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ESSAY

Keplers Dämon (Teil 3/3): In Zeiten der Postmoderne - Von Douglas Adams zu Stanisław Lem


Keine Panik, die wollen nur spielen. Wie Douglas Adams und Stanisław Lem mit Humor und Intertextualität das Universum als Spielfeld irrwitziger Geschichten und Einfälle neu erfunden haben.

 

Eines Nachts im Jahre 1971 lag ein junger Brite betrunken in einem Feld bei Innsbruck und schaute in die Sterne. Bei sich trug der als Anhalter Reisende The Hitchhiker’s Guide to Europe. In diesem Moment kam ihm ein Gedanke, der die Welt verändern sollte: Er sagte sich, dass es eigentlich auch einen Hitchhiker’s Guide to the Universe geben müsste. Die Folge dieser beschwipsten Vision war, dass es Jahrzehnte später eine wachsende Zahl von Menschen gibt, die sich an einem bestimmten Tag des Jahres mit einem Handtuch in der Öffentlichkeit zeigen. Der Tag ist der 25. Mai, der sogenannte »Towel Day«, an dem man auch Schilder mit der Aufschrift »Don’t Panic« sieht. Auch T-Shirts mit der Aufschrift »21 is only half the truth« können gesichtet werden. Die Zahl deutet auf eine andere Zahl, die Suchmaschinen auswerfen, wenn man die Phrase »the answer to life, the universe and everything« eingibt. Es ist die mysteriöse 42, die durch Douglas Adams eine unerhörte Karriere angetreten hat. Wer von all dem nichts weiß, wird an geistige Zerrüttung denken, doch Kenner genießen diese Hinweise auf Gruppengeist und Schwarmintelligenz. Eingeweihte dürften folgende Eigenschaften mitbringen: Humor, den Sinn für Parodie und Paradox und Freude am Spiel. Wahrscheinlich ist er oder sie auch mit einer freundlichen Natur gesegnet, so wie der leider früh verstorbene Douglas Adams. Dieser souveräne Umgang mit dem Kosmos als einer Anhaltersaga wäre undenkbar, wenn nicht die alten Heldengeschichten und Science-Fiction-Epen ihre Grenze erreicht hätten, jenseits deren sie nur noch parodierbar sind. Wissenschaft wird als ein unleugbares Faktum in der Kultur erkannt, zugleich aber als eines, das ständig befragt und parodiert werden sollte, um ihm die Kraft einer alles erklärenden Erzählung zu nehmen. Ein spielerischer Umgang mit Kosmologie ist die Folge, Witz lautet das Signal. Außerdem wimmelt es darin von Anspielungen: Wer parodiert, muss die Vorlage kennen und einführen. Humor und Intertextualität sind also die Kennzeichen dieser dritten Variante des Umgangs mit Kosmologie in der Literatur. Man mag ihnen Beliebigkeit und Konstruktion vorwerfen, aber gerade dadurch erhalten sie ein sehr humanes Element.

Eben das Humanisierende ist es, was die Fans von Douglas Adams’ Anhalter-Bänden so fasziniert, die mit einem BBC-Hörspiel 1978 begannen und von denen über 15 Millionen Exemplare in Buchform verkauft wurden. Es beginnt ja mit einem sehr typischen Problem des späten 20. Jahrhunderts – eine Umgehungsstraße wird gebaut, und dafür müssen Wohnsiedlungen fallen. Nur ist die Umgehungsstraße kosmischer Art, und die ganze Erde soll ihr geopfert werden. Damit beginnen die Abenteuer von Arthur Dent und Ford Prefect, der sich als Außerirdischer entpuppt und dabei ist, Informationen für den Hitchhiker’s Guide, jenes Standardwerk, das von einer gigantischen Verlagsgruppe von Ursa Minor Beta herausgegeben wird, zu aktualisieren. So lernen sie die etwas beschränkten und eher böswilligen Vogonen kennen, mit deren Raumschiff sie eine Zeitlang fliegen und deren Lyrik die drittschlechteste des Universums ist. Die Abenteuer der beiden sind chaotisch und skurril. Wichtig sind aber gewisse Erkenntnisse, etwa, dass die Erde ein Supercomputer ist, der geschaffen wurde, um für die Antwort, die ein anderer Computer auf eine Frage gefunden hat, nämlich 42, die entsprechende Frage zu finden. 42 ist nicht gänzlich Adams’ Entdeckung, denn die Zahl geistert schon durch frühere Literatur, durch die Kabbala ebenso wie durch Lewis Carrolls Alice-Bücher. In der Tat hat Adams’ große Serie, von der 1992 der letzte Teil, »Teil 5 der vierbändigen Trilogie«, erschien, viel mit den Werken des Oxforder Mathematikers und Autors phantastischer Werke gemein, insbesondere jene Mischung aus Präzision und Absurdität. In Alice etwa gibt es »Regel 42: Alle Personen, die höher als eine Meile sind, haben den Gerichtssaal zu verlassen.« Dazu gehören auch bei beiden zahlreiche Anspielungen auf zeitgenössische Literatur, Geschichte und Politik, auf Philosophie und Kosmologie. Adams, der auch für die Dr.-Who-Serie und Monty Python arbeitete, beginnt seinen Roman mit diesen Worten:

