Der Ohlsdorfer Friedhof bei Hamburg - Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 3)

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KOLUMNE

Der Ohlsdorfer Friedhof bei Hamburg - Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 3)


Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Heute: Der Ohlsdorfer Friedhof.

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Auf den Spuren des Schicksals – Der Ohlsdorfer Friedhof - Hamburg (Bundesland)

Koordinaten 53° 37‘ 29‘‘ N 10° 3‘ 42‘‘ O

Inzwischen gibt es vermutlich nichts mehr, über das irgendeine Webseite keine Rangliste veröffentlicht oder Awards vergibt. Und so verwundert es kaum, dass der Ohlsdorfer Friedhof als Ruhestätte der Superlative auf den vorderen Plätzen zu finden ist. Nach dem zweiten Platz in 2001 belegte er in der Kategorie Friedhöfe Platz 1 auf bestattungen.de, der Seite, die auch Gräber, Särge oder Bestattungswälder auszeichnet (für die Kür von Miss Abschied ist eine andere Seite verantwortlich).

Was 1877 von den Stadtvätern Hamburgs so groß geplant wurde, dass es niemals mehr einen Mangel an Grabstätten geben sollte, hat heute noch Bestand: Der Friedhof Ohlsdorf ist mit 389 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt. Wer sich Fußweg sparen möchte, verschafft sich am besten per Bus einen ersten Überblick: Auf dem gesamten Gelände verkehren zwei Buslinien mit insgesamt fünfundzwanzig Haltestellen, wobei die meisten mit „Kapelle Nr. xyz“ benannt sind, was die Orientierung wiederum nicht erleichtert.

Was den Friedhof besonders und interessant macht, ist zum einen seine Weitläufigkeit in jeglicher Hinsicht. Vorbild für die Anlage und Wegeführung waren englische Landschaftsgärten, und wer sich auf eine Exkursion zur Bestattungsgeschichte der letzten 140 Jahre machen möchte, ist hier richtig. Da ist vom klassischen Mausoleum über ein keltisches Hochkreuz oder einen steinernen Baumstumpf bis hin zu einem begehbaren Würfel alles vertreten.

Zum zweiten ist der Friedhof (als städtische Einrichtung) allen Konfessionen offen und an humanistischen Grundwerten orientiert, was bereits dem ersten Friedhofsverwalter, Wilhelm Cordes, ein wichtiges Anliegen war. So gibt es Bestattungsbereiche für verschiedenste Religionsgemeinschaften, seien sie christlich, jüdisch, muslimisch oder andere.

Laut Geek Atlas von John Graham-Cumming (O’Reilly) ist der Stadtfriedhof von Göttingen ein Platz, den es sich zu besuchen lohnt, weil dort nicht weniger als acht Nobelpreisträger ruhen. Der Ohlsdorfer Friedhof kann nur mit zweien dagegenhalten, den Physikern James Franck (1882–1964) und Gustav Hertz (1887–1975; Neffe von Heinrich Hertz). Leider weisen diese Grabstellen außer den berühmten Namen keinerlei Besonderheiten auf. Ähnlich verhält es sich mit dem Grab des Schriftstellers Wolfgang Borchert und leider inzwischen auch der Grabstelle der Zoo-Familie Hagenbeck. Die bronzene Nachbildung des schlafenden Löwen Triest, der sich laut Zoo-Annalen einmal zwischen den Tierparkgründer Carl Hagenbeck und seine angreifenden Artgenossen geworfen haben soll, wurde 2014 gestohlen.

