Grundkurs Nerd Lektion 8: Stars zum Anfassen und Mitnehmen

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KOLUMNE

Grundkurs Nerd - Lektion 8: Stars zum Anfassen und Mitnehmen


Willkommen im "Grundkurs Nerd"! Hier lernt ihr, wie ihr zu einem waschechten Nerd werdet. Heutiges Übungsobjekt: der Personenkult: mitunter bis ins Übertriebene gehende Verehrung und Verherrlichung einer Person. Die Person kann lebendig oder bereits tot sein. Ihr Kult basiert zumeist auf ihrem beruflichen Schaffen.


Personenkult: mitunter bis ins Übertriebene gehende Verehrung und Verherrlichung einer Person, der man – objektiv berechtigt oder nicht – Vorbildfunktion zuschreibt und die man als Ideal definiert. Die Person kann lebendig oder bereits tot sein. Ihr Kult basiert zumeist auf ihrem beruflichen Schaffen.

Die Ausgangslage

Das Barbican Theatre, jenes traditionsreiche Haus in Londons Silk Street, konnte eigentlich gar nichts dafür. Wie dieser mysteriöse Bolle dürfte es sich damals gefreut haben, als Benedict Cumberbatch, immerhin ein echter Film- und Fernsehstar, einwilligte, dort den Hamlet zu geben. Ebenfalls bollemäßig dürfte die Begeisterung des Hauses ausgefallen sein, als der Vorverkauf für die Cumberbatch-Aufführungen alle Rekorde sprengte. Aber dann … wie muss sich ein Schauspieler fühlen, wenn er das Publikum bittet, doch endlich die Handys wegzustecken, weil das ganze Fotografieren das Ensemble beim Spiel störe? Wie muss sich ein Theater fühlen, wenn es merkt, dass es zumindest Teilen des Auditoriums gar nicht um Shakespeare und Schauspiel geht. Sondern um … ja, um was eigentlich?

Personenkult ist ein zweischneidiges Schwert. Stars sind Stars, da lässt sich nichts dran rütteln. Selbstverständlich hat der Fan seine Helden, und selbstverständlich freut sich der zum Held erklärte Künstler, wenn der Fan ihm und seinem Werdegang treu bleibt. Immerhin ist es genau dieses Publikum, für das er sich all die Mühen macht. Kein Genreschauspieler weiß nicht, dass er sich zur Not auch mit Conventionbesuchen und Autogrammverkäufen über Wasser halten könnte. Kein Autor freut sich nicht über hohe Verkaufszahlen.

Und doch: Es gibt Grenzen, wie auch Mr Cumberbatch es einigen Fans in jenem Londoner Sommer von 2015 erklären musste. Eine Hamlet-Vorstellung ist kein Meet and Greet, und nur eine Autogrammstunde ist eine Autogrammstunde.

 

Der Nerd-Faktor

Dass wir uns bitte nicht missverstehen: Die Barbican-Geschichte ist ganz klar eine Ausnahme! Der Großteil von uns Nerds weiß sich sehr wohl zu benehmen, und insbesondere wir Freunde britischer Mimen haben meist ein ebenso großes Interesse an den Klassikern wie an den Schauspielern selbst. Ausfallend wird da eigentlich niemand.

Denn dieser Personenkult hat viel Schönes! Es birgt ein nicht zu unterschätzendes Gruppengefühl, wenn man sich mit Freundinnen oder Freunden über die neuesten Nachrichten aus dem Leben eines Stars austauschen kann. Es kann großen Spaß machen, stundenlang für ein Autogramm anzustehen oder nächtelang vor irgendwelchen Conventionhallen oder Kinos zu campieren. Auch das ist – und zwar vor allem – ein Ausdruck von Fanliebe, und allein um die geht es beim Nerdsein.

 

Der Selbstversuch

Conventions sind Ihnen zu merkwürdig und Autogrammstunden zu pubertär? Sie wissen nicht, wie man Cumberbatch schreibt, halten Tom Hiddleston für einen Sportler und William Shatner für tot? Dann starten Sie Ihren Selbstversuch doch einfach ein paar Nummern kleiner.

Schritt 1: Studieren Sie den Veranstaltungskalender Ihrer Gemeinde.

Schritt 2: Sowie Sie einen Eintrag gefunden haben, der Sie ansatzweise interessiert, informieren Sie sich über den Beginn des Kartenvorverkaufs.

Schritt 3: Nehmen Sie sich den ollen Schlafsack vom Speicher, füllen Sie die Thermoskanne, und graben Sie den Klappstuhl aus. Denn …

Schritt 4: Ab jetzt wird campiert! Am Vorabend des Vorverkaufbeginns finden Sie sich bitte mit Ihrer Ausrüstung vor dem Ticketschalter ein. Machen Sie es sich ruhig gemütlich, denn das dauert jetzt ein Weilchen!

Wenn Sie erst einmal erkannt haben, wie viel Freude Ihnen die Vorfreude bereitet … dann: herzlichen Glückwunsch, Sie sind ein Nerd!


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Superhelden im Kino, Zauberlehrlinge und Vampire in der Bestsellerliste – die Nischenthemen von früher sind heute fest im Mainstream angekommen. Geeks, Nerds und Überfans regieren vielleicht nicht die Welt, wohl aber die Popkultur. Grund genug, sich diese Spezies mal genauer anzuschauen. Wie wird man eigentlich ein Nerd?

Kolumnist Christian Humberg setzt sich für FISCHER Tor das lustige Akademikerhütchen auf und verwandelt das Internet in seine ganz persönliche Volkshochschule. Auf zum Grundkurs Nerd!

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