterstatus auf dem Schulhof bis hin zum stillen Kämmerlein, in dem man heimlich über seine Actionfigur-Sammlung streichelt … Das Gefühl, mit seinen persönlichen Vorlieben nicht ganz dazuzugehören, ist wohl jedem Nerd bekannt. Geeks und Fans, das waren schon immer die Seltsamen, die Uncoolen, die (um einen fragwürdigen Begriff aus 1980er-Jahre-Synchrondrehbüchern zu verwenden) Eierköpfe. Wundert es da, dass wir Nerds es gewöhnt sind, eine defensive Haltung anzunehmen, wenn es um unsere Steckenpferde geht?

Dass man mich nicht falsch versteht: Längst nicht jede kurz nach dem Start schon wieder eingestampfte kreative Schöpfung ist automatisch ein Geniestreich! Auch die Schlechten können jung sterben, ganz ohne Frage. Kein geistig gesunder Mensch dürfte der 1960er-Jahre-Sitcom „My Mother the Car“ nachtrauern, in der der Geist einer Verstorbenen ins Chassis eines Straßenkreuzers einzieht – um nur ein Beispiel zu nennen.

Doch die Liste der Ideen, die ihr faszinierendes Potenzial aufgrund äußerer Umstände nie ganz entfalten konnten, ist im phantastischen Genre tatsächlich überraschend lang. Auch davon können wir „Eierköpfe“ ein Lied singen.

Der Selbstversuch

Sei es ein Urlaub in der Karibik, das Goldticket auf der FedCon oder die lange überfällige Kündigung des verhassten Brotjobs – nehmen Sie die beste Idee, die Sie je hatten, polieren und feilen Sie sie in schönstmögliche Form, machen Sie sich für Ihre langersehnte Umsetzung bereit … und dann … tun Sie nichts.

Ja, richtig gelesen. Lassen Sie sie unausgesprochen und unrealisiert versanden. Schenken Sie sie her. Spüren Sie den Schmerz, der damit einhergeht? Die Trauer um das vergeudete Potenzial? Um die verlorene Zukunft?

Wenn Sie erst einmal verstehen, wie hart es ist, liebgewonnene Welten zu verlieren … dann: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ein Nerd!


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Superhelden im Kino, Zauberlehrlinge und Vampire in der Bestsellerliste – die Nischenthemen von früher sind heute fest im Mainstream angekommen. Geeks, Nerds und Überfans regieren vielleicht nicht die Welt, wohl aber die Popkultur. Grund genug, sich diese Spezies mal genauer anzuschauen. Wie wird man eigentlich ein Nerd?

Kolumnist Christian Humberg setzt sich für FISCHER Tor das lustige Akademikerhütchen auf und verwandelt das Internet in seine ganz persönliche Volkshochschule. Auf zum Grundkurs Nerd!

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