Menstruierende Zombies und DIY-Chirurginnen: Der weibliche Körper im Horror-Film

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FILM

Menstruierende Zombies und DIY-Chirurginnen: Der weibliche Körper im Horror-Film


Seit der Antike mischen sich Grauen und Faszination angesichts der Gebärfähigkeit der Frau und ihrer „unkontrollierbaren“ Sexualität in (fiktionalen) Erzählungen. Kein Wunder, dass sich ein gesamtes Filmgenre rund um die Mysterien des weiblichen Körpers entwickelt hat – feministische Subversion inklusive. Ein Überblick von unserer Autorin Anja Kümmel.

Mia, 15, zieht mit ihren Eltern in eine neue Stadt. In der Schule wird sie gemobbt, und dann setzt auch noch ihre erste Periode ein. Zunehmend fühlt sie sich unwohl mit ihrem Körper und den Verwandlungen, die in ihm vorgehen. Nach außen hin gibt sie sich cool, betäubt die Unsicherheit mit Sex, Drogen und Alkohol. Allein zu Hause betrachtet sie angewidert ihre Extremitäten wie etwas nicht zu ihr Gehöriges, betastet hier, zupft da, ritzt und verbindet die Wunden. Der ganz normale Wahnsinn der Pubertät? Ja. Und nein. Denn das Spielfilmdebüt Blue my mind der Schweizerin Lisa Brühlmann, das aktuell im Kino läuft, erzählt parallel zu Mias Coming-of-Age eine noch weitaus unheimlichere Metamorphose, die sich kaum mit Hormonschüben erklären lässt. Zwischen Mias Zehen bilden sich Schwimmhäute; die blauen Flecken an ihren Beinen verwandeln sich zu ihrem Entsetzen in Schuppen. Und als sie dann auch noch einen unbändigen Appetit auf die Zierfische ihrer Eltern entwickelt, beginnen wir zu ahnen: Something fishy is going on – im wahrsten Sinne des Wortes. Ob hier die Phantasie einer einsamen Pubertierenden verrücktspielt oder sich tatsächlich ein Mädchen in eine Nixe verwandelt, lässt die Regisseurin offen. Auch wenn sich das Grauen auf eher leisen Sohlen anschleicht, stellt sich Blue my mind doch unmissverständlich in eine lange Tradition des Female Body Horror.

Trailer: Blue My Mind (2018)

Die erste Menstruation als blutigen Auftakt für eine unheimliche Transformation von Körper und Geist ist ein Topos, der spätestens seit Brian de Palmas Carrie (1976) nicht mehr aus der Horror-Filmgeschichte wegzudenken ist. Bei de Palma ist es eine schüchterne, von ihren Mitschülerinnen und ihrer fanatisch religiösen Mutter unterdrückte 16-Jährige, die sich langsam, aber sicher vom Opfer zu Täterin mausert. Und letztendlich wieder zum Opfer wird – denn am Schluss muss Carrie sterben, ebenso unerbittlich, wie sie sich ihrer Peiniger entledigte. Ist das nun eine feministische oder doch eher eine misogyne Botschaft? De Palmas Filmadaption wie auch Stephen Kings Romanvorlage lassen sich in beide Richtungen lesen. In Carries telekinetischen Fähigkeiten, die sie zunächst in Notwehr, dann in einem blutigen Racheakt einsetzt, steckt durchaus ein empowernder Moment. Am Ende jedoch werden die außer Kontrolle geratenen weiblichen Kräfte besiegt – und da schwingen wiederum recht deutlich männliche Ängste angesichts der Zweite-Welle-Frauenbewegung mit.

Trailer: Carrie (1976)

Eine neue Erfindung ist die Dämonisierung des Weiblichen nicht: Seit Jahrtausenden und quer durch die Kulturen regieren in der kollektiven Vorstellungskraft grausame Schicksalsgöttinnen wie Kali, Gaia, Hekate oder Diana, die in sich die Gegensatzpaare Leben und Tod, Fruchtbarkeit und Vernichtung, göttliche Reinheit und bacchantische Wollust vereinen. Im Christentum des Mittelalters übernimmt diese Funktion die Figur der Lilith; zugleich jedoch erscheinen alle Frauen als „Evas Töchter“ zunehmend ungeheuer, allein schon aufgrund ihrer in der Bibel verbrieften Anfälligkeit für die satanische Verführung. Im ausgehenden 19. Jahrhundert – nicht zufällig zeitgleich mit dem Aufkommen der Suffragettenbewegung – attestierten Sozialwissenschaftler und Sexologen der Frau unisono einen Hang zu Nymphomanie, Perversion, Hysterie und unvorhersehbaren Gewaltausbrüchen, sofern sie nicht von ihrem Ehemann gezügelt und „zivilisiert“ wird. Was im Umkehrschluss auch heißt: Kratzt man die Tünche der Zivilisation ab, steht das Patriarchat auf ziemlich wackligen Füßen.

Bis heute beflügelt diese tiefsitzende Mischung aus erotischer Faszination und Angst vor dem „phallischen Weib“, aus Ekel und neidvoller Bewunderung angesichts von Muttermilch und Menstruationsblut Literatur, Kunst und natürlich den Horrorfilm. Solch stereotype Bilder des weiblichen Bösen aufzugreifen und auf die Leinwand zu bringen, läuft nicht selten auf eine Gratwanderung zwischen misogyner Ikonographie und subversivem Potential hinaus. Wie etwa in einem weiteren Body-Horror-Klassiker, David Cronenbergs Rabid (1977). Nach einem schweren Motorradunfall wird die junge Rose Opfer eines medizinischen Experiments: Als sie aus dem Koma erwacht, entwickelt sie einen unkontrollierbaren Blutdurst, den sie mittels eines penisartigen Organs stillt, das aus ihrer Achselhöhle wächst. Einerseits ist Rose unschuldiges Opfer, andererseits steckt sie ihre Umgebung mit einer tollwutartigen Epidemie an und stürzt alsbald das gesamte Land ins Chaos. Indem sie ihre Opfer zunächst durch weibliche Verführungskunst anlockt (und damit auch die Phantasie männlicher Zuschauer anregt), nur um sie dann brutal zu attackieren, verkehren sich die Geschlechterrollen auf eine für die damalige Zeit schockierende Weise: In bisher ungesehener Drastik wird hier eine aggressive weibliche Sexualität gezeigt, die Rache übt an männlichem Voyeurismus und männlichen Projektionen. Einen weiteren Twist bekommt der Film dadurch, dass Cronenberg die Hauptrolle mit der Porno-Darstellerin Marilyn Chambers besetzt – und so auf einer Meta-Ebene eine verpönte und zugleich omnipräsente Darstellung weiblicher Sexualität zur Debatte stellt.

Trailer: Rabid (1977)

In cineastischen Fiktionen entsteht das feminine Monströse an der Grenze zwischen Mann und Frau, zwischen „angemessener“ und „abnormer“ Sexualität, zwischen sauberen, geschlossenen Körpern und solchen, die ihre Form und Integrität verlieren, die wuchern, lecken, sich auflösen. Ob diese transgressiven Figuren als feministische Ikonen oder eher als frauenfeindliche Projektionen gelesen werden, hängt oftmals von der Summe kleiner Entscheidungen in der Inszenierung ab. Wie differenziert ist die Darstellung? Inwieweit ist Empathie mit dem weiblichen „Anderen“ möglich? Mit wem identifiziert man sich als Zuschauer_in? Eine feministische Akzentverschiebung hat z. B. Kimberly Peirce in ihrem Carrie-Remake von 2013 versucht – visuell fügt sie dem Original zwar nicht viel Neues hinzu, doch arbeitet sie weitaus deutlicher als de Palma das sexistische, lustfeindliche Umfeld ihrer Hauptfigur als das wahrhaft Dämonische heraus.

Trailer: Carrie (2013)

Eine ähnliche Stoßrichtung verfolgt John Fawcetts Kultfilm Ginger Snaps (2000) rund um zwei Außenseiter-Schwestern, die partout nicht erwachsen werden wollen. Dass Ginger in der Nacht, als sie zum ersten Mal ihre Tage bekommt, von einem Werwolf angefallen wird, erscheint fast wie ein willkommener Ausweg: Denn der wahre Horror lauert bei Fawcett nicht in der Mutation, sondern vielmehr in der Aussicht auf die tödliche Langeweile eines Hausfrauendaseins in Suburbia. Anstatt über ihre zyklischen Verwandlungen zu verzweifeln, lernt Ginger ihre lykanthropischen Kräfte zu ihren Gunsten zu nutzen: Fortan verführt sie Jungs mit derselben ungezügelten Lust, die sonst nur männlichen Jocks zugestanden wird – sehr zu deren Entsetzen („Take it easy – who’s the guy here?”) und völlig ohne Gewissensbisse, dabei ihre Sexpartner in Werwölfe zu verwandeln. 

Trailer: Ginger Snaps (2000)

Im Jahr 2016 verpasst die französische Regisseurin Julia Ducournau mit dem Kannibalen-Streifen Raw dem Narrativ der jungen Frau, die vermittels einer monströsen Metamorphose ihre Sexualität selbstbestimmt auszuleben lernt, ein würdiges Update. Ein Aufnahmeritual an der Uni, bei dem u. a. eine rohe Kaninchenleber verspeist werden muss, entfesselt bei der schüchterne Vegetarierin Justine ungeahnte Begierden: einen unstillbaren Appetit auf Menschenfleisch und einen ebenso ungezügelten Sexualtrieb. Hier wird keine Rache geübt; Justine nimmt sich einfach, was sie will – so skrupellos und egoistisch, wie das sonst (auf der Leinwand) nur Männern tun. Sie überlebt den Showdown, und, noch viel erstaunlicher – man sympathisiert sogar mit ihr.

Trailer: Raw (2016)

Einen moralisch weniger verwerflichen Ansatz wählen die Rape-Revenge-Filme vornehmlich männlicher Regisseure: In der Horrorkomödie Teeth (2007) von Mitchell Lichtenstein entwickelt die christliche Abstinenzlerin Dawn nach einer Vergewaltigung eine Vagina Dentata, die jedem ungewollt eindringenden Organ den Garaus macht – stellenweise etwas albern, doch im Zuge von #metoo durchaus wieder aktuell. Düsterer geht es in Eric Englands Contracted (2013) zu: Eine junge Frau wird betäubt und vergewaltigt; sie erinnert sich an nichts, doch ihr Körper vergisst nicht – Stück für Stück beginnt er sich aufzulösen. Samantha dissoziiert sich von ihrer zerfallenden Hülle und versucht ihren Zustand vor der Außenwelt zu verbergen, was sich erst einmal wie eine wenig selbstermächtigende Message anfühlt. Andererseits findet England in Samanthas Verwandlung so kraftvolle wie verstörende Bilder für ein in den Körper eingeschriebenes Trauma, das diesen langsam, aber sicher von innen heraus zerfrisst. Und dies spitzt nicht zuletzt die Stigmatisierung zu, die Überlebenden sexueller Gewalt nach wie vor in unserer Gesellschaft erfahren: Samanthas Zombie-Werdung markiert auch ihren „Makel“, der die gesamte Persönlichkeit zu überschatten scheint, und vor dem wir zurückschrecken wie vor einer ansteckenden Krankheit.

Trailer: Contracted (2013)

Dass extreme körperliche Verwandlungen nicht unbedingt unkontrolliert ablaufen müssen und trotzdem kathartische Wirkung haben können, zeigen die Schwestern Jen und Sylvia Soska in American Mary (2012): Was als Rape-Revenge-Phantasie beginnt, entwickelt sich im Lauf des Films zu einem starken Statement für selbstgewählte Body Modification. Um ihr Studium zu finanzieren, beginnt die chirurgisch talentierte Medizinstudentin Mary (Ginger Snaps-Star Katharine Isabelle!), im Untergrund „Schönheits“-Operationen für, nun ja, spezielles Klientel durchzuführen. Unter anderem nimmt sie Rache an ihrem Vergewaltiger, indem sie ihn physisch und symbolisch kastriert – das Spalten seiner Zunge kann durchaus als eine Umkehrung des Zum-Schweigen-Bringens gelesen werden, das vielen Vergewaltigungsopfern widerfährt. Abgesehen davon sind die meisten OPs jedoch selbst gewählt, so unverständlich oder abstoßend sie dem Publikum auch anmuten mögen. Seien es die Gothic-Zwillinge (verkörpert von den Regisseurinnen), die sich unter Marys Messer begeben, um in einem makabren Bonding-Ritual ihre Arme zu vertauschen. Oder Ruby Realgirl, deren Lebenstraum es ist, sich in eine lebensgroße Barbiepuppe zu verwandeln – komplett mit abgeschnittenen Brustwarzen und zugenähter Vulva. Eine merkwürdige Art der Selbstermächtigung, zugegeben. Und doch drückt sich darin eine radikale Kontrolle über den eigenen Körper aus, die den meisten Filmen dieses Genres abgeht.

Kürzlich kündigten die „Twisted Twins“ ihr aktuelles Projekt an: eine Neuverfilmung von Cronenbergs Rabid, modernisiert und mit dezidiert feministischem Touch. Man darf gespannt sein.

Trailer: American Mary (2012)

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