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KOLUMNE

Der Geek-Krieg (4): Holding out for a Hero (And another one. And another one. And …)


Marvel sei Dank gibt es jetzt Superheldenfilme und -serien en masse. Fast jeder Charakter aus erfolgreichen Kinohits bekommt eine eigene Spin-off-Serie. Fluch oder Segen - darüber sind sich unsere Streithähne nicht einig.

Folge 4: Sind Mainstream-Comicverfilmungen inzwischen salonfähig?


Humberg:

Ach, Kino. Du verrücktes Huhn, du.

Jahrzehntelang packte mich das kalte Grausen, wann immer du mir einen Film ankündigtest, der auf einem meiner lieben Comics basierte. Weil ich ahnte, dass ich mich – nicht immer, aber leider eben auch nicht gerade selten – für diesen würde fremdschämen müssen, wenn ich am Wochenende mit meinen nicht-nerdigen Kumpels ins Lichtspielhaus ginge. „Batman“ war ja vielleicht noch vertretbar, aber „Batman & Robin“? „Green Lantern“? „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“? „Howard the Duck“? Sei ehrlich, Kino: Kam nicht auf jeden „Spider-Man“ mindestens ein „Spider-Man 3“? Wie, bitte sehr, sollte ich meinen Leuten denn erklären, dass diese filmischen Totalausfälle auf eigentlich ziemlich coolen Vorlagen basierten? Wie sollte ich ihnen je wieder unter die Augen treten, ohne auf ewig meine cineastische Glaubwürdigkeit verspielt zu haben, hm? Wie, frage ich dich!!

Aber dann … kam das MCU. Das Marvel Cinematic Universe. Und natürlich Kevin Feige, sein unfehlbarer Prophet mit der modisch eher nur so mittelguten Baseballmütze. Und plötzlich ist alles gut. Plötzlich fragen meine Kumpels mich, ob ich am Wochenende nicht „in den neuen Captain America“ mitgehen will. Oder ob ich ihnen nicht mal „diese Wolverine-Comics“ ausleihen kann, weil der Film doch so cool gewesen sei. Von sich aus!

Wir leben in Bizarroworld, liebe Mit-Geeks. Und zu meiner eigenen Überraschung ist das etwas sehr, sehr Gutes. Das MCU, Iron Man und Konsorten haben es tatsächlich geschafft, den Superhelden in den Mainstream zu überführen, ohne dass es unfreiwillig peinlich wurde oder dem Normalzuschauer ein Wust an Vorwissen abverlangt worden wäre. Halleluja!

Keine Ahnung, wie du olle Spaßbremse das siehst, Schindler, aber ich für meinen Teil bin ein begeisterter Anhänger dieser Filmserien. Ich feiere jeden Teaser-Trailer, fiebere inzwischen auch noch dem obskursten Querverweis und Insider-Scherz entgegen und bleibe dankbar im Sessel sitzen, bis auch wirklich die allerletzte Abspannszene durch ist. „Shared Universe“ ist das neue Zauberwort in Hollywood und ein Konzept, das jedes Studio den Marvels nachmachen möchte (aber nicht hinbekommt). Wer hätte gedacht, dass ich alter Erbsenzähler sogar noch den dritten „Spider-Man“-Neustart in nur fünfzehn Jahren ohne Murren akzeptiere und dankbar mein Geld gegen ein Ticket dafür eintausche? Ich sicher nicht. Früher.

Aber jetzt! Ganz ehrlich, Schindler: So oft wie seit der Ära Feige war ich ewig nicht mehr im Kino. Und ich find’s toll. Excelsior!

Oder hast du auch daran etwas zu nörgeln?

 

Schindler:

Weißt du, früher waren wir die verschrobenen Kinder, die belächelt, aber insgeheim auch bewundert wurden für ihre Andersartigkeit, ihren Intellekt und ihren außerordentlich guten Comic- und Filmgeschmack. Allerdings ist heute jeder ein Nerd. JEDER! Etwas, was ich nie sein wollte – der Mainstream – hält nun Einzug in meine Blu-ray-Sammlung und ins Kino. Es war gut so, dass man für seine Liebe zu „Agents of H.A.T.E.“ oder „Hulk“ schief angeguckt wurde. Heute sitze ich im Kino und höre Kevin-Justins dabei zu, wie geil sie doch Iron Man finden, und wie die Kevin-Justins dumm aus der Wäsche gucken, weil sie einen Querverweis nicht verstehen, bei dem die Nerd-Elite wissend vor sich hin kichert.

