Länder Jedi Abenteuer: Pen und Paper Rollenspiel

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KOLUMNE

Länder, Jedi, Abenteuer (7): Rollenspieler - Die wackeren Helden vom Küchentisch


Das Schicksal der freien Welt hängt manchmal von echt erstaunlich trivialen Details ab. Beispielsweise von der Menge der vorrätigen Kartoffelchips. Jedenfalls beim guten alten Pen-and-Paper-Rollenspiel. Anhänger dieser wirklich ehrwürdigen Säule der Phantastikszene würfeln schneller als ihr Schatten, verbringen ganze Wochenenden in dämmrigen WG-Küchen oder den Hinterzimmern kleiner Comicläden und haben garantiert ab-so-lut nichts Sexuelles im Sinn, wenn sie ihren Gastgeber »Meister« nennen und jeden seiner Befehle befolgen. Ehrlich nicht.

Die tun nix, die wollen nur spielen.

Der Fanotyp

Rollenspieler sind oft passionierte Stubenhocker (und dann bleichgesichtiger als so mancher White Walker). Ihr Körperbau kann den Einfluss der lukullischen Talente ihres Spielleiters nicht immer leugnen: Ist Letztgenannter ein begeisterter Hobbykoch und tischt mit Freuden allerlei Köstlichkeiten auf, ächzt nach erfolgreich beendeter Kampagne nicht nur der frisch geplättete Ork, sondern auch die Waage. Ist er es nicht (und kredenzt seinen Spielern stets nur Knabberkram und Cola aus dem Supermarkt), ächzt die Waage allerdings irgendwann auch.

Die Augen sind die wohl am besten austrainierten Organe eines passionierten Rollenspielers, hat er den Verlauf der Kampagne, das Verhalten seiner Mitspielenden und vor allem die eigenen (nicht selten als heilig empfundenen) Würfel doch stets fest im wachsamen Blick. Auch Rücken und Schultern können sich meist sehen lassen, denn nur zu gern schleppen RPGler zu ihren Einsätzen halbe Bücherschränke an in klobige Rucksäcke gestopften Regelwerken mit. Ungefragt. Und nur für den Fall.

Dinner for Fan

Rollenspieler sind genügsam. Sie mögen sich stundenlang und leidenschaftlich über den Verlauf einer Parade, die Augenzahl eines leider vom Tisch gekullerten W20 oder den genauen Grundriss eines vom Spielleiter nur rudimentär entwickelten unterirdischen Dungeons streiten, doch beim Essen nehmen sie, was immer man ihnen vorsetzt oder der Pizzamann so liefert. Auch über mehrere Tage hinweg.

Üblich sind Knabbereien salziger und süßer Natur, ergänzt durch ein zuckriges, koffeinreiches oder auch fruchtiges Getränkesortiment. Alkoholika gelten meist als verpönt, beeinflussen sie doch das Reaktionsvermögen – und wenn sein Charakter nicht betrunken ist, dann will (und darf) es der überzeugte RPGler auch nicht sein.

Sag, was du willst, aber …

Die Sprache ist – neben den Würfeln – das wichtigste Werkzeug eines Pen-and-Paper-Rollenspielers. Schließlich entführt ihn ebendieses gesprochene Wort regelmäßig neu in fiktive Fantasywelten, in die Weiten des Weltraums und in die Untiefen der von postapokalyptischen Zombies bevölkerten Katakomben. Er braucht nicht viel, um sich Universen vorzustellen und sich – zumindest auf Zeit – in ihnen zu verlieren. Phantasie ist gewissermaßen sein zweiter Vorname.

Wie jede Szene, so hat auch die Seine ihre ganz eigene Fachsprache, die Außenstehenden Rätsel aufgeben kann. Kürzel wie NSC, W6, GM und DSA gehen einem Rollenspieler (oder eben RPGler) oft leichter von den Lippen als die eigene Telefonnummer oder der Geburtstag der Mutter. Wer sie erklärt haben muss, erntet nicht selten seinen Spott – oder wenigstens seine spöttischen Blicke.

Wer sich als Leiter einer Pen-und-Paper-Runde versuchen möchte, sollte neben diesen Kürzeln aber vor allem ein stattliches Lungenvolumen aufweisen können. Denn wie sonst, wenn nicht durch Lautstärke, will er sich durchsetzen, wenn seine Schäfchen mal wieder ebenso verbissen wie verbiestert über obskure Details eines Kampfes, kaum bekannte Sonderregelungen und Fragen der Etikette in Aventurien streiten?

Bloß nicht nachmachen!

Rollenspieler sind genügsam. Das stand zwar weiter oben schon, verdient aber durchaus eine Wiederholung – denn: Wer einen RPGler so richtig auf die Palme bringen möchte, der muss sich schon ordentlich anstrengen.

Aber es kann gelingen. Beispielsweise so:

  1. Fassen Sie ungefragt seine Würfel an.

  2. Fassen Sie ungefragt seinen Würfelbecher an.

  3. Machen Sie Eselsohren in die teuren Regelbücher, die er zur Spielrunde mitbringt. Alternativ können Sie auch Cola über die Seiten kippen.

  4. Präsentieren Sie sich als Speichellecker, und geben Sie dem Spielleiter in allem recht. Immer. Besonders, wenn dieser gegen den Willen der Heldentruppe agieren möchte.

  5. Seien Sie stolz auf Ihre Wissenslücken und verkünden Sie mitten im Spiel, Sie hätten Thorwaler und Tulamiden noch nie auseinanderhalten können. Außerdem staunen Sie bitte sehr lautstark und wortreich, wann immer ein Würfel auf den Tisch kommt, der mehr als sechs Seiten hat. (Also eigentlich ständig.)

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Länder, Jedi, Abenteuer will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in schillernde Subkulturen und die Charaktere hinter dem Pen-and-Paper-Rollenspiel.

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