Things from the Flood

GAMES

Zurück im Loop: "Things from the Flood" als RPG


Richard Jansen-Parks
22.06.2022

Nicht nur als Graphic Novel und Amazon-Prime-Serie ist Simon Stålenhags außergewöhnliches Loop-Universum beeindruckend. Auch als Rollenspiel etwas her ist es etwas ganz besonderes. Richard Jansen-Parks  hat die Erweiterung "Things from the Flood" gespielt.

Die Neunziger waren eine ziemlich seltsame Zeit, oder? Im Radio liefen die Spice Girls vor The Prodigy, Erwachsene trugen Fallschirmhosen (und zwar ohne Anzeichen von Ironie!), und unsere Freundinnen und Freunde stolperten alle naselang in schräge Abenteuer, die mit übergeschnappten Robotern und fehlgeschlagenen Laborexperimenten zu tun hatten. Stimmt nicht? Okay, okay, Letzteres ist vielleicht eine Spezialität der jugendlichen Protagonisten in "Things from the Flood".

Das Spiel befindet sich irgendwo in der Mitte zwischen einem direkten Sequel und einer kreativen Erweiterung des ungemein erfolgreichen "Tales from the Loop". Fast ist es so, als betrachte man den Vorgänger in einem Vexierspiegel: dieselbe Welt, nur größer, komplexer und vor allem viel, viel finsterer.

Während die Spieler in "Tales from the Loop" als Kinder in den Achtzigerjahren verschiedene Rätsel lösten, sind die Figuren in "Things from the Flood" inzwischen Jugendliche in den Neunzigern. Die Kernidee ist geblieben – die Protagonisten ergründen Geheimnisse und stellen sich gleichzeitig den Irrungen und Wirrungen des Alltags –, allerdings verändert sich durch den Übergang von der unbekümmerten Kindheit zum Gefühlschaos der Pubertät der Ton, der jetzt rauer, finsterer und grimmiger daherkommt.

Vom optimistischen Staunen, das die Roboter, Luftfrachtschiffe und mysteriösen Portale in "Tales from the Loop" heraufbeschwört haben, ist nicht mehr viel übrig; es wurde weggespült, und zwar buchstäblich, von der titelgebenden Flut, die den geheimnisumwobenen Loop zerstört hat. In Russland rebellieren Roboter, aus verrückt spielenden Maschinen wuchert Fleisch, und die Erwachsenen verhalten sich noch eigenartiger als sonst.

Diese merkwürdigen, mitunter verstörenden Ereignisse liegen den Missionen und Intrigen in "Things from the Flood" zugrunde. Mal geht es darum, einen gemeingefährlichen Roboter aufzuspüren, der Obdachlose entführt und für bizarre Experimente missbraucht, mal begibt man sich auf die Suche nach einem verschwundenen Klassenkameraden, den die gesamte Stadt anscheinend vollkommen vergessen hat.

  • Things from the Flood RPG

Da die Abenteuer einen stark narrativen Charakter aufweisen, kommen sie über weite Strecken ohne Würfel aus. Doch früher oder später müssen sich die jugendlichen Protagonisten verschiedenen Prüfungen stellen. Wenn es dazu kommt, folgt das Spiel simplen und geradlinigen Mechanismen, hat aber dennoch zahlreiche spannende Twists in petto.

Egal ob es darum geht, sich an Sicherheitsleuten vorbeizuschleichen oder einen bösartigen Roboter mit einem Verkehrsschild unschädlich zu machen, um eine Prüfung zu bestehen, bilden die Spieler*innen auf Grundlage der Fähigkeiten und Eigenschaften ihrer Charaktere ein Set aus sechsseitigen Würfeln und versuchen, Sechser zu würfeln. Für eine simple Aufgabe reicht meist ein Erfolg, während kompliziertere Aufgaben drei Erfolge verlangen.

Solange man sich auf seine Stärken verlässt und das Setting nutzt, sind die Aufgaben durchaus lösbar – nur leider hat man das Schicksal nicht immer auf seiner Seite. Ein Misserfolg führt mitunter dazu, dass die Figur einen sogenannten negativen "Zustand" davonträgt – und schlimmstenfalls aus dem Spiel ausscheidet. Zum Beispiel, indem sie auf einem zugeschneiten Feld verblutet oder vom Jugendamt ins Heim gesteckt wird.

Klingt bedrückend? Allerdings. Die Stimmung in "Things from the Flood" ist tatsächlich ungemein düster. Nicht zuletzt, da das Spiel trotz aller Science-Fiction-Twists ein authentischeres Bild des Teenager-Daseins zeichnet als die meisten Filme oder Serien. Die Seiten triefen nur so von Drogen, Sex und Selbsthass und entfalten dabei eine gleichermaßen faszinierende und verstörende Wirkung.

Während es den Kindern in –"Tales from the Loop" darum geht, verschiedene Boni zu gewinnen, dreht sich das Leben der Teenager in "Things from the Flood" in erster Linie um ihre Ängste und sogenannte "Narben". Der Spielablauf ist fast identisch, das vermittelte Gefühl jedoch vollkommen anders.

Glücklicherweise war den Spielemachern bewusst, dass das Teenager-Dasein über das Verfassen depressiver Gedichte und das Erbrechen des ersten Bacardi Breezer hinausgeht. In all der Düsternis blitzen deshalb immer wieder Momente des Glücks und der Freundschaft auf, die durch den Kontrast umso stärker zum Leuchten gebracht werden.

"Things from the Flood" wartet mit atemberaubender Kunst, einer gelungenen Mini-Kampagne und mehr 90er-Nostalgie als jedes Schnapparmband auf. Wer "Tales from the Loop" bereits gespielt hat, fragt sich vielleicht, ob es sich tatsächlich lohnt, für die Erweiterung das Portemonnaie zu zücken. "Things from the Flood" ist jedoch so eigenständig und innovativ, dass das Spiel zu einem gleichermaßen faszinierenden und Angst einflößenden Erlebnis wird – und genauso fühlt es sich doch an Teenager zu sein.

Deutsch von Stefan Pluschkat

Zuerst veröffentlicht in der April-Ausgabe von TABLETOP GAMING MAGAZINE. Mehr Informationen zum Magazin.

 

Anmerkung der Redaktion: Auf Deutsch sind die "Tales from the Loop"-Abenteuer übrigens bei Ulisses Games zu beziehen. 

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