An jeder Ecke bekommst du Batman-Shirts, Captain-America-Baseballmützen (vielleicht sollte sich Feige so eine zulegen) sowie Mjölnir-Repliken – und alle finden es toll. Natürlich ist es „großartig“, dass Disney und Marvel es geschafft haben, das Genre in die Mitte der Gesellschaft zu rücken, aber um welchen Preis? Randerscheinungen, die sich in ihrer Enklave heimisch fühlten, werden ins Licht gezerrt, runtergedummt und dann, irgendwann, links liegen gelassen, weil man andere Dinge aus der Versenkung fischt und an die große Glocke hängt. Ich sag nur Pokémon Go und Konsorten.

Ich frage dich: Wohin soll das führen? Die Flut an Comicverfilmungen stumpft ab, und irgendwann haben wir im Vorabendprogramm ein „Gute Helden, schlechte Helden“, welches die ganzen Neu-Nerds begeistert, mich aber nur in zartes Hulk-grün färbt. Allein was da in den kommenden Jahren an Verfilmungen auf uns zukommt, kann nur zu einer Superhelden-Inflation führen, und was das bedeutet, wissen wir wohl alle – wir werden ihrer überdrüssig.

Vielleicht warst du damals ein uncooler Nerd, ich habe mich aber immer wohl dabei gefühlt, anders zu sein und mich nicht dem Mainstream hingeben zu müssen. Es ist einfach frustrierend mittlerweile, wenn man vor oder nach einem mehr oder minder gelungenen drölften Teil einer „Saga“ mit Mit-Kinogängern darüber diskutieren muss, dass der Spider-Man im neuen Avengers-Film viel zu jung ist – immer mit der Stimme im Kopf „ihr habt doch keine Ahnung und wusstet bis vor ein paar Jahren nicht einmal wie man Peter Parker schreibt“. Das wirklich Schlimme dabei ist, dass nun JEDER ein Profi zu sein scheint, ohne wirklich einer zu sein. Dieses Immer-Mitreden-Wollen ist eine Pest, und niemand der Neu-Nerds interessiert sich wirklich für die Hintergründe, die Tiefen der Comicvorlagen und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Phasen/Welten/Charakteren. Das MCU hat die Comicverfilmung nicht einfach salonfähig gemacht, sondern so glattgebürstet, dass sich jeder wahre Nerd zurück in seine dunkle Comic-Höhle wünscht. Und genau da gehören wir beide hin, Humberg. Das heißt nicht, dass ich mir die Filme nicht angucke, aber ich sehe sie einfach kritisch, denn was Disney da mit MEINEM Marvel-Universum macht, ist, den Bifröst so lange zu bügeln, bis er ultraflach ist und bricht. Aber immerhin sind wir dann wieder unter uns und beginnen ein neues Kapitel im wahren Nerd-Universum, ohne Iron Man Teil 8 im Kino aushalten zu müssen.



Der Geek-Krieg: Zwei Phaser, eine Meinung. Reboots sind doof, Prequels sind Teufelswerk, der Roman war immer besser als der Film/Comic/vorlonische Gedichtzyklus, und überhaupt haben alle anderen doch ab-so-lut keine Ahnung von der Materie … Fandebatten gehören zur Phantastik wie der Fluxkompensator in die Zeitmaschine. Denn Fans sind leidenschaftlich, wenn es um ihre Leidenschaft geht. Und nicht selten sind sie sich uneinig. Dann … kommt es zum Geek-Krieg! FISCHER Tor schickt stellvertretend für Sie an die Front: Sarah Schindler, weitgereiste Genrejournalistin mit akuter Allergie gegen Stuss, und Christian Humberg, phantasieaffiner Schriftsteller mit rosaroter Altfan-Brille.

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