Geek-Wahnsinn: Rassismus und Sexismus in der Nerd-Kultur

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KOLUMNE

Die Dunkle Seite der Geeks. Über Rassismus und Sexismus in der Nerd-Kultur


Es ist zum Fremdschämen: Ob Ghostbusters, Iron Man, Harry Potter oder Gamergate: Immer wieder bricht sich in der Nerd-Szene der Sexismus oder Rassismus Bahn. Stefan Servos erklärt, woran das liegen könnte.


Geeks – Jeder kennt sie, diese kleinen, knuffigen Lebensformen, die zart gurren, wenn man sie streichelt und die sich in letzter Zeit offenbar unkontrolliert auf dem Raumschiff Erde vermehren. Man trifft sie mittlerweile überall – auf Conventions, im Netz und dank Pokemon-Go sogar in freier Wildbahn. Serien wie The Big Bang Theory und der Trend zu immer mehr Fantasy- und SciFi-Filmen/Serien scheinen die Geek-Kultur regelrecht befeuert zu haben. Es ist wieder chic, ein Geek zu sein. Und innerhalb der Geek-Kultur gibt man sich freundlich und tolerant. Die Szene feiert sich selbst für ihre Offenheit und Aufgeklärtheit. Emotionalität und Vernunft in Harmonie vereint. Ach ja und eine Prise gesunder Humor gehört auch dazu. Ach wie schön, wenn es wirklich so wäre.

Iron Man goes Iron Maiden

Denn wehe, jemand wagt es, an den geliebten popkulturellen Kanon Hand anzulegen, oder noch schlimmer, ihn gar zu verändern. Wenn man aus einem männlichen Charakter eine Frau macht (gender bending) oder die Hautfarbe einer Figur (race bending) ändert, dann hört für viele Fans der Spaß auf. Wenn dann auch noch beides zusammenkommt, dann werden die Geeks ungemütlich, so wie kürzlich geschehen, als Marvel ankündigte, dass die 15-jährige Afroamerikanerin Riri Williams am Ende der Civil War II-Comic-Reihe als „Ironheart“ den Iron-Man-Anzug übernehmen und damit in die Fußstapfen von Tony Stark treten werde. Da gibt sich der gemeine Comic-Leser plötzlich gar nicht mehr so tolerant, sondern zeigt unvermittelt seine sexistische und rassistische Seite. Der vormals handzahme Nerd entfesselt seinen Hass und wütet als Rumpelstilzchen durch die sozialen Netzwerke. So warfen die Comic-Jünger Marvel-Autor Brian Michael Bendis, dem geistigen Vater von Riri Williams, unter anderem falsche political correctness vor, während andere einfach nur plump die Frisur diffamierten und bemängelten, dass es unmöglich sei, den Afro in den Helm von Iron Man zu bekommen. Aber die Aussage war immer die gleiche. Ein schwarzes Teenager-Mädchen als Iron Man? Undenkbar!

Ghostbusters - Frauen auf Geisterjagd

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Frauen auf Geisterjagd

Das Phänomen ist kein Einzelfall. Prominentestes Beispiel ist sicherlich das seit Anfang August im Kino laufende Ghostbusters-Remake, welches es vor Veröffentlichung in der Gunst der Fans wahrlich schwer hatte. Denn als bekanntgegeben wurde, dass die Geisterjägertruppe ausschließlich aus Frauen bestehen würde, fühlten sich vor allem männliche Nerds offenbar so sehr in ihrer eigenen Identität bedroht, dass sie eine unbändige Welle des Hasses auf das weibliche Ensemble niederregnen ließen. Angeblich würde die Neubesetzung ihre Kindheitserinnerung an „Ghostbusters“ entheiligen. Und überhaupt seien Frauen ja nicht lustig und schon gar nicht in der Lage, die Welt vor Geistern zu retten. Der erste Trailer wurde zum meistgehassten Videoclip aller Zeiten – es gab über eine Mio. Daumen runter bei youtube. Dabei kam es zu verächtlichen sexistischen Beleidigungen und offenen Drohungen gegen die Schauspielerinnen, die so heftig waren, dass sie an dieser Stelle nicht mal angedeutet werden sollen. Am schlimmsten traf es Hauptdarstellerin Leslie Jones (Patty Tolan), die offenbar nicht nur das „Pech“ hatte, weiblich, sondern auch noch schwarz zu sein. Die Hasstiraden der zumeist männlichen Internet-Nerds erreichte ungeahnte Tiefen. Wie unsicher muss man sich seines Geschlechts sein, wenn man derart heftig reagiert, fragt man sich angesichts dieser Reaktionen? Die Nerd-Gemeinde entlarvte sich als eine Ansammlung engstirniger und spießiger Muttersöhnchen. Als der Film dann endlich anlief, verpuffte die Kontroverse als völlig belanglos, da klar wurde, dass der neue Ghostbusters ganz wie die alten einfach nur eine harmlose Popcorn-Komödie geworden war, die für zwei Stunden im Kino gut unterhält. Und für jene, die beschlossen hatten, den Film einfach aus Prinzip zu hassen, interessierte sich niemand mehr. Die Luft war raus, die Hater in ihren Löchern verschwunden.

