Grundkurs Nerd – Lektion 11: Mit Prittstift, Schere und Herzblut

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KOLUMNE

Grundkurs Nerd – Lektion 11: Mit Prittstift, Schere und Herzblut


Willkommen im „Grundkurs Nerd“! Hier lernt ihr, wie ihr zu einem waschechten Nerd werdet. Heutiges Übungsobjekt: das Fanzine – die perfekte Kombination aus Leidenschaft, Spezialwissen und Mitteilungsdrang.

Fanzine: von (überwiegend) journalistischen Laien erstelltes Print- oder Onlinemagazin monothematischer Natur, oft dem Phantastikgenre oder speziellen Spielarten der Phantastik gewidmet. Die meisten Fanzines sind nicht profitorientiert und passieren als reiner Liebesdienst an der Sache. Sie dienen der Informationsvermittlung, aber auch dem Diskurs innerhalb der Szene, die sie auf diese Weise prägen.

 

Die Ausgangslage

Fanpublikationen sind vermutlich so alt wie die Fanszene selbst. Die Wurzeln der phantastischen Zines sucht man aber auf den Leserbriefseiten früher US-amerikanischer Genrepublikationen. Dort entstand seit den 1920ern ein reger Austausch unter den Lesern. Da die Hefte auch die Postanschrift der Einsender abdruckten, entstanden zahlreiche Brieffreundschaften. Fans aus unterschiedlichsten Teilen des Landes – und der Welt? – bekamen endlich Kontakt zu Gleichgesinnten. Im Zeitalter des Internets mag solch ein Vorgang selbstverständlich erscheinen, vor hundert Jahren war er eine Revolution.

Die 1930er zeigten die Geburt der ersten Comic-Fanzines (auf deren Seiten Superman das Licht der Welt erblickte!), die 1960er brachten uns wiederum die TV-Serie Star Trek und mit ihr eine ganze Flut an neuen Fanpublikationen, dicht gefolgt von der knospenden Rollenspiel- und Fantasyszene ab den 1970ern. Gemeinsam war all diesen Werken, dass sie von Fans für Fans erstellt wurden, ohne zensierenden Eingriff etwaiger Rechteinhaber und fachfremder Redakteure. Auch Egozines kamen auf, die primär von den Ideen und dem Charakter ihrer jeweiligen (und nicht selten szenebekannten) Macher handelten. Fanzines boten dem Fandom ein Sprachrohr, lange bevor der Mainstream es als interessante Zielgruppe erkannte. Fanzines verbanden Welten.

Der Nerd-Faktor

Spockanalia, so nannte sich das angeblich erste Fanzine zur TV-Serie Star Trek. Es erschien ab 1967 in den USA, und schon sein Titel – benannt nach der insbesondere bei den Zuschauerinnen beliebten Serienfigur des Mr Spock – beweist, wie nerdig diese Publikationen werden konnten: ein ganzes Magazin, das sich ausschließlich dem spitzohrigen Vulkanier vom Raumschiff Enterprise widmete?

Nein, Fanzines sind Nischenprodukte. Sie leben vom Detailwissen ihrer Macher und dem Detailhunger ihrer Rezipienten. Ob sie nun mit Schere, Prittstift und Fotokopierer erstellt werden, wie es anfangs üblich war, oder ob sie sich im modernen Kleid einer selbstgezimmerten Internet-Website, eines Blogs oder Onlineforums präsentieren – sie alle sind von der Begeisterung derer geprägt, die sich für ihr Thema interessieren. Von Menschen, denen Luke Skywalker oder FBI-Agent Dale B. Cooper mitunter näher ist als die eigene Verwandtschaft. Von Fans.

Und jeder darf mitmachen. Auch das zeichnet das internationale Phantastikfandom aus: Wer Interesse hat, ist jederzeit willkommen. Jede Stimme wird gehört.

Der Selbstversuch

Sie begeistern sich für Rezepte? Für Fußball? Für den Fahrplan der Buslinie, die vor Ihrer Haustür hält? Na, dann machen Sie Ihrer Begeisterung doch Luft. Schreiben Sie darüber, zeichnen Sie, kombinieren Sie Theorien mit Theorien und Geschichte mit Geschichten – sei es in Newslettern, auf handkopierten Flyern oder auf Ihrer eigenen Website. Bringen Sie Ihre Begeisterung an die (themenrelevante) Öffentlichkeit. Feiern Sie sie.

Wenn Sie erst einmal sehen, dass Sie mit Ihren speziellen Interessen keineswegs alleine sind … dann: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ein Nerd!


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Superhelden im Kino, Zauberlehrlinge und Vampire in der Bestsellerliste – die Nischenthemen von früher sind heute fest im Mainstream angekommen. Geeks, Nerds und Überfans regieren vielleicht nicht die Welt, wohl aber die Popkultur. Grund genug, sich diese Spezies mal genauer anzuschauen. Wie wird man eigentlich ein Nerd?

Kolumnist Christian Humberg setzt sich für FISCHER Tor das lustige Akademikerhütchen auf und verwandelt das Internet in seine ganz persönliche Volkshochschule. Auf zum Grundkurs Nerd!

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