Länder, Jedi, Abenteuer: In Night Vale ist der Wahnsinn ganz normaler Alltag

KOLUMNE

Länder, Jedi, Abenteuer (8): In Night Vale ist der Wahnsinn ganz normaler Alltag


Ihr Humor ist … speziell, ihr Herz von Romantik durchtränkt. Sie haben keine Angst vor dem Dog Park (über den sie ohnehin nicht sprechen), vor der Sheriff’s Secret Police und auch nicht vor der unheimlichen Glow Cloud. Sie wissen selbst nachts um drei noch genau, wo Old Woman Josie wohnt und über wie viele verschiedene Köpfe ein idealer Bürgermeister verfügen sollte. Die Fans des Podcast-Überraschungserfolgs „Welcome to Night Vale“ – einem vierzehntäglich im Internet erscheinenden Quasi-Hörspiel, das klingt, als hätten David Lynch, John Cleese und Franz Kafka es gemeinschaftlich ersonnen – sind so unterschiedlich wie die Einwohner der fiktiven kleinen Wüstenstadt, von der dieser berichtet.

Der Fanotyp

Fans von WTNV sind in aller Regel jung und weiblich, wenngleich die Zahl der Ausnahmen nahezu täglich steigt. Sie leben online, bevorzugt auf Tumblr, und ihre Begeisterung für die Dinge, die sie lieben, ist noch größer als ihr (ohnehin schon beachtliches) Fachwissen. Es sind phantasievolle Gestalten, sowohl in Gedanken als auch in Taten. WTNV-Fans haben meist irgendwelche Knöpfe im Ohr, die mit mp3-Playern verbunden sind. Man erkennt sie im Berufsverkehr, im Hörsaal und im Wartezimmer an ihrem ins Leere gehenden Blick, für den die Umgebung nahezu unsichtbar zu sein scheint, und an der Art, wie sie alle paar Minuten lang scheinbar grundlos in schallendes Gelächter oder wohliges Seufzen verfallen. Sie mögen in der gewöhnlichen Welt unterwegs sein, aber sie haben ihre eigene, ganz und gar außergewöhnliche Welt allzeit dabei – im Ohr und hinter der Stirn.

Wenn sie cosplayen, dann geht es richtig los, denn ihre Idole existieren ja nur in Audioform. Entsprechend frei und kreativ gehen diese Fans an die Arbeit an ihren Kostümen. Sei es nun Radiomoderator Cecil Palmer, der allzeit atemberaubend frisierte Wissenschaftler Carlos oder einfach nur der für seinen unsichtbaren Mais bekannte John Peters (you know, the farmer) – WTNV-Fans verleihen jedem Look das besondere Etwas.

Dinner for Fan

Kann man aus unsichtbarem Mais ein Brot backen? Der Podcast schweigt sich diesbezüglich aus, für eine zünftige WTNV-Party wäre das aber durchaus mal einen Versuch wert. Alternativ lässt sich natürlich auch alles andere kredenzen, was man in einer vollmondhellen Wüstennacht eben so zu sich nimmt. Der Phantasie des Küchenchefs sind keinerlei Grenzen gesetzt. Außer die, die die Geheimpolizei des örtlichen Sheriffs und die überall in der Stadt unauffällig herumstehenden Regierungsangestellten vorgeben, versteht sich. Aber die sind ja vollkommen normal und alltäglich. Oder? Oder??

Sag, was du willst, aber …

WTNV ist ein Audiovergnügen. Kein Wunder, also, dass die Zahl der Catchphrases und Insiderscherzen, an denen sich die Fans erkennen, immens hoch ist. Will man einer von ihnen werden, sollte man der englischen Sprache mächtig genug sein, um die inzwischen schon dreistellige Anzahl knapp halbstündiger Podcast-Episoden nachhören zu können. Außerdem sollte man keine Hemmungen haben, Absurditäten zu akzeptieren, Obrigkeiten zu fürchten und einer körperlosen Stimme aus dem Radio mehr Vertrauen zu schenken als dem eigenen Spiegelbild. Und niemals – niemals, sage ich! – sollte man in Erwägung ziehen, ein Haus in Desert Bluffs zu kaufen.

Pfui.

Bloß nicht nachmachen!

WTNV-Fans sind friedliche Gestalten. Man kann sie kaum aus der Reserve locken. Sollten Sie dies dennoch versuchen wollen, böten sich folgende Herangehensweisen an:

  1. Betreten Sie die morgendliche Berufspendlerbahn, den Hörsaal oder das Wartezimmer in einem Desert-Bluffs-T-Shirt. (Und dann schämen Sie sich! Verdammt noch mal, schämen Sie sich!!)

  2. Reden Sie über den Dog Park. Sehr oft und sehr laut. Beschreiben Sie vor allem die dort herumstehenden vermummten Gestalten in ausufernden Details.

  3. Empfehlen Sie den Fans, sich als Praktikanten beim Radio zu bewerben. Sagen Sie ihnen, das sei doch ein ab-so-lut ungefährlicher Job …

  4. Verweigern Sie der Glow Cloud die ihr zustehende Huldigung.

  5. Klauen Sie die Batterien aus dem mp3-Player des Fans.

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Länder, Jedi, Abenteuer will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in schillernde Subkulturen und die Charaktere hinter dem Cosplay.

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