Mit Lötkolben gegen Müllberge

ESSAY

Geschichten vom guten Umgang mit der Welt (Teil 2/3): Mit Lötkolben gegen Müllberge


Borjana Zamani
13.12.2016

Viele der großen, folgenreichen Zukunftsentwürfe, die die Science Fiction hervorgebracht hat, drehen sich um das Thema Stadt und letztlich um die Frage: Wie wollen wir leben? Ganz nah entlang der Gegenwart erzählt der brandneue ›FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2017/18‹, wie solche Entwürfe tatsächlich aussehen können. Im zweiten Teil gehen wir in eine Werkstatt.

 

Mit Lötkolben gegen Müllberge

 

Vor zwei Jahren gründete sich das Repair Café im Stuttgarter Westen. Inzwischen helfen etwa dreißig Leute mit handwerklichem Geschick regelmäßig bei Kaffee und Kuchen ihren Gästen, kaputte Gegenstände zu reparieren – um Elektroschrott zu reduzieren und ihren Stadtteil zu beleben.

 

»Das geht in den Orkus!« – mit diesem Spruch werden alte Elektrogeräte bedenkenlos verabschiedet. Orkus ist ein römischer Gott. Durch sein Riesenmaul führt der Weg in die Unterwelt. Doch seine Göttlichkeit schafft es längst nicht mehr, den ganzen Elektroschrott, der auf der Erde anfällt, unter sich zu verstecken. 2017 werde der weltweite Gerätemüll so viel wiegen wie 200 Empire State Buildings, lautet eine Prognose der Vereinten Nationen. Schwere Kost.

An einem Sonntag im Juli 2015 beißt Tobias Koßbiel genüsslich in ein Stück Kuchen. Draußen knallt die Sonne bereits um zehn Uhr morgens auf den Stuttgarter Kessel und schiebt die Thermometeranzeiger auf 36 Grad. Die Luft im Café des Eltern-Kind-Zentrums (EKiZ) im Stuttgarter Westen steht. Alle Fenster und Türen sind offen. Drinnen brutzeln etwa zwanzig Antikonsumkämpferinnen und -kämpfer. Sie löten, kleben, schrauben und feilen, was das Zeug hält. Kaputte Haushaltsgeräte fangen wieder an zu braten, Erinnerungsuhren beginnen zu ticken, und geliebte Plattenspieler leiern von Neuem. Wer hier mitwerkelt, steckt im Repair Café.

Ein Bastler der ersten Stunde ist Tobias Koßbiel. Anfang 40, rasierte Haare, mächtiger Bart. Er trägt seine Lieblingsjeans und dazu sein Lieblings-T-Shirt, auf dem »Action Hero« geschrieben steht. Er ist gelernter Zimmermann, studierter Bauingenieur, studierter Philosoph und ausgebildeter Yogalehrer. Im Alltag unterrichtet er Ethik und Bautechnik an einer Berufsschule. »Für die Wirtschaft zu bauen, macht keinen Spaß«, erklärt er. »Die Ethik ist ein schöneres Feld.«

Ein Alltagsphilosoph sei er, der vielleicht seinen Schülern mit wissenschaftlichen Texten auf die Nerven gehe, da er gern die Normen unserer Gesellschaft hinterfrage. Koßbiel verfolgt eine Art praktische Philosophie: Das Leben solle auch drei Generationen später noch wie ein menschliches Leben erscheinen. Es solle allen so gut gehen wie möglich, sagt er. Er versuche seinen SchülerInnen zu zeigen, wie man eine solche Zukunft durch gegenwärtiges praktisches Handeln herbeiführen kann.

Mit dem Repair Café zum Beispiel, das er mit seinem Freund Felix Hebeler ins Leben gerufen hat. Eins von etwa 200 in Deutschland. Das erste Repair-Treffen überhaupt fand 2009 in Amsterdam statt. Handwerklich Begabte, mit Werkzeugen bewaffnet, kamen zusammen und halfen freiwillig jedem, der seinen geliebten Pullover, Toaster, Wecker oder Spielzeuglaster vor dem Wegwerfen retten wollte. Zusammen reparierten sie Kostbarkeit oder Alltagsding.

Durch Reparieren wird auf neuen Konsum verzichtet und Geld gespart. So werden Bekanntschaften in der Nachbarschaft geschlossen oder gepflegt, und die weltweit 40 Millionen Tonnen Elektroschrott jährlich lassen sich ein klitzekleines bisschen reduzieren.

An diesem Sonntag sind nur 35 Gäste gekommen. Die angesagte Hitze hat viele der sonst rund 100 Reparierwilligen ferngehalten. Ein Glück für Sabine Ostmann, eine 66-Jährige, die zu den Stammgästen zählt. Sie parkt ihren vollgeladenen Bollerwagen, lächelt durch den Raum und beeilt sich, eine Wartenummer zu ziehen. Das muss man nämlich, um Ruhe zu bewahren.

