Grundkurs Nerd - Lektion 5: Literaturcons – Zwischen Feuilleton und Fangzahn

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KOLUMNE

Grundkurs Nerd - Lektion 5: Literaturcons – Zwischen Feuilleton und Fangzahn


Willkommen im "Grundkurs Nerd"! Hier lernt ihr, wie ihr zu einem waschechten Nerd werdet. Heutiges Übungsobjekt: Literaturcons.


Literatur-Con: ein- bis zweitägige Veranstaltung von und für Freunde phantastischer Lektüre. Meist in Gemeindesälen, Jugendhäusern und Stadthallen abgehalten und eher zwanglos organisiert. Oft aus der Heftromanszene herrührend bzw. von dieser geprägt.

Ganz wichtig: Anders als Media-Cons tragen Literatur-Cons den männlichen Artikel, sind also stets „der“ Con (weil abgeleitet von „Konvent“, nicht vom amerikan. „Convention“).

 

Die Ausgangslage

Jede Nische braucht ihr Ventil. Für die phantastische Literaturszene – insbesondere die der Klein- und Heftromanverlage – sind sie es: die Literatur-Cons. Diese überschaubaren, meist fanorganisierten Veranstaltungen bieten professionellen wie auch Hobbyautoren sowie -grafikern, die auf den Buchmessen der großen Branche meist untergehen, eine Ersatzbühne und den treuen Lesern (und gelegentlich Cosplayern) phantastischer Werke die Chance zum direkten Austausch mit Gleichgesinnten. Auf den oft aus der Heftromanszene stammenden Literatur-Cons pflegt man das freundschaftliche „Du“, gerne auch im Gespräch mit den Stargästen, und ist generell mit allem und jedem auf Augenhöhe. Autogramme sind kostenlos, Gespräche frei von Schwellenängsten.

Besonders löblich: Der u.a. vom bierernsten Feuilleton immer wieder eingeforderte Trennstrich zwischen „hochwertiger“ und eskapistischer Literatur wird auf Cons gar nicht erst gezogen. Erlaubt – und erwünscht – ist, was gefällt. Ganz egal, was Literaturpäpste, Auflagenzahlen (und mitunter die Rechtschreibung) dazu sagen.

Der Nerd-Faktor

Leseratten voraus! Literatur-Cons richten sich primär an die Freunde des gedruckten (oder in den E-Reader geladenen) Wortes, bieten aber auch jeglichen anderen Phantasten die Chance, sich endlich mal wieder unter Freunden zu fühlen. Ob BuchmesseCon oder ColoniaCon, ob Marburg oder Dortmund – die Anzahl der Cons ist so hoch wie das Genre vielfältig. Nirgends sonst kommt man mit den (mitunter streitbaren) alten Hasen der Szene ebenso leicht ins Gespräch wie mit den neuen Bestseller-Superstars, trifft man Sammler und Cosplayer, Kleinverleger und Lektoren Seite an Seite. Auf den meist äußerst traditionsreichen Literatur-Cons werden namhafte Preise verliehen, spontane Netzwerke geknüpft, ja, sogar Autorenkonferenzen abgehalten – und abends trifft man sich gemeinschaftlich am Grill, beim Chinesen oder in der urigen Kölschkneipe. Lesungen und Vorträge handeln von Perry Rhodan oder Professor Zamorra, in Workshops erlernt man das Filken. Vieles von dem, was Literatur-Cons in ihren Programmen präsentieren, würde auf größeren Veranstaltungen untergehen – auch wegen Unkenntnis des Publikums bzw. der Ausrichter. Hier aber hat es das Zeug zum Erfolg!

Der Selbstversuch

Literatur-Conventions bergen keinerlei Risiko. Als Neuling können Sie sich entspannt in ihre Veranstaltungen setzen und sich informieren, in Kisten voller Second-Hand-Büchern nach Schnäppchen wühlen und das kommende Verlagsprogramm direkt vom Verleger erfahren!

Sie können allerdings auch direkt durchstarten und den Con-Machern gleich selbst einen Programmpunkt anbieten. Nur keine Scheu: Schildern Sie einfach Ihre Lesevorlieben, diskutieren Sie bei Gesprächsrunden mit, oder zeigen Sie Ihre im Hobbykeller angefertigten Risszeichnungen der SOL, selbstgehäkelten Mausbiber oder John-Sinclair-Ölgemälde. Man wird Sie dafür feiern!

Wenn Sie sich als Teil dieser Gemeinschaft verstehen, die Nase nicht mehr aus den Büchern, Romanheften und Comics bekommen und sich schon Monate im Voraus aufs nächste Treffen Ihrer neuen „Zweitfamilie“ namens Fandom freuen - dann: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ein Nerd!


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Superhelden im Kino, Zauberlehrlinge und Vampire in der Bestsellerliste – die Nischenthemen von früher sind heute fest im Mainstream angekommen. Geeks, Nerds und Überfans regieren vielleicht nicht die Welt, wohl aber die Popkultur. Grund genug, sich diese Spezies mal genauer anzuschauen. Wie wird man eigentlich ein Nerd?

Kolumnist Christian Humberg setzt sich für FISCHER Tor das lustige Akademikerhütchen auf und verwandelt das Internet in seine ganz persönliche Volkshochschule. Auf zum Grundkurs Nerd!

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