Weisheit der Nerds - TV

© Mario Zucca

KOLUMNE

Die Weisheit der Nerds: William Gibson


„Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war.“

William Gibson, Neuromancer

 

Technik ist keineswegs so warm und einladend, wie uns immer vorgegaukelt wird – das ist es, was William Gibson im ersten Satz von Neuromancer sagt. Unsere Welt ist so übertechnisiert, wir haben all diese tollen Geräte, die uns miteinander verbinden und mit Informationen füttern – und dennoch kann sie so leer und hässlich und bar jeder Menschlichkeit sein wie eine Wüste. Oder eben wie ein toter, flimmernder Kanal, grau und verwaschen. Deshalb fragt Gibson: Wenn wir schon unaufhaltsam in eine Welt voller Schaltkreise und Funknetze hineinmarschieren – wann schauen wir uns eigentlich mal um und denken darüber nach, was wir aufgeben, was wir zurücklassen? In der Welt von Neuromancer tun wir das nicht; sie ist so trost- und hoffnungslos wie der Schwarze Tod oder eine Depression. Im Grunde genommen verändert die Technik in der Welt von Neuromancer rein gar nichts: Die Armen bleiben arm, die Straßen bleiben gefährlich – und die Menschen bleiben Menschen. Deshalb sollten wir uns gelegentlich fragen: Wie verhindern wir, dass es genau so kommt?

 

 

William Gibson prägte den Begriff „Cyberspace“ und spielte eine Schlüsselrolle bei der Entstehung des Sci-Fi-Subgenres Cyberpunk. Trotzdem sollten wir ihn nicht dafür verantwortlich machen, dass Sci-Fi-Fans die Silbe „-punk“ später an alles dranhängten, was ihrer Meinung nach ein neues, aufregendes Subgenre darstellte.

 

 

 

Aus dem Amerikanischen von Achim Fehrenbach

 

Copyright © 2011 by Quirk Productions, Inc.
All rights reserved.
First published in English by Quirk Books, Philadelphia, Pennsylvania.
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Share:   Facebook