Die Weisheit der Nerds: Was könne wir von Homer, Marge und Bart Simpson lernen?

© Mario Zucca

KOLUMNE

Die Weisheit der Nerds: Die Simpsons


Stephen H. Segal
09.11.2016

„Die schlechteste Episode überhaupt.“

Comicbuchverkäufer, Die Simpsons

 

„Bazinga!“

Sheldon, The Big Bang Theory

 

 

Wenn wir Geeks irgendwas haben, dann eine Meinung. Wir schlagen mit unseren Ansichten um uns wie mit einer +1 nagelbesetzten Keule und verurteilen trashiges Entertainment wie alttestamentarische Propheten. Diejenigen unter uns, die sich in Netzforen und Chats rumtreiben, sind zahllose Male Leuten wie dem berüchtigten Comicbuchverkäufer aus den Simpsons begegnet – mit großer Wahrscheinlichkeit waren auch sie selbst schon in dieser Rolle. Wir Geeks balancieren auf einem schmalen Grat: Einerseits legen wir eine bewundernswerte Leidenschaft für die Dinge an den Tag, die wir lieben – zum Beispiel Raumschiffe, Superkräfte, Kostüme und phantastische Geschichten. Andererseits sind wir fast schon furchteinflößend militant, wenn es darum geht, klarzumachen, WIE SCHEISSE DIESE EINE FOLGE VON [hier den Namen einer beliebigen Serie eintragen] EIGENTLICH WAR. Das ist einfach ein Teil von uns. Der Comicbuchverkäufer stößt uns nicht nur ab, weil er ein ekelhafter Typ ist. (Das ist er.) Sondern auch deshalb, weil wir – genau wie er – manchmal blind und unangebracht Kritik üben. Zum Glück sind solche Momente im Leben eines modernen Geek seltener geworden als früher. Wir sind schon vor langer Zeit aus unseren Kellern gekrochen, haben die Populärkultur zu unserer neuen Heimat gemacht und gelernt, über uns selbst zu lachen.

Dennoch verfallen wir manchmal in alte Gewohnheiten. Einer der bekanntesten Geeks dieses Jahrzehnts ist Sheldon Cooper aus der Big Bang Theory – ein theoretischer Physiker und Überflieger vor dem Herrn, der schon als Kind seinen Doktor gemacht hat und die Regeln von „Schere, Stein, Papier, Echse, Spock“ beherrscht. Sheldon befördert das uralte Klischee vom asexuellen Superhirn in neue Höhen; er ist ein sarkastischer, neurotischer und streng methodisch handelnder Akademiker, der gleichwohl das Zusammensein mit seinen Freunden genießt. Rein theoretisch wäre er für viele Geeks der ideale Bannerträger. Doch im Lauf der Serie verändert er sich: Seine Mäkelei wird infantil, seine ironischen Bemerkungen klingen immer mehr nach hochtrabender Pöbelei. Und seine Insider-Witze haben überstrapazierte, dürftige Pointen, die eine bescheidene oder fehlende Story kaschieren sollen. (Ja, ich meine dich, „Bazinga“!) Geeks dieser Welt, passt auf, dass euch das nicht passiert! Geratet nicht auf die schiefe Bahn und werdet um keinen Preis zur Karikatur eurer selbst! Und falls ihr – in Gottes Namen – wirklich einen charakteristischen Lieblingsspruch braucht, dann achtet wenigstens darauf, ihn nicht zu oft zu verwenden.

 

TV-Produzenten aufgepasst: Wir wissen, wann ihr mit uns lacht – und wann ihr über uns lacht. Ersteres ist bei Sheldon und dem Comicbuchverkäufer der Fall. Letzteres bei Steve Urkel.

 

 

 

Aus dem Amerikanischen von Achim Fehrenbach

 

Copyright © 2011 by Quirk Productions, Inc.
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First published in English by Quirk Books, Philadelphia, Pennsylvania.
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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