Harry Potter und die Rassisten

Ja okay, das waren halt pickelige Jungs in der Pubertät, die Angst vor Frauen haben, mag man denken, aber das Problem ist geschlechterübergreifend. Beispielsweise erfreut sich ein gewisser Zauberschüler einer vorwiegend weiblichen Anhängerschaft. Als aber bekannt gegeben wurde, dass die erwachsene Hermine Granger am Londoner East End in Harry Potter And The Cursed Child von der schwarzen Schauspielerin Noma Dumezweni gespielt werden sollte, entwich vielen Potterheads ein Aufschrei des Entsetzens. Wir sind ja tolerant, aber so tolerant auch wieder nicht, schien der Grundtenor der Kommentare in sozialen Netzwerken zu sein. Und als Autorin J.K. Rowling die Fans zur Räson rief und erklärte, dass sie Hermines Hautfarbe in den Romanen niemals definiert hätte, sprachen die Fans ihr gar das Recht an den eigenen Kreationen ab und beanspruchten es für sich. Twitter-User Snukes brachte es mit Ironie auf den Punkt: Eine schwarze Hermine sei seltsamerweise unglaubwürdiger für die Leute als ein Universum, in dem das gesamte Postsystem auf Eulen beruhe. Ehrlicherweise muss man natürlich auch betonen, dass nicht alle Geeks verkappte Rassisten und/oder Sexisten sind und es auch im Fall The Cursed Child unglaublich viele Fans gab, die sich hinter die Casting-Entscheidung gestellt und sie gefeiert haben. Aber es gehört offenbar zum Phänomen des Geektums, dass man sich der Welten und Geschichten nicht nur annimmt, sondern sie sich auch zu Eigen macht. Und einige reagieren dann auf jegliche Veränderungen so empfindlich, dass sie selbst dem Erfinder dieser Welten das Recht zur Innovation absprechen.

Haters gonna hate

Und der nächste Eklat steht schon vor der Tür. Am 27. Oktober startet Marvels Doctor Strange mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle in den deutschen Kinos. Anders als in der Comicvorlage wird Stephen Stranges Mentor „The Ancient One“ nicht durch einen alten Asiaten verkörpert, sondern von der schottischen Schauspielerin Tilda Swinton. Das Mentor-Klischee des asiatischen Lehrmeisters mit Fu-Manchu-Bart schien den Filmemachern überholt, und so entschied man sich für eine keltische Version des Lehrmeisters, die aber eben auch – o Aufschrei – weiblich ist. Die Entscheidung scheint wieder vor allem für einige männliche Fans ein Problem darzustellen, obwohl die Figur an sich eher geschlechtslos dargestellt zu werden scheint. Wenn jemand Erfahrungen mit geschlechtsübergreifender Darstellung hat, dann ist es Tilda Swinton, die dies bereits mit Filmen wie Orlando beeindruckend unter Beweis gestellt hat. In einer offiziellen Stellungnahme erklärte Marvel, dass „The Ancient One“ keine feste Figur sondern nur ein Titel sei, der durch die Zeitalter weiter gereicht werde. Man wollte den Mentor nicht auf eine Witzfigur aus 70er-Jahre-Kung-Fu-Film-Klischees reduzieren, sondern eine zeitlose, mythische Gestalt darstellen. 

Furcht führt zu Hass

Aus der sicheren Position eines Journalisten/Bloggers lassen jene sich nun ziemlich einfach kritisieren, die mit solchen Veränderungen oder dem damit verbundenen Kontrollverlust offenbar nicht umgehen können. Aber man soll sich ja immer auch an die eigene Zwergennase fassen. Wie sieht es bei mir selbst aus? Geisterjägerinnen, eine schwarze Hermine und ein weiblicher Ancient One haben mich persönlich relativ kalt gelassen. Aber wie würde ich reagieren, wenn in einem Remake meines geliebten „Herrn der Ringe“ plötzlich neun Gefährtinnen ins Abenteuer ziehen würden. Klar, ich fänd‘s auch irgendwie bescheuert. Aber wäre es wirklich, weil Frauen die Helden wären? Vielleicht sind wir Geeks auch einfach besonders sensibel und haben uns eine popkulturelle Wohlfühlzone erschaffen, die uns Trost und Ablenkung vom tristen Alltag und dessen Problemen bietet. Unsere ganz persönlicher samtgefütterter Kokon, in den wir uns einkuscheln, wenn die Tage mal wieder grau und trüb sind. Und mit einer Sache können wir offenbar schlecht umgehen: Und das ist Veränderung. Veränderung = böse. Und ganz am Rande erwähnt ist das übrigens ganz natürlich, es liegt sozusagen in unserer menschlichen Natur. Aber Veränderungen sind auch ein unvermeidbarer und wichtiger Bestandteil des Lebens, denn sie gehören zur eigenen Entwicklung dazu. Und wenn es auch für viele unvorstellbar scheint: Die Neubesetzung einer Filmrolle ist ziemlich unbedeutend im Vergleich zu Lebensentscheidungen wie mit einem Partner den Rest seines Lebens verbringen zu wollen oder ein Kind zu bekommen. Diese Dinge ängstigen viele von uns vielleicht noch wesentlich mehr als ein schwarzer, weiblicher Iron Man. Aber es ist viel einfacher, Ironheart zu bashen, als die Probleme in seinem eigenen Leben anzugehen. Vielleicht lehren uns solche Veränderungen eines Franchises ja sogar den Umgang mit wirklich bedeutenden Veränderungen in unserem Leben. Mit dieser Selbsterkenntnis ausgestattet können wir uns vielleicht auf eine schwarze Hermine, einen weiblichen Mentor oder vielleicht bald sogar auf einen weiblichen Doctor einlassen? Who knows? Wie Meister Yoda schon richtig bemerkte, liegt der Ursprung von Hass in der Furcht. Aber eines sollte diese Angst vor Veränderung niemals sein: eine Ausrede dafür, ein rassistisches oder sexistisches Arschloch zu sein.

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