Comic: der magische Superheld Doctor Fate

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COMIC

Doctor Fate Vol 1: The Blood Prince


Eine fantastische Neuinterpretation des magischen Superhelden Doctor Fate.


Seit 1940 macht der antike goldene Helm seinen Träger in den Comics zum Superzauberer Doctor Fate. Jetzt holen DC-Veteran Paul Levitz und der außergewöhnliche Zeichner Sonny Liew die Legende von Doctor Fate in die Gegenwart.

Mit der neuen Ms. Marvel gelang dem Stammverlag der Avengers Anfang 2014 ein beachtlicher Erfolg. Bereits im Vorfeld ihres Debüts hatte die Ankündigung einer muslimischen Marvel-Superheldin weltweit für Aufsehen in der Presse gesorgt. Die mit dem World Fantasy Award dekorierte Autorin G. Willow Wilson, die während ihres Studiums selbst zum Islam konvertierte und lange im arabischen Raum lebte und arbeitete, machte Kamala Khan, die nerdige Tochter einer pakistanischen Migrantenfamilie, zur unerfahrenen, dafür hoch motivierten Nachwuchs-Heroine Ms. Marvel, die in Jersey und Umgebung gegen das Böse kämpft. Kamalas Solo-Abenteuer als Gestaltwandlerin wurden u. a. mit dem prestigeträchtigen Hugo Award ausgezeichnet, und kürzlich stieß die bei Lesern und Kritikern hoch im Kurs stehende Ms. Marvel offiziell zum neuen Avengers-Team hinzu.

Während der Sintflut

Die beiden amerikanischen Superhelden-Giganten Marvel und DC Comics beobachten einander stets genau und lassen sich vom anderen ab und an schon mal mehr als inspirieren. Es war daher keine allzu große Überraschung, als DC im Juni 2015 eine Neuinterpretation von „Doctor Fate“ anstieß und darin einen jungen New Yorker Medizinstudenten aus einer ägyptischen Einwanderer-Familie zum neuen Doctor Fate machte, wobei keine Verbindungen zu früheren Inkarnationen der Figur bestehen.

Der neue Doctor Fate heißt Khalid Nassour, und wie alle New Yorker leidet er darunter, dass es immerzu regnet und das Wasser permanent steigt. Was niemand weiß: Hinter der Sintlut steckt der ägyptische Totengott Anubis, der die Welt von der Menschheit reinwaschen möchte. Um ihn aufzuhalten, verlangt Katzengöttin Bastet von Khalid, einem Nachfahren der alten Pharaonen, die Macht des goldenen Helms von Thoth gegen Anubis zu nutzen – das sei sein Schicksal, sprich, sein Fate. Allerdings tut sich Khalid schwer damit, sein magisch-mystisches Schicksal zu akzeptieren. Und auch die Zauberkräfte, die ihm gegen den grausamen Herrn der Toten und seine morbiden Diener helfen sollen, sind schwer zu durchschauen und noch schwerer zu beherrschen ...

Zauberhaft gezeichnet

Es ist wirklich erstaunlich, was für einen Eindruck Superstar Neil Gaiman in Hinblick auf die ägyptischen Gottheiten mit einer einzigen Passage in seinem preisgekrönten Roman „Amerian Gods“ hinterlassen hat – Anubis, Bastet und eine Einbalsamierungs-Szene genügen, um „Doctor Fate“ beinahe einen Hauch von Gaiman attestieren zu wollen, obwohl Autor Paul Levitz am Ende doch ein ganzes Stück vom „Sandman“-Schöpfer entfernt ist. Nichtsdestotrotz hat Mr. Levitz, der zwischen 2002 und 2009 Präsident von DC Comics war und die riesige Chronik „75 Jahre DC Comics – Die Kunst moderne Mythen zu schaffen“ verfasst hat, nach 40 Jahren im Geschäft eine Menge Erfahrung. Genug, um dem neuen Doctor Fate eine einerseits klassische, andererseits zeitgemäße Herkunftsgeschichte auf den Leib zu schreiben, die moderne Muslime und die Generation Smartphone verarbeitet. Tatsächlich hat Levitz die Origin eines früheren Doctor Fate bereits im Jahre 1978 aufgefrischt, der Kreis schließt sich also irgendwie für ihn und DCs maskierten Magier, der in vielen Dingen anders tickt als Marvels Doctor Strange, der im Herbst mit Benedict „Sherlock“ Cumberbatch in der Hauptrolle ins Kino kommt.

Und wenn es trotz Levitz’ Erfahrung von der Handlung her dann doch mal etwas unübersichtlich oder sogar redundant wird, ist Zeichner Sonny Liew zur Stelle. Der in Malaysia geborene, heute in Singapur lebende Künstler studierte Philosophie am Clare College im englischen Cambridge und Illustration an der Rode Island School of Design. Für den US-Markt bebilderte er u. a. den Vertigo-Titel „My Faith in Frankie“, außerdem schuf, schrieb und zeichnete er den SF-Comic „Malinky Robot“ und illustrierte für Marvel eine Panel-Adaption von Jane Austens „Verstand und Gefühl“. Mit Geschichten über Migranten und Nachwuchs-Superhelden kennt er sich ebenfalls bestens aus, da er und der renommierte Autor Gene Luen Yang „The Shadow Hero“ ersannen, in dem es um einen jungen chinesisch-amerikanischen Vigilanten ging. „Doctor Fate“ profitiert erheblich von Liews charakteristischem, cartoonigen Strich und seiner Fähigkeit, normale Menschen, Superzauberer im bequemen Hoodie, sprechende Katzen und altägyptische Götter großartig zu Papier zu bringen. An Liews Flow und Seiten kann man sich nie satt sehen, völlig egal, ob das Pendel der Story gerade auf die profane, alltägliche oder die übernatürliche, magische Seite ausschlägt.

Helden-Magie für alle

Eine fantastische Origin-Story, ein eigens erschaffenes Ensemble, Null Anbindung ans restliche Geschehen im DC-Universum – Levitz’ und Liews Zauberformel kann jeder ohne Vorwissen verstehen, und dafür braucht man gar kein Superhelden-Fan zu sein. Ihr Ansatz für die Legende des Doctor Fate schleppt keinerlei Altlasten mit sich herum und fliegt entsprechend leicht und hoch. Neben Sonny Liews grandiosem Artwork muss deshalb vor allem  die Zugänglichkeit dieser Neuinterpretation des behelmten Magiers aus der Welt von Superman, Batman und Wonder Woman hervorgehoben werden.

Der Auftakt zur neuen „Doctor Fate“-Serie, der inzwischen als englischsprachiger Sammelband vorliegt, ist nicht perfekt – aber er zählt garantiert zu den interessantesten und am besten gezeichneten Helden-Titeln auf dem Markt, die derzeit auf aktualisierte Konzepte klassischer Recken, frische junge Heroen und eine realistische Darstellung der heutigen Gesellschaft setzen.

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