„Weit draußen in den unerforschten Einöden eines total aus der Mode gekommenen Ausläufers des westlichen Spiralarms der Galaxis leuchtet unbeobachtet eine kleine gelbe Sonne. Um sie kreist in einer Entfernung von ungefähr achtundneunzig Millionen Meilen ein absolut unbedeutender kleiner, blaugrüner Planet, dessen vom Affen stammende Bioformen so erstaunlich sind, dass sie Digitaluhren immer noch für eine unwahrscheinlich tolle Erfindung halten.“ (Adams 13)

Etwas weniger humorvoll, dafür aber einen ähnlichen kosmischen Zoom hatte schon Nietzsche benutzt, als er seinen oft zitierten Essay »Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne« eröffnete:

„In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der »Weltgeschichte«: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mussten sterben. – So könnte jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt. Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben.“ (Nietzsche 875)

Derart beginnt Nietzsche seine Gedanken über die Relativität menschlichen Denkens und dessen Abhängigkeit von Metaphorik. Gottlos sind beide Visionen, die von Adams wie die von Nietzsche. Adams hat sich seinerzeit mit Richard Dawkins, dem atheistischen Biologen, verbündet und der Anthropozentrik des Menschen in gewohnt humoristischer Form seine Absage erteilt. Der Mensch sei wie eine Pfütze, schrieb er, die eines Tages aufwacht und feststellt, wie wunderbar alles passt und für sie gemacht zu sein scheint. Dawkins widmete daher 2006 dem kurz zuvor verstorbenen Adams sein Buch The God Delusion, das bis heute international kontrovers diskutiert wird, sozusagen als Bibel des modernen, wissenschaftlich geprägten Atheismus. Beide erkennen im anthropischen Prinzip nur eine höhere, vielleicht sogar mathematische Form des menschlichen Narzissmus. Ob das Universum nun die Telefonnummer 42 hat oder eher eine sechsstellige Nummer – weder Dawkins noch Adams sehen darin die Bestätigung für den Erfinder dieser Nummer. Adams ist ein interessantes Beispiel dafür, dass Literatur eine Anregung sein kann, wissenschaftliche Modelle bis in ihre Absurditäten hinein zu durchdenken. Die Wissenschaft bedankte sich bei ihm mit der Benennung eines Asteroiden. Man gab diesem, als er entdeckt wurde, den provisorischen Name 2001 DA42. Der Zufall (oder das anthropische Prinzip) wollte, dass dieser Code das Todesjahr und die Initialen von Douglas Adams enthielt sowie mit der magischen 42 garniert war. So beschloss man, den Asteroiden auf den permanenten Namen 25924 Douglasadams zu taufen, in Erinnerung an einen genialen Geist, der den Menschen half, über ihre eigene Beschränkung zu lachen. Übrigens flog schon Jahre vor diesem Asteroiden in den galaktischen Weiten ein anderer mit dem Namen seiner irdischen Hauptfigur Arthur Dent. Sein Entdecker, dem er seinen Namen verdankt, war ein deutscher Astronom.

Und was ist mit dem Handtuch? Ein Handtuch ist seit Douglas Adams’ Zeiten unabdingbares Gepäckstück eines jeden Trampers in der Galaxis. Wer von Vorbeifahrenden als Anhalter mit einem Handtuch gesehen wird, hat sofort gute Karten, denn die Fahrer wissen, dass es sich um eine Person handelt, der man alles zutrauen sollte. Wer sonst wagte es, sich nur mit einem Handtuch durch das Universum zu bewegen? Wer ein Handtuch hat, hat eigentlich alles, außer was er vielleicht verloren hat und was jeder Fahrer ihm gerne geben wird (Zahnbürste, Seife, Kekse, Mückenspray, Kompass, Astronautenanzug usw.). Das Handtuch ist daher die beste Visitenkarte, die man sich denken kann, gleich in welchem Sonnensystem. Wer dann noch den Guide mit sich trägt, auf dem in »großen, freundlichen Buchstaben« geschrieben steht: »DON’T PANIC«, dem kann nichts mehr passieren. Der SF-Autor Arthur C. Clarke war der Überzeugung, dass diese Worte der beste Ratschlag seien, den man der Menschheit geben könne.

Und darin liegt vielleicht der Erfolg dieser merkwürdigen Buchserie: dass es dem Autor gelingt, eine gottferne, ja sinnlose Welt mit guter Laune zu bestehen.

Es scheint, als sei die Zerstörung von ideologischer Blindheit eine Stärke vor allem der angloamerikanischen Literatur (man denke auch an Terry Pratchett). Gerne vergisst man bei solchen Beobachtungen diejenigen, die diese Blindheit erstens am eigenen Leib erlebten und zweitens ihr den eigentlichen Todesstoß versetzten. Gemeint sind ost- und mitteleuropäische Autoren. Dabei spielte die Kosmologie eine gewichtige Rolle, denn an ihr entscheiden sich Weltanschauungen. Der Autor, der sich am intensivsten wissenschaftlich und literarisch mit dem Kosmos auseinandersetzte, war ein Pole, nach dem inzwischen nicht nur ein Asteroid, sondern auch ein Forschungssatellit benannt wurde und dessen Namen das Apollo Mondmodul trägt: Stanisław Lem. Der polnische Autor, der sich im Roman wie im Essay einen Namen machte, ist wohl der phantasiereichste und zudem gebildetste Erfinder von kosmischen Geschichten. Bis heute wird der in Lemberg 1921 Geborene in Polen hochverehrt – in seinen letzten Jahren (er starb 2006 in Krakau) machte er sich noch einmal einen großen Namen als Kolumnist zu Problemen der Zeit. Die Science-Fiction hat er unendlich bereichert, nicht zuletzt durch Reflexion. Seine Romane und Erzählungen umspannen alle Möglichkeiten menschlichen und planetarischen Daseins. Er hat alle Themen behandelt, zum Teil auch entdeckt, mit denen heute Kinobesucher traktiert werden: Unsichtbarkeit, Roboter, Identitätsverlust oder -vervielfachung, Zeitreise, Klonen, Nanotechnik, Gehirn und Neurologie, Rüstungswahn, letzte Menschen, künstliche und fremde Intelligenz oder alternative Geschichtsverläufe. Genüsslich stellte er einmal fest, die Deutschen hätten, solide wie sie seien, einmal seine sämtlichen auf Deutsch erschienenen Werke einer Computeranalyse unterzogen, um herauszufinden, welche seiner phantastischen Ideen inzwischen Wirklichkeit geworden seien. Das Ergebnis war, dass ein guter Teil schon realisiert, der andere im Zustand von Hypothesen weiterhin virulent sei. (Lem 1989, 311)

Lem ist ein tiefgründiger Denker und phantastischer Erzähler, aber vor allem – und darin Douglas Adams verwandt – hat er das Lachen zu einem unverbrüchlichen Teil seiner Literatur gemacht. Einen Humor, der das Kosmische überraschend in das Alltägliche einsprengt. So wird man Spuren des sozialistischen Alltags noch im fernsten Sonnensystem finden. Was zum Beispiel, wenn eine Rakete durch einen Meteor beschädigt wird und die Steuerung ausfällt? Wer im sozialistischen Polen oder in der DDR aufgewachsen ist, wird sich zu helfen wissen, und sei es durch die Vervielfachung der eigenen Person. So geschieht es immer wieder in den Sterntagebüchern des Kosmonauten Ijon Tichy. Der Alltag ist immer ganz nah, die schwarzen Löcher mitten im Schrebergarten oder Autohaus.

Tichys Tagebücher sind Berichte über die abstrusesten Reisen, die je ein Mensch unternommen hat, und übersteigen noch die Vorstellungsmöglichkeiten eines Lemuel Gulliver oder Münchhausen. Ijon Tichy wird vorgestellt:

„Der berühmte Sternenumkreiser, der Kapitän auf großer galaktischer Fahrt, der Jäger von Meteoren und Kometen, der mit nimmermüdem Forschergeist dreiundachtzigtausendunddrei Gestirne entdeckte, Doktor honoris causa der Universitäten beider Bären […].“ (Zit. in Lem 1976, 64)

Mal muss sich Tichy auf seinen Missionen in eine Maschine verwandeln, um ein Rätsel auf einem bestimmten Planeten zu lösen, ein andermal wird er durch eine Kopie seiner selbst ersetzt. Dann wieder erreicht er einen Planeten, in dem sämtliche Bewohner alle 24 Stunden ihre Berufe, Geschlechter und Identitäten wechseln, oder er testet im Auftrag eines Professors eine Zeitstreckungs- und Zeitraffungsmaschine, die er an einfachen Organismen ausprobiert. Er muss bald feststellen, dass diese ihn manchmal als göttliches Wesen verehren und dann wieder verfolgen, je nach Einstellung seines Apparates. Ein Planet, der nur aus geordneten geometrischen Mustern, quadratischen Platten, besteht, fordert seine Neugier heraus. Einst gab es Menschen hier, die sich aufgrund von Eigentumsdenken immer weiter zerstritten hatten. So kamen sie auf die Idee, einer Maschine die Befriedung ihrer Konflikte anzuvertrauen. Die Maschine verarbeitete nach und nach alle Konfliktparteien zu quadratischen Platten, und nun war Ruhe!

Die wenigen Beispiele deuten an, dass es neben der Komik immer auch um philosophische und psychologische und damit auch politische Fragen geht. Die neuesten technischen Errungenschaften, die Lem entweder prophezeit oder einfach voraussetzt, sind nicht nur durch ihre erstaunlichen Fähigkeiten interessant, sondern auch weil an ihnen Grundfragen des menschlichen Daseins sichtbar werden. Technik, als literarisch erdachte oder extrapolierte, wird so zur Äußerung all dessen, was im Menschen selbst sitzt und sonst verborgen geblieben wäre. Vor allem macht er sich über die Dummheit, die wir auch Geschichte nennen, lustig. In der 20. Reise wird der Erzähler durch sein Alter Ego in das Jahr 2661 geholt, denn die Menschheit schämt sich ihrer schmachvollen Vergangenheit. Mittels eines besonderen Geräts sollen die Fehler und die Schuldigen in der Geschichte verschoben und korrigiert werden, damit diese rückwirkend den Nachkommen ein besseres Bild bietet. Zuvor wird noch an den Vorbedingungen für eine bessere Geschichte gearbeitet, zum Beispiel an einer Entvulkanisierung der Planeten oder einer Geradebiegung der Erdachse. »Die Ergebnisse der Ingangsetzung übertrafen die schlimmsten Erwartungen«. (Ebd. 183) Ozeane verdunsteten, die Oberflächen von Planeten platzten und bildeten, wie im Fall von Mars, die berühmten Marskanäle, auf die dann die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts hereinfielen. Immer wieder kommt es zu sogenannten Chronokollisionen. So wird ein Zeitspritzer eingesetzt, der 1908 als Explosion von Tunguska die Welt mit einem Rätsel konfrontieren wird. Die Zeitingenieure, die für den Erzähler arbeiten, richten bei ihren Korrekturen nur Unheil und Havarie an. Lems kosmologische Begeisterung kennt keine linguistischen Grenzen. Einer seiner Experten, die er verbannen muss, heißt Nardeau de Vinci – ihn schickt er in das 17. Jahrhundert. Harry S. Totteles hält, was sein Name verspricht. Er ist für die historischen Korrekturen zuständig; doch der geplante soziale Wohnungsbau in Ägypten gerät zum Personenkult in Pyramidenform. Ein Mitarbeiter des Totteles ist der Magister A. Donnai, der Erfinder des Monotheismus, der als Übungsplatz eine entlegene Wüste in Kleinasien erhält. Dort kommt es bald zu großen Ausschreitungen und Katastrophen, weil sich der Magister immer wieder in die Geschichte eines Volkes einmischt, mal mit ferngesteuerten Heuschrecken, mal mit Napalm oder sechzigtausend Tonnen Gerstengraupen.

In der 18. Reise erfahren wir, dass das Universum nur auf Kredit geschaffen wurde, der bald ausgeht. Dem Astronauten obliegt es, noch in letzter Sekunde das Unheil abzuwenden. Dazu wird ein Uratom erdacht, das eine bessere Welt schon vor dem Urknall vorbereiten soll. Leider sind auch hier die Mitarbeiter etwas schusselig oder selbstverliebt. Klar, es ist nicht ganz leicht, in ein einziges Elektron etwas einzuprogrammieren, das sämtliche künftige Entwicklungen vorwegnimmt. Die Vollkommenheiten sind nicht hundertprozentig planbar, zumal das Unvollkommene auch ein wichtiger Bestandteil des Vollkommenen ist. Ob die Chlorophyllisierung aller Menschen eine gute Idee war, sei dahingestellt. Immerhin führte sie zu einer Belaubung des Homo sapiens. Doch ein Mitarbeiter, Boels E. Bubb, halb Engländer, halb Holländer, fand die Haare doch zu schade und kopierte sie wieder in das Elektron hinein, wie übrigens alle anderen Scheußlichkeiten, die das Leben des Menschen bestimmen. Der Assistent A. Roth, den einst Heisenberg hinausgeworfen hatte, korrigiert die neuen Pläne, indem er es den Menschen durch eine gezielte Indiskretion ermöglicht, sich mit der Kernspaltung und damit der Atombombe schon im 20. Jahrhundert zu beschäftigen – was eigentlich erst 100 Jahre später vorgesehen war. Und so wurschteln sie alle weiter, bis genau das herauskommt, was schon ist: unsere Welt.

Lems Ruhm wuchs unablässig seit den 1950er Jahren, insbesondere zunächst in den Ländern des damaligen Ostblocks. Seine Gedanken versprachen geistige Befreiung, sie erledigten mit dem Sozialismus auch noch den Kapitalismus und lavierten so geschickt zwischen den Fronten des Kalten Krieges. Aber auch sowjetische Kosmonauten lasen Lem.

Lem ist ein genialer Bastler, Komiker und Satiriker. Unter seinen Händen wird Kosmologie zu einem Spielzeug. In dieser Hinsicht kann man ihn mit dem deutschen Kosmokomiker Paul Scheerbart vergleichen. Spiel – das heißt in erster Linie für Lem: auseinandernehmen und zusammensetzen. Schon als Kind hat Lem gerne alles auseinandergenommen – Karusselle, Rennautos, Blechvögel oder Puppen: »Ein gedankenloser, abscheulicher Dämon der Vernichtung wohnte in mir.« (Lem 1990, 32) Eine seiner Erklärungen dafür lautete, er müsse etwas regulieren, reparieren oder untersuchen. Damals mag das eine Ausflucht gewesen sein, später, im Lichte seiner SF-Phantasien wird das schon plausibler. Denn viele seiner Erzählungen drehen sich um solche Inspektionen dessen, was in Maschinen und Menschen eigentlich als Potential steckt. Was ist denn das für ein Ozean, der den Planeten Solaris bedeckt und die Menschen mit ihren eigenen Phantasmen und Obsessionen, ihren Erinnerungen und Rechtfertigungen konfrontiert? Der Weg führt also zuletzt von der Maschine, dem Ozean oder dem Planeten zurück zu dem Menschen, der nicht nur Zeuge des Weltalls ist, sondern seiner eigenen rätselhaften Existenz. Durch diese wirft noch jede Kosmologie den Forschenden auf sich selbst zurück. Wie man mit Ideen spielt, das kann hier die Literatur der Wissenschaft vorführen. Sie öffnet ihr damit oft verlorene Freiheitsräume des Denkens.

Literatur

  • Adams, Douglas. The Hitchhiker’s Guide To the Galaxy. London: Pan 1979 [dt. Per Anhalter durch die Galaxis. München: Heyne 2009].
  • Lem, Stanisław. Insel Almanach auf das Jahr 1976. Stanisław Lem – Der dialektische Weise aus Kraków. Hg. von Werner Berthel. Frankfurt/M.: Insel 1976.
    –. Sterntagebücher. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1983.
    –. Lem über Lem. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989.
    –. Das Hohe Schloß. Deutsch von Caesar Rymarowicz. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1990.
  • Nietzsche, Friedrich. »Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne«. In: Sämtliche Werke Band I. München/Berlin: dtv/de Gruyter 1980, 875–890.


Zum Buch

Literatur und Wissenschaft, künstlerische Imagination und rationales Denken zählen zu zwei getrennten Kulturen. Dennoch gibt es Berührungspunkte: Was wäre die Entwicklung der Raumfahrt ohne Jules Verne? Was Sherlock Holmes ohne chemische Kenntnisse? Um Episoden, Begegnungen, Schnittpunkte dieser beiden Welten geht es Elmar Schenkel in seinem neuen Buch. Er legt die wechselseitige Beeinflussung von Wissenschaft und Literatur frei und bringt u.a. Marie Curie, René Descartes, Alva Edison, Galileo Galilei, Friedrich August Kekulé oder Dimitri Mendelejew mit Douglas Adams, Flaubert, Calvino, Agatha Christie, Dante, Paul Valéry, Mary Shelley, Jonathan Swift oder Tolkien ins Gespräch. Eine faszinierende und brillant geschriebene Erkundung – voller neuer, überraschender Verbindungen. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmig der S. Fischer Verlag GmbH auszugsweise drei Kapitel.

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