Repaircafé

© Julia-Bischof

Allein hat sie es nicht geschafft, einen kleinen Fitness-Stepper zum Steppen zu bringen. Kloßbiel stellt seine Thermosflasche ab, die er immer bei sich trägt, und lädt die Dame zum Werkeln ein. Wo könnte der Fehler sein?

Über dieser Frage knobeln noch sechs weitere Repair-Teams an den Tischen drum herum – überlegen, wie sie einen alten Diaprojektor zum Leuchten bringen, einen Fernseher zum Flimmern animieren. Wie sie eine verklebte Fernbedienung zum Kommandieren oder ein glänzendes Smartphone zum Kommunizieren überreden. Ein Holzbagger wird gleich eine Anhängerkupplung kriegen.

Für kniffelige Aufgaben lassen Gäste und die Sachverständigen vom Repair-Team gern ihre Kaffeebecher und Kuchenteller stehen, stecken die Köpfe zusammen, starren gemeinsam auf eine winzige Angelegenheit, diskutieren, ruckeln, putzen, entdecken den Fehler, beheben ihn. Das Ding läuft wieder, und alle freuen sich gemeinsam.

Jetzt kann die kleine Französin, Mitte 50, ihre alten Urlaubsbilder wieder an die Wand projizieren. »Wo kann ich hier eine Spende machen?«, fragt sie mit Akzent. Sie kuschelt behutsam ihren Diaprojektor und marschiert zur Spendenbox. Der Helfer wischt sich die Stirn. Im Schweiße seines Angesichts hat er wieder einen Sieg im Kampf gegen die Wegwerfgewohnheit der westlichen Gesellschaft errungen. Er wedelt sein T-Shirt hin und her, um sich ein wenig Luft zuzufächeln. Dann schaut er sich nach dem nächsten Gerät um, dem er ein Schicksal als durch die Welt reisender Elektroschrott ersparen will.

In Computern, Handys und anderen elektronischen Geräten steckt jede Menge Gift – bromierte Flammschutzmittel, PVC oder Schwermetalle wie Blei, Cadmium und Quecksilber. Landen sie erst einmal in der Müllverbrennung oder auf Deponien, gelangen die Giftstoffe in die Umwelt. Ein Teil wird – häufig illegal – nach China, Indien oder Ghana verschifft, wo Arbeiter die ausgedienten Geräte per Hand auseinandernehmen.

Aber nicht nur deswegen werden die Geräte hier repariert. »Es macht Spaß, und es ist interessant«, sagt Till Schüssler. Er studiert Elektrotechnik und hilft auch noch in einem anderen Stuttgarter Repair-Café. Man lerne immer etwas Neues. »Zumindest lernt man, was kaputtgeht«, schmunzelt er. Und wie einfach es doch manchmal wieder ganzgeht – wenn man sich nur an die Materie traut!

»Und man steht vor seinen Kindern als Superheld da«, freut sich Felix Hebeler. Den Lieblingsbagger repariert, das Schmusetier genäht: »Diese Erfahrung wollten wir auch anderen ermöglichen«, erzählt er weiter.

Schon eine Stunde nach der Öffnung sind die ersten Helden geschaffen. Manch einer bollert mit seinem Holzwagen ab, stolz auf die selbstreparierte Ware. Andere geben geschlagen den Kampf auf. So war es vor einiger Zeit mit einer alten Jukebox. »Das war verrückt. Ein mathematisches Genie. So komplizierte Teile – das haben wir nicht geschafft«, trauert Daniel Hampf und schwärmt weiter von der Musikmaschine, als würde sie noch vor ihm stehen.

Wenn es also mal nicht klappt, gibt es trotzdem noch andere Freuden für die Repariertüchtigen. Sie treffen sich zufällig in der Stadt und freuen sich über ein Wiedersehen. »Man sieht sich, erkennt sich wieder: Ach, hallo!«, erzählt Sabine Ostmann und winkt erfreut, um zu zeigen, wie es manchmal zugeht.

Die Gründer können getrost stolz sein, denn das Repair Café wollten sie auch deshalb eröffnen, weil sie ihr Wohnviertel beleben wollten. »Wir haben bemerkt, dass immer mehr Läden schließen, dass es immer anonymer wird. Aber wir wollen unsere Nachbarn besser kennenlernen«, sagt Tobias Koßbiel.

Nur der Orkus sitzt derweil in seiner Unterwelt und ärgert sich, dass ihm die Stuttgarter Reparaturgemeinschaft sein elektronisches Resteessen nicht gönnt.


Mehr auf www.repaircafe-stuttgart.de; www.werkstadt-stuttgart.de.

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In drei von fünfzig Geschichten werden auf Tor Online gelebte Gegenentwürfe zur Leitkultur des Wachstums und der Verschwendung nachgezeichnet. Gemeinsam mit dem Goethe-Institut werden in inzwischen 32 Ländern Geschichten des Gelingens gesammelt, von denen die besten hier erzählt werden und einmal mehr zeigen, was es heißt, seine Handlungsspielräume zu nutzen.

 

 

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