Dagegen ist die Grabplatte des Schriftstellers K.W. Ceram mit einem darauf sitzenden lesenden Mann (im Nordosten, nahe Talstraße) ein Hingucker – wobei neben dem Buch auf seinem Schoß besonders die große Nase ins Auge sticht (das ist bitte nicht wörtlich zu verstehen). Ceram gilt nicht als Erfinder des Palindrom-Pseudonyms (er hat seinen tatsächlichen Namen einfach von hinten nach vorne gelesen, hieß also Marek), jedoch mit Götter, Gräber und Gelehrte als Begründer des populärwissenschaftlichen Sachbuchs, in diesem Fall über Archäologie. Spätestens jetzt kommt vielleicht beim Anblick der Nase der Grabfigur dem einen oder anderen Asterix und Kleopatra in den Sinn, wo Obelix die Nase der Sphinx abbricht und mit der Aussage „Hier macht bestimmt keiner Ausgrabungen“ verbuddelt – aber das ist sicherlich nur Zufall.

Etwas weniger zufällig ist der Gedanke an Thomas Finns Aquarius beim Anblick der Figur „Schicksal“. Die Statue (im Nordwesten, direkt am Zaun) ist so ausgerichtet, dass es aussieht, als sei sie dem dahintergelegenen See entstiegen. Dabei schleift sie zwei bedauernswerte Menschen an den Haaren mit sich. Wer diesem Schicksal in die steinernen Augen schaut, kann sich sehr leicht vorstellen, dass sich eines von Finns grausigen Meerwesen von der Nordseeküste in die Großstadt gewagt hat; das Wasserwegenetz dazu ist jedenfalls vorhanden (dass Hamburg eine Stadt des Wassers ist, dürfte niemanden überraschen). Die wahre Quelle der Inspiration zu Aquarius ist übrigens der Sagenzyklus um die Melusinen, mittelalterliche Wasserfeen.

Zurück auf den Ohlsdorfer Friedhof: Der alte Baumbestand mit zum Teil sehr imposanten Exemplaren (über 36.000) schafft Lebensraum für weitere Bewohner: Fledermäuse. Nun sind diese hektischen Flatterviecher grade in der phantastischen Literatur überhaupt nicht wegzudenken, ob sie nun bei Moers‘ Schrecksenmeister von der Decke baumeln, sich die Taube Felix eher als Fledermaus fühlt, oder, oder, oder. Dabei hat Heinz Erhardt, dessen wiederum unspektakuläres Grab sich im Südosten befindet, die wahre Natur der Fledermäuse enthüllt: So erzählt das Gedicht Die Kellermaus von einer selbigen, die bis aufs Dachgeschoss kletterte, um dort von der lauernden Katze „Doremi“ verspeist zu werden. Und da Katzen bekanntermaßen sehr spirituell eingestellt sind, hält sie die kurz darauf herumflatternde Fledermaus für einen Mäuse-Engel:

 

Da faltete die Katz, die dreiste,

die Pfoten und sprach: „Ist die süß!

Da fliegt die Maus, die ich verspeiste,

als Engelein ins Paradies!“

 

Auf wie viele Fledermäuse des Friedhofes es zutrifft, die himmlische Inkarnation einer zuvor bodenständigen Maus zu sein, ist schwer zu beantworten. Insgesamt fühlen sich jedenfalls sieben Fledermausarten in der Nachbarschaft von Uhu-Pärchen oder Eisvögeln pudel- Verzeihung, fledermauswohl.

Die Möglichkeit, „echte“ Engel in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten, ist dagegen beinahe grenzenlos. Da gibt es küssende (was streng genommen als unsittliches Verhalten gegen die Friedhofsordnung verstößt), essende, lesende, musizierende (nur für extrem geübte Ohren hörbar), explizit männliche (sogar mit Hipster-Bart) oder weibliche und schlussendlich in einer Vielzahl von Gemütslagen, keineswegs immer traurig oder in sich gekehrt. Ihre Zahl ist nicht so einfach abzuschätzen, liegt bei 235.000 aktiven Grabstellen aber sicherlich im hohen fünfstelligen Bereich. Den Ohlsdorfer Friedhof als Kleinstadt der Engel zu bezeichnen, wäre also gar nicht mal verkehrt.


Stand der Angaben: 1. Quartal 2017

 